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Vom Ablehnen
Ich habe heute ein wirklich originelles Gutachten für einen wissenschaftlichen Artikel geschrieben. Ich glaube, es ist das originellste Gutachten, das ich je geschrieben habe. Wenn das aber mit dem Anspruch, die die modernen Zeitschriftenorganisationssysteme so mit sich bringen, wird es sicher auch nicht das Letzte dieser Art gewesen sein. Das Gutachten lautete (frei ins Deutsche übersetzt):
> Entschuldigung, ich wollte das Gutachten eigentlich gar nicht schreiben, da ich mich mit dem Thema nicht auskenne, aber ich habe aus Versehen auf den falschen Knopf gedrückt. Jetzt lässt mir Ihr System leider keine Wahl, diese Entscheidung rückgängig zu machen, und da ich weiß, dass Sie auf meine Emails ohnehin nicht antworten werden, muss ich leider jetzt diese Textfeld, das eigentlich für das Gutachten gedacht ist, nutzen, um Ihnen durch dieses Scheingutachten mitzuteilen, dass ich das Gutachten nicht verfassen kann.
Das Problem, auf das ich hier versucht hatte, zu reagieren, besteht in den automatisierten Systemen der wissenschaftlichen Zeitschriften, die Menschen einladen, Gutachten zu verfassen. Diese sind meist vollkommen automatisiert. Von Seite der Herausgeber wird nur die Email der Person eingegeben, die ein Gutachten für ein bestimmtes Manuskript verfassen soll. Dann wird diese Person in regelmäßigen Abständen mit Emails bedacht, die sie auffordern, das Gutachten zu verfassen.
Meist sind die Fristen, die dabei gesetzt werden, lächerlich kurz. Der Standard bei Verlagshäusern wie Springer-Nature liegt bei zwei Wochen. Wenn man nicht auf die Email antwortet, wird man so lange weiter alle paar Tage eine Erinnerung bekommen, bis man entweder abgesagt oder zugesagt hat, oder bis genug Menschen gefunden wurden, die bereit sind, ein Gutachten zu verfassen. Dann kann von Herausgeberseite die Einladung zurückgezogen werden, und man bekommt entweder eine Absage, oder einfach keine Emails mehr.
Wenn man jetzt, wie ich, entweder aus Versehen den falschen Knopf drückt, oder (wie ich in einem anderen Fall) beim Lesen des vollen Textes merkt, dass man schlicht nichts sagen kann zu dem Thema, dann gibt es keine Möglichkeit, das Gutachten wieder abzulehnen. Das ist im System einfach nicht vorgesehen worden. Man kommt aus der Angelegenheit also einfach nicht mehr raus, ohne etwas außerhalb des gegebenen Systems zu tun, oder dem System zu gehorchen. Beim ersten Mal habe ich noch versucht, eine Email an die Zeitschrift zu schreiben. Es hat aber keiner reagiert. Als es mir mit dem falschen Knopf dann wieder passierte, hab ich mich für die neue Variante entschieden.
Das Gemeine an diesen Systemen ist ja, dass Nicht-Reagieren eben auch nicht hilft. Denn dann bekommt man diese unpersönlichen, bürokratisch fordernden Emails alle paar Tage zugeschickt, was sich zusammen mit normalen Spams und den Spams von Paper Mills und Predatory Publishers (List 2021) schon zu einer beachtlichen Anzahl an Nachrichten mausern kann, die einem die Inbox verstopfen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, wichtige Nachrichten zu ignorieren.
Vor allem, wenn man Dinge wie Gutachten generell gewissenhaft angeht (und ich denke, dass ich das tue), dann können diese ständigen Erinnerungsemails schon einen ordentlichen Druck aufbauen. Ich gehe davon aus, dass viele Kolleginnen und Kollegen eine Vielzahl der Emails dieser Art einfach ignorieren, wenn sie sie bekommen. Mir selbst fällt es aber wirklich schwer, Dinge unbeantwortet zu lassen. Das gehört sich eben einfach nicht. “Das macht man nicht”, um die Worte meiner Oma zu bemühen. Ich finde es selbst schon immer so störend, wie Menschen sich im beruflichen Kontext problemlos _ghosten_ (List 2024), dass ich keine Lust habe, da mitzumachen, auch wenn meine Wut über die Verlage durch diese ständigen Erinnerungsmails immer mehr zunimmt.
Auch wenn es natürlich nicht die feine Art ist, statt eines Gutachtens eine Absage zu liefern, so sehe ich im Moment keine andere Möglichkeit, auf das Problem aufmerksam zu machen, welches die Verlage mit ihrer schrecklichen Publikations- und Begutachtungspolitik zu verantworten haben. Es ist nur zu verständlich, dass keiner mehr Gutachen schreiben möchte, wenn man sich anschaut, wie die Verlage ihre Autoren in der Wissenschaft behandeln. Gutachten pauschal zu verweigern ist jedoch leider auch keine Lösung. Wir sind ja schließlich alle darauf angewiesen, dass jemand unsere eigenen Texte liest und begutachtet.
Ich verfasse daher weiter fleißig meine Gutachten (in diesem Jahr waren es schon insgesamt 40, ohne die abgelehnten mitzuzählen) und werde das auch weiterhin tun. Aber ich habe mir jetzt vorgenommen, die Zeitschriften und deren Herausgeber in Zukunft ein bisschen mehr in die Pflicht zu nehmen. Wenn mir Artikel ohne Code und Daten geliefert werden, dann werde ich nicht mehr freundlich die Autorinnen oder Autoren daran erinnern, mir diese nachzuliefern, sondern stattdessen einfach den Artikel ablehnen und das Gutachten durch eine freundliche Nachricht an die Herausgeber ersetzen, die diese darauf hinweist, dass es ihre Pflicht ist, Einreichungen auf Vollständigkeit zu prüfen, und nicht meine.
Wenn man nur noch Aufmerksamkeit erzeugen kann, indem man das System sprengt, dann sei es eben so. Ich habe ja jetzt immerhin eine Vorlage, die ich auch in Zukunft immer dann verwenden kann, wenn ich mal wieder aus Versehen auf den falschen Knopf gedrückt habe. Die muss dann nur noch um eine Vorlage ergänzt werden, die ich nutzen, wenn wieder mal ein nicht reproduzierbarer Artikel auf meinem Gutachtertisch landet. Mal sehen, welche weiteren Vorlagen die nächsten Jahre ergeben werden. Die Themen, wo man wissenschaftlich Mist bauen kann, werden in Zeiten von KI und Depp-Bots ja nicht weniger.
# Literatur
List, Johann-Mattis. 2021. “Von Beutegreiferverlagen und Papierfabriken.” _Von Wörtern Und Bäumen_ 5 (6). https://wub.hypotheses.org/1312.
———. 2024. “Von Geistern verlassen.” _Von Wörtern Und Bäumen_ 8 (11). https://doi.org/10.58079/12p9y.
Johann-Mattis List
Seit Anfang 2023 leite ich den Lehrstuhl für Multilinguale Computerlinguistik in Passau. In meiner Forschung nehme ich generell einen datenbasierten,… Weiterlesen
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Johann-Mattis List (14. August 2026). Vom Ablehnen. _Von Wörtern und Bäumen_. Abgerufen am 14. August 2026 von https://wub.hypotheses.org/3559
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