Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 09/09/2026Could we please begin with the influence of the Liber graduum? 130
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 08/09/2026Neuerlicher "PISA-Schock" und eine sehr einfache "Antwort" ist bereits abgeräumt: "Die entscheidende Trennlinie verlaufe nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte, sondern zwischen Kindern aus privilegierten und benachteiligten Lebenslagen." www.tagesschau.de/inland/gesel... 181
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 07/09/2026Gab es damals Kokain von Merck nicht recht einfach? 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 07/09/2026Bauen wir ihm ein Denkmal aus Briloner Potthucke: Der Mann, der nach 36 Jahren das Land einte. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Und nix gegen Charles Daremberg, unsere Pioniere haben damals teils recht zügig in der Bibliothek transkribiert. Sie hatten keine hochauflösenden Digitalisate, noch nicht einmal miese Fotokopien, und somit auch nicht alle Zeit und Ruhe der Welt, um die kniffligen Wörter zu deuten. 020
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Nun mag es sein, dass manche Menschen nach dem Genuss von Stechapfel versuchen, den Teufel zu beschwören, aber eher nicht im Mittelalter. Und wenn Ihr in einer populären Quelle lest, Hildegard hätte den Stechapfel beschrieben: Hat sie nicht. Ein Franzose hat 1855 ein Wort falsch gelesen. 130
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Im bekannteren dt. Kräuterbuch von 1543 sieht die kolorierte Abbildung so aus. Dort steht im Text: "Das dritt würdt in welschen landen Stramonia / unnd Pomum spinosum genent" (Fuchs beschreibt hier mehrere Nachtschattengewächse in einem Kapitel.) 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026In seinem lat. Kräuterbuch 1542 hat Fuchs eine Abbildung und nennt im Text als Quelle für den Namen Stramonia Italien. Die Pflanze ist wohl der Indische Stechapfel (Datura metel). Nach dem allgemeinen Narrativ ist das der Ursprung für den botanischen Namen des Gemeinen Stechapfels (D. stramonium). 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/20262007, also kurz vor der kritischen Edition von 2010, wird hier noch einmal Hildegard als Beleg für den Namen im Mittelalter genannt. Und auch Leonhart Fuchs 1542, der wohl mit als Erster den Namen tatsächlich nannte. link.springer.com/article/10.1... 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Damit war der Boden bereitet für besonders "kreative" Botaniker des 20. Jahrhunderts, die nach Belegen für die Gattung Datura außerhalb von Amerika fahndeten. Da hat dann schon mal der Grieche Dioskurides aus dem 1. Jh. den Perser Ibn Sina aus dem 10./11. Jh. zitiert, statt umgekehrt. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Besonders ironisch ist Fischer-Benzon 1894, der erst auf die zahlreichen Fehler in der Ausgabe hinweist, aber dann doch Datura stramonium bei Hildegard nennt. Wenig später hat auch Julius Berendes, Pionier des Faches Pharmaziegeschichte, in der ersten deutschen Ausgabe "Stechapfel". 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Der Schwank beginnt mit Charles Daremberg 1855, der in der Ausgabe der Pariser Handschrift von Hildegards Naturkunde scammonia (Purgierwinde, Convolvulus scammonia) als stramonia verliest. Nicht einmal, sondern mehrfach, nämlich beim Muskatellersalbei in Cap. 162 und bei den Pilzen in 173. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Heute lässt mich Hildegard nicht los, aus Versehen bin ich in den nächsten Kaninchenbau gestolpert. Hildegard und der amerikanische (!) Stechapfel. Ein Schwank seit 1855. Interessiert das hier wen? 2110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Ein ziemlich schlechtes Zeichen ist, dass die deutsche Übersetzung, die in drei Hss. des 15. Jhds. überliefert ist, hier nur hymele ohne lat. Glosse hat. Schon rund 300 Jahre nach Hildegard hat man nicht mehr verstanden, was sie meinte, obwohl die Übersetzung wohl in ihrer Region angefertigt wurde. 020
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Da sind wir aber zeitlich und örtlich weit weg von Hildegard und wissen nicht einmal sicher, dass sie Donner meint. Und für den Text haben wir überhaupt noch keine Parallele. Aber Reiner Hildebrandts Vorschlag Taubnessel würde ich hier sicher ausschließen, die passt gar nicht zum Inhalt. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Oder meint sie hommel für den Donner? Das Wort hat vermutlich dieselbe Herkunft wie die Hummel und bedeutet brummen, summen, donnern. Gibt es eine psychogen wirkende Donnerwurz? Ja, das wäre ein alter schlesischer Name für den Hohlen Lerchensporn (Corydalis cava, Mohngewächse). 100
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Was bleibt dann noch? Es gibt natürlich diverse giftige Hummelpflanzen, nicht zuletzt Fingerhut (Digitalis). Der kommt bei Hildegard sonst nicht vor, passt aber nicht so gut zum Text. Für Wolfsmilch ist humesla belegt, aber die hat sie im folgenden Kapitel 51 eindeutig als woluismilch. 100
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Vitus Auslasser hat 1479 humel als Name für den Kriechenden Günsel (Ajuga reptans), aber der passt überhaupt nicht zu Hildegards Text. Und auch humella als Glosse für binsuga (vgl. Cap. 59!) passt nicht, es kann sich hier nicht um eine Hummelpflanze aus der Familie der Lippenblütler handeln. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Es geht sicherlich nicht um den Hopfen (Humulus lupulus), denn den hat sie wenig später in 61 hoppo. Und 50 steht in einem kleinen Block zu Giftpflanzen von 48 Haselwurz und 49 Aronstab bis 51 Wolfsmilch und 52Tollkirsche. Etwas Struktur hat Hildegards Naturkunde schon, mit Betonung auf "etwas". 120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Bei 50 humela ist vollkommen offen, was sie meinen könnte. Hat der Name etwas mit dem Tier zu tun? Möglich, aber unsicher, denn die Hummel in VI.67 wird fast immer mit -mb- oder -nb- geschrieben, die Pflanze aber ohne -b-. Hildegard beschreibt eine Art psychogene Wirkung, das schränkt ein. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Hildegard beschreibt in ihrer Naturkunde ca. 270 Pflanzen. Und je nach Maßstab sind davon 20 bis 30 Prozent unklar, von sehr rätselhaften Kapiteln wie 50 humela bis 39 Schierling, wo "nur" unklar ist, ob sie Gefleckten Schierling (Conium maculatum) oder Wasserschierling (Cicuta virosa) meint. 121
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Hildegard hätte natürlich auch einfach schreiben können, ob sie eine Blume oder ein (Süß-)Gras meint, aber dann wäre das wohl alles viel zu einfach und die moderne Forschung würde sich nicht seit mindestens Sprengel 1817 den Kopf zerbrechen. 020
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Und wenn wir nun die Beschreibungen seit der Antike anschauen, dann passt Hildegards Text deutlich besser zum Taumel-Lolch als zur Kornrade. Am besten eignet sich dafür neben Konrad (vgl. V. 55 rote chorn plüm) schon Dioskurides, der ebenfalls beide Pflanzen beschreibt (DMM II.100 und III.101). 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Mit den Namen alleine kommen wir nicht weiter, denn die sind hier fast alle ziemlich austauschbar, wurden aber auch für den Taumel-Lolch verwendet, wie sich durch Konrad von Megenberg rund 200 Jahre nach Hildegard belegen lässt (Buch der Natur, Cap. V.89). 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Die Kornrade ist giftig und der Taumel-Lolch kann nach Pilzbefall giftig werden, daher auch der Trivialname. Beides sind Ackerunkräuter, was die Stellung des Kapitels nach den Ackerpflanzen wie Getreide, Hülsenfrüchte und auch Nutzhanf erklären würde. Also, Blume oder Gras? 120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Peter Riethe nennt 2007 den Taumel-Lolch und bezieht sich dabei wohl vorrangig auf die Überlieferung seit der Antike. Reiner Hildebrandt sieht 2014 hingegen Kornrade und stützt sich alleine auf die Namen bzw. Synonyme in den Textzeugen. Wer liegt richtig? 120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Nigella meint im Mittelalter recht allgemein schwarze Früchte, das kann also auch ganz andere Pflanzen meinen, wie schon Hieronymus Brunschwig 1500 in seinem Kleinen Destillierbuch schreibt: bildsuche.digitale-sammlungen.de/index.html?c... Also Kornrade oder Taumel-Lolch? 120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Wie schon bei Cap. 59, wo populäre Bücher gerne die Melisse sehen, will man hier offenbar eine heute populäre Pflanze in Hildegard hineininterpretieren und schaut sich dabei nicht einmal ihren Text an. So viel zum ganz allgemeinen Niveau der sg. "Hildegard-Medizin" seit den 1970ern. 120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Die Glosse nigella ist wohl verantwortlich dafür, dass insbesondere in populären Büchern der Schwarzkümmel bevorzugt wird. Aber wie soll das zu Hildegards Text passen? Heiß und trocken, nützt keinem Menschen im Essen, er bekäme Beschwerden, auch dem Vieh taugt es nicht sonderlich. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Das erste strittige Kapitel in Hildegards Naturkunde ist 12 rado. Es steht zwischen den Ackerpflanzen (Cap. 1-11) und den exotischen Gewürzen (ab Cap. 13). Unsere Kandidaten sind dieses Mal: - Schwarzkümmel (Nigella) - Kornrade (Agrostemma githago) - Taumel-Lolch (Lolium temulentum) 131
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Wir haben bei Hildegard also wahrscheinlich: 32 Sand-Thymian (Thymus serpyllum) 59 Echter Thymian (Thymus vulgaris) 216 Kopfiger Thymian (Thymbra capitata) Das Beispiel zeigt, dass Glossarien & Vokabularien bei Hildegards Pflanzennamen nur bedingt helfen, man sollte auch die Anwendungen anschauen. 130
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Entsprechend macht dann auch Hildegards Cap. 32 zu Quendel Sinn, dieser sei nämlich "warm und gemäßigt". Quendel ist ein allgemeiner deutscher Name für Thymian, aber speziell für den Sand-Thymian (Thymus serpyllum). Dieser wird noch heute in der Kinderheilkunde als mildere Alternative verwendet. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Hildegards Anwendungen in Cap. 216 passen zu dem, was Plinius (NH 21,157) und Dioskurides (DMM III.36) zum Kopfigen Thymian schreiben: äußerliche Anwendung bei Erkrankungen der Glieder und Gelenke. Es passt nicht ganz so gut wie Plinius zu Cap. 59, aber immerhin. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Fast. Es ist wohl der Kopfige Thymian (Thymbra capitata), früher auch mal Thymus capitata und bei Linné zunächst Satureja capitata. Die arme Pflanze musste also seit 1753 mehrfach die Gattung wechseln, der gängige deutsche Trivialname blieb jedoch beim Thymian. 120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Tatsächlich hat Plinius (NH 21,154ff.) die medizinischen Aussagen Hildegards in ziemlich ähnlicher Form: Für die Klarheit der Augen, bei Bewusstlosigkeit und gegen Schwermut. Und eine wichtige Bienenpflanze ist es obendrein. Und was machen wir jetzt mit Cap. 216? Ist das ein anderer Thymian? 120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Problem: Hildegard hat auch Cap. 216 thimus und hier wird allgemein der Thymian angenommen. Einzig Reuß hat 1834 für Cap. 59 den Thymian vorgeschlagen, später aber nicht mehr. Der Name alleine bringt uns nicht weiter, wir gehen zurück ins 1. Jahrhundert zum älteren Plinius und zu Dioskurides. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Schauen wir doch in Hildegards "Lehrbuch", dem Summarium Heinrici (11. Jh.), aus dem sie zahlreiche Namen für ihre Lingua ignota und die Naturkunde übernommen hat. Dort steht: Apiacum vel timum binisuga (SHA) bzw. Apiacu binesuga (SHB). Also vielleicht der Thymian? 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Für die Anwendung am Auge muss man das Kraut aber erst einmal eine Nacht lang in Quellwasser einlegen. Klingt das nach Taubnessel oder Immenblatt? Oder nach der Melisse, die nur wenig ätherisches Öl enthält? So wirklich überzeugt hat mich das nie. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Schaut man sich Hildegards Text an, so mag das nicht so recht zu den eher schwach wirksamen Lippenblütlern passen: Wer die Pflanze isst, lacht gern, weil ihre Wärme die Milz berührt und dadurch das Herz erfreut. Außerdem wird die Pflanze als Augenheilmittel gebraucht. 110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Binesuge ist Bienensaug, ein noch heute gebräuchlicher Volksname für Bienenpflanzen wie Taubnesseln, Immenblatt, Melisse usw., vorrangig also Lippenblütler. Und entsprechend nahmen fast alle Autoren der letzten 200 Jahre hier Taubnessel oder Melisse an. 120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Dieses kleine Kapitel in Hildegards Naturkunde hat mir 10+ Jahre Rätselraten beschert, dabei lag die Antwort die ganze Zeit direkt vor meinen Augen. Das gilt allerdings auch für die gesamte Forschung seit 1817, den nur ein Autor hatte 1834 mal kurz die richtige Lösung. 59 binesuge 152
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026Again, what are you talking about? This is one manuscript out of five full witnesses (besides several fragments), and it's some 100 years after Hildegard's death. None of them were written at Rupertsberg. See: www.degruyterbrill.com/de/document/... www.aschendorff-buchverlag.de/detailview?n... 100
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026You may have fun with Hildegard's Lingua ignota. And in this case, there's a late 12th century codex from her own scriptorium. hlbrm.digitale-sammlungen.hebis.de/handschrifte... 100
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 04/09/2026III.0.6 in the lower margin: diglib.hab.de/mss/56-2-aug... 010
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 04/09/2026Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 56.2 Aug. 4°: diglib.hab.de/mss/56-2-aug... 120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 04/09/2026Hildegard nennt in III.0.6 zwar den Magen, schreibt aber in I.177, dass die Milz oft verantwortlich für Leiden des Magens sei. Wenn die Herleitung so stimmt, dann kannte Hildegard wohl eher die Deutsche Tamariske (Myricaria germanica) als "echte" Tamarix-Arten. Aber, wer weiß? Es ist Hildegard.🤣 050
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 04/09/2026Bei Fieber im Magen wird das Holz in nicht erhitzten Wein gelegt und dieser dann häufig getrunken. Das passt recht gut zur Tamariske bei Plinius 24.67 und Dioskurides I.87, die Milzkranken einen Trinkbecher aus dem Holz der Tamariske empfehlen. 140
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 04/09/2026Hildegard schreibt dem Baum gemäßigte Natur und Wärme zu. Seine Kraft liege vor allem im Holz, Rinde und Blätter seien für Arzneien kaum geeignet. Noch unbenutztes Holz wird in guten, reinen und nicht erhitzten Wein gelegt. Der Trank soll überschüssiges Blut und überschüssige Säfte mindern. 140