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Milliardärs-Bots setzen das freie Web unter Druck
„Die KI-Konzerne tun nicht genug, um ihre Systeme sicher zu machen und die Öffentlichkeit vor Schaden zu bewahren,“ beklagt Selena Deckelmann im WikiMedia-Blog. Die Bot und Agents der Unternehmen fallen über die Web-Infrastruktur her. So geht es nicht nur der Wikipedia.
Selena Deckelmann greift die jüngsten Fälle auf, in denen bekannt gemacht wurde, dass die Software der KI-Konzerne aggressiv gegen fremde Infrastruktur vorgegangen ist. Die Software-Agents haben offene Wikis genutzt, um sich zu koordinieren und Dienste gehackt oder überlastet.
Sie beschreibt, dass es dem Wikipedia-Projekt auch so ergehe. Immer wieder gebe es Fälle, in denen automatisierte Bearbeitungen aufgedeckt werden. Aber vor allem greifen die Dienste der KI-Konzerne massiv auf die Wikipedia zu. 2025 gab es bei der Wikipedia einen 50%-igen Anstieg des Traffics.
## Der Mensch wird zurückgedrängt
Das kenne ich. Ich betreibe selbst einige MediaWikis und bei einem hat sich der Traffic von 2025 auf 2026 verdreifach! Und das, obwohl ich irgendwann eine Vollbremsung machen musste:
Das Wiki der SPD Geschichtswerkstatt gibt es sei 16 Jahren. Vor 16 Jahren sind wir komplett offen gestartet. Alle konnten alles ohne Login editieren. Das ging damals noch. Dann kamen die Spam-Bots, die einfach neue Seiten mit ihrer Reklame angelegten. Also habe ich eingeschaltet, dass man nur eingeloggt editieren kann.
Dann kamen die Bot-Accounts. Automatisiert wurden Konten angelegt und dann Spam gepostet. Zu Anfang noch wenig. Da habe ich noch mit der Hand aufgeräumt. Dann wurde es mehr. Also habe ich ein einfaches CAPTCHA eingeführt. Keine unleserlichen Zeichen, sondern einfach Wissensfragen, die man leicht beantworten kann, wenn man in dem Wiki mitmachen will.
Dann hatten wie eine ganze Zeit Ruhe. Bis ChatGPT kam. Dann konnten die Spammer die Fragen beantworten und sich wieder Accounts anlegen. Inzwischen haben wir ein Antragsverfahren.
Die Leute müssen ein CAPTCHA lösen und einen Account beantragen, den dann jemand von uns freischalten muss. Das ist eine ziemliche Hürde. Ich weiß nicht, ob ich das mitmachen würde, wenn ich einfach mal irgendwas in einem Wiki bearbeiten will ohne gleich ein Hobby draus zu machen.
## Dann kamen die KI-Bots und Agents
Mein Hosting-Provider hat mich im März angeschrieben und mich darauf hingewiesen, dass der Traffic auf dem Wiki so hoch ist, dass er die anderen Websites auf dem Server verlangsamt. Ich habe schon den größten normalen Tarif – darüber kommen nur noch Managed Server. Das Wiki hat nur 2800 Artikel und vielleicht 10 aktive Nutzende.
Der Support schrieb mir, dass es sich weitestgehend um Bot-Traffic handele und ich den aussperren könnte. Er schickte dazu Anweisungen für die .htaccess mit. Mit dieser .htaccess sperre ich nicht nur alle bekannten KI-Bot-Useragents aus, sondern auch alle ausländischen IPs.
Da ich auf die Schnelle nichts anderen tun konnte, habe ich also Milliarden Menschen zusammen mit einige der Bots ausgesperrt. Und wir haben immer mal wieder Leser-Anfragen aus dem Ausland. Menschen, die auf bei der Familienforschung über einen Opa stolpern, der in der SPD aktiv war. Ich hatte eine Anfrage von einem Forschungsinstitut in New York, das Kontakt zu Nachfahren eines SPD-Bürgermeisters haben wollte. Den konnte ich herstellen. Das geht jetzt nicht mehr – dank KI.
## Normales Niveau – nicht normale Zugriffe
Nachdem ich die .htaccess-Regeln eingesetzt habe, ist der Traffic wieder auf ein fast normales Niveau zurück gegangen. Ich habe zusätzlich noch dafür gesorgt, dass man nur eingeloggt auf die Versionshistorien der Seiten zugreifen kann, weil die Bots sämtlichen alten Stände der Seiten gecrawlt haben. Wenn man nur auf den Graphen der Gesamtstatistik schaut, ist jetzt wieder alles normal.
Früher konnte ich an den Top-Zugriffen immer sehen, dass es vermehrtes Interesse an einer Person gibt. In der Regel bedeutete das, es gab einen Skandal oder die Person ist gestorben. Gerade bei ehemaligen Landtagsabgeordneten war das immer ein wertvoller Hinweis. Die Traueranzeigen waren schon da und wir konnten den Artikel aktualisieren.
Jetzt sind die Topzugriffe auf die Seiten „Anmeldung erforderlich“, „Anmelden“, „Neue Dateien“, „Berechtigungsfehler“, „Zitierhilfe“, „Passwort zurücksetzen“, „Seite nicht vorhanden“.
## AI-Zero
Gleichzeitig bringen die KI-Konzerne praktisch keinen Traffic: 0,1 % der Zugriffe auf die Seite kommt offiziell von Nutzenden, die ChatGPT nutzen. Perplexity auf Platz 2 bringt schon nur noch ein Zehntel von ChatGPT.
## Zukunft
Wenn wir die Menschen aussperren müssen und die Bots keine neuen Nutzenden bringen, können Wikis nicht existieren. Aber auch journalistische Angebote sind auf menschliche Leserschaft angewiesen. Wie stellen sich die Milliardäre hinter den KI-Konzernen die Zukunft des Webs vor? Gibt es da noch einen Platz für Menschen?