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Hazel Rosenstrauch trennt sich von ihren Büchern – oder will es
* Kartons des kanadischen Startups ZoomBooks – www.zoombooks.ca
## Weinend verstoße ich meine Bücher
Durch den Hinweis einer Freundin bin ich auf „zoombooks“ gestoßen. Erstaunt lese ich, wie Millionen Bücher gerettet werden. „Zoombooks gives your books a second life […]. Every item we handle is sorted for resale, reuse, or responsible recycling — supporting literacy, reducing waste, and strengthening communities“. Von diesem Fund klicke ich mich weiter zu „Lesekauz“ und erfahre, dass diverse deutsche Buchhandlungen und Antiquariate in letzter Zeit viele Bestellungen, auch für Ladenhüter und eher abseitige Titel, bekommen haben. Was damit passiert, wie sie recycelt werden oder ob die Literalität künftiger Generationen befördert wird, konnte ich noch nicht herausfinden, vermutlich werden die Bücher an AI verfüttert.
Viele meiner Freunde kennen und haben das Problem – sie sind Leser, sind alt, ihre Bücherschränke quellen über, sie müssen oder wollen reduzieren. Bücher sind bekanntlich nichts mehr wert. Immer wenn ich bei der Stadtbibliothek vorbei gehe, stehen dort zwei bis drei Wägelchen voll mit aussortierten Büchern, davor das Schild „Flohmarkt“, man kann sie mitnehmen – die Umlaufgeschwindigkeit zwischen Neuerscheinungen und „veraltet“ ist wohl zu groß.
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Der befreundete Antiquar, ehemals mein Schüler, hat gerade mal fünf Bücher seines Geschäfts für wert befunden, sehr alte Bücher, die ich selbst geerbt hatte. Bei jedem Buch, das sich von mir entfernt, blutet mir das Herz. Am liebsten bringe ich Bücher, die es über die Schwelle schaffen, in den „Medienpoint“, ein gemeinnütziges Büchertauschzentrum, Kunden dürfen jeweils drei Bücher mitnehmen und oft habe ich fünf Bücher hingebracht und dann doch ein oder zwei mitgenommen. Die Leute dort sind freundlich, Ehrenamtliche, die sich bedanken. Anders als bei Oxfam, auch um die Ecke, wo meine Gaben mit spitzen Fingern angefasst werden. Manches bringe ich in eine dieser umfunktionierten Telefonzellen (ach, wie lange ist es her, seit wir alles „umfunktionieren“ wollten). Demnächst besuche ich das Café Morgenstern, in dem Besucher „ein breites Bücherangebot erwartet“. Vielleicht erprobe ich auch „rettetbücher“, ab 200 Stück holen sie Guterhaltene ab. Nicht nur wirft man Bücher bekanntlich nicht weg, sie werden auch nicht mehr verbrannt – bestenfalls auf einen großen Haufen geworfen, wie nach 1990, als das „Leseland DDR“ abgewickelt wurde.
Die Idee war, dass ich zwei bis vier Regale frei räume, um dort hinein zu stellen, was ich behalten will. Dann kann ich einem Händler oder Abholer sagen, alles andere kann weg. Auf dem Rückweg von der umfunktionierten Telefonzelle versuche ich auszurechnen, wie lange es dauern würde, bis die vier oder doch fünf Regale leer sind, wenn ich jeden Tag fünf Bücher wegbringe. Besonders belastend für mein Gewissen sind die Bücher von Freunden. Es sind meist Autoren mittlerer Reichweite, keine Promis mit hohen Auflagen, umso eher sind ihre Bücher mit Herzblut verfasst, oft in wenig bekannten Kleinverlagen publiziert. Kann, darf man so etwas weggeben – und was, wenn eine Widmung die Innenseite ziert?
Zu den traurig-schönen Nebenwirkungen der Aktion gehört der Staub, gehören aber auch Entdeckungen, Erinnerungen und der dringende Wunsch, in dieses oder jenes Buch noch einmal reinschauen zu wollen. Sonderdrucke aus meinem früheren Leben fliegen mir entgegen, Lesezeichen, Postkarten, die ich als Lesezeichen genutzt habe, darauf die Nachricht einer längst verstorbenen Freundin aus Zeiten, in denen wir gemeinsame Sorgen und Interessen hatten, die inzwischen banal sind. Zwischendurch fröne ich dem Vergnügen, Klappentexte zu lesen, erinnere, lächle, schüttel den Kopf – ich scrolle nicht, aber ich zappe. Soll ich, statt auszusortieren, zu Hause bleiben und nur noch lesen, so lange das Auge reicht?
Eines der Lesezeichen ziert das Kafka-Zitat: „Man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen“. Welch hilfreiches Kriterium für meine Unternehmung. Es gibt allerdings auch Bücher, die gefallen mir, auch wenn ich sie nicht lese, Versprechungen auf Genuss, den ich mir aufhebe. Neben dem Bett liegt bzw. lag „Desertion“ von Abdulrazak Gurnah, ich habe es irgendwann aus England mitgebracht und das ist länger her als die Verleihung des Nobelpreises an ihn. Da es viele Jahre unberührt dort stand bzw. lag, gab ich es weg, wie dumm, jetzt hätte ich Lust darauf. Und dieses Buch von Lothar Müller über „Die Epoche des Papiers“ will ich unbedingt zu Ende lesen. Wieso hängen da Spinnweben dran? Von ihm habe ich nicht alles, aber vieles gekauft und nur manches gelesen.
Da gibt es noch dieses Regal mit „Wertvollem“, im Schrank hinter Glas. Empört habe ich zur Kenntnis genommen, dass sogar die Gesamtausgabe von Karl Lamprecht, Weidmannsche Buchhandlung 1914 ff., so gut wie nichts wert ist. Meine Mutter hatte mir die 66 cm fordernden Bände zum 40. Geburtstag geschenkt, zusammen mit der hübschen Geschichte, wie sie diesen Schatz gefunden hatte. Bei einer Veranstaltung in einem Hotel waren die Räume mit „wertvollen Büchern“, d.h. mit schönen Buchrücken ausgestellt, dort entdeckte sie die Bände und machte einen Deal mit dem Hotelbesitzer, sie versprach ihm Bücher im gleichen Volumen mit noch schöneren Rücken. Auf den innerhalb der deutschen Geschichtsschreibung ungewöhnlich liberalen Historiker hatte mich seinerzeit Rolf Engelsing, „mein“ Professor an der Freien Universität aufmerksam gemacht. Da ich immer noch gerne alles überprüfe, stelle ich fest, dass es von ihm keinen Wikipedia-Eintrag gibt – ich habe das inzwischen nachgeholt.
Belletristik ist bei mir alphabetisch geordnet, es ist ein weiter Weg von A bis Z mit senkrecht und quer liegenden Bücher einschließlich der Schuber mit gesammelten Werken, die ich nie alle gelesen habe – Proust, Qualtinger, Tucholsky, Twain, Varnhagen – er und sie. Schöne DDR-Ausgaben von Klassikern – deutsches Kulturgut wie Kleist oder Grimmelshausen, sind dabei. Wir mussten ja beim Grenzübertritt von West- nach Ostberlin jedes Mal DM 20.- wechseln, natürlich trug ich sie in die Buchhandlung.
Den Shakespeare-Band, den mir Maggi vor Jahren zu einem Weihnachtsfest geschenkt hat, werde ich behalten, Henry Mayhew, _Die Armen von London_ auch – sie berühren eine ganz andere Sentimentalität, London, dachte ich lange, wäre noch ein Ort, an den ich fliehen könnte, aber auch das ist vorbei. Kommt in den derzeit Aufsehen erregenden Büchern über Juden in der DDR überhaupt vor, dass 1975, in einer zweiten, billigeren Ausgabe nochmals 1981, ein Band mit jüdischen Witzen herausgekommen ist? Bei aller Liebe und Bedeutung, die Robert Musil für mich hatte, brauche ich keine drei Ausgaben und behalte die in drei Bänden zerschnittene, die mein Vater vor vielen vielen Jahren aus einer aufgelassenen Leihbibliothek nach Hause gebracht hat.
Ivan Bunins Werk über Čechov habe ich wieder aus dem Rucksack genommen – ich bin seinerzeit beim Lesen nicht weit gekommen, es war mir zu schwierig, weil ich zu wenig von den Umständen und den Nebenfiguren weiß – aber vielleicht werde ich doch noch einmal weiterlesen wollen? Jetzt liegt es neben der Tür, die ins Vorzimmer führt, dem Ort, von dem er ins Exil geschickt wird, sobald ich mich entschieden habe. Andrzej Stasiuks Galizische Geschichten könnte ich R. schenken, der ein Faible für bärtige Juden hat. In Stasiuks Nachbarschaft stoße ich auf erstaunlich viele Bücher aus und über diesen Landstrich, wieso? Hat das Interesse und die Sammlung mit sentimentaler Verbundenheit zu tun, obwohl ich keine Wurzelsucherin bin? In der „Kleinen galizische(n) Bibliothek“ entdecke ich Theodor Lessings _Eindrücke aus Galizien_ , darin eine Reportage über seinen Besuch in einem galizischen Stetl – ich habe den Text gelesen und ein Dankesgebet ausgestoßen, froh, dass ich nicht Anfang des 20. Jahrhunderts dort gelebt habe – wie meine Großmutter. Lessing hat damals scharfe Kritik von Mitjuden geerntet, das Bild, das er von polnischen Juden malt, ist so elend und traurig, dass ich erwäge, den Band unter Verschluss zu halten, um es vor Missbrauch zu schützen.
Andrzej Szcypiorski (_Nacht, Tag und Nacht_) fand ich im „Medienpoint“, hatte es mitgenommen und gemerkt, dass es, wenn auch in einer anderen Ausgabe, in meinem Regal steht, aber der Buchstabe S ist so weit oben, das Klettern mit der hohen Leiter umständlich, außerdem erinnere ich mich nicht an die Lektüre. Jetzt setzt sie Assoziationen frei, die mich an Joshua Cohen, _The Nethanyahus_ , erinnern. Ich fürchte, ich hab das entsorgt, natürlich passiert es, dass ich etwas nachschauen will, das in anderer Leser Hände gewandert ist.
Mittlerweile vermute ich, dass mich in der Nähe der „umfunktionierten“ Telefonzelle jemand beobachtet – es liegt ja, unter uns gesagt, viel Schrott dort, wenn ich auf dem Weg zum Markt etwas ablege und am Rückweg in die Zelle blinzle, sind meine Bücher weg. Ob sie jemand bei amazon oder medimops verhökert? Möge es ihm oder ihr wohl bekommen. Die Gewinne bewegen sich zwischen € -,50 und € 3,00, ich bin zu bequem, um Bücher einzutragen, Rechnungen zu schreiben und zu verschicken.
Das leergeräumte Regal füllt sich mit „Freunden“, die ich unbedingt behalten will. Celine schuldet mir seit langem zwei Bücher, die mir wichtig sind – soll ich sie mahnen oder im Geiste des Minimierens großzügig auf die Rückgabe verzichten? Habe ich Wolfgang beleidigt, weil ich ihn gebeten habe, mir keine Bücher mehr zu schicken, obwohl ich doch tags zuvor wieder eines bei booklooker bestellt habe? Es ist eine Sucht – „wir“ sollten nicht über Kids, die Serien suchen und Menschen, die sich ständig über ihre Mobilgeräte beugen, lästern.
Ach, es ist unsinnig, die Bücher einzeln in die Hand zu nehmen. Einfacher wäre es, ein Antiquar käme vorbei, wie seinerzeit nach dem Tod meiner Eltern, als Bücher noch pekuniär interessant waren. Noch kann ich mich nicht entschließen, das gemeinnützige Speditionsunternehmen mit dem Abtransport weiterer 50 oder 100 Kisten zu beauftragen. Unter dem Tisch liegen die Kinderbücher, die Rolf geschrieben und mir geschenkt hat. Auf dem Beistelltischchen und darunter Gemischtes, das Regal mit der Fachliteratur habe ich noch gar nicht ins Visier genommen. Für die wertvollen oder wertvoll gewesenen Bände der „Andere Bibliothek“, die ich mitnehmen durfte, als ich dort veröffentlichte, könnte ich wohl noch ein paar Märker oder Schilling, wie man früher sagte bekomme – soll ich mich doch auf den online-Verkauf einlassen? In dem sehr hohen Regal sind gerade erst drei Fächer frei und das ist nur ein Zimmer.
Wundersam wenig Gefühl hängt an den Büchern von einst wichtigen Autoren der sogenannten „68er“ – F.C. Delius, Peter Schneider, Ulrich Enzensberger und anderen wichtigen Männern. Christoph Meckels _Suchbild über meinen Vater_ blättere ich auf, schlage Seite 26 auf und finde: „Eine Notwendigkeit (auf die 30er und 40er Jahre einzugehen) war nicht vorhanden.“ Er berichtet über eine schadhaft gewordene private oder kollektiven Identität, und ich weiß wieder, dass Kriegsneurosen, Schuldgefühle oder Reflexion damals noch rar waren. „Die Mehrzahl der Deutschen flickte an seelischen und materiellen Löchern herum“.
Väterbücher von Söhnen meiner Generation haben mich nicht gebissen. Viele Titel aus dieser Zeit sind veraltet, und doch – es gab trotz Zersplitterung, Sekten und Konkurrenz einen gemeinsamen Denkzusammenhang. Wir haben ähnliche Bücher gelesen und darüber diskutiert. Wenn ich im Netz nach „Alt-68er“ suche, bekomme ich interessanter Weise zuallererst Rückblicke, Ein- und Zuordnungen, von Literatur (im Sinne von Belletristik) ist weniger die Rede, die war nicht zentral und zeitweise verpönt. Frauen sind in meinem Bücherschrank zwar zahlreich vertreten, sie waren, wenn ich bei Literatur aus den 60er und 70er Jahren bleibe, oft aus der DDR oder aus den USA. Wenn westdeutsch, ging es nicht um Identität oder die Monatsblutung, sondern um den § 218, Kinderläden und Emanzipation – noch nicht die der Männer. Agnes Heller sollte ich doch nochmal anschauen. _Der Mensch der Renaissance_ , und erst recht _Das Leben ändern_ über radikale Bedürfnisse, _Frauen und Utopie_ , bei amazon immerhin € 6,12 wert. Im neufeministischen Diskurs spielt sie meines Wissens keine Rolle. 1981 erschienen, als Reflexion über Freiheit, Moral und Vernunft ein wichtiges Erbe, die Auseinandersetzung mit Marxismus wohl doch überholt, aber Genderforscherinnen könnten Stoff für vergleichende Identitätssucherei daraus gewinnen – historisch, geschlechtlich, nach Herkünften geordnet.
Es ist zum Verzweifeln, ich komme nicht weiter, weder mit der Arbeit, noch mit den Überlegungen, ob überhaupt und wenn, wie ich es anstellen soll. Heimlich beweine ich den Abschied von den viereckigen Freunden und zweifle an dem Vorhaben, gebe auf, fange wieder an, raufe mir die Haare und packe wild ohne genauere Prüfung zu. Eine alte Regel, die nicht immer stimmt, behauptet: Wenn man nicht mehr weiß wie es weitergehen soll, geht manchmal ein Türchen auf. Mir fiel ein, dass Dorothea Rein, die kluge und mutige Verlegerin der „Neuen Kritik“, inzwischen ein Antiquariat hat – leider in Frankfurt. Sie sammelt und verkauft jene Art von Büchern, die sich in meinen Schränken stapeln. Natürlich gebe ich die Bücher lieber zu ihr als zu einem Händler, für den sie nur Ware sind. Also frage ich im Freundeskreis herum, und ja, Elke und Dirk fahren in die Gegend und können 8 – 10 Kisten mitnehmen.
Als der großgewachsene Helfer kommt, gehe ich endlich systematisch vor, beginne ganz oben, während Mathias die Leiter hält (Altbauwohnung, Höhe 3,80 Meter). A wie Arendt, Amery, H.C. Artmann und Raymond Aron könnten in ihr Portfolio passen. Brecht nicht, die gesammelten Werke vernutzen über einen Meter, wie all die Lexika, die nichts mehr wert sind. Aber Zygmunt Baumann, Ernst Bloch, Martin Buber, Walter Boehlich und John Berger kommen in die Kiste. Mein Doktorvater Hermann Bausinger bleibt hier, Bove, Broch, Bulgakow, Bellow auch, de Bruyn sowieso, Belletristik ist für Dorotheas Antiquariat nicht so interessant. Ich erlaube mir den Scherz und schaue im Netz nach, was meine Manesse-Ausgabe von Boccaccio, _Der Decamerone_ , bei Gebrauchtwarenhändlern kostet und siehe da, € 24,- ist der immerhin wert. C wie Cervantes, Bruce Chatwin, Erwin Chargaff, Joseph Conrad, Paul Celan und die vielen Čechovs und Tschechows bleiben hier, für die „schöne Literatur“ suche ich noch einen Ort oder lesende Liebhaber.
Felix, der knapp 60 Jahre jünger ist als ich, darf sich bei jedem Besuch etwas mitnehmen, bei ihm bin ich sicher, dass die Sachen in gute Hände kommen. Eva bringt zwei Bücher zurück, die ich ihr geborgt hatte, Bücher, die zum gemeinsamen Nachdenken gehören, das selten genug geworden ist. Ich überlege, wem ich die weitergeben könnte. Vom Gespräch über Janine-Marie Calic‘ _Balkan-Odyssee_ kommen wir zu Joskos Kinder, wodurch ich an Peter Moses-Krause erinnert werde, der in seinem Arsenal-Verlag eine Reihe „Bücher des 9. November“ herausgegeben hat, darin Josef Indigs Bericht über diese abenteuerliche Rettungsaktion zwischen Kroatien, Slowenien, Italien, der Schweiz und Palästina. Den Arsenal-Verlag gibt es nicht mehr, Peter ist verstorben, manche seiner Autoren und Themen werden jetzt neu entdeckt.
Wie bei der Neuedition von Gabriele Tergit (bei Schöffling) fehlen bei den Neuentdeckungen oft Hinweise auf frühere Herausgeber. Als Bücher über Exil und Flucht „damals“ noch kein lukratives Thema waren, brauchte es noch Mut und Engagement. Wieder frage ich mich, wieso in der Erinnerungskultur so viel von reichen und von toten Juden erzählt wird, weit weniger von den oft abenteuerlichen Fluchten mit Bestechung, Schleppern, viel Mut – auch damals.
Im Schlafzimmer oben rechts auf der Kommode liegt seit Jahren ein Stapel ohne festen Wohnsitz. Zwecks näherer Besichtigung trage ich ihn auf den Balkon und stelle fest, dass interessante Sachen dabei sind, die ich durchschauen sollte. Es gibt noch eine Kammer, auch dort ein Regal, in dem stehen neben wertvoll gewesenen Kunstkatalogen die Bücher der Verlage, in denen oder für die ich gearbeitet habe. Ach, _Menura, prächtiger Vogel_ _Leierschwanz_ , ein so schönes Buch, mit einer CD, auf der Gesänge männlicher Prachtleierschwänze zu hören sind, noch nicht so alt, 2018 bei der Friedenauer Presse neu aufgelegt. Das kann ich als Geschenk zu Kerstin und ihren australischen Freunden mitnehmen – Ambrose G.H. Pratt ist Australier. Unter dem Gesichtspunkt der Verschlankung ist das allerdings lächerlich, es ist eine schmale Broschur fast ohne Gewicht. Daneben stehen andere besonders schöne, besonders mit Gefühlen und Erinnerungen behaftete Bücher aus verschiedenen Kleinverlagen, sie lachen mich an, schmeicheln, wollen hier bleiben.
Clemens meinte, gib weg, was Du nicht innerhalb des nächsten Jahres lesen wirst. Das könnte für all die Bücher gelten, die ich vor Jahren in einem eigens für baldige Lektüre gedachten kleinen Regal nahe dem Lesesessel deponiert habe. Mögen sie in anderer Fans Hände gelangen. Die Biographie der Niederlande von Geert Mak wäre etwas für Lena, die nach Rotterdam ausgewandert ist, das Lesezeichen verrät, dass ich nicht weiter als bis Seite 60 gekommen bin, nur würde sie das Buch vermutlich lieber im Original lesen. Also kw, kann weg. Jedes Buch in die Hand zu nehmen ist Quatsch, aber unterhaltsam. Mir fällt wieder ein, dass ich umgekehrt vorgehen wollte, ein paar Regalbretter mit den Büchern füllen, die ich behalten will. Immerhin sind die Stalagmiten vor dem großen Regal im Wohnzimmer abgeräumt, ein Teil davon wandert in die leergeräumten Regale, die nun wieder nicht mehr leer sind.
Der Postbote klingelt – und was bringt er? Ein Buch. Zwei Tage später erwische ich den DHL-Fahrer mit einem Paket in der Hand. Für wen – für mich. Was ist drin – zwei Bücher. Es sind Rezensionsexemplare, Antiquarisches und Geschenke, keine amazon-Bestellungen. Irgendjemand, vermutlich ich selbst, sabotiert meinen Plan.
Acht Kisten sind auf dem Weg nach Frankfurt. Es ist ein zaghafter Anfang, Allmählich stellt sich auch Freude ein, Gedanken an Sisyphus und wachsende Lust, noch energischer aufzuräumen. Noch scheue ich mich, die 3 1/2 Meter hohen Schränke in drei Räumen wirklich zu leeren. Wie soll ich dann weiterleben? Falls ich den Mut, die Kraft und Nerven behalte und weiter minimiere – was geschieht dann mit den schönen Schränken, die ich seinerzeit, als ich noch bei Kasse war, von der befreundeten Tischlerin machen ließ? Wenn ich sie verkauft oder verschenkt habe, werde ich sie, in Erinnerung schwelgend, mit den imaginären Büchern füllen, von denen Elmar Schenkel in dem Band _Die Madonna des Zufalls_ erzählt. In einer Widmung an mich steht „für Hazel, die mir einen Stein in den Weg legte, so daß ich springen lernte“. Mit ß, also auch schon lange her, wir haben ewig nicht voneinander gehört, ich werde Kontakt zu ihm aufnehmen und fragen, ob er mich das Springen lehren kann.
PS: Noch kann ich mich nicht durchringen, die Möglichkeiten moderner Technik auszuschöpfen, wie mir geraten wird: „Bücherregal fotografieren, mithilfe von AI (nicht KI, das englische intelligence impliziert die Bedeutung Spionage) ein Verzeichnis/Zettelkasten offline anlegen.“ Dann könnte ich das Bücherregal an eine leere weiße Wand projizieren und (fast) jedes Buch aus dem Netz fischen oder gar mir vorlesen lassen. Vorerst denke ich noch über den Unterschied zwischen imaginär und virtuell nach.
* * Eines der Lager des kanadischen Startups ZoomBooks
* www.zoombooks.ca
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* _**Hazel E. Rosenstrauch** , geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs._
* _Ihre Internetseitehier: www.hazelrosenstrauch.de_
* _**Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber** **Stern und rote Windeln.** Diesterweg Edition_. Hier bei uns besprochen: Heimatforschung. Die Freude an der Unzugehörigkeit. – Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“
_**Ihre Texte** bei uns im CulturMag **hier**._
_Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“hier besprochen._ _Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier._ _Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“._