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finn st. pierre

@flstp.bsky.social
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 12/10/2026
„ Beirut wurde zur Projektionsfläche für ein anderes Israel, die Kriegsverbrechen in Beirut dienten als negative Kontrastfolie. Dieses Isra-el, das in seiner Kahan-Kommission die Verbrechen von Sabra und Schatila mit beeindruckender Akribie aufarbeitete, begründete das Selbstbild des israelischen Rechtsstaats. In der Bundesrepublik, in der zeitgleich eine Erinnerungskultur aufkeimte, die Selbstkritik als Ausweis zivilisatorischer Reife versteht, stieß all das auf besondere Sympathie. Vielleicht ist es noch immer die Erinnerung an dieses selbstkritische, moralisch wachsame Israel, die eine ältere Generation von Feuilletonisten und Professoren in Deutschland vor Augen hat, wenn sie mit der Kritik einer jüngeren Generation konfrontiert wird, die eine andere Sozialisierung erfahren, dieses Israel wahrscheinlich nie erlebt hat und folglich ihre Kritik am Gaza-Krieg aus gänzlich anderen Annahmen herleitet. Kritik am Gegenstand ist somit auch eine Frage von erlebter Erinnerung und Erinnerung aus zweiter Hand.“
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 23/08/2026
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 09/08/2026
Das mit der „Sprechsituation“ ist natürlich eine schon seit spätestens 1981 widerrufene Formulierung. Ein merkwürdiges Artefakt aus der Sekundärliteratur. Siehe das Gespräch mit Müller-Dohm und Yos:
„figur des idealisierenden Gehalts notwendiger pragmatischer Voraussetzungen des Sprechens und Handelns für einen fruchtbaren und, verzeihen Sie, originellen Gedan-ken. Aber ich habe unglücklicherweise selbst zu einem Missverständnis beigetragen, weil ich in meinem allerersten Text zur Wahrheitstheorie, der im Rahmen einer Festschrift für Walter Schulz veröffentlicht wurde, eine irreführende Formulierung gewählt hatte, die trotz meiner seitdem ständig wiederholten Widerrufe bis heute mitgeschleppt wird? Damals habe ich die unvermeidlichen pragmatischen Unterstellungen, die wir vornehmen »müs-sen«, wenn wir überhaupt in eine Argumentation eintreten möchten, zu einer »idealen Sprechsituation« verge-genständlicht; damit habe ich suggeriert, es handele sich um eine transzendentale Idealisierung, obgleich die Pointe jenes »Müssens« doch in der detranszendentalisieren-den Kraft eines empirisch folgenreichen Vorgriffs besteht.“
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 24/07/2026
Wir leben ja in den glücklichen Zeiten, da das Archiv des Merkurs digital zugänglich ist. Wir müssen uns deswegen nicht mehr auf akademische Gerüchte und das Geraune in einer Arte-Doku verlassen. Wir können selbst nachlesen: beispielsweise den letzten Satz von Habermas Rezension von Kritik und Krise
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 16/07/2026
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 05/07/2026
„Suicide bei reading war in den Westberliner 80er Jahren wahrscheinlich eine gar nicht so seltene, manche würden sagen Erkrankung, nennen wir es doch neutraler Lebensform, in den 90ern und frühen Nullerjahren aber, als wir ihr mehr oder weniger unbewusst zehn Jahre lang anhingen, fast verschwunden." Man lebte damals praktisch in Bibliotheken, wusch sich, wenn man kein Bad besaß, in Schwimmbädern und ging lediglich zum Schlafen in auratisch verwohnte WGs, wo man „zum hundertsten Mal in Derridas Aporien las und beglückt dachte, ich werde für immer hier sitzen bleiben. Und lesen, für immer und immer, ich muss auch diese Arbeit gar nicht mehr weiterschreiben, nichts mehr, nur noch lesen." Da war noch nicht Feierabend, weil ja auch nie Arbeitsmorgen war.
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 03/07/2026
Konsequenterweise lehnt Bedorf mit dem Platonismus auch gleich das Projekt einer so an Heidegger anschließenden Soziologie ab. Immerhin nimmt diese doch ganz wie Platon an, dass hinter der allein scheinbaren Realität des common sense eine grundlegendere Wirklichkeit liegt, die sich nicht ...
Bedorf: "Das liegt zentral daran, dass Rosas Kritik an der Binarität der Konstellation kurioserweise selbst binär ist. Dass es situationsadäquate Lösungen für Situationen gibt, setzt voraus, dass sich die Adäquatheit für Situationen auch (soziologisch) beschreiben lässt.
Mit einem Begriff der Situation, wie er sich aus der Begriffsgeschichte der politischen Phänomenologie ergibt, ist das aber nicht zu machen. Da Situationen immer je meine sind, ist die korporal situierte Perspektive auf meine Möglichkeitshorizonte gebunden an mein Ich, Hier und Jetzt. Das bedeutet, dass die anderen, die in meiner Situation mit vorkommen, ibre Situation womöglich ganz anders beschreiben wür-den."Bedorf: "Situationen sind je meine in ihrem »Vollzugssinn« Daher sind sie - auch wenn sie stets mit anderen geteilt sind - nicht von außen, von einer Be-obachterposition, vollständig zu erschlie-ßen. »Selbstweltsituationen« (Heidegger) stellen eine »organisierte Totalität des Da-Seins« dar, auch wenn diese Totalität unscharfe Ränder hat und nie vollständig zu erfassen ist. Der Begriff der Situation tritt gewissermaßen an die Stelle des Begriffs der Realität (über deren subjektun-abhängige Existenz sich die Philosophen seit Jahrhunderten den Kopf zerbrochen haben), indem sie diese nicht leugnet, sondern perspektiviert.
Das impliziert naheliegenderweise, dass es immer mehrere Situationen gibt, deren Vollzugssinne sich überlagern und treffen, aber auch widersprechen können, ohne dass es einen Ort gibt, von dem aus sie sich überblicken oder harmonisieren ließen.
Darin ist die Phänomenologie der Situation verwandt mit den feministischen Stand-punktepistemologien, die zeigen konnten, dass ein »god trick« nur eine Hypostase ist, die das Vergessen der eigenen Lebenswelt zur Voraussetzung hat."
100
finn st. pierre @flstp.bsky.social · 03/07/2026
So wie Heidegger Nietzsches Platonkritik noch als einfache „Umdrehung“ des Platonismus liest, die dessen dualistische Grundstruktur unangetastet lässt, wird für Bedorf „Rosas Kritik an der Binarität der Konstellation kurioserweise selbst binär“.
Heidegger in Nietzsche I: "Nun bestimmt Nietzsche den Grundcharakter des Seienden, also das Sein, als Willen zur Macht. Demnach muß sich aus dem Wesen des Willens zur Macht eine ursprüngliche Zusammengehörigkeit von Schönheit und Wahrheit ergeben, die zugleich ein Zwiespalt werden muß. Indem wir versuchen, diesen Zwiespalt zu sehen und zu begreifen, werfen wir einen Blick in das einheitliche Wesen des Willens zur Macht. Nietzsches Philosophie ist nach seinem eigenen Zeugnis ein umgedrehter Pla-tonismus. Wir fragen: In welchem Sinne wird das dem Platonismus eigentümliche Verhältnis von Schönheit und Wahrheit durch die Umdrehung ein anderes?
Diese Frage ließe sich durch eine einfache Umrechnung leicht beantworten, wenn die »Umdrehung« des Platonismus gleichgesetzt werden dürfte mit einem Verfahren, das die Sätze Platons gleichsam nur auf den Kopf stellt. Zwar drückt Nietzsche selbst öfters den Sachverhalt so aus, nicht nur, um in einer vergröberten Weise deutlich zu machen, was er meint, sondern auch deshalb, weil er oft selbst in dieser Weise denkt, obzwar er etwas anderes sucht.
Erst spät und kurz vor dem Abbruch seiner denkerischen Arbeit wird ihm in der vollen Tragweite klar, wohin er bei dieser Umdrehung des Platonismus getrieben wird. Diese Klarheit wächst, je mehr Nietzsche die Notwendigkeit dieser Umdrehung begreift, nämlich als gefordert durch die Aufgabe der Überwindung des Nihilismus. Deshalb müssen wir bei der Verdeutlichung der Umdrehung des Platonismus von dessen Bau-gestalt ausgehen. Für Platon ist das Ubersinnliche die wahre Welt. Sie steht oben als das Maßgebende. Das Sinnliche liegt unten als die scheinbare Welt. Das Obere ist das im vorhinein und allein Maßgebende und somit Wünschbare. Nach der Um-"und Heidegger weiter: "drehung - das ist formal leicht nachzurechnen - steht das Sing-liche, die scheinbare Welt oben, und das Ubersinnliche, die wahre Welt, liegt unten. Im Rückblick auf das früher Dar gestellte bleibt festzuhalten, daß schon die Rede von emer
»wahren Welt« und einer »scheinbaren Welt« nicht mehr die
Sprache Platons spricht.
Aber was heißt: das Sinnliche steht oben? Es ist das Wanre, das eigentlich Seiende. Nimmt man die Umdrehung allein in dieser Weise, dann bleiben gleichsam die Leerstellen des Oben und Unten erhalten und werden nur verschieden besetzt. Solange aber dieses Oben und Unten die Baugestalt des Platoni-mus bestimmen, bleibt er in seinem Wesen bestehen. Die Umdrehung leistet nicht, was sie als Überwindung des Nihilismus leisten muß, eine Überwindung des Platonismus von Grund auf. Dies gelingt erst und nur dann, wenn das Obere überhaupt als solches beseitigt wird, wenn die vorgängige Ansetzung eines Wahren und Wünschbaren unterbleibt, wenn die wahre Welt-im Sinne des Ideals - abgeschafft wird. Was geschieht, wenn die wahre Welt abgeschafft wird? Bleibt dann noch die scheinbare Welt? Nein. Denn die scheinbare Welt kann das, was sie ist, mur sein als das Gegenstück zur wahren. Wenn diese fällt, muß auch die scheinbare fallen. Erst dann ist der Platonismus überwun-den, d. h. so umgedreht, daß das philosophische Denken aus ihm herausgedreht wird. Wohin kommt es dann zu stehen?
In der Zeit, als für Nietzsche die Umdrehung des Platonismus zu einer Herausdrehung aus ihm wurde, überfiel ihn der Wahnsinn."
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 03/07/2026
Im neuen Merkur bezichtigt @thbedorf.bsky.social Hartmut Rosa des schlimmsten Vergehens, das es für einen Heideggerianer geben kann: des Platonismus, der ein (onto- oder begriffslogischer) Dualismus ist.
Bedorf: "Geht man der eigenen Skepsis gegenüber solcherart kulturkritischen Narrativen nach, stößt man darauf, dass mit der Begrifflichkeit, mit der hier operiert wird, ganz grundsätzlich etwas nicht stimmt.
Denn die Gegenüberstellung von Situation und Konstellation verläuft entlang binärer Differenzen: qualitativ - quantitativ, Urteilskraft - Code, Handeln - Vollziehen, selbstbestimmt - fremdbestimmt, Ho-lismus - Diskontinuität, analog - digital.
Entlang dieser Entweder-oder-Unterschei-dungen werden die sozialen Erfahrungen sortiert in eigentliche, resonante Situationen und uneigentliche, stumme Konstel-lationen. Die dichotome Logik reduziert jedoch soziale Komplexität über Gebühr."
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 07/06/2026
Foucault, 1975 – Wahrscheinlich ist es das, was in all den Habermas Nachrufen gefehlt hat und was er aber selbst in seinen "Profilen" noch so charmant zeigte: Die Aneignung in fremden Vokabular. Er hätte ein Recht darauf, produktiv missverstanden zu werden. Umso enttäuschender all das Epigonentum.
"Nietzsches Anwesenheit wird von Mal zu Mal wichtiger. Doch langweilt mich die Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbringt, um über ihn dieselben Kommentare abzugeben, die man über Hegel oder Mallarmé abgegeben hat oder abgeben würde. Die Leute, die ich liebe, die gebrauche ich. Das einzige Zeichen einer Anerkennung, die man gegenüber einem Denken wie dem von Nietzsche gelten lassen kann, besteht genau darin, es zu verwen-den, es zu verformen, es knirschen und schreien zu machen. Was dagegen die Kommentatoren sagen, ob man ihm so treu ist oder nicht, ist von keinerlei Interesse."
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 18/05/2026
Der ZIG mangelt es also an einem sinnvollen Verständnis des Unterlaufens und Durchwanderns, wie auch @onurerdur.bsky.social konstatiert. Höchste Zeit, wenn doch sogar schon Habermas, durch den Ideenhistoriker Peter Gordon angeregt, die Migration zum Grundprinzip seiner Philosophiegeschichte erhebt.
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 18/05/2026
Rortys Liberalismus durch Ironie entpuppt sich dann mit @meinel.bsky.social auch als heimliches Motto der ZIG. Dieser „Sound dekonstruktiver Ironie“ jedoch verliert seine Unschuld, weil die angenommene subversive Gegenmacht des Neuen sich doch als Macht des Bestehenden herausstellt.
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 18/05/2026
Oder Julias Voss, die solche Eigensinnigkeiten als subversive Macht des Neuen auf den Begriff bringt. Ganz im Sinne von Richard Rortys Ausspruch: „Die Zivilisation schreitet nur deshalb voran, weil manche Leute willens sind, befremdliche, irrationale und verstörende Töne anzuschlagen.“
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 18/05/2026
Ich meinte in meiner Empfehlung wahrscheinlich eher Texte wie den von @hannaengelmeier.bsky.social, in welchem sie jene egologischen Eigensinnigkeiten rettet, welche sich der Zeitschrift entziehen oder denen beim Eingang hermeneutische Gewalt angetan wird.
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 18/05/2026
Ich hatte die Ausführungen eher als kontrafaktische Aitiologie zur Begründung der gewünschten Ausrichtung der Zeitschrift verstanden. Das rettet freilich kaum einen Text, der auch sonst, anstatt das Verhältnis von Politik und Idee zu durchdenken, es mit nie enden wollenden Metaphern zuschüttet.
100
finn st. pierre @flstp.bsky.social · 16/05/2026
Im neuen Heft: Kaube verhegelt heuristische Dichotomien zur Dialektik der Ideengeschichte Zweifelhaft, ob die Form der @ideengeschichte.bsky.social solch einem Anspruch im Inhalt überhaupt gerecht werden könnte. Die dreißig Seiten Metakritik zum Zeitschriftsprogramm sind aber alle sehr lesenswert!
„Die Entgegensetzung historischer und systematischer Forschung wird dann hinfällig, weil der Begriff des Historischen und seine Derivate (Epoche, Zäsur, Entwicklung etc.) ein systematisches Argument voraussetzen, das seinerseits nur durch Bezug auf historische Bestände und ihre Deutung plausibel gemacht werden kann.
So süß und wohlriechend, pittoresk und selten also die Blüten sind, die in der Ideengeschichte geerntet werden können, als Geschichte des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns ist es nicht ihre erste Aufgabe, ihre Leser zu unterhalten, lächeln zu machen oder den Eindruck zu erzeugen, es sei doch stets nur alltäglich und mit Wasser gekocht wor-den. Das Ziel der Ideengeschichte sind nicht historische Genüsse, sondern gegenwärtige Gedanken.
Jürgen Kaube“
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 08/05/2026
War seit circa 13:30 Uhr dabei und es liest sich mit jenem unprätentiösen Charme, von dem jetzt sicherlich auch die Studierenden in Greifswald profitieren. Hätte auch ein paar Anmerkungen zum metatheoretischen Zugriff, aber dazu lieber anderswo mehr.
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 10/04/2026
das ist dann die einleitung zu einem ansonsten voller inhaltlicher pointen hinreißenden und, für habermas verhältnisse, hinreißend kurzen (6,5 seiten) text
Text: "Wittgensteins Affekt richtet sich natürlich nicht gegen die Wissenschaft und deren Sprache, sondern gegen einen Szientismus, der alles, was sich in dieser Sprache nicht ausdrücken läßt, entweder als sinnlos diskriminiert oder auf das eigene Format zuschneidet und damit vernichtet. Ein Philosophieren, welches das durch-schaut, rennt gegen die Grenzen der Sprache an, um wenigstens indirekt auszudrücken, daß die Probleme des Lebens, obgleich unaussprechlich, von unendlicher Wichtigkeit sind: Das ist, glaube ich, der Trieb aller Menschen, die je versucht haben, über Ethik oder Religion zu schreiben oder zu reden.« Heidegger und Adorno führen ihre Kritik am vorstellenden und am identifizierenden Denken mit jeweils anderen Mitteln durch, aber sie zielen doch auf Ahnliches. Hier wie dort pendelt das philosophische Denken ruhelos zwischen Metaphysik und Wis-senschaft, um einen ortlos gewordenen Wahrheitsgehalt, den jene nicht mehr festhalten und diese nicht aneignen kann, auf paradoxe Weise gleichwohl zu bergen. Wittgenstein, Heidegger und Adorno folgen demselben intuitionistischen Erkenntnisideal des sprachlosen Sehenlassens. Sie kehren die diskursive Rede gegen sich selbst. Sie wenden die Begriffe und die Sätze solange hin und her, bis dem Hörer blitzartig aufgeht, was sich nicht sagen läßt.
Dieser sich anschmiegenden Passivität der Einsicht eilt allerdings die Aktivität des eingreifend-konstruierenden Denkens voraus:
»Nichts ist doch wichtiger als die Bildung von fiktiven Begriffen, die uns die unseren erst verstehen lassen.« Aber das Telos ist nicht die Lösung von Problemen, sondern deren Verschwinden:
»Nicht eine Schwierigkeit des Verstandes, sondern des Willens ist zu überwinden«, denn »die Lösung des Problems, das Du im Leben hast, ist eine Art zu leben, die das Problemhafte zum Verschwinden bringt.« Auch Heideggers inständiges Andenken soll sich im Augenblick des Eintretens eines Ereignisses erfüllen.
Und Adorno ist schon in seiner Antrittsvorlesung davon übe…Text: "Wittgenstein, Heidegger und Adorno wollen Effekte erzielen, die am ehesten ästhetischen Erfahrungen gleichen. Die Philosophie soll nicht neue Tatsachen vorführen, sondern bekannte Tatsachen in einem anderen Lichte sehen lassen: »Du muß sehen, wie ein neues Licht die Tatsachen erreicht.« Ohne über die Kreativität des Künstlers zu verfügen, muß sich der Philosoph doch eine Aufgabe zutrauen, die der poetischen Welterschließung nahe-kommt: »Wissenschaftliche Fragen können mich interessieren, aber nie wirklich fesseln. Das tun für mich nur begriffliche und ästhetische Fragen.« Das schrieb Wittgenstein 1945. Schon eineinhalb Jahrzehnte zuvor hatte er sich notiert: »Ich glaube, meine Stellung zur Philosophie dadurch zusammengefaßt zu haben, indem ich sagte: Philosophen dürften eigentlich nur dichten.« Die Parallelen drängen sich auf: »Die Befreiung der Sprache aus der Grammatik in ein ursprünglicheres Wesensgefüge«, meint Hei-degger, »ist dem Denken und Dichten aufbehalten.« Und Adorno überführt das philosophische Denken, das sich vom Gehalt der esoterischen Werke der avantgardistischen Kunst abhängig weiß, in ästhetische Theorie. Alle drei sind unterwegs zum Ästhetisch-werden der Theorie."Text: "Wittgenstein läßt sich auf jene Familienähnlichkeiten ein, die sich aus dem horizontalen und wechselseitigen Vergleich ergeben; er wehrt sich gegen die Ungerechtigkeit einer Betrachtungsweise, die »den Merkmalen des Urbildes einen Halt geben will«. Heidegger und Adorno verstehen die platonische Ideenlehre ohnehin als die exemplarische Ausprägung eines seinsvergessenen oder ursprungsphilosophischen Denkens. Es sind ähnliche Motive, die zur Umkehr nötigen: ob die Erfahrungswissenschaften ihre Normativität zugunsten eines Sprachspielpluralismus verlieren, oder ob eine sich selbst behauptende Subjektivität zugunsten der neuen Gelassenheit, die instrumentelle Vernunft zugunsten des mimetischen Eingedenkens der Natur überwunden wird - immer ist es jene »seltsame Ahnlich-keit einer philosophischen Untersuchung mit einer ästhetischen«, die in den verschiedenen Anläufen zu Bewußtsein gebracht werden soll: » Wer heute Philosophie lehrt, gibt dem anderen Speisen nicht, weil sie ihm schmecken, sondern um seinen Geschmack zu ändern.«
Es geht Wittgenstein wie Heidegger und Adorno um die heilende Klärung des in der profanen Präsenz Verdeckten und Verpupp-ten, also um die Analyse eines Hintergrundes, der als solcher unaussprechlich ist. Diese Art weltklärende, welterschließende, weltverändernde Analyse richtet ihren Blick nicht auf innerwelt-liche Praktiken."
130
finn st. pierre @flstp.bsky.social · 10/04/2026
habermas hat dieselbe pointe auch einmal - freilich charmanter - gemacht
Text: "Ich gestehe, daß mich bei der Vorbereitung der Konferenz unter
anderem zwei Fragen beschäftΙgt haben: Warum sollen drei der
sechs Referenten Wittgenstein und Heidegger behandeln? Und
warum ergreift der Frankfurter Fachbereich die Initiative zu einer
Wittgenstein-Veranstaltung? Wenn diese beiden antizipierten
Fragen in einem trivialen Sinn gemeint sind, diirfen die Antwor-
ten ebenso trivial sein. Zum einen genügt das wirkungsgeschicht-
liche Argument: Heidegger ist der andere Philosoph deutscher
Sprache, der — im gleichen Jahre wie Wittgenstein geboren — die
philosophischen Diskussionen dieses Jahrhunderts auf andere
Weise zwar, aber ebenso folgenreich in neue Bahnen gelenkt hat.
Und zur Rechtfertigung unserer Initiative läßt sich bemerken:
wir versuchen, Philosophie in wissenschaftlichem Geiste, also un-
voreingenommen zu betreiben. Zudem bewegen wir uns in einem
offenen Klima, das uns philosophischen Gedanken von großer
zeitdiagnostischer Kraft in besonderer Weise aussetzt.
Aber beide Fragen lassen auch eine weniger triviale Lesart zu.
Warum Wittgenstein und Heidegger? Das Geburtsjahr 1889 ver-
bietet jede Naivität. Es ist das Geburtsjahr von Charlie Chaplin,
der einen Diktator auf unvergeßliche Weise bloßgestellt hat. Es
ist das Geburtsjahr eben dieses Führers, der für Massenverbre-
chen ohne Beispiel verantwortlich war — und damit einer ganzen
Generation zum Schicksal geworden ist. Auch das trennt die Le-
benswege der Generationsgenossen Wittgenstein und Heidegger.
Auch die politische Gabelung trennt ihre Denkwege; das können
wir nicht ignorieren. Ein naiver Blick ist uns erst recht nicht mehr
gestattet, nachdem wir mit Pein feststellen, wie tief Wittgenstein
bis zum Ende seines Lebens in die schmerzhaften Selbstzweifel
seines deutsch-jüdischen Milieus verstrickt blieb, und dies wohl
nicht nur unter dem Einfluß Otto Weiningers.
Auch die andere Frage können wir philosophisch ernst nehmen:"Text: "warum Wittgensteins an einem Ort gedenken, wo Adornos Geist
so lebendig geblieben ist? Dabei denke ich nicht einmal an jene
Mauer von Verständnislosigkeit, die zwischen Wittgenstein und
der Kritischen Theorie gestanden hat; unser Freund Herbert
Marcuse hat davon in einem Kapitel seines »One-dimensional
Man« unfreiwillig Zeugnis abgelegt. Ich denke vielmehr an philo-
sophische Antriebe, die die Geister polarisieren. Während sich
die Kritische Theorie auf eigenwillige Weise einem Historischen
Materialismus verschreibt, dem sich unter der Hand alle Motive
in Geschichtsphilosophie und Gesellschaftstheorie verwandeln,
zielt Wittgensteins leidenschaftliche Arbeit des Klären in mysti-
sche Bezirke jenseits von Geschichte und Gesellschaft. 1947 no-
tiert er sich: »Wer kennt die Gesetze, nach denen sich die Gesell-
schaft entwickelt? Ich bin überzeugt, daß auch der Gescheiteste
davon keine Ahnung hat... man kann kämpfen, hoffen und auch
glauben, ohne wissenschaftlich zu glauben.«
Unϋbersehbar ist das, was Wittgenstein von Heidegger und
Adorno trennt. Gleichwohl treten diese drei aus der distanzieren-
den Sicht des Nachgeborenen in eine Konstellation, die auch Ver-
wandtschaften erkennen läßt. Ob es uns gefällt oder nicht, diese
drei Denker verbindet das, was Henrik von Wright veranlaßt hat,
Wittgenstein vor dem Hintergrund der angelsächsischen Welt ei-
nen »Mitteleuropäer« zu nennen. Henrik von Wright hat 1977
aus Wittgensteins Nachlaß »Vermischte Bemerkungen« ausge-
wählt und diese in einem eigenen Buch auf erhellende Weise
kommentiert. Neues Licht fällt damit auf die kulturkritischen
Antriebe und religiösen Wurzeln von Wittgensteins Denken. In
diesem Licht zeichnen sich die Konturen eines sehr deutschen
Philosophierens ab, welches Wittgenstein auch in die Nähe von
Heidegger und Adorno rückt."
121
finn st. pierre @flstp.bsky.social · 15/03/2026
Für Negt selbst gehörte dieser Gang durch die argumentative Feuerprobe quasi zum Alltagsgeschäft als Assistent bei Habermas — für Freunde wie Unseld oder Rorty aus Princeton sowieso. Ob der aggressive Streit, die Polemik auch epistemischen Nutzen hatte? Dazu konnte H nichts sagen, nur schimpfen.
Textausschnitt: „Habermas stellt Oskar Negt, den er aus Frankfurt kennt, als seinen Assistenten ein. Negt, 1934 auf einem Gut in Ostpreußen in eine Familie aus Kleinbauern und Arbeitern geboren, also nur unwesentlich jünger als sein Chef, hatte bei Horkheimer und Adorno in Frankfurt Philosophie und Soziologie studiert und 1962 bei Adorno mit einer Arbeit über Hegel und Auguste Comte promo-viert. Seit 1956 ist er Mitglied im Sozialistischen Deutschen Stu-dentenbund (SDS) und sympathisiert offen mit der Gewerkschaftsbewegung und dem demokratischen Sozialismus. Gerade diese »linke« Ausrichtung hat Habermas offenkundig bewogen, ihm die Stelle anzubieten. Er ahnte, so Negt später, dass »ich [...] ein besonders hartgesottenes Exemplar marxistischer Orthodoxie [war]. Aber natürlich sollte diese › Orthodoxie‹ mit Argumenten ausgestattet sein. « Denn: »Habermas brauchte den lebendigen Kontra-„Textausschnitt: „ punkt. Er hat seine Mitarbeiter als Widerspruchsassistenten aus-gewählt. Ich habe damals Tage und Nächte mit ihm diskutieren müssen. Er verlangte ein ungeheuerliches Maß an Begründungs-anstrengung für eine Gegenposition. Daran ist er dann auch selbst gewachsen. Habermas braucht den Widerhaken, immer noch. Das kennzeichnet seinen intellektuellen Lebensstil.“Textausschnitt: „ Unseld und Habermas verstehen sich gut. Habermas ist von dem nur fünf Jahre älteren Mann mit seiner raumfüllenden Präsenz fasziniert und von seinen verlegerischen Ideen überzeugt. Unseld wiederum hat sich nicht von Habermas' Neigung zum überbordenden, bisweilen aggressiv geführten Streitgespräch abschrecken lassen.
Rasch nimmt die Beziehung einen freundschaftlichen Charakter an, auch wenn man keineswegs immer in allen Dingen einer Meinung ist, vor allem auch in Zukunft nicht sein wird.“Textausschnitt: „ Damals fand ich die Zusammenstellung so obszön, dass ich in der Diskussion ausgeflippt bin. Überraschenderweise war jedoch der bedeutende Kollege aus Princeton über den robusten Protest aus der deutschen Provinz keineswegs pikiert, sondern lud mich freundlich in sein Seminar ein. Der Besuch in Princeton wurde für mich zum Beginn einer ebenso beglückenden wie lehrreichen Freundschaft. Auf dem soliden Boden gemeinsamer politischer Überzeugungen konnten wir unsere philosophischen Differenzen locker aushalten. So bewährte sich performativ et-“
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 10/12/2025
Nach 40 weiteren „Berliner Tagen“ liefert @victorloxen.bsky.social zu Koskenniemis Schmitt-Lecture eine Besprechung, welche den Vortrag so dicht wie charmant reproduziert. Beide übersehen jedoch die performative Pointe jener eben polemischen Warnung Habermasens vor Schmitt („Don’t go there!“):
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 27/11/2025
Julian Schütt fügt im zweiten Teil seiner Frisch-Biographie der Geschichte des merkwürdigen Faszinosums Bachmann-Frisch eine noch vor dem Kennenlernen im Frühjahr 1958 einsetzende, weitere Anekdote hinzu—Natürlich spielt der @redaktionmerkur.bsky.social eine Rolle, welchem B auch Gedichte lieferte
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 03/11/2025
„The strong misreader, like Foucault or Bloom, prides himself on the same thing, on being able to get more out of the text than its author or its intended audience could possibly have found there (…) He is in it for what he can get out of it, not for the satisfaction of getting something right.“
Text: „ The kind of textualist who claims to have gotten the secret of the text, to have broken its code, prides himself on not being distracted by anything which the text might previously have been thought to be about or anything its author says about it. The strong misreader, like Foucault or Bloom, prides himself on the same thing, on being able to get more out of the text than its author or its intended audience could possibly have found there. Both break with the realism illustrated by the passage I have cited from Abrams. But they differ in that the first kind of critic is only a half-hearted pragmatist. He thinks that there really is a secret code and that once it's discovered we shall have gotten the text right. He believes that criticism is discovery rather than creation. The strong misreader doesn't care about the distinction between discovery and creation, finding and making. He doesn't think this is a useful distinction, anymore than Nietzsche or James did. He is in it for what he can get out of it, not for the satisfaction of getting something right.“
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 03/11/2025
„The critic asks neither the author nor the text about their intentions but simply beats the text into a shape which will serve his own purpose. He makes the text refer to whatever is relevant to that purpose.“
Text: „Alternatively, however, the textualist may brush aside the notion of the text as machine which operates quite independently of its creator, and offer what Bloom calls a "strong misreading." The critic asks neither the author nor the text about their intentions but simply beats the text into a shape which will serve his own purpose. He makes the text refer to whatever is relevant to that purpose. He does this by imposing a vocabulary—a "grid," in Foucault's terminology—on the text which may have nothing to do with any vocabulary used in the text or by its author, and seeing what happens. The model here is not the curious collector of clever gadgets taking them apart to see what makes them work and carefully ignoring any extrinsic end they may have, but the psychoanalyst blithely interpreting a dream or a joke as a symptom of homicidal mania.“
100
finn st. pierre @flstp.bsky.social · 29/10/2025
Wenn du mit seinem neusten Werk startest, beginnst du mit der sanften Seite des Romantikers Taylor. Der für die funkelnde Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit sensibilisierte Katholik weiß um die profane Magie der sprachlichen Welterschließung.
Cover des neuesten Buches von Charles Taylor „Cosmic Connections. Poetry in the Age of Disenchantment“
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finn st. pierre @flstp.bsky.social · 23/10/2025
Beginn von Richard Rortys intellektueller Autobiographie: „I have spent my life rummaging through libraries, hoping to be bowled over — transformed — by some fiercely imaginative, utterly original book. Exalted by one such book, I would then come upon another, hard to reconcile with the first. Then I would try to bridge the gap between them, to find ways of restating what was said in each so as to allow for what was said in the other, to do what Gadamer calls "fusing horizons."“
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