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Auf allen Kanälen: Immer weiter mit QI und KI
Die Geschäftsleitung von Tamedia besteht neben CEO Jessica Peppel-Schulz aus vier mittelalten bebrillten Männern namens Simon, Marc, Jürg und Marcel. Sie werden an diesem Donnerstag Ende August nacheinander auf die Bühne gebeten. Dort stehen sie dann – vor einem überdimensionierten Tamedia-Logo, eingeklemmt zwischen Peppel-Schulz und dem Verleger Pietro Supino – und wirken selbst auch etwas verwirrt ob dem, was sie hier aufführen.
Viele der Tamedia-Mitarbeiter:innen – sie sitzen hinter Bildschirmen, die Veranstaltung wird gestreamt – hatten erwartet, an dieser Mitarbeitendeninformation (bei Tamedia heissen sie «All In») am 27. August über eine grosse Entlassungswelle informiert zu werden. Das berichten mehrere von ihnen. Der Zeitpunkt hätte gepasst: Vor zwei Jahren hat die Tamedia-Spitze versprochen, bis zum 30. September 2026 keine weiteren Personen zu entlassen.
Diese Veranstaltung ist dann allerdings eine zufällig wirkende Abfolge von einigermassen neuen Informationen und altbekannten Phrasen. Eine Abopreiserhöhung wird angekündigt. KI ist selbstverständlich stets präsent und stets auch eine Chance. Nicht zu verwechseln ist sie mit der QI (Qualified Interaction), von der ebenfalls viel gesprochen wird: Als QI wird ein Klick gewertet, der von einer zahlenden Kundin getätigt wird, die dann mindestens zehn Sekunden auf dem erwählten Content verweilt. Basierend auf den QIs werden Redaktor:innen bewertet: Maximum drei, Minimum ein Stern. So erzählen es Angestellte; Tamedia will dazu auf Anfrage keine Stellung nehmen. Sie erwarte von Redaktionen eine konsequente Ausrichtung der Berichterstattung auf diesen KPI (Key Performance Indicator), sagt Peppel-Schulz ihren Mitarbeiter:innen. Werde dem keine Folge geleistet, werde das Gespräch gesucht.
Dem österreichischen «Standard» hatte Peppel-Schulz im Juli noch gesagt: «Für mich gibt es einen einzigen KPI: die Mitarbeiterzufriedenheit.» Nach diesem Indikator geht es Tamedia wohl schlecht. Das Unternehmen lässt periodisch eine Befragung zur Zufriedenheit der Mitarbeiter:innen durchführen, Auszüge der Resultate vom Juli liegen der WOZ vor. Darin ist von einer «Totengräberstimmung» auf den Redaktionen die Rede – und von der permanenten Angst vor Entlassungen.
In der Fragerunde nach der Mitarbeitendeninformation – sie findet auf einer App statt – ist der präsentierte Inhalt kaum Thema. Hartnäckig ploppen stattdessen Fragen nach geplanten Kündigungen auf. Beantwortet werden sie maximal ausweichend. Einen Stellenabbau könne sie «zu keinem Zeitpunkt ausschliessen», sagt Peppel-Schulz. Aber bevor die Mitarbeiter:innen informiert würden, müsse man «Fakten schaffen». Angst, gibt sie ihren Mitarbeiter:innen noch mit auf den Weg, sei nach ihrer Erfahrung kein guter Begleiter.
Ein blosses Gerücht war die geplante Entlassungswelle kaum. Auch Idris Djelid, Zürcher Regionalsekretär bei der Mediengewerkschaft Syndicom, sagt: «Wir haben das Gefühl, dass etwas im Busch ist. Aber falls es schon konkrete Pläne für einen Ab- oder Umbau gibt, wurden wir bisher nicht miteinbezogen.» Syndicom sei lediglich Anfang Juli zu einem Austausch eingeladen worden. Dort habe er nach geplanten Kündigungen gefragt, sagt Djelid. Solche Pläne seien auch Syndicom gegenüber weder bestätigt noch dementiert worden. Ein weiteres Treffen, das für den 2. September – wenige Tage nach der letzten Mitarbeitendeninformation – angesetzt war, habe die Tamedia-Spitze ohne Begründung verschoben.
Die Person, die eine Entlassungswelle hätte managen müssen, hat im Sommer das Handtuch geschmissen: Die ehemalige Human-Resources-Chefin Arzu Güzelgün sagt gegenüber der WOZ, sie habe ihre Position verlassen, weil sich die «Rolle und Ausgestaltung des HR im Verlauf des letzten Jahres weiterentwickelt» habe. Sie wolle sich «beruflich neu orientieren».
Ob für den 27. August Entlassungen geplant waren und falls ja, von wem der Marschhalt angeordnet wurde und wie dauerhaft dieser sein wird: Tamedia will diese Fragen nicht beantworten, man befinde sich «in einer laufenden Transformation». Auch die Personalkommission hält dicht. Deren Präsidentin Liliane Minor sagt, sie wolle sich dazu nicht äussern. Sie verweist nur darauf, dass eine Entlassungswelle ein Verwaltungsratsentscheid sei. Auch sie nehme eine «gewisse Angst und Misstrauen» in der Belegschaft wahr. Diese erachte sie als «für ein befreites Arbeiten nicht förderlich».
Am 30. September steht die nächste Mitarbeitendeninformation an. Was dort zu erwarten ist? «Für uns und die Angestellten ist das eine Blackbox», sagt Idris Djelid von Syndicom. «So wie die Tamedia-Redaktionen auf KI getrimmt werden, muss früher oder später fast nochmals eine grosse Entlassungswelle kommen. Die Frage ist, wann. Und wie gross sie sein wird.» ●