Stellungnahme von S4F zum Ausbau der A9 südlich von Graz: Es gibt Alternativen, die der Bevölkerung wirklich nützen können www.scientists4future.at/2026/09/27…
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Stellungnahme von S4F zum Ausbau der A9 südlich von Graz: Es gibt Alternativen, die der Bevölkerung wirklich nützen können
Besser als die A9 auszubauen wäre es, das Grazer Becken als Stadtregion mit „gezieltem Ausbau von öffentlichem Verkehr, Rad- und Fußverkehr als Rückgrat einer zukunftsfähigen regionalen Mobilität“ zu entwickeln, wie es in der steirischen Landesplanung ja bereits vorgesehen ist. Das würde der Bevölkerung mehr Vorteile bringen als der geplante dreispurige Ausbau der A9 Pyhrnautobahn südllich von Graz. Dieser kostet wertvollen landwirtschaftlichen Boden, behindert die Entwicklung des öffentlichen Verkehrs und verschlechtert die Lebensqualität der Anrainergemeinden. Zu diesem Schluss kommt eine Stellungnahme von Scientists for Future. Zielgerichtete Investitionen in Investitionen in zukunftsorientierte Bereiche, etwa in Bildungs- und IT-Infrastruktur, bringen wesentlich größere Effekte für die Entwicklung einer post-fossilen Wirtschaft in der Region als Straßenausbauprojekte.
Hier die von der Fachgruppe Mobilität und Stadtplanung ausgearbeitete Stellungnahme im Wortlaut:
## **Ausbau der A9 Pyhrnautobahn südlich von Graz**
**Rekord-Hitze, Dürre, brennende Wälder, Gletscherschmelze: Trotz dieser offensichtlichen Wirkungen der voranschreitenden Klimakatastrophe betreiben die Regierungen auf Bundes- und Landesebene Straßenbauprojekte, die eben diese Entwicklungen befeuern.** SCIENTISTS FOR FUTURE ÖSTERREICH **verweist auf den Stand der Technik und der Wissenschaft und fordert die Politik auf, statt des Autobahnausbaus ein zukunftsfähiges Mobilitäts- und Raummodell für den Süden von Graz umzusetzen.**
Verkehrsminister Hanke hat im September 2025 die ASFINAG mit der Planung des Ausbaus der A9 Pyhrnautobahn südlich von Graz beauftragt1. Zwischen der Anschlussstelle Wildon und dem Knoten Graz-West soll die Autobahn auf jeweils drei Spuren pro Fahrtrichtung erweitert werden. Der Raum südlich von Graz ist von einer dynamischen Urbanisierung geprägt. Die Gemeinden greifen in ihrer Expansion massiv auf landwirtschaftliche Flächen zu, und transformieren diese zu Gewerbe- und Wohngebieten. Zudem hat sich entlang der Nord-Süd-Achse, bestehend aus B67, A9, Südbahn und Koralmbahn eine fast durchgehende Logistikzone entwickelt. Alle diese Nutzungen sind typologisch auf die Erschließung durch den Auto- und LKW-Verkehr ausgelegt. Die meisten Logistikbetriebe in diesem Raum, darunter auch das Paketverteilzentrum der Post in Kalsdorf, verfügen über keine Gleiszugänge. Schnittstellen zum Schienenverkehr sind die regionalen Bahnhöfe und das Güterterminal Werndorf.
## **Der A9-Ausbau führt zu drastischem Verlust wertvoller Bodenflächen**
Durch die zusätzlichen Spuren werden rd. 12 ha Bodenfläche zusätzlich versiegelt. Darüber hinaus regt der Ausbau der Autobahn die weitere Ausbreitung von autoaffinen Nutzungen und neuen Verkehrsflächen an. Damit kommt es zu zusätzlicher Bodenversiegelung, weit über das Ausmaß des Autobahnausbaus hinaus. Laut Auswertung des WWF2 stieg in der Steiermark der Bodenverbrauch seit 2016 rund dreimal so stark wie die Einwohnerzahl. Mit jeder verbauten oder versiegelten Fläche gehen Lebensräume und landwirtschaftliche Bö- den verloren. Damit werden die Möglichkeiten Österreichs zur Eigenversorgung mit Lebensmitteln reduziert. Neue Verbauung verringert zudem die Fähigkeit der Böden, Wasser zu speichern, das lokale Klima zu regulieren und Lebensraum für Tiere und Pflanzen zu bieten. Dadurch verschärfen sich auch die Folgen von Hitze, Starkregen und Trockenheit. Die Stadtregion Graz wird in besonderem Maß von den Folgen des Klimawandels betroffen sein. Bereits heute zählen Graz und sein Umland zu den heißesten Regionen Österreichs mit einer stark steigenden Zahl an Hitzetagen. Dichte Besiedlung, versiegelte Flächen und eingeschränkte Luftzirkulation verschärfen die Auswirkungen3.
## **A9 und A2 werden zu „Stadtautobahnen“ und verschlimmern die Verkehrssituation**
Die Verstädterung im Grazer Becken hat dazu geführt, dass der betreffende Abschnitt der A9 in hohem Maß vom regionalen Verkehr genutzt wird, d.h. vom Alltagsverkehr mit PKW und vom LKW-Verkehr, der von den Logistikbetrieben ausgelöst wird. Dazu kommt der Pendlerverkehr aus den angrenzenden Bezirken Leibnitz und Südoststeiermark. Der Transitverkehr, der einst das Hauptargument für den Bau der A9 Pyhrnautobahn darstellte, spielt heute im betreffenden Abschnitt eine untergeordnete Rolle. Bei fortschreitender Siedlungs- und Gewerbeentwicklung nach dem bisher praktizierten Muster verändert sich der Charakter des Gebiets weiter in Richtung einer gemischt genutzten Stadtregion mittlerer Dichte, in der die Freiflächen zunehmend insulären Charakter haben. Die A9 und die nördlich querende A2 Südautobahn übernehmen darin die Funktion von Stadtautobahnen, die eine autobasierte Lebensweise verfestigen, zulasten der öffentlichen Verkehrsmittel und des alltäglichen Fuß- und Radverkehrs. Dazu kommt der verstärkte Anreiz zum PKWPendeln in Richtung des Stadtgebiets von Graz, wo mit einer erhöhten Belastung zu rechnen ist, die den städtischen Mobilitätszielen widerspricht.
## **Der Autobahn-Ausbau führt langfristig zu einer Verschlechterung der Lebensqualität in den Anrainergemeinden. Die versprochene Verbesserung tritt nicht ein**
Die Steiermärkische Landesregierung argumentiert: „Die dauernde Überlastung der A9 schadet der Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene über das Cargo Center Graz“ und „führen zu einem massiven Ausweichverkehr ins untergeordnete Straßennetz, also auf Landes- und Gemeindestraßen.“4 Der Ausbau wird als Maßnahme zur Sicherung der Lebensqualität in den Gemeinden dargestellt. In dieser Betrachtung werden zahlreiche, auf dem Stand der Verkehrswissenschaft beruhende Aspekte ausgeblendet:
* Erstens, dass der Ausbau des hochrangigen Straßennetzes die Nutzung des Autos für alltägliche Wege erhöht (induzierter Verkehr).
* Zweitens, dass der Ausbau einen verstärkten Zulaufverkehr zu den Anschlussstellen generiert, der zwangsläufig auch die Ortsdurchfahrten belastet.
* Drittens, dass dieses hochrangige Angebot zu _Lock-In-Effekten_ führt, indem es autobasierte Standortentscheidungen und Verhaltensweisen verfestigt. Dadurch entsteht eine lang wirkende _Pfadabhängigkeit_ im Verkehrssystem.
Was die Lebensqualität betrifft, ist erwiesen, dass die Reduktion des Autoverkehrs, einhergehend mit dem Umstieg auf die öffentlichen Verkehrsmittel, mit dem Gehen und Radfahren, gro- ßen Zugewinn an Lebensqualität und gesundheitlichem Nutzen mit sich bringt, und zwar sowohl für Nutzer und Nutzerinnen selbst, als auch für die Bewohner und Bewohnerinnen entlang der Verkehrswege.
## **Die vereinfachte, verkehrstechnische Betrachtung durch die Politik wird der Realität nicht gerecht, die beauftragten Studien halten einer kritischen Prüfung nicht stand**
Die Landespolitik bezieht sich in ihrer Befürwortung des A9-Ausbaus auf eine Studie der TU Graz aus dem Jahr 2023, die unter Annahme umfassender ÖV- Ausbaumaßnahmen im Grazer Süden die Entwicklung des Kfz-Verkehrsaufkommens mit und ohne zusätzliche Spuren auf der A9 modelliert hat5.
Demnach würde mit dem Horizont 2040 die durchschnittliche Auslastung der A9 ohne Ausbau von 103% (Stand 2022) auf 108% zunehmen, mit Ausbau würde sie bei 78% liegen. Das Verkehrsaufkommen würde in diesem Fall um 21,6% zunehmen – von derzeit 77.600 auf 95.600 KFZ/24h. Dem gegenüber wird am Beispiel der Landesstraße B67 im Raum Feldkirchen ein Rückgang des parallelen Verkehrs um rd. 5% prognostiziert.
Die Studie fokussiert auf die politisch gewünschte Maßnahme und stellt die damit einhergehenden Wirkungen aus rein verkehrstechnischer Sicht dar. Es werden keine lokalen Umweltwirkungen oder Ressourcenfragen behandelt. Betreffend den CO2- Effekt wird auf die Veränderung durch E-Mobilität und auf den energetisch effizienteren Verkehrsfluss auf Autobahnen verwiesen – was allerdings auch beim Nicht-Ausbau der Fall wäre.
Die Landespolitik begnügt sich mit dieser selektiven Darstellung einer vielschichtigen Problematik und baut darauf ihre Forderungen in Richtung Bundesregierung. Die Zunahme des Kfz-Verkehrs in diesem Raum wird als unabwendbare Tatsache akzeptiert. Ihre institutionelle Verantwortung für nachhaltige Siedlungsentwicklung, Naturschutz und Ressourcenschonung wird von der Landesregierung nicht wahrgenommen.
## **Der Autobahnausbau behindert die Entwicklung des öffentlichen Verkehrs**
Aus den Positionen der Politik auf Bundes- Landes- und Gemeindeebene geht hervor, dass eine Änderung im Bereich Mobilität nur in Form zusätzlicher ÖV-Angebote vorstellbar ist – nicht jedoch in einer Abkehr von den autobasierten Praktiken und Infrastrukturen. Es wird erwartet, dass Flä- chen und Budgets für diese Form der Entwicklung weiterhin im gewohnten Ausmaß zur Verfü- gung gestellt werden.
So kommt es, dass die öffentlichen Ressourcen an Raum und Geldmitteln parallel in konkurrierende Systeme investiert werden, was an sich schon dem Wirtschaftlichkeitsgebot widerspricht.
Eine Systemänderung, hin zu zukunftsgerechten Mobilitätsformen, findet nicht statt. Das zeigt auch die Verkehrsmodellierung 2040: Die Verteilung zwischen Auto und ÖV im regionalen Verkehr bliebe mit und ohne Ausbau mit etwa 25% zu 75% zugunsten des Autoverkehrs konstant. Das Ziel für eine Stadtregion, wie sie sich im Grazer Becken entwickelt, sollte aber darin bestehen, dieses Verhältnis umzukehren.
Dazu ist es notwendig, im Gleichschritt mit dem Ausbau des öffentlichen Verkehrs die Angebote für den individuellen KFZ-Verkehr zu reduzieren, anstatt sie auszubauen. Instrumente der Angebotssteuerung sind eine dynamische Bemautung, selektive Filter bei den Anschlussstellen, Geschwindigkeitsbeschränkungen auf der Autobahn wie auch auf den Landes- und Gemeindestra- ßen, Parkraumbewirtschaftung im Siedlungsraum und bei den Betrieben – und vieles mehr.
## **Es gibt Alternativen, die den Menschen in der Steiermark langfristig nutzen, statt ihnen zu schaden**
Angesichts der offensichtlichen Verschärfung der Klimaproblematik fordert SCIENTISTS FOR FUTURE ÖSTERREICH die verantwortlichen Stellen der Landes- und Bundesregierung dazu auf, ihre einseitige Positionierung zur Förderung des Kfz-Verkehrs zu revidieren. Stattdessen soll die Chance genutzt werden, das Grazer Becken als _Stadtregion_ zu entwickeln. Diese Vorstellung ist bereits in der Landesplanung verankert. Darin vorgesehen sind die „konsequente Verschränkung von Siedlungs- und Mobilitätsentwicklung“, die „Stärkung des Umweltverbunds…durch den gezielten Ausbau von öffentlichem Verkehr, Rad- und Fußverkehr als Rückgrat einer zukunftsfähigen regionalen Mobilität“, sowie die „Reduktion und Entlastung des grenzenüberschreitenden Verkehrsaufkommens nach Graz und in den Gemeinden“6.
Im Sinn einer bundesweiten Strategie zur Reduktion des Bodenverbrauchs ist in bodenschonende und energiesparende räumliche Strukturen zu investieren, welche die Flächeninanspruchnahme, den notwendigen motorisierten Individualverkehr sowie den Energieverbrauch im Siedlungs- und Gebäudebereich minimieren7.
Ein wichtiges Ziel besteht auch darin, die Entwicklung einer post-fossilen Wirtschaft in dieser Region zu unterstützen. Dabei bringen Investitionen in zukunftsorientierte Bereiche, etwa in Bildungs- und IT-Infrastruktur, wesentlich größere Effekte als der Ausbau von Straßen8. Jedenfalls muss diese _Stadtregion_ auf einem _städtischen_ Mobilitätssystem aufbauen, in dem der Alltags-Kfz-Verkehr seine Bedeutung verliert – mit dem Effekt, dass sowohl Autobahnen als auch Landes- und Gemeindestraßen gegenüber dem Ist-Zustand deutlich entlastet werden.
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1BMIMI: Aussendung vom 29.9.2025
2WORLD WIDE FUND FOR NATURE: WWF-Bodenreport 2026, S.10
3REGIONALMANAGEMENT STEIRISCHER ZENTRALRAUM (2026): Raumbild Stadtregion Graz 2040, S. 27
4LANDESREGIERUNG STEIERMARK, Aussendung vom 11.5.2025
5TU GRAZ-TRAFILITY (2023): Alternativenprüfung zum Ausbau der A9… (Präsentation)
6REGIONALMANAGEMENT STEIRISCHER ZENTRALRAUM (2026): Raumbild Stadtregion Graz 2040, S. 106
7AUSTRIAN PANEL ON CLIMATE CHANGE: APCC Special Report 2023, Kapitel 19.3.1
8GETZNER, Michael (2025): Bewertung ökonomischer Dimensionen… (Präsentation)