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Tobias Niedenthal

@klostermedizin.de
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History of Medicine/Pharmacy ● Medicinal plants in Europe ● Herbal anti-infectives ● Coordinating the Forschergruppe Klostermedizin (Research Group Monastic Medicine), Würzburg (Germany) -> klostermedizin.de

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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 09/09/2026
Could we please begin with the influence of the Liber graduum?
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 08/09/2026
Wie die Axt im Walde.
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 08/09/2026
Neuerlicher "PISA-Schock" und eine sehr einfache "Antwort" ist bereits abgeräumt: "Die entscheidende Trennlinie verlaufe nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte, sondern zwischen Kindern aus privilegierten und benachteiligten Lebenslagen." www.tagesschau.de/inland/gesel...
Deutsches Problem: die soziale Herkunft

Ein Problem hält sich in Deutschland hartnäckig: Der Bildungserfolg hängt nach wie vor häufig davon ab, aus welcher Familie ein Kind kommt. Die Unterschiede zwischen sozial privilegierten und benachteiligten Jugendlichen sind seit 2015 sogar größer geworden.

Dabei gehe es nicht um eine verkürzte Debatte über Migration, warnt Samuel Greiff: Die entscheidende Trennlinie verlaufe nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte, sondern zwischen Kindern aus privilegierten und benachteiligten Lebenslagen. In Naturwissenschaften beispielsweise schneiden Jugendliche aus privilegierten Verhältnissen deutlich besser ab.

England zeigt, dass sich gegensteuern lässt. Schulen erhalten dort für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen zusätzliche Mittel und können selbst entscheiden, wie sie diese einsetzen. Benachteiligte Kinder haben dort deutlich bessere Chancen als in Deutschland.
181
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 07/09/2026
Gab es damals Kokain von Merck nicht recht einfach?
110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 07/09/2026
Bauen wir ihm ein Denkmal aus Briloner Potthucke: Der Mann, der nach 36 Jahren das Land einte.
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 06/09/2026
Uff. www.zdfheute.de/politik/deut...
115916
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Und nix gegen Charles Daremberg, unsere Pioniere haben damals teils recht zügig in der Bibliothek transkribiert. Sie hatten keine hochauflösenden Digitalisate, noch nicht einmal miese Fotokopien, und somit auch nicht alle Zeit und Ruhe der Welt, um die kniffligen Wörter zu deuten.
020
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Nun mag es sein, dass manche Menschen nach dem Genuss von Stechapfel versuchen, den Teufel zu beschwören, aber eher nicht im Mittelalter. Und wenn Ihr in einer populären Quelle lest, Hildegard hätte den Stechapfel beschrieben: Hat sie nicht. Ein Franzose hat 1855 ein Wort falsch gelesen.
Der Teufel im berühmten Codex Gigas.
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Im bekannteren dt. Kräuterbuch von 1543 sieht die kolorierte Abbildung so aus. Dort steht im Text: "Das dritt würdt in welschen landen Stramonia / unnd Pomum spinosum genent" (Fuchs beschreibt hier mehrere Nachtschattengewächse in einem Kapitel.)
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
In seinem lat. Kräuterbuch 1542 hat Fuchs eine Abbildung und nennt im Text als Quelle für den Namen Stramonia Italien. Die Pflanze ist wohl der Indische Stechapfel (Datura metel). Nach dem allgemeinen Narrativ ist das der Ursprung für den botanischen Namen des Gemeinen Stechapfels (D. stramonium).
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
2007, also kurz vor der kritischen Edition von 2010, wird hier noch einmal Hildegard als Beleg für den Namen im Mittelalter genannt. Und auch Leonhart Fuchs 1542, der wohl mit als Erster den Namen tatsächlich nannte. link.springer.com/article/10.1...
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Damit war der Boden bereitet für besonders "kreative" Botaniker des 20. Jahrhunderts, die nach Belegen für die Gattung Datura außerhalb von Amerika fahndeten. Da hat dann schon mal der Grieche Dioskurides aus dem 1. Jh. den Perser Ibn Sina aus dem 10./11. Jh. zitiert, statt umgekehrt.
The Genus Datura, 1959.
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Besonders ironisch ist Fischer-Benzon 1894, der erst auf die zahlreichen Fehler in der Ausgabe hinweist, aber dann doch Datura stramonium bei Hildegard nennt. Wenig später hat auch Julius Berendes, Pionier des Faches Pharmaziegeschichte, in der ersten deutschen Ausgabe "Stechapfel".
"Es ist fraglich, ob nicht noch allerlei zu ändern und zu verbessern gewesen wäre, denn die neue Ausgabe von 1882 [sic!] enthält nicht ganz wenig Druckfehler und wahrscheinlich auch nicht wenig Lesefehler.""Stramonia (161), Datura Stramonium L., Stechapfel."
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Der Schwank beginnt mit Charles Daremberg 1855, der in der Ausgabe der Pariser Handschrift von Hildegards Naturkunde scammonia (Purgierwinde, Convolvulus scammonia) als stramonia verliest. Nicht einmal, sondern mehrfach, nämlich beim Muskatellersalbei in Cap. 162 und bei den Pilzen in 173.
Ausschnitt der Ausgabe 1855, gegenüber der aktuellen Kapitelzählung um eins verschoben.Ausschnitt der Ausgabe 1855, gegenüber der aktuellen Kapitelzählung um eins verschoben.
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Heute lässt mich Hildegard nicht los, aus Versehen bin ich in den nächsten Kaninchenbau gestolpert. Hildegard und der amerikanische (!) Stechapfel. Ein Schwank seit 1855. Interessiert das hier wen?
2110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Ein ziemlich schlechtes Zeichen ist, dass die deutsche Übersetzung, die in drei Hss. des 15. Jhds. überliefert ist, hier nur hymele ohne lat. Glosse hat. Schon rund 300 Jahre nach Hildegard hat man nicht mehr verstanden, was sie meinte, obwohl die Übersetzung wohl in ihrer Region angefertigt wurde.
Hymele in der Mainzer Hs. des Speyrer Kräuterbuchs, f.25v.
020
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Da sind wir aber zeitlich und örtlich weit weg von Hildegard und wissen nicht einmal sicher, dass sie Donner meint. Und für den Text haben wir überhaupt noch keine Parallele. Aber Reiner Hildebrandts Vorschlag Taubnessel würde ich hier sicher ausschließen, die passt gar nicht zum Inhalt.
Weiße Taubnessel (Lamium album)
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Oder meint sie hommel für den Donner? Das Wort hat vermutlich dieselbe Herkunft wie die Hummel und bedeutet brummen, summen, donnern. Gibt es eine psychogen wirkende Donnerwurz? Ja, das wäre ein alter schlesischer Name für den Hohlen Lerchensporn (Corydalis cava, Mohngewächse).
Hohler Lerchensporn (Corydalis cava)
100
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Was bleibt dann noch? Es gibt natürlich diverse giftige Hummelpflanzen, nicht zuletzt Fingerhut (Digitalis). Der kommt bei Hildegard sonst nicht vor, passt aber nicht so gut zum Text. Für Wolfsmilch ist humesla belegt, aber die hat sie im folgenden Kapitel 51 eindeutig als woluismilch.
Roter Fingerhut (Digitalis purpurea)
100
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Vitus Auslasser hat 1479 humel als Name für den Kriechenden Günsel (Ajuga reptans), aber der passt überhaupt nicht zu Hildegards Text. Und auch humella als Glosse für binsuga (vgl. Cap. 59!) passt nicht, es kann sich hier nicht um eine Hummelpflanze aus der Familie der Lippenblütler handeln.
Humel bei Vitus Auslasser 1479.
110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Es geht sicherlich nicht um den Hopfen (Humulus lupulus), denn den hat sie wenig später in 61 hoppo. Und 50 steht in einem kleinen Block zu Giftpflanzen von 48 Haselwurz und 49 Aronstab bis 51 Wolfsmilch und 52Tollkirsche. Etwas Struktur hat Hildegards Naturkunde schon, mit Betonung auf "etwas".
Hopfen (Humulus lupulus)
120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Bei 50 humela ist vollkommen offen, was sie meinen könnte. Hat der Name etwas mit dem Tier zu tun? Möglich, aber unsicher, denn die Hummel in VI.67 wird fast immer mit -mb- oder -nb- geschrieben, die Pflanze aber ohne -b-. Hildegard beschreibt eine Art psychogene Wirkung, das schränkt ein.
Ausschnitt aus der kritischen Edition von Hildebrandt/Gloning 2010.

I-50
Humela tepidum frigus in se habet et quendam torporem caloris, qui luxuriam in homine excitat, ita quod hominem infatuat. Nam in homine illo qui eam comederit aut in potu sumpserit, luxuriam parat, quemadmodum vinum forte facit 2 si illud biberit, 3 et eum etiam velut fatuum facit; ac in homine plus tabem quam sanguinem parat, 4 et ideo pene ad nullam utilitatem valet, 5 quia nec multas vires nec sanitatem per se habet, nisi aliis herbulis aut pigmentis addatur.

Der Grundtext ist recte, der Zusatztext kursiv, deutsche Wörter fett. Die Ziffern zeigen, wo einzelne Textzeugen einsetzen oder ausfallen.
110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Hildegard beschreibt in ihrer Naturkunde ca. 270 Pflanzen. Und je nach Maßstab sind davon 20 bis 30 Prozent unklar, von sehr rätselhaften Kapiteln wie 50 humela bis 39 Schierling, wo "nur" unklar ist, ob sie Gefleckten Schierling (Conium maculatum) oder Wasserschierling (Cicuta virosa) meint.
Gefleckter Schierling (Conium maculatum)Wasserschierling (Cicuta virosa)
121
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Hildegard hätte natürlich auch einfach schreiben können, ob sie eine Blume oder ein (Süß-)Gras meint, aber dann wäre das wohl alles viel zu einfach und die moderne Forschung würde sich nicht seit mindestens Sprengel 1817 den Kopf zerbrechen.
Kirchenruine Disibodenberg 1790.
020
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Und wenn wir nun die Beschreibungen seit der Antike anschauen, dann passt Hildegards Text deutlich besser zum Taumel-Lolch als zur Kornrade. Am besten eignet sich dafür neben Konrad (vgl. V. 55 rote chorn plüm) schon Dioskurides, der ebenfalls beide Pflanzen beschreibt (DMM II.100 und III.101).
Kornrade (Agrostemma githago)Taumel-Lolch (Lolium temulentum)
110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Mit den Namen alleine kommen wir nicht weiter, denn die sind hier fast alle ziemlich austauschbar, wurden aber auch für den Taumel-Lolch verwendet, wie sich durch Konrad von Megenberg rund 200 Jahre nach Hildegard belegen lässt (Buch der Natur, Cap. V.89).
Ausschnitt aus der Edition von Luft/Steer 2003.
110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Die Kornrade ist giftig und der Taumel-Lolch kann nach Pilzbefall giftig werden, daher auch der Trivialname. Beides sind Ackerunkräuter, was die Stellung des Kapitels nach den Ackerpflanzen wie Getreide, Hülsenfrüchte und auch Nutzhanf erklären würde. Also, Blume oder Gras?
Kornrade (Agrostemma githago) Taumel-Lolch (Lolium temulentum)
120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Peter Riethe nennt 2007 den Taumel-Lolch und bezieht sich dabei wohl vorrangig auf die Überlieferung seit der Antike. Reiner Hildebrandt sieht 2014 hingegen Kornrade und stützt sich alleine auf die Namen bzw. Synonyme in den Textzeugen. Wer liegt richtig?
Kornrade (Agrostemma githago) Taumel-Lolch (Lolium temulentum)
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Nigella meint im Mittelalter recht allgemein schwarze Früchte, das kann also auch ganz andere Pflanzen meinen, wie schon Hieronymus Brunschwig 1500 in seinem Kleinen Destillierbuch schreibt: bildsuche.digitale-sammlungen.de/index.html?c... Also Kornrade oder Taumel-Lolch?
120
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Wie schon bei Cap. 59, wo populäre Bücher gerne die Melisse sehen, will man hier offenbar eine heute populäre Pflanze in Hildegard hineininterpretieren und schaut sich dabei nicht einmal ihren Text an. So viel zum ganz allgemeinen Niveau der sg. "Hildegard-Medizin" seit den 1970ern.
Echter Schwarzkümmel (Nigella sativa)
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Die Glosse nigella ist wohl verantwortlich dafür, dass insbesondere in populären Büchern der Schwarzkümmel bevorzugt wird. Aber wie soll das zu Hildegards Text passen? Heiß und trocken, nützt keinem Menschen im Essen, er bekäme Beschwerden, auch dem Vieh taugt es nicht sonderlich.
Echter Schwarzkümmel (Nigella sativa)Acker-Schwarzkümmel (Nigella arvensis)
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Das erste strittige Kapitel in Hildegards Naturkunde ist 12 rado. Es steht zwischen den Ackerpflanzen (Cap. 1-11) und den exotischen Gewürzen (ab Cap. 13). Unsere Kandidaten sind dieses Mal: - Schwarzkümmel (Nigella) - Kornrade (Agrostemma githago) - Taumel-Lolch (Lolium temulentum)
Ausschnitt aus der kritischen Edition von Hildebrandt/Gloning 2010.

I-12
Rado / (Zizania) calida et arida est, et nulli homini in cibo valet, quia inde doleret. Pecoribus autem ad pastum nec prodest, 2 nec multum obest. 3 Si quis autem in capite ulcera habet, ita tamen quod grint / scabies non sit, radin tundat et tunso assum lardum conmisceat, et cum illo ulcera que in capite suo sunt sepe perungat, et ulcera illa emordet ac sanat, 4 quia acerbitas zizanie illa ulcera minuit, et feditas lardi feditatem illam aufert, et calor eius sanat. 5 Item qui scabiem in capite habet, zizania contundat, et eis modicum butyri addat, et cum his scabiem sepe perungat et curabitur. 6 Sed et radin tunde, 7 et mel ei conmisce, et ubi multe musce sunt in parietem linias, id est strich, 8 et musce que ex hoc gustaverint 9 infirmabuntur, et cadent et deficient.

Der Grundtext ist recte, der Zusatztext kursiv, deutsche Wörter fett. Die Ziffern zeigen, wo einzelne Textzeugen einsetzen oder ausfallen.
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Wir haben bei Hildegard also wahrscheinlich: 32 Sand-Thymian (Thymus serpyllum) 59 Echter Thymian (Thymus vulgaris) 216 Kopfiger Thymian (Thymbra capitata) Das Beispiel zeigt, dass Glossarien & Vokabularien bei Hildegards Pflanzennamen nur bedingt helfen, man sollte auch die Anwendungen anschauen.
Sand-Thymian (Thymus serpyllum)Echter Thymian (Thymus vulgaris)Kopfiger Thymian (Thymbra capitata)
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Entsprechend macht dann auch Hildegards Cap. 32 zu Quendel Sinn, dieser sei nämlich "warm und gemäßigt". Quendel ist ein allgemeiner deutscher Name für Thymian, aber speziell für den Sand-Thymian (Thymus serpyllum). Dieser wird noch heute in der Kinderheilkunde als mildere Alternative verwendet.
Sand-Thymian (Thymus serpyllum)
110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Hildegards Anwendungen in Cap. 216 passen zu dem, was Plinius (NH 21,157) und Dioskurides (DMM III.36) zum Kopfigen Thymian schreiben: äußerliche Anwendung bei Erkrankungen der Glieder und Gelenke. Es passt nicht ganz so gut wie Plinius zu Cap. 59, aber immerhin.
Kopfiger Thymian (Thymbra capitata)
110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Fast. Es ist wohl der Kopfige Thymian (Thymbra capitata), früher auch mal Thymus capitata und bei Linné zunächst Satureja capitata. Die arme Pflanze musste also seit 1753 mehrfach die Gattung wechseln, der gängige deutsche Trivialname blieb jedoch beim Thymian.
Kopfiger Thymian (Thymbra capitata)
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Tatsächlich hat Plinius (NH 21,154ff.) die medizinischen Aussagen Hildegards in ziemlich ähnlicher Form: Für die Klarheit der Augen, bei Bewusstlosigkeit und gegen Schwermut. Und eine wichtige Bienenpflanze ist es obendrein. Und was machen wir jetzt mit Cap. 216? Ist das ein anderer Thymian?
Echter Thymian (Thymus vulgaris)
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Problem: Hildegard hat auch Cap. 216 thimus und hier wird allgemein der Thymian angenommen. Einzig Reuß hat 1834 für Cap. 59 den Thymian vorgeschlagen, später aber nicht mehr. Der Name alleine bringt uns nicht weiter, wir gehen zurück ins 1. Jahrhundert zum älteren Plinius und zu Dioskurides.
Echter Thymian (Thymus vulgaris)
110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Schauen wir doch in Hildegards "Lehrbuch", dem Summarium Heinrici (11. Jh.), aus dem sie zahlreiche Namen für ihre Lingua ignota und die Naturkunde übernommen hat. Dort steht: Apiacum vel timum binisuga (SHA) bzw. Apiacu binesuga (SHB). Also vielleicht der Thymian?
Echter Thymian (Thymus vulgaris)
110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Für die Anwendung am Auge muss man das Kraut aber erst einmal eine Nacht lang in Quellwasser einlegen. Klingt das nach Taubnessel oder Immenblatt? Oder nach der Melisse, die nur wenig ätherisches Öl enthält? So wirklich überzeugt hat mich das nie.
Weiße Taubnessel (Lamium album)Melisse (Melissa officinalis)
110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Schaut man sich Hildegards Text an, so mag das nicht so recht zu den eher schwach wirksamen Lippenblütlern passen: Wer die Pflanze isst, lacht gern, weil ihre Wärme die Milz berührt und dadurch das Herz erfreut. Außerdem wird die Pflanze als Augenheilmittel gebraucht.
Augenoperation in BL MS Sloane 1975, f. 93, c. 1195.
110
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Binesuge ist Bienensaug, ein noch heute gebräuchlicher Volksname für Bienenpflanzen wie Taubnesseln, Immenblatt, Melisse usw., vorrangig also Lippenblütler. Und entsprechend nahmen fast alle Autoren der letzten 200 Jahre hier Taubnessel oder Melisse an.
Weiße Taubnessel (Lamium album)Immenblatt (Melittis melissophyllum)Melisse (Melissa officinalis)
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Dieses kleine Kapitel in Hildegards Naturkunde hat mir 10+ Jahre Rätselraten beschert, dabei lag die Antwort die ganze Zeit direkt vor meinen Augen. Das gilt allerdings auch für die gesamte Forschung seit 1817, den nur ein Autor hatte 1834 mal kurz die richtige Lösung. 59 binesuge
Ausschnitt aus der kritischen Edition von Hildebrandt/Gloning 2010.

I-59
Binesuge / (Apiago) calida est, 2 et homo qui eam comederit libenter ridet, quoniam calor eius splen tangit et inde cor letatur. 3 Sed cui wiza in oculo crescit, eam de terra eradicet, et iam eradicatam in aquam vivi fontis per noctem ponat, et tunc de aqua ablata in patella sueize / modice calefaciat, et ita calidam super oculum illum, 4 in quo albugo crescit, 5 ponat, et hoc per tres noctes faciat, et wiza 6 in oculo eius minorabitur, et 7 evanescet. 8 Nam in salienti fonte qui minus livoris alia aqua habet, calor eius temperatur et in eo infrigidatur, et sic ad ignem calefit, ut calore illo calor eius suaviter exsuscitetur, et sic malam coagulationem albuginis oculi aufert.

Der Grundtext ist recte, der Zusatztext kursiv, deutsche Wörter fett. Die Ziffern zeigen, wo einzelne Textzeugen einsetzen oder ausfallen.
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
Again, what are you talking about? This is one manuscript out of five full witnesses (besides several fragments), and it's some 100 years after Hildegard's death. None of them were written at Rupertsberg. See: www.degruyterbrill.com/de/document/... www.aschendorff-buchverlag.de/detailview?n...
100
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 05/09/2026
You may have fun with Hildegard's Lingua ignota. And in this case, there's a late 12th century codex from her own scriptorium. hlbrm.digitale-sammlungen.hebis.de/handschrifte...
100
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 04/09/2026
III.0.6 in the lower margin: diglib.hab.de/mss/56-2-aug...
010
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 04/09/2026
Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 56.2 Aug. 4°: diglib.hab.de/mss/56-2-aug...
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Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 04/09/2026
Hildegard nennt in III.0.6 zwar den Magen, schreibt aber in I.177, dass die Milz oft verantwortlich für Leiden des Magens sei. Wenn die Herleitung so stimmt, dann kannte Hildegard wohl eher die Deutsche Tamariske (Myricaria germanica) als "echte" Tamarix-Arten. Aber, wer weiß? Es ist Hildegard.🤣
Tamariske bei Hieronymus Bock, 1546.
050
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 04/09/2026
Bei Fieber im Magen wird das Holz in nicht erhitzten Wein gelegt und dieser dann häufig getrunken. Das passt recht gut zur Tamariske bei Plinius 24.67 und Dioskurides I.87, die Milzkranken einen Trinkbecher aus dem Holz der Tamariske empfehlen.
Mittelalterliche Darstellung des älteren Plinius.
140
Tobias Niedenthal @klostermedizin.de · 04/09/2026
Hildegard schreibt dem Baum gemäßigte Natur und Wärme zu. Seine Kraft liege vor allem im Holz, Rinde und Blätter seien für Arzneien kaum geeignet. Noch unbenutztes Holz wird in guten, reinen und nicht erhitzten Wein gelegt. Der Trank soll überschüssiges Blut und überschüssige Säfte mindern.
Herstellung von Wein in einer Handschrift des Tacuinum sanitatis.
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