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Graswurzelrevolution

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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 27/09/2026
#GWR511 Südkorea: Vom historischen Anarchismus und modernen Antimilitarismus #Suedkorea #Anachismus #Antimilitarismus #GWR www.graswurzel.net/gwr/2026/09/sued…
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Südkorea: Vom historischen Anarchismus und modernen Antimilitarismus
Erst durch die brutale japanische Kolonialherrschaft von 1910 bis 1945 ausgebeutet und anschließend Schauplatz der Machtkonkurrenz der Weltmächte USA und UdSSR im Kalten Krieg und des Korea-Kriegs 1950 bis 1953: Die koreanische Halbinsel ist seit jeher im Fokus internationaler Machtinteressen. Bis heute befinden sich Nord- und Südkorea formal im Kriegszustand. Es ist ein Konflikt zweier Staaten, deren Bevölkerungen historisch das gleiche Leid der Unterdrückung teilten und die heute durch die geopolitischen Grenzziehungen der Herrschenden strikt voneinander isoliert sind. Während unabhängige journalistische Arbeit in Nordkorea extrem schwer ist, sind Recherchen vor Ort in Südkorea grundsätzlich möglich. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt Nordkorea 2026 den zweitletzten Platz 179 und lässt nur Eritrea hinter sich. Südkorea erreicht immerhin Platz 47. Doch auch die Gesellschaft im Süden ist durch den andauernden Konflikt tief von militärischer Logik durchdrungen. **Kim Chwajin: Ein anarchistischer Nationalheld im heutigen Südkorea** Von einer gelebten Anarchie kann im heutigen Südkorea nicht gesprochen werden. Das moderne Präsidialsystem ist tief in westlichen Herrschafts- und Wirtschaftsstrukturen verwurzelt. Neben dem immensen Einfluss der USA, der die südkoreanische Politik noch immer mitprägt, diente nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch die Weimarer Verfassung als Vorbild für den neuen Staat. In der vom Kapitalismus dominierten Realität spielt der Anarchismus eine häufig übersehene, fast schon verdrängte Rolle in der Geschichte der Halbinsel. Gerade darin liegt ein Widerspruch: Der Anarchist Kim Chwajin wird bis heute als koreanischer Nationalheld verehrt. Er findet sich in Geschichtsbüchern, staatlichen Museen und als Statue verewigt. Bereits mit 18 Jahren soll Kim die Sklavenregister seiner Familie auf einem öffentlichen Platz verbrannt und damit zahlreiche Menschen aus der Leibeigenschaft befreit haben. Sein weiterer Weg führte ihn später in den bewaffneten Widerstand. Er kämpfte als Offizier für die koreanische Unabhängigkeitsbewegung in der Mandschurei (heute chinesisches Staatsgebiet) gegen die japanische Imperialmacht. Seine militärischen Erfolge und sein organisatorisches Geschick ermöglichten es ihm, gemeinsam mit anderen Anarchist-*innen ein autonomes System aufzubauen. 1929 riefen sie die Korean People’s Association in Manchuria (KPAM) ins Leben. Diese selbstverwaltete Organisation versuchte, anarchistische Prinzipien von gegenseitiger Hilfe und direkter Beteiligung für Hunderttausende im Exil lebende Koreaner*innen in die Praxis umzusetzen. Kim verkörperte dabei den ständigen Widerspruch antiautoritärer Bewegungen: Er träumte von einer herrschaftsfreien Gesellschaft, führte aber gleichzeitig als militärischer Führer einen asymmetrischen Krieg. Antimilitarist*innen der südkoreanischen WRI-Gruppe World Without War. Fotos: World Without War Dieses freiheitliche Experiment geriet schnell unter den Druck verschiedener bewaffneter politischer Kräfte. Sowohl die koreanischen Kommunist*innen, die eine Vorherrschaft anstrebten, als auch die japanischen Impe-rialist*innen sahen in der anarchistischen Selbstverwaltung eine massive Bedrohung. Der Versuch endete abrupt: Im Januar 1930 wurde Kim Chwajin von einem kommunistischen Attentäter ermordet. Er soll hinterrücks erschossen worden sein, als er beim Reparieren einer Reismühle aushalf. Nach seinem Tod und weiteren gezielten Attentaten auf prominente Persönlichkeiten der anarchistischen Bewegung geriet die KPAM unter massive Angriffe, sodass die Bewegung schließlich zerschlagen wurde und im Untergrund verschwand. Dass die historischen Tatsachen rund um Kim Chwajin und seine Mitstreiter*innen heute nicht gänzlich aus den südkoreanischen Geschichtsbüchern gestrichen wurden, hat allerdings wohl einen anderen Grund als seine herrschaftsfreien Ideen: Als Widerstandskämpfer wird er heute vielmehr als „Held“ und „Patriot für eine unabhängige Nation“ gefeiert, die sich standhaft sowohl gegen kommunistische als auch gegen imperialistische Kräfte wehrte. Seine eigentliche, radikale Staatskritik findet im staatlichen Narrativ dabei nebensächliche Erwähnung. **Koreanischer Antimilitarismus: Die Realität der Kriegsdienstverweigerung** Wer den Blick auf das heutige Südkorea richtet, stößt unweigerlich auf den strikten Kriegsdienst. Dessen ideologische Grundlage speist sich nicht nur aus dem andauernden, ungelösten Konflikt mit Nordkorea. Ebenso tief verwurzelt ist das nationale Selbstverständnis als historisch unterdrücktes Volk. Die traumatischen Erfahrungen der brutalen japanischen Kolonialisierung wirken bis in die Gegenwart nach. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zum deutschen Nationalismus, der durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus eine andere historische Prägung erfahren hat. In der Kritik am Nationalismus ist deshalb eine Differenzierung unabdingbar. Denn auch wenn das Ziel aller Anarchist*innen eine staatenlose, herrschaftsfreie Welt ist, muss in der Kritik am Nationalismus präzise in seinen unterschiedlichen Ausprägungen unterschieden werden. Auf der einen Seite stehen Menschen, die in ihrem Kampf gegen Unterdrückung und für Unabhängigkeit innerhalb einer Nation nach Selbstbestimmung suchen. Auf der anderen Seite steht ein Nationalismus, der aus einer rassistischen Weltanschauung heraus andere Menschen abwertet und ausschließt. Was das Militär angeht, besteht in Südkorea ein starker gesellschaftlicher Druck: Die Erwartungshaltung, der gemeinschaftlichen Kriegsdienstpflicht bedingungslos nachzukommen, durchdringt alle Schichten. Während insbesondere die älteren Generationen den „Dienst an der Waffe“ wenig infrage stellen, wächst unter jungen Männern der Unmut. Die Einberufung bedeutet für sie einen erheblichen Einschnitt in ihre Lebensplanung: Für mindestens 18 Monate werden sie aus ihrem Leben gerissen, um sich der strengen Hierarchie des Militärapparats unterzuordnen. Davon sind auch prominente Koreaner nicht ausgenommen: Auch K-Pop-Stars sind, vermutlich unter anderem wegen ihrer Vorbildfunktion, grundsätzlich nicht vom Kriegsdienst befreit. Einzig Spitzensportler und wenige Gewinner internationaler klassischer Musikwettbewerbe müssen den Zwangsdienst nicht antreten. Die Zahl der Ausnahmen ist verschwindend gering. In der gesellschaftlichen Debatte geht es dabei oftmals um Fairness. Leider wird dieses Verständnis von Fairness von einigen jungen Männern häufig zum Nachteil von Frauen ausgelegt. Und so finden sich statt antimilitaristischer Ideen insbesondere in Onlineforen junger Männer eine Abwertung von Frauen, die zu eben diesem Dienst in Korea nicht verpflichtet sind. > _**Wie drastisch der Staat gegen Kriegsdienstverweigerer vorging, zeigt ein Blick in die Zeit vor 2020: Vor der zögerlichen Einführung des**_ > _**Ersatzdienstes führte der Weg für Verweigerer unweigerlich in die Haft**_ Sich dem staatlichen Zwang zu entziehen und den Kriegsdienst zu verweigern, ist nicht nur aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung ein massiver Kraftakt. Zwar sah sich der südkoreanische Staat nach jahrzehntelangen Kämpfen zivilgesellschaftlicher Gruppen im Jahr 2020 gezwungen, formal einen „zivilen Ersatzdienst“ einzuführen. In der Praxis entpuppt sich dieser jedoch weniger als echte Alternative, sondern vielmehr als Fortsetzung der Repression mit anderen Mitteln. Der „Ersatzdienst“ hat einen strafenden Charakter: Er dauert mit bis zu 36 Monaten fast doppelt so lange wie der reguläre Militärdienst, findet oft in isolierten Einrichtungen wie Gefängnissen statt und gleicht in seiner Ausgestaltung eher einer Strafarbeit. Mit dem ehemaligen Zivildienst in Deutschland lässt sich dieses System kaum vergleichen, wenngleich sich die Grundidee wohl wenig unterscheidet. Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International üben an dieser Praxis scharfe Kritik. Sie verurteilen das System als verdeckte Bestrafung, zumal die Dauer des südkoreanischen Alternativdienstes die längste weltweit ist. Wie drastisch der Staat gegen Kriegsdienstverweigerer vorging, zeigt ein Blick in die Zeit vor 2020: Vor der zögerlichen Einführung des Ersatzdienstes führte der Weg für Verweigerer unweigerlich in die Haft. Diese Gefängnisstrafen trafen neben politischen Pazifisten und Antimilitaristen vor allem Zeugen Jehovas, die den Militärdienst aus religiöser Überzeugung konsequent ablehnen. Laut der New York Times wurden seit den 1950er Jahren in Südkorea fast 20.000 Menschen wegen ihrer Weigerung, das Militär zu unterstützen, inhaftiert. **Schwesterorganisation der Graswurzelrevolution: World Without War im Zentrum des Widerstands** Seit über zwei Jahrzehnten unterstützt die südkoreanische Organisation World Without War den Kampf der Kriegsdienstverweigerer. Als Teil des globalen Netzwerks der War Resisters‘ International (WRI), dem auch die Graswurzelrevolution angehört, ist die Gruppe eine wesentliche Stimme der grenzübergreifenden Solidarität. In einer derart hochmilitarisierten Gesellschaft bleibt es jedoch ein stetiger Kampf um mediale und politische Sichtbarkeit. Historisch war der Begriff der „Friedensbewegung“ in Südkorea oft untrennbar mit der bloßen Forderung nach einer nationalen Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten verknüpft. Solche nationalistisch geprägten Bestrebungen greifen für die radikalen Antimilitarist*innen von World Without War jedoch grundlegend zu kurz. Gegründet im Jahr 2003, trat das Netzwerk zunächst mit dem primären Ziel an, der Öffentlichkeit die strukturellen und gesellschaftlichen Hintergründe der Kriegsdienstverweigerung sichtbar zu machen. Längst hat sich der Fokus der Gruppe erweitert: Heute analysieren und bekämpfen die Aktivist*innen die wachsenden südkoreanischen Waffenexporte und beleuchten den Zusammenhang zwischen Militarisierung, Waffenproduktion und Klimakrise. Eine Prämisse der Gruppe: Krieg bricht nicht zufällig aus, sondern ist das unausweichliche Resultat tief verwurzelter Diskriminierungs- und Ausbeutungsstrukturen. Bei ihrer Arbeit versuchen sie, sich in ihrem Widerstand strategisch genauso professionell aufzustellen und vorzubereiten, „wie diejenigen es tun, die vom Krieg profitieren“. Diese radikal antimilitaristische Praxis bringt die Gruppe unweigerlich und regelmäßig in Konflikt mit dem Staatsapparat. Repressionen, etwa durch rigide Auslegungen des südkoreanischen Versammlungsgesetzes, sind an der Tagesordnung. Hier finden sich deutliche Parallelen zu deutschen Antimilitarist*innen. Ein Teilerfolg gelang der Gruppe erst im Juli 2026: Ein Aktivist, der während der Rüstungsmesse ADEX (Aerospace and Defense Exhibition) mit Plakaten protestiert hatte, wurde freigesprochen. Bei der ADEX handelt es sich um eine der größten und einflussreichsten Rüstungsmessen der gesamten Region. Foto: World Without War. Auf dem globalen Waffenmarkt zeigt sich der Einfluss der südkoreanischen Rüstungsspirale. Die Regierung in Seoul verfolgt Expansionspläne und hat das erklärte Ziel ausgegeben, bis 2027 zum viertgrößten Waffenexporteur der Welt aufzusteigen. Für die NATO-Staaten ist das Land, direkt nach den USA, bereits der zweitwichtigste Waffenlieferant. Dass Aufrüstung und Export zusammenhängen, zeigt auch der Blick auf die Soldaten vor Ort: Rund 500.000 aktive Soldaten, Millionen von Reservisten und die dauerhafte Präsenz von etwa 30.000 US-Streitkräften auf südkoreanischem Boden prägen das Land. Das sind Dimensionen der Hochrüstung, von denen An-hänger*innen einer deutschen Aufrüstungspolitik wohl derzeit träumen. Ein Ausweg aus der Spirale der immer weitergehenden Aufrüstung lässt sich nicht finden, wenn man auf Lenkung durch die Herrschenden vertraut. Es braucht zwingend eine starke, gut vernetzte zivilgesellschaftliche Bewegung, die sich der fortwährenden Militarisierung in der Welt entgegenstellt. Eine Bewegung, die über nationale Grenzen hinaus denkt und die komplexen politischen Situationen, geopolitischen Machtansprüche und kapitalistischen Profitinteressen analysiert, von der Möglichkeit einer besseren Welt überzeugt ist und bereit ist, dafür gemeinsam neue Wege zu gehen. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 27/09/2026
#GWR511 (aktuell im Kiosk) 100 Jahre Bakuninhütte Eine Geschichte von Gegenseitiger Hilfe, Selbstermächtigung und Engagement #Bakunin #Selbstermächtigung #Anarchismus #GWR www.graswurzel.net/gwr/2026/09/100-…
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100 Jahre Bakuninhütte
Die Bakuninhütte wird 100 Jahre alt. Dieses Jubiläum macht einen Ort sichtbar, dessen Geschichte von Brüchen, Umnutzungen und Wiederaneignung geprägt ist und deshalb nicht umsonst das vielleicht wichtigste Kulturdenkmal der anarchosyndikalistischen Bewegung im deutschsprachigen Raum ist. Zugleich ist die Hütte heute ein beliebtes Wander- und Ausflugsziel inmitten geschützter Natur. **Ein Blick zurück** Errichtet wurde die erste Hütte – damals wohl mehr ein überdachter, in den felsigen Untergrund gehauener Verschlag – 1926 von einer Gruppe in der anarchosyndikalistischen „Freien Arbeiter Union“ (FAUD) organisierter Arbeiter*innen. Doch begonnen hat die Geschichte bereits einige Jahre früher, nach dem Ersten Weltkrieg. In Zeiten von Hunger und Not schlossen sich einige Arbeitende der Eisenbahnhauptwerkstatt Meiningen und weiterer Betriebe der FAUD an und pachteten ein Grundstück, um dort kollektiven Ackerbau zu betreiben. Ein Jahr später konnten sie ein Grundstück auf dem Höhenzug der Hohen Maas für die damals hohe Summe von 21.000 Reichsmark kaufen. Das Geld wurde auf verschiedenen Wegen zusammengesammelt und ganz im Sinne von Kropotkins „Gegenseitiger Hilfe“ war die Schuldenlast bereits nach zwei Jahren gänzlich getilgt. Bakuninhütte von Nordost ohne Neubau Bis 1925 wurden auf dem kargen Boden Kartoffeln und Getreide angebaut, dann rentierten sich die Kosten für Dünger und die Arbeit – z. B. musste das Wasser aus einem zwei Kilometer entfernten Brunnen herangeschafft werden – nicht mehr. Die Felder lagen brach, doch die ca. 30-köpfige Gemeinschaft traf sich weiterhin auf ihrem Stück Land. Das Grundstück liegt auf einem ca. 500 Meter hohen Plateau, umringt von Wald und einer wegen ihrer Artenvielfalt geschützten Kalkmagerwiese mit kilometerweiter Aussicht nach Süden. Nachdem die Gemeinschaft eines Tages von einem Gewitterguss überrascht wurde, kam die Idee auf, eine Schutzhütte zu errichten. Eine Erdgamme mit Koch- und Sitzgelegenheiten entstand. Bereits diese bekam den Namen „Bakunin-Schutzhütte“. Schon 1927 war die Hütte zu klein für die rege Nutzung und ein erster Erweiterungsbau wurde geplant und in Eigenarbeit realisiert. Auch das Grundstück wurde gestaltet. Es entstanden Sitzgelegenheiten; Baumgruppen, Büsche und Blumen wurden gepflanzt; Wege und Beete angelegt. Auch an die Kinder wurde gedacht und eine Schaukel sowie ein handbetriebenes Kettenkarussell – das Einzige weit und breit zu seiner Zeit – gebaut. Der schöne Platz und die kostenfreie Nutzung der Spielgeräte zog viele Familien an. Schon damals wurden Besitzverhältnisse kritisch hinterfragt, niemand sollte exklusive Zugriffsrechte haben. Um der Gemeinschaft einen juristischen Rahmen zu geben, wurde deshalb Anfang 1927 der Siedlungsverein „Gegenseitige Hilfe“ gegründet. Dieser vereinte bis zu seiner Zwangsauflösung 1933 nicht nur FAUD-Mitglieder, sondern auch anders und noch nicht politisierte Menschen. Das Interesse der lokalen Bevölkerung wuchs, wie auch die Bedeutung als Treffpunkt für die anarchosydikalistische Arbei-ter*innenbewegung aus Thüringen und ganz Deutschland. Sachspenden bereicherten das Inventar, der Zufahrtsweg wurde befestigt und eine Brauerei brachte mit den Getränken auch Gartenstühle und Tische. Finanziert wurde alles über eine Sammelbüchse. Aus ihrer politischen Einstellung und ihren Grundüberzeugungen machte die Gemeinschaft keinen Hehl. Davon zeugen sowohl der Hüttenspruch „Freies Land und freie Hütte / Freier Geist und freies Wort / Freie Menschen, freie Sitte / zieht mich stets an diesen Ort“, wie auch Gedenksteine für Bakunin, Francisco Ferrer sowie Sacco & Vanzetti. Ebenso war ein zerbrochenes Gewehr als Zeichen des Antimilitarismus auf dem Gelände aufgestellt. Leider ist von all dem heute nicht mehr viel übrig, außer alten Fotos und einigen Gesteinssplittern. Eine Blütezeit erlebte die Hütte Anfang der 1930er Jahre, als unter anderem Erich Mühsam die Hütte besuchte und die anarchosyndikalistische Jugend ihr erstes Reichsferienlager dort abhielt. Die Hütte bekam mit Fritz Scherer einen Hüttenwart und zahlreiche Gäste verewigten sich im Hüttenbuch. Der Aufschwung zeigte schnell, dass auch die erweiterte Hütte zu wenig Platz bot. Ein zweiter Erweiterungsbau wurde geplant. Über Baufondskarten und Stocknägel sollte der Anbau finanziert werden. Trotz des Rückganges der FAUD-Mitgliederzahlen konnte im Herbst 1932 mit den Arbeiten begonnen werden. Wieder kam Unterstützung aus nah und fern für die Bauarbeiten. Im August 1933 endet vorerst die Geschichte gelebter Solidarität und Selbstorganisation: Die Hütte wird von den Nationalsozialisten enteignet und gelangt über die SS und die NSDAP in private Hände. Der letzte Privatbesitzer vollendet immerhin den zweiten Erweiterungsbau nach den Plänen der Anarchosyndikalist*innen. > _**Die Bakuninhütte ist ein bedeutendes materielles Zeugnis anarchosyndikalistischer Bewegungsgeschichte, ein Ort mit hohem erinnerungskulturellem Wert**_ In der DDR folgten jahrzehntelange Umnutzungen, ebenfalls in Abkehr zur ursprünglichen politischen Bedeutung. Aus der Bakuninhütte wurde zuerst die Touristenstation „August Bebel“, dann die „Station junger Naturforscher“ in der „Karl-Kneschke-Hütte“, bevor das Innenministerium die Hütte und das umliegende Gelände bis 1989 als Übungsgelände für die Bereitschaftspolizei Meiningen nutzte. Nach 1990 setzte Verfall ein, bis der Ort ab etwa 2006 schrittweise reaktiviert wurde. **Gescheiterte Rehabilitation** Der Meininger Franz Dressel hatte das Hüttenbuch, Fotos und weitere Erinnerungsstücke über die Nazizeit versteckt, Fritz Scherer rettete dies später nach Westberlin und berichtete 1984 in einem Artikel in der bundesweiten, anarchistischen Szenezeitung „Schwarzer Faden – Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit“ darüber. Nach 1989 erinnerten sich einige Genoss*innen in Berlin an diese Geschichte. Sie suchten und fanden die Bakuninhütte. Parallel dazu wurden auch junge Meininger Anarchist*innen wieder auf die Hütte aufmerksam. Leider lebten Fritz Scherer und andere Mitglieder des Siedlungsvereins „Gegenseite Hilfe“ nicht mehr. Deshalb wurde eine Rehabilitation und Rückbereinigung durch das Amt für offene Vermögensfragen abgelehnt. Das Grundstück verwilderte und die Hütte verfiel. **Geglückte „Wiederaneignung“ und erste Sanierung** Ab der Jahrtausendwende gab es neue Bemühungen, um die Hütte wieder in die Hand der Bewegung zu bekommen. Einzige rechtlich sichere Möglichkeit war damals der Kauf vom Bundesvermögensamt, der wieder durch breite Solidarität gestemmt werden konnte. So konnten bis Oktober 2009 erste Reparatur- und Sanierungsarbeiten umgesetzt werden. Dann verbot das Bauamt des Kreises Schmalkalden-Meiningen auf Betreiben des Bürgermeisters der Gemeinde, in dessen Gemarkung das Hüttengrundstück liegt, den Zutritt und die Nutzung der Hütte. **Denkmal und lebendiger Ort** Nach einem Vergleich vor Gericht kann die Hütte inzwischen wieder betreten werden. Seit 2015 steht sie sogar unter Denkmalschutz! Ausschlaggebend ist ihre besondere historische Bedeutung: als seltenes materielles Zeugnis anarchosyndikalistischer Bewegungsgeschichte und als Ort mit hohem erinnerungskulturellem Wert. Heute verbindet die Hütte diese Geschichte mit ihrer Lage in einer naturnahen Landschaft: Eingebettet in geschützte Biotope ist sie Ziel von Wanderungen und Ausflügen – und zugleich ein Ort historischer Vermittlung. **2026: Bauen und Feiern** Das Jubiläumsjahr bietet verschiedene Gelegenheiten, um die Bakuninhütte vor Ort zu beleben und zu erleben. Nachdem bis 2024 mehrere Bauanträge abgelehnt wurden, gab es im Januar 2024 eine Baugenehmigung zur Nutzungserweiterung. Obwohl es dagegen auch wieder einen Widerspruch der Gemeinde Ellingshausen gibt, wurde 2025 mit ersten Bauarbeiten begonnen. Ziele sind die Sicherung und Verbesserung des baulichen Zustandes, die Schaffung von Rettungswegen und sanitären Anlagen, um Übernachtungen zu ermöglichen, und archäologische Untersuchungen, damit historische Zustände erfasst, belegt und möglichst wieder hergestellt werden können. All das bringt viel Arbeit mit sich und kostet Geld. Um das zu bewältigen, setzen die Aktiven auf Gegenseitige Hilfe und Solidarität, wie vor hundert Jahren. Einen niedrigschwelligen Zugang zur wechselvollen Geschichte bieten beispielsweise geführte Wanderungen durch eine Meininger Stadtführerin, verbunden mit Ein- und Ausblicken in die Natur. Die großen Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum finden am 12. und 13. September 2026 mit einem bunten Kulturprogramm sowie Führungen durch die Hütte und zur Geschichte statt. An diesem Wochenende kann nach Anmeldung beim Wanderverein auch in 20 bis 30-minütiger Wanderentfernung von der Hütte gezeltet werden. **Ein Ort mit vielen Schichten** Die Bakuninhütte steht heute für ein Jahrhundert wechselvoller Geschichte: für politische Aufbrüche in eine freie Gesellschaft, gewaltsame autoritäre Umbrüche, lange Phasen der Überformung – und eine aktive Wiederaneignung in der Gegenwart. Das Jubiläum ist daher weniger ein Rückblick als eine Einladung: diesen besonderen Ort selbst zu entdecken und wiederzubeleben. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 27/09/2026
#gwr511 Ertüchtigung für den Krieg Die Ausbildung ukrainischer Soldaten bei der Bundeswehr #Bundeswehr #Kreig #Waffen #WaffenNieder #KeinKrieg #Militarismus #GWR #Graswurzelrevolution www.graswurzel.net/gwr/2026/09/ertu…
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Ertüchtigung für den Krieg
Die Ausbildung ausländischer Militärs bei der Bundeswehr hat eine lange Tradition. Man will darüber Einfluss auf das politische Geschehen im Entsendestaat gewinnen, ihn an Deutschland binden – und Waffen verkaufen. Dass die dann Ausgebildeten in ihrem Militär herausragende Positionen einnehmen, versteht sich. Dass sie, wie etwa in Mali, dann einen Militärputsch durchführen, gehört zu den Begleiterscheinungen. Nicht immer gelingt die „Vermittlung unserer demokratischen Werte“, wie diese Praxis hier gegenüber der Öffentlichkeit propagiert wird. Mit Beginn des russischen Angriffs hat sich der Westen auf die Seite des angegriffenen Staates gestellt, mit der Perspektive, die Ukraine in die EU und die NATO zu integrieren. Das zentrale Mittel dazu sind die Waffenlieferungen – und die Ausbildung der Soldaten, worüber die Presse aber kaum mal berichtet. **Wie ist das rechtlich zu bewerten?** Einem angegriffenen Staat dürfen Waffen zur Verteidigung geliefert werden, so der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages in einem Gutachten vom 16. März 22. (1) Gegen die anfangs gelieferten 5.000 Helme gab es keine Einwände. Das wurde dann ausgeweitet. Heute ist Deutschland der größte Waffenlieferant der Ukraine. **Aber darf man auch Soldaten ausbilden, ohne damit zur Kriegspartei zu werden?** Diese, damals noch hypothetische Frage, wurde in dem Gutachten recht eindeutig beantwortet: „Erst wenn neben der Belieferung mit Waffen auch die Einweisung der Konfliktpartei bzw. Ausbildung an solchen Waffen in Rede stünde, würde man den gesicherten Bereich der Nichtkriegführung verlassen.“ Auch wenn die Formulierung zurückhaltend ist, wird doch klar, dass sich damit Deutschland zumindest in eine Grauzone begeben würde. Der damalige Regierungssprecher Steffen Hebestreit sprach dann auch von „einer schwierigen Abwägung“: „Unsere Überzeugung ist, dass auch die Ausbildung von ukrainischen Soldaten in Deutschland weiterhin keinen direkten Kriegseintritt bedeutet.“ (2) Damit bestätigt er den politischen Willen, die Grauzone auszutesten. Da stellt sich die Frage, ob das Russland ebenso sieht. Das sei „völliger Quatsch, für Putin ist Deutschland längst Kriegspartei“, so der damalige ukrainische Botschafter Andrij Melnik. (5) Ende April 2022 erklärte dann die Bundesregierung, ukrainische Soldaten ausbilden zu wollen. „Ein Bundestagsmandat gibt es für den Einsatz nicht, da er keinen Einsatz bewaffneter Streitkräfte im Sinne des Parlamentsbeteiligungsgesetzes darstellt“, so der Deutsche Bundeswehrverband. (4) **Organisation und Ablauf der Ausbildung** Dass ukrainische Soldaten im Westen ausgebildet werden, ist keine neue Erscheinung: USA, Kanada und Großbritannien führen sie seit September 2022 durch. (SZ, 3.12.22) Die Europäische Union beschloss am 17. Oktober 2022 die EU-Ausbildungsmission für die Ukraine (EUMAM UA) – und finanziert sie auch. (10) Bis Februar 2026 wurden „mehr als 86.000 ukrainische Soldaten“ mit „Unterstützung von 24 EU-Mitgliedsstaaten sowie einigen nicht EU-Staaten“, wie z. B. Norwegen und Großbritannien, nach Westeuropa entsandt. Die Koordination in Deutschland erfolgt durch das Special Training Command (ST-C) in Strausberg bei Berlin. Im Ausbildungsstab sind etwa 100 Personen aus 13 Nationen. (7) 1.500 betätigen sich als Ausbildende und Unterstützende, z. B. zum Übersetzen; sie kommen aus 22 Nationen. (7) In einer anderen Quelle ist von elf Nationen die Rede. (10) Bis Februar 2026 wurden in Deutschland mehr als 25.000 ausgebildet; nicht nur in fast 50 Bundeswehr-Standorten, sondern auch in solchen der Alliierten, wie z. B. der USA in Grafenwöhr (Oberpfalz/Bayern). > _**Die Aus- und Weiterbildung ukrainischer Soldaten soll nicht nur diese befähigen, auch die Bundeswehr möchte von deren Fronterfahrungen profitieren, besonders von dem für sie neuartigen Drohnenkrieg**_ Die Ausbildung erfolgt in verschiedenen Ländern mit jeweils eigenen Schwerpunktsetzungen. In Großbritannien z. B. läuft vor allem die Grundausbildung, mit Ausbildern aus 14 Nationen, darunter Rumänien und Kanada. (3) Ukrainische Soldaten werden auch in Norwegen, Dänemark, Frankreich, Slowakei, Slowenien, Rumänien, Polen, Spanien (Infanterieakademie Toledo), USA usw. ausgebildet. In Deutschland wird vor allem an bestimmten Waffensystemen geübt. Die Ausbildung dauert normalerweise einen Monat, kann aber auch länger oder kürzer sein. Aber die Ukraine drängt, es soll schneller gehen, so nehmen sie immer mehr einen „Crashkurs-Charakter“ an. Auch die mehrfache Teilnahme bestimmter Soldaten an den Kursen kommt vor. (10) Die ukrainischen Soldaten, manchmal sind auch „ein paar Frauen“ (7) dabei, reisen über Polen per Flugzeug nach Berlin, Köln, dann per Bus zu den Ausbildungsorten. Man hat Angst, dass sie die Tuberkulose einschleppen, denn „die Ukraine verzeichnete in den letzten Jahren europaweit eine der höchsten Tuberkulose-Inzidenzen“. Deshalb müssen sich alle einer Lungenuntersuchung unterziehen/Röntgen. Sie werden neu eingekleidet, wobei die Bundeswehr-Hoheitszeichen „abgetrennt“ werden. Unterwäsche, Strümpfe und Stiefel dürfen die Soldaten behalten. (9) Manche ukrainische Soldaten „kommen direkt aus dem Kampfeinsatz“, andere haben „keine oder nur wenig Kampferfahrung“. Es kommt inzwischen immer öfter vor, dass Zugesagte nicht kommen, „weil sie in ihren Einheiten unbedingt gebraucht werden“. (9) Das bestätigt auch Generalmajor Olaf Rohde, Kommandeur des Ausbildungskommandos des Heeres: „Wir bekommen derzeit (2025) leider sehr viele Absagen von den Ukrainern, was geplante Ausbildungen angeht. Das hat gerade zu Beginn dieses Jahres zugenommen. Für mich zeigt das auch, dass es dort Schwierigkeiten gibt.“ Auf Nachfrage nach den Gründen, laute die Antwort aus der Ukraine: „Wir können die Leute nicht schicken, weil wir sie nicht haben.“ Rohde geht davon aus, „dass die Soldaten, die eigentlich kommen sollten, unmittelbar in den Einsatz geschickt wurden.“ Dies beträfe vor allem die Infanterie. „Patriot-Ausbildung, Kampfpanzer-Ausbildung, Schützenpanzer-Ausbildung … ist davon nicht so stark betroffen.“ (7) Die USA bilden auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr aus. „Grafenwöhr ist zwar auf deutschem Boden, aber in der Ausbildungshoheit der Amerikaner.“ (7) Sollten diese keine Ukrainer mehr ausbilden, dann könnte die Bundeswehr das übernehmen. Rohde: „Ich denke schon, dass wir noch Kapazitäten haben.“ (7) Auf die Frage „Könnte die Ausbildung nicht auch in die Ukraine verlegt werden?“, antwortet er: „Das derzeitige Mandat (es gilt bis Ende 2026) besagt ganz klar, es geht um die Ausbildung in Deutschland.“ Aber: „Mir gehen die Gedanken natürlich im Kopf herum.“ (7) Es ist also nicht ausgeschlossen, dass sie zukünftig in die Ukraine verlegt wird. Die rechtliche Problematik schneidet er in dem Interview nicht an. Rohde ist der Ansicht, dass die Ausbildung in Deutschland für die ukrainischen Soldaten vorteilhaft ist: Sie können sich „auch mal entspannen und sich erholen. Sie bekommen etwas Warmes zu essen, sie haben eine warme Unterkunft und es geht ihnen hier gut. (…) Wenn wir die Ausbildung in der Ukraine durchführen würden… wäre jeder Ausbildungsort ein potentielles Ziel.“ (7) Die Verlegung der Ausbildung in die Ukraine hatte im Frühjahr 2025 der französische Präsident Macron angeregt, was dann von Litauen unterstützt wurde. Der schwedische Verteidigungsminister Pål Jonson: „Wir schließen diese Möglichkeit nicht aus.“ (6) Zur Ausbildung in Deutschland, bemerkt Rohde: Die ukrainische Armee habe vielfach noch das „alte sowjetische Führungsdenken“, „da gab es den einen oder anderen Fall, wo ‚die westliche Auftragstaktik‘ schwerer zu vermitteln war.“ (7) Anschließend werden „die Kameraden … als Panzersoldaten oder als Infanteriesoldaten oder Pionier eingesetzt“. (7) Während Rohde noch von verfügbaren Ausbildungskapazitäten spricht, sieht das bundeswehr-journal schon „Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr“. (10) Man könne das nur dann befriedigend durchführen, wenn man „seinen originären Auftrag im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung zeitweise zurückstellt.“ (10) Auch für die Ukraine sei das nicht ohne Risiko, sie müsse „Kräfte aus der überdehnten Front lösen“, damit würden die „Reserven geschwächt“ und „die Reaktionsfähigkeit“ reduziert. (10) Anfang 2025 bemerkte man vermehrt Drohnen an den Ausbildungsorten. Es war klar: „Da steckt bestimmt wieder Russland dahinter.“ Aber es gab bislang keinen Fall, wo man das nachweisen konnte. Besonders russische Schiffe stehen unter Verdacht, dass von dort aus Drohnen starten. Um das zu überprüfen, kaperte die deutsche Polizei Anfang Mai die seit acht Tagen in der Kieler Bucht liegende HAV Dolphin, „traf auf eine siebenköpfige russische Besatzung – fand aber keine Drohne“. (SZ, 4.7.2026) „Es entpuppten sich Drohnenüberflüge über Militäranlagen oder Flughäfen mitunter nicht als Werk russischer Agenten, sondern unbedarfter Teenager.“ (Spiegel, 8.5.2026) Drohnensichtungen sind „auch eine Methode, unsere Kräfte durch Bürokratie zu binden“, so Rohde, denn jeder Fall muss gemeldet und geklärt werden. (7) Die Aus- und Weiterbildung ukrainischer Soldaten soll nicht nur diese befähigen, auch die Bundeswehr möchte von deren Fronterfahrungen profitieren, besonders von dem für sie neuartigen Drohnenkrieg. „In vielerlei Hinsicht nutzen die gewonnenen Erkenntnisse der Ukrainer auch der Erhöhung der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr“: „Durch intensiven Austausch mit den ukrainischen Kräften konnte inzwischen das Wissen über das taktische Verhalten und Vorgehen russischer Einheiten deutlich erweitert werden.“ (10) Die Notwendigkeit der Ukraine, Hunderttausende von Frauen und Männern aller Altersklassen in kürzester Zeit auszubilden, käme auch Deutschland zugute. „Dieses Wissen kann zukünftig genutzt werden, um auch Reservisten und Heimatschutzkräften in Deutschland bereits erprobte Ausbildungsmodule anzubieten und so den Aufwuchs leistungsfähiger deutscher Heimatschutz- und Feldersatzverbände rasch und qualitativ hochwertig voranzutreiben.“ (10) Über die Ausbildung von Ukrainern will die Bundeswehr auch erfahren, wie das läuft mit dem Krieg mit Russland, welche Taktiken der Gegner verwendet, und wie man darauf regiert. Das hat man jetzt auch vertraglich festgelegt: Es gibt ein neues Abkommen, „das ukrainische Soldaten als Ausbilder in der Bundeswehr vorsieht, was die direkte Einbindung ukrainischer Kriegserfahrung in die deutsche Ausbildung unterstreicht.“ (11 / Deutscher Bundeswehrverband, 17.2.26) **Wie bewerten die ukrainischen Soldaten die Ausbildung?** Ein ukrainischer Ausbilder, der nach Großbritannien zur Fortbildung kam: „Als wir eintrafen, wussten die Briten selbst nicht, was sie mit uns anfangen sollen, weil wir bereits Ausbilder waren.“ Laut Lehrplan dort dauert die Grundausbildung sechs Wochen. In der Ukraine geschieht das „innerhalb weniger Tage“, so ein ukrainischer Soldat: „Wir erklären in den Raucherpausen, wie man sich zum Beispiel vor einer Drohne versteckt oder einen Graben schließt.“ (8) Die Soldaten werden auch von der Bundeswehr befragt, was sie von der Ausbildung halten. Da kommen durchwegs „euphorische Rückmeldungen“. Aber es gibt auch Kritik: Manchmal wurden sie an Waffen ausgebildet, die sie nicht haben. Sie vermissen die Ausbildung an Drohnen und der Notfallmedizin. Die Errichtung eines Zeltlagers halten sie für unnötig: „Wir verstecken uns gleich in Löchern und bauen nicht erst Zelte ab.“ Die Übung „Rotation im Kampfgebiet“ sei fern der Realität, da es derzeit kaum die Möglichkeit dazu gäbe. Gut seien Übungen im Schießen und „Flucht aus der Gefangenschaft“, z. B. über die Kanalisation. „Aber ich würde nicht sagen, dass alles nützlich war.“ „Es kam uns vor, als würden wir Zeit schinden.“ Andererseits „hatten wir einen Monat Ruhe vom Krieg. Wir waren an einem Ort mit schöner Natur, ohne Fliegeralarm“. (8) Sie haben den Eindruck, dass man großes Interesse an ihren Erfahrungen habe: „Wir sollten ihnen erzählen, wie es bei uns läuft.“ (8) Die Soldaten berichten auch davon, dass offensichtlich „auch welche zur Ausbildung geschickt werden, „die wahrscheinlich nur aufgrund familiärer Beziehungen zu höheren Offizieren zum Training ins Ausland gehen durften. Später werden sie im Hinterland eingesetzt.“ (8) **Ist die Ausbildung im Ausland auch eine Chance zur Flucht?** Der Widerstand gegen die Zwangsrekrutierungen in der Ukraine ist groß. Dass Zwangsrekrutierte besonders gut kämpfen, ist unwahrscheinlich. Deswegen werden zur Ausbildung in den Westen wohl vor allem Motivierte gesandt; Soldaten, die weitergebildet werden und solche die sich freiwillig für den Dienst gemeldet haben. Man schickt aber wohl auch solche, die man aufgrund von Beziehungen vom direkten Kriegseinsatz fernhalten möchte. Jede Kaserne wird bewacht. Unbefugte sollen nicht rein, und Soldaten dürfen ohne Erlaubnis nicht raus. Zuständig dafür sind die Wachen und die Militärpolizei, die auch in der Umgebung ausgebüxte Soldaten wieder einsammeln. Ukrainern bieten sich aber durchaus Gelegenheiten, etwa an freien Tagen oder nach Dienstschluss, beim Einkauf, die Umgebung zu erkunden. Zudem gewährt man ihnen in manchen Fällen auch den Besuch der Familie: „Wenn Partnerinnen und Kinder der Soldaten in Deutschland Zuflucht vor dem Krieg gesucht haben, wird an ausgewählten Tagen die Möglichkeit zum Besuch gegeben.“ (9) Dass sich Auszubildende unerlaubt von der Truppe entfernen, „das passierte schon mal“, so Rohde. (7) Hinter diesem Terminus verbirgt sich eine minder schwer bewertete Desertion. Sollte der Betreffende wieder auftauchen, wird man ihn wohl nicht bestrafen, aber zum Fronteinsatz verdonnern. **Ab März 2027 kein Aufenthaltsrecht mehr?** Angesichts der großen Anzahl ukrainischer Soldaten, die hier ausgebildet werden, gibt es aut „Die Zeit“ vom 20.8.2026 „einige hundert“, die nicht wieder in den Krieg wollen und desertieren. Bislang war es so, dass sie von den Regelungen der EU-Massenzustromrichtlinie profitierten und einen bis März 2027 sicheren Aufenthalt bekamen. Sie konnten hier Unterstützung bekommen, arbeiten und auch eine Berufsausbildung absolvieren. > _**Der Widerstand gegen die Zwangsrekrutierungen in der Ukraine ist groß. Dass Zwangsrekrutierte besonders gut kämpfen, ist unwahrscheinlich. Deswegen werden zur Ausbildung in den Westen wohl vor allem Motivierte gesandt. Man schickt aber wohl auch solche, die man aufgrund von Beziehungen vom direkten Kriegseinsatz fernhalten möchte**_ Das ist der Bundesregierung schon seit längerem ein Dorn im Auge. Schon 2025 hatte der bayerische Ministerpräsident Söder (CSU) die damals erstmals gewährte Ausreisemöglichkeit für nicht-militärdienstpflichtige Ukrainer im Alter von 18 bis 23 Jahren beklagt: „Es ist keinem geholfen, wenn immer mehr junge Männer aus der Ukraine nach Deutschland kommen, anstatt ihre Heimat zu verteidigen.“ (Zeit, 23.10.25) Die EU-Aufenthaltsregelungen für aus der Ukraine geflohene Menschen laufen im März 2027 aus. Bundesinnenminister Dobrindt (CSU) will nun alle „Ukrainer im wehrpflichtigen Alter“ von den Regelungen der EU-Massenzustromrichtline ausschließen. Er hat „Zweifel, dass Ukrainer im wehrpflichtigen Alter darunter zu sehen sind“. (FR, 5.6.26) Zustimmung kommt vom österreichischen Innenminister Gerhard Karner: Er ist „sehr stark dafür, dass man den Automatismus beendet, wenn es um Männer im wehrfähigen Alter geht“. Unterstützung kommt auch vom schwedischen Innenminister Johan Forrsell: „Klar, ist es für uns von entscheidender Bedeutung, den Ukrainern jede Art von Schutz zu gewähren, doch zugleich muss der Krieg geführt werden – und er muss gewonnen werden. Damit dies gelingt, ist es unerlässlich, dass mehr Männer in der Ukraine bleiben und kämpfen.“ (tagesschau.de, 4.6.2026) Kriegsdienstverweigerer, Militärdienstentzieher und Deserteure verweist Dobrindt aufs Asylverfahren. Dort könnten sie individuell prüfen lassen, ob sie die Bedingungen erfüllen. „Ich glaube, auf den Weg kann man sich begeben.“ (ebd.) Da dürften aber die Chancen auf einen Schutz sehr gering sein. Lediglich jene, die zusätzlich zu ihrer Kriegsdienstverweigerung, auch in der Öffentlichkeit sich gegen den Krieg und die politischen Verhältnisse in ihrem Land aussprechen, dürften eine gewisse Chance haben. **Aktueller Nachtrag:** Deutschland konnte sich in der EU nicht zu 100 Prozent durchsetzen. Die Anwendung der EU-Massenzustromrichtlinie soll aber ab März 2027 für neu ankommende ukrainische Männer im Alter von 23 bis 60 Jahren nur noch angewandt werden, wenn sie legal ausgereist sind, also den Kriegsdienst beendet haben oder ihn nicht antreten mussten. Im Vorgriff darauf haben seit Juli 2026 verschiedene deutsche Innenministerien den Ausländerbehörden untersagt, Neuankommenden, also auch den in Deutschland Desertierten, diesen Schutz noch zu gewähren. (12) Verwendete Quellen: (1) Wissenschaftliche Dienste – Deutscher Bundestag: Rechtsfragen der militärischen Unterstützung der Ukraine durch NATO-Staaten zwischen Neutralität und Konfliktteilnahme (WD 2 – 3000 -019). 16.3.22 (2) Gutachten: Deutschland könnte durch Ausbildung ukrainischer Soldaten als Kriegspartei eingestuft werden. Deutsche Wirtschaftsnachrichten, 2.5.22 (3) Polen und Großbritannien bilden ukrainische Soldaten an Kampfpanzern aus. Die Presse/Österreich – 15.2.23 (4) Deutscher Bundeswehrverband: EU-Staaten erhöhen Ziel für Ausbildung ukrainischer Soldaten. 1.2.24. (5) Miriam Montag: Ausbildung ukrainischer Soldaten als Kriegsbeteiligung? Beck-aktuell, 2.5.22 (6) Aurélie Pugnet: EU will bis 2025 zusätzlich 15.000 ukrainische Soldaten ausbilden. Euractiv.com, 30.8.24 (7) T. Wiegold: Ausbildung ukrainischer Soldaten in Deutschland: Vielleicht demnächst Ersatz für US-Training, Verlegung in die Ukraine kein Thema. (Interview mit Rohde). Augengeradeaus, 3/25 (8) Hanna Sokolova-Stekh: Ukraine: Was bringen den Soldaten Übungen im Ausland? – Deutsche Welle, 5.3.25 (9) RSOM: Der Weg ukrainischer Soldatinnen und Soldaten zur Ausbildung. bundeswehr.de, 6.3.25 (10) In Deutschland wurden bislang rund 21.000 ukrainische Soldaten militärisch ausgebildet. Beitrag von Oberst i.G. Dirk Hamann. Bundeswehr-journal, 21.7.25 (11) Deutschland holt sich Kriegserfahrung direkt aus der Ukraine. Facebook, Faktglaublich – 16.2.26. https://www.facebook.com/faktglaublich/posts/1356872846486288/ (12) Ekaterina Fomina, Maxim Kireev: Er will nicht kämpfen. Die Zeit Nr. 36, 20.8.26 Franz Nadler analysierte im Sommer 2026 in der GWR 510 die Kriegsvorbereitungen in Frankreich.Er hat den Verein Connection 1993 mitbegründet und ist heute sein Vorsitzender. Connection e.V. unterstützt weltweit Männer und Frauen, die nicht in einen Krieg ziehen wollen, die jeglichen Kriegsdienst verweigern oder als Deserteure den Massenmord auf Befehl sabotieren. Kontakt: https://connection-ev.org/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
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Reposted by Graswurzelrevolution
ROBIN WOOD e.V. @robin-wood.bewegung.social.ap.brid.gy · 02/09/2026
♿️ Bahn für Alle! ⛺️ Seit gestern Abend waren Aktive von ROBIN WOOD und der Anti-Ableistischen Aktion am #HamburgerHauptbahnhof aktiv. Denn eine mehrmonatige Sperrung der Aufzüge verhindert, dass mobilitätsbeeinträchtigte Menschen diesen für zahlreiche […] [Original post on bewegung.social]
Barrierefreie Bahn für Alle! + Aktionsfoto auf einem Bahnsteig mit Zelten und Transparenten: “Barrierefrei statt Profitorientiert” + “Mobilitätswende für Alle!”+ Logo ROBIN WOOD und Antiableistische AktionDie Hürden müssen weg: Bahn für alle! + Aktionsfoto ,it Zoom auf Bannern auf dem Bahnsteig: Mobilittswende für Alle! + Bahn für alle, die Stufen müssen weg!

Was ist das Problem? Wir protestieren dagegen, dass die Deutsche Bahn am Hauptbahnhof Hamburg an den Gleisen 13 + 14 den Aufzug für sechs Monate gesperrt hat. Der letzte Zug von dort war gestern bereits abgefahren. Die Rollstuhlfahrer-*innen unter uns kamen deshalb nicht mehr weg und haben 
notgedrungen dort ihr Zelt aufgeschlagen und auf dem Bahnsteig übernachtet!+ Foto von 3 Menschen in Rollstühlen mit Schildern: “Bahn für Alle – die Stufen müssen weg!” + “Fight Ableism”Was wir von der  Deutschen Bahn fordern? 
- Entschädigung bei Barrieren sowie Umwegen aufgrund von Barrieren 
- Garantie der DB, dass Aufzüge zügig innerhalb von wenigen Stunden repariert werden können
- Bei Ausfall von Aufzügen Angebot alternativer Zugänge über einen anderen barrierefreien Weg
- Verpflichtung der DB, mehr Personal einzusetzen und spontane Unterstützung für Menschen mit Gehhilfen, Kinderwagen oder anderen Einschränkungen anzubieten
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 13/07/2026
#GWR510 Romería – Das Tagebuch meiner Mutter www.graswurzel.net/gwr/2026/06/rome…
graswurzel.net
Romería – Das Tagebuch meiner Mutter
Romería – Das Tagebuch meiner Mutter, Spanien, Deutschland 2025, 114 Min., Regie & Drehbuch: Carla Simón, Kamera: Hélène Louvart. Mit: Llúcia García u. v. a. Originalsprachen: Spanisch, Katalanisch, Französisch, FSK: 16. Seit April 2026 im Kino. Ab 13. August auf DVD und per TV on Demand erhältlich. > Der Spielfilm von Carla Simón nimmt uns mit auf eine Reise nach Vigo, zur Herkunftsfamilie des ihr unbekannten Vaters der Protagonistin. Wie die Mutter ist er jung gestorben, an Aids, übertragen durch verschmutzte Heroinspritzen. Die Tochter will sich an ihre Eltern erinnern. „Mar d’aqui“ (Das Meer von hier), Maria Arnal singt dieses von Ernest Pipó für den Film Romería komponierte Lied. Voller Melancholie drückt sich in dem Lied viel von der Stimmung aus, in der dieser Film schwingt. Die Regisseurin und Ernest Pipó sind zusammen aufgewachsen, als soziale Geschwister. Carla Simón spricht darüber, dass sie in der Familie des Bruders ihrer biologischen Mutter aufgewachsen ist: „Mein Vater starb, als ich drei Jahre alt war, und meine Mutter, als ich sechs war, beide an Aids. Das letzte Mal, dass ich die Familie meines Vaters sah, war bei der Beerdigung meiner Mutter, danach verloren wir den Kontakt. Als ich kurz davor war, zur Uni zu gehen, brauchte ich die Sterbeurkunden meiner Eltern und wandte mich an meine Großeltern.“ An diese Reise aus Katalonien ins nordspanische Galizien, in die Hafenstadt Vigo, ist die Handlung des Spielfilms angelehnt. Carla Simón hat Briefe bekommen, die ihre Mutter einer Freundin geschrieben hat. Die sind die textliche Grundlage für das fiktive Tagebuch, aus dem die Protagonistin im Off vorliest. Marina Pineiro ist 18, gerade mit der Schule fertig. Sie will sich für ein Stipendium zum Studieren bewerben. Sie fährt nach Vigo, leider ist ihr Vater auf dem Amt als „kinderlos“ registriert – aber seine Eltern leben noch und könnten bezeugen, dass Marina seine Tochter, ihre Enkelin ist. **Verflochtene Familienbeziehungen** „Familienbeziehungen faszinieren mich, weil wir sie uns nicht aussuchen können“, erklärt Carla Simón. Marina begibt sich im Laufe des Films immer mehr hinein in die Verflechtungen, die Vielstimmigkeit der Großfamilie Pineiro, aus der ihr Vater stammt. Ihr Onkel Lois nimmt sie am Segelboothafen in Empfang. Er lebt mit seiner Kleinfamilie in Madrid, aber jetzt sind sie in Vigo zum Sommerbesuch und wohnen auf einer teuren Yacht, auf der sie ihre Tante Virxinia als Gastgeberin aufnimmt. Gleich geht es raus aufs Meer, die Aufnahmen auf und um das Boot herum sind atemberaubend schön. Unter prallen Segeln geht es Richtung Islas Cíes, eine Gruppe von drei unbewohnten Inseln, die unter Naturschutz steht. Mit zwei Cousins springt Marina ins kalte Wasser. Der Atlantik vor der Felsküste Galiziens ist wild. Das Meer ist die Verbindung zwischen den zwei Zeitachsen, in denen der Film spielt: 2004, während des Besuchs von Marina, und 1985, als sich ihre Eltern hier liebten und heroinabhängig wurden. „Ich mag das Meer hier“, sagt Marina zu Onkel Iago. „Wie dein Vater“, erwidert Iago. Er war selbst heroinabhängig, ist losgekommen, jetzt in der Großfamilie ein Außenseiter: Ohne eigene Familie, die Ausbildung in der Werft Pineiro, die Marinas Großeltern gehörte, hat er abgebrochen. Genauso wie sein Bruder Fon, der Vater von Marina, hat er sich so gegen den Großvater aufgelehnt. Zu einem großen Familientreffen im Haus der Großeltern kommt Iago verspätet. Das große Haus mit Meerblick, so schön und groß, wie die galizische Bourgeoisie es sich leisten kann, strahlt dabei etwas Repressives aus. Nicht nur, weil die Großmutter den Kindern verbieten will, im Pool zu schwimmen – es könnte ja etwas schmutzig werden! In Gesprächen hier erfährt Marina beiläufig, wie die letzten Lebensjahre ihres Vaters verliefen – nachdem ihre Mutter, als sie merkte, dass sie schwanger war, alleine nach Barcelona zu ihrer Herkunftsfamilie weggegangen war: für den Heroin-Entzug und um ihre Tochter zu bekommen. „Dein Vater war hier weggesperrt, damit niemand ihn todkrank sieht“, teilt ihr der fast gleichaltrige Cousin Nuno mit. Eine Schwester ihres Vaters, Olalla, ist erstaunt, als Marina meint, ihr Vater sei schon seit 1987 tot – er sei doch erst 1992 gestorben. Jahrelang von den Großeltern versteckt, die verheimlichen wollten, dass Fon an Aids erkrankt war. Das Familientreffen ist ein Höhepunkt des Films. Carla Simón versteht es, dass Durch-, Mit- und Gegeneinander zu inszenieren. Die Familie zerlegt sich vor der Kamera. Die Einheit Großfamilie, von Widersprüchen, Abhängigkeiten und Enttäuschungen durchzogen. Da gibt es etwa den kurzen Streit, dass die beruflich erfolgreiche Xulia von ihrem Bruder Lois die Yacht einfordert, weil sie die brauchen würde – woraufhin Lois erbost antwortet: „Ich gehe doch in meiner Herkunftsstadt nicht ins Hotel.“ In einer Schlüsselszene müssen sich alle Enkelkinder in einer Reihe vor dem Großvater aufstellen, der sie befragt, um ihnen dann etwas Geld zu schenken. Marina stellt sich mit an. Als sie dran ist, gibt ihr der Großvater einen dicken Umschlag mit Scheinen: „Damit du kein Stipendium brauchst“, sagt er, und meint auch: Damit wir den Totenschein unseres Sohnes nicht ändern müssen, Marina offiziell als Enkeltochter annehmen und womöglich von der realen Todesursache reden müssen. Aussteigen auf den Islas Cíes Raus aufs Meer, hin zu den Islas Cíes. Was in der Jetztzeit des Films, 2004, die kleinen Alltagsfluchten sind, war für Fon und die Mutter von Marina mehr – sie sind 1985 ausgestiegen. Die Islas Cíes kennt jede*r in Vigo, bei Besuchen meinten Freund*innen dort: „Fahrt hin, es ist wunderschön, Natur pur. Gleich neben dem Fähranleger liegt die Playa Figueiras, ein Nacktbadestrand.“ Iago führt Marina auf dem Gelände der Werft Pineiro zu einem abgerockten Acht-Meter-Segelboot. „Auf ihm haben Fon und deine Mutter zuletzt zusammengelebt“, erklärt er ihr. Marina liest in deren Tagebuch, wie sie mit dem Boot rüber zu den Islas Cíes gefahren sind und dort gelebt haben. Auf der Isla del Faro. Lachend laufen sie nackt zusammen ins Wasser, tauchen, sehen Delfine (so wie ihre Tochter 2004 von der Yacht aus), lieben sich am Strand. Fon verdient sich Geld mit dem Schmuggeln von Heroin. Sie probieren es selbst aus. Die scheinbare Leichtigkeit des Aussteigerlebens auf der Isla del Faro geht über in Drogendelirien und Entzugserscheinungen. Diese explizit zu zeigen, wäre nicht nötig gewesen – zumal sie verharmlosend daherkommen. Die Küstenwache verhaftet sie bei einer Segelpassage nach Vigo wegen Drogenschmuggels. Zu allem Unglück ist auch ein Blitz in den Mast ihres Bootes eingeschlagen. Marinas Mutter und Fon werden von den gleichen Personen dargestellt, die Marina und Nuno in der Jetztzeit verkörpern: Llúcia García und Mitch (Miguel Bustamante Robles). Sie werden auch auf dem Dach eines Hochhauses auf einer Vigo ins Meer vorgelagerten Landzunge gezeigt, wo sie eine Wohnung hatten. In Traumsequenzen begegnet Marina dort ihren Eltern, wie sie Zeit miteinander in Liegestühlen verbringen, herumalbern. Die Mutter wird dort gedoubelt. In diesen Szenen wird deutlich, wie gerne Marina ihre Eltern kennengelernt hätte. Aus dem Tagebuch zitiert sie mehrmals eine Zeile aus dem Lied „Tu Mirá“ (Dein Blick), dass Lole und Manuel als „nuevo flamenco“ gesungen haben, 1976, als Marinas Mutter ein Kind war und die Franco-Diktatur am Ende: „Dein Blick // Bohrt sich mir wie ein Schwert in die Augen.“ Ein Lied so voller Leidenschaft, Sehnsucht und Schwere wie die Liebesgeschichte von Marinas Eltern. **„Ich werde auf deinem Grab tanzen“** Carla Simón hat für „Romería“ mit einem Choreografen zusammengearbeitet. Zu „Bailaré sobre tu tumba“ von Siniestro Total tanzen Jugendliche im Punk-Outfit, alle in Lederjacken, in einem dunklen Raum. Eine nach der Anderen lässt sich umfallen, wird aufgefangen, wieder hingestellt, verharrt regungslos und wird mit einem weißen Tuch verhüllt. Einige werden zum Abschied umarmt, dann können sie nicht mehr angefasst werden. Am Schluss des Liedes sind fast Alle im Raum tot. Eine krasse Darstellung der Heroin-Krise. Das Lied der Fun-Punx von Siniestro Total, die sich mit den frühen Goldenen Zitronen vergleichen lassen, ist von 1983 und die Band kommt aus Vigo. Aber in „Bailaré sobre tu tumba“ (Ich werde auf deinem Grab tanzen) geht es surreal darum, jemanden zu töten, mit Dingen, die für die Band positiv für Hedonismus und Lebensfreude stehen: „Ich werde dich mit meinen Steppschuhen töten // Ich werde dich mit meinem Ballettröckchen ersticken // Ich werde dich mit meinem Smoking erhängen // Und du wirst sterben, während der DJ lacht…“. Das Lied passt nicht zur Choreografie, aber vielleicht ist diese Widersprüchlichkeit auch eine Stärke dieser Inszenierung. Denn durch die Heroin-Krise war der Tod eben auch ein Thema für Fun-Punx wie Siniestro Total. Eines ihrer besten Lieder ist „Miña terra galega“, „Meine galizische Heimat“, eine genial ironische Coverversion von „Sweet Home Alabama“, in dessen Refrain es heißt: „Wo der Himmel immer grau ist“. In „Romería“ dagegen scheint fast immer die Sonne auf das blaue Meer und die sattgrünen Wiesen. Das schöne Wetter ermöglicht wunderbare Naturaufnahmen. Die Kamerafrau Hélène Louvart, die schon mit Agnès Varda, vielen anderen Regieleuten zusammengearbeitet und auch bei Carla Simóns vorigem Film „Alcarràs“ die Bildaufnahmen besorgt hat, hat beides geschafft: Menschen in der Sonne an der Küste Galiziens in ein natürlich warmes Licht zu setzen und der zweiten Protagonistin Raum zu geben, dem schönen Meer. Den Kontrast dazu bilden die beengten Innenaufnahmen im bourgeoisen Haus der Großeltern, wo nicht nur Fon unter autoritären Regeln gelitten hat. Movida und Heroinkrise Nach dem Ende der Diktatur in Spanien feierten viele Jugendliche die neugewonnene Freiheit, der damalige gegenkulturelle Aufbruch um 1980 ist als Movida ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Die frühen Filme von Pedro Almodóvar zelebrieren die Movida, den Hedonismus, den Bruch mit der katholischen Herrschaftsmoral und seinen Tabus. Teil dieses Aufbruchs war für Viele auch der Konsum von harten Drogen. Aids verbreitete sich schnell über die häufig geteilten Heroinspritzen. Tausende Spanier*innen erkrankten an Aids, eine Schneise des Todes durchzog die Subkulturen der Rebellion. Die nach Francos Tod wieder erstarkten Anarchosyndikalist*innen und andere radikale Linke lehnten den Konsum von Heroin vehement ab. Die baskische ETA führte eine Anti-Drogen-Anschlagserie durch – Drogenkonsum lenke vom nationalen Befreiungskampf ab, war die Begründung. Die ETA erschoss mehrere Dealer, sprengte eine Diskothek im baskischen Küstenort Lekeitio, weil dort mit Drogen gehandelt worden sei, so wurde mir erzählt. Niemand traute sich, dort wieder etwas aufzubauen. Bars und Diskos in Spanien hatten Aufkleber an den Eingängen, auf denen ein durchgestrichenes Kamel zu sehen ist: „Camello“ ist ein Ausdruck für Dealer. In linken Kneipen wurde oft rigoros rausgeworfen, wer beim Konsumieren von harten Drogen erwischt wurde. Welches Ausmaß das Sterben an Heroin und Aids hatte, war in den 1980er und 90er Jahren omnipräsent in der Gegenkultur, vor allem im Punk. Anfang der 80er wichtige Bands waren Los Vulpes, Eskorbuto und Cicatriz. Von der Frauenband Los Vulpes starb eine von vier Musikerinnen 1993. Eskorbuto war und ist die bekannteste Punkband Spaniens. Zwei ihrer drei Musiker starben 1992. Cicatriz wurde 1983 in einer Entgiftungsklinik gegründet. Drei der Gründungsmitglieder starben an Aids, einer an einer Überdosis Heroin. Alle drei Bands kamen aus dem Baskenland. Auch in Galizien starben viele durch das Spritzen von Heroin – über die galizische Küste wurde das meiste Caballo, Shore, H, wie es auch genannt wird, nach Spanien geschmuggelt. Carla Simóns Mutter war eine von 4.227 Menschen, die 1993 an Aids starben, berichtet die Zeitung „El País“: Ein Viertel der 1983 bekannten Infizierten verstarb; 1995 war mit 5.857 Todesfällen durch Aids das Jahr mit der höchsten Rate. Darüber wird in Spanien nicht gesprochen. „Man lebte mit großem Schmerz, hinter verschlossenen Türen. All das verfestigt sich, bis jemand kommt und sagt: ‚Vielleicht ist es in Ordnung, wenn wir akzeptieren, dass das passiert ist.‘ “, wird Carla Simón in der Zeitung „El País“ zitiert. Im Statement zum Film betont sie, was für die Erinnerung an ihre eigenen Eltern das größte Hindernis sei: „das Stigma, das Aids umgibt und diese Erinnerungen überdeckt. Unser Film will das Vermächtnis einer übersehenen Generation wiederherstellen, die von den doppelten Folgen der Heroinsucht und des Aufkommens eines neuen Virus betroffen war; ein Teil der kollektiven Erinnerung Spaniens, der es verdient, wieder aufgegriffen zu werden.“ Es tut weh, daran zu erinnern. Aber es schmerzt noch mehr, wie die Dominanzkultur die Erinnerung an die Heroin-Krise verdrängt. Gegen deren Verdrängung ist „Romería“ ein wichtiger Beitrag. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 26/06/2026
Die #Graswurzelrevolution #GWR braucht Eure Solidarität! www.graswurzel.net/gwr/2026/06/die-… #Zeitung #AlternativePresse #Anarchie
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Die Graswurzelrevolution braucht Eure Solidarität!
Liebe Leser*innen, die mit 28 Seiten besonders dicke Graswurzelrevolution Nr. 510 ist die letzte Ausgabe vor der Sommerpause. Im Juli und August erscheint keine GWR. Wir hoffen, dass Ihr den Sommer genießen könnt und Zeit findet für politische Aktivitäten, damit die Zustände nicht so bleiben, wie sie sind. Vor zwei Jahren haben wir mit einem Flyer in der Sommer-GWR 490 darauf hingewiesen, dass wir 200 Neuabos und 10.000 Euro Spenden brauchen. Die Resonanz darauf war überwältigend. Viele GWR-Leser*innen haben in der Redaktion angerufen und erzählt, wie wichtig ihnen ihre Monatszeitschrift ist und wie sehr sie sich Monat für Monat auf die neue Ausgabe freuen. Noch mehr von Euch haben großzügig gespendet und dazu beigetragen, dass wir die GWR in den letzten beiden Jahren herausbringen konnten, ohne den Preis zu erhöhen oder die Insolvenz zu fürchten. Ihr habt uns gerettet und ermutigt! Dafür möchten wir uns ganz herzlich bei Euch bedanken! Wenn wir auf das vergangene Jahr zurückblicken, denken wir mit Unbehagen daran, dass uns in der Sommerpause 2025 die Postbank ohne Begründung die beiden Konten von Zeitschrift und Buchverlag Graswurzelrevolution gekündigt hatte und wir uns mit viel Stress auf die Suche nach einer anderen Bank machen mussten. Die Kontokündigungen sind im Zusammenhang mit dem Debanking (die GWR berichtete) zu sehen: Gekündigt wurden auch Konten der Roten Hilfe, der DKP, des Anarchist Black Cross, mehrerer Ortsgruppen der VVN-BdA und anderer antifaschistischen Organisationen. Die rechtsextreme Trump-Regierung hat den Antifaschismus zum Terrorismus erklärt und übt weltweit Druck auf Banken aus, damit diese die Konten antifaschistischer Organisationen kündigen. Die Konten von Buchverlag und GWR liegen seit Herbst 2025 bei der genossenschaftlichen GLS-Bank. Wir hoffen, dass wir dort bleiben können, nachdem die GLS ihre zunächst ausgesprochenen Kontenkündigungen gegen die Rote Hilfe aufgrund zahlreicher Proteste zurückgenommen hat. Das Postbank-Konto des gemeinnützigen Fördervereins für Freiheit und Gewaltlosigkeit (siehe unten) ist vom Debanking übrigens nicht betroffen. Die Situation auf dem Zeitungsmarkt ist nicht einfach. Wir müssen immer wieder Hebel in Bewegung setzen, damit alles rund läuft. Das ist ehrenamtlich allein nicht zu schaffen. Wir haben eine weitere kleine Stelle eingerichtet, die für die Bewältigung der umfangreichen „bürokratischen“ Aufgaben zuständig ist. Die Kosten hierfür fallen zusammen mit den gestiegenen Ausgaben für Druck und Vertrieb, den hauptamtlichen Koordinationsredakteur, die Honorare u.a. für unseren Layouter, die Genoss*innen im Vertrieb und in der Online-Redaktion. Die Monatsmieten für das Redaktionsbüro in Münster und das Büro von GWR Abo & Vertrieb in Freiburg sowie Kosten für Telefon und Energie fallen auch dann an, wenn in der Sommerpause gerade keine GWR erscheint, also kaum laufende Einnahmen zu verzeichnen sind. Kurzum: Die alljährliche GWR-Sommerpause sorgt in unserer Zeitungskasse für ein großes Sommerloch. Damit es sich nicht zu einer Finanzkrise ausweitet, bitten wir unsere Leser*innen um Spenden. Wir möchten mit Schwung und ohne finanzielle Probleme die nächsten Ausgaben im Herbst produzieren können. Denn eine deutlich vernehmbare anarchistische, gewaltfreie und antimilitaristische Stimme fehlt in der Medienlandschaft gerade jetzt, wo sich die Situation in vielen Bereichen zuspitzt. Wir brauchen wieder 10.000 Euro und 200 Neuabos, um über die Sommerpause zu kommen. Deshalb bitten wir um Eure Unterstützung. Das können Spenden sein, Neuabos, die Umwandlung von Abos in Soliabos, Geschenkabos, Freiabos für Gefangene usw. Gemeinsam mit Euch werden wir es schaffen, die Graswurzelrevolution weiterzuentwickeln! Danke für Eure Solidarität! ##### Spenden bitte an: > Förderverein für Freiheit und Gewaltlosigkeit e.V., > > Postbank Karlsruhe, IBAN: DE66 6601 0075 0031 7617 59, > > BIC: PBNKDEFFXXX, > > Spende StNr 2.2 VerzNr 615 FA HD. Spenden auf das Konto des Vereins für Freiheit und Gewaltlosigkeit e.V. sind steuerlich absetzbar. Bitte schreibt auf den Überweisungsträger deutlich Eure Anschrift, da Spenden über 300 Euro extra von und für das Finanzamt bescheinigt werden müssen. Bei Spenden unter 300 Euro reicht die Buchungsbestätigung des Kreditinstitutes, wenn unter Verwendungszweck „Spende StNr 2.2 VerzNr. 615 FA HD“ angegeben wurde. Ihr könnt uns für die Spendenbescheinigung aber auch Eure Adresse mitteilen (Höhe und Datum der Zahlung bitte nicht vergessen). Zuwendungsbescheinigungen werden automatisch zu Anfang des Jahres verschickt. Spenden
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 26/06/2026
#Anarchie Die lange Geschichte einer politischen Utopie Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen Feature, Sendung vom 24.6.2026 u.a. mit Wolfgang Eckhardt, Clara Tempel und Graswurzelrevolution-Redakteur Bernd Drücke. www.deutschlandfunkkultur.de/wer-is… […]
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#GWR510 Kolossal für Gleichheit und Freiheit Zum 150. Todestag des Anarchisten Michail #Bakunin www.graswurzel.net/gwr/2026/06/kolo…
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Kolossal für Gleichheit und Freiheit
Karl Marx nannte ihn ein „Vieh“, Walter Benjamin hingegen bewunderte seinen Freiheitsbegriff, an den soziale Bewegungen bis heute anknüpfen: Der Anarchist Michail Bakunin starb vor 150 Jahren, am 1. Juli 1876. Es liest sich immer noch wie eine jener sprichwörtlich weisen Voraussichten, was Michail Bakunin 1871 in seinem Artikel „Sozialismus und Freiheit“ notierte: „Wir sind überzeugt“, proklamierte der revolutionäre Sozialist darin, „daß Freiheit ohne Sozialismus Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit, und Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalität bedeutet“ (1). Den Neoliberalismus mit seinem rücksichtslosen Freiheitsverständnis konnte er unmöglich vorausahnen. Den Staatskommunismus allerdings hat er förmlich kommen sehen: Geschrieben nach dem Aufstand der Pariser Kommune 1871 und vor der Spaltung der Internationalen Arbeiterassoziation, später Erste Internationale genannt, im Folgejahr, betonte Bakunin in dem Text auch die Gegensätze zwischen revolutionären libertären Sozialist*innen auf der einen und Kommunist*innen auf der anderen Seite. Während Karl Marx und Friedrich Engels die Internationale zu einer zentralistisch geführten Organisation mit dem Ziel machen wollten, die Staatsmacht zu erobern, lehnten die damals föderalistisch genannten Teile der Arbeiter*innenbewegung, die Bakunin als revolutionäre Sozialisten bezeichnete, beides ab: Sie plädierten in der Organisationsfrage für dezentrale Strukturen, um die Ziele der Bewegung im Hier und Jetzt schon vorwegzunehmen. Dementsprechend glaubten sie auch nicht daran, dass der Staat sich für die Zwecke der Befreiung umfunktionieren ließe. Bakunin wurde zur lautstarken Stimme dieser antiautoritären Strömung innerhalb der Arbeiter*innenbewegung. So war er schließlich auch weit mehr als der gescheiterte Gegenspieler von Marx und Engels. **„Alles an ihm war kolossal“. Der Sozialrevolutionär** Als Person muss der 1814 im russischen Prjamuchino geborene Bakunin eine beeindruckende Erscheinung gewesen sein. „Alles an ihm war kolossal“, schrieb etwa der Komponist Richard Wagner, „mit einer auf primitive Frische deutenden Wucht“. Wagner und Bakunin hatten sich 1849 in Dresden kennengelernt, wenige Jahre nachdem Bakunin und Marx sich um 1844 in Paris erstmals begegnet waren. Bakunin war der Prototyp des Sozialrevolutionärs: Überall in Europa, wo es Aufstände gegen Adel und Ungerechtigkeit, gegen Monarchie und Kapital gab, mischte er mit. Er wuchs zunächst als Sohn einer Adelsfamilie auf deren Landsitz auf und absolvierte auf Druck seines Vaters eine Militärausbildung in der zaristischen Armee. Anstatt sich dann aber in den Staatsdienst zu begeben, wandte er sich vom Vater und dem Herkunftsmilieu ab, um sich fortan der sozialen Revolution zu widmen. Bevor er von Aufstand zu Revolte in ganz Europa reiste, studierte er ab 1840 in Berlin Philosophie bei Ludwig Feuerbach (1804–1872) und bewegte sich in den Kreisen der Junghegelianer. Hegel übersetzte er ins Russische. Als Filmskript für ein im 19. Jahrhundert spielendes Biopic erschiene diese Story wahrscheinlich etwas zu dick aufgetragen: Nach Berlin zieht es den mittlerweile als Journalist arbeitenden Bakunin in die Schweiz, er nimmt an Aufständen in Paris, Prag und schließlich Dresden teil, wird dafür zwei Mal zum Tode verurteilt und zu Kerkerhaft begnadigt, verbringt in den 1850er Jahren mehrere Jahre in russischen Gefängnissen, verliert dort alle Zähne, flieht schließlich über die USA und London nach Florenz, lebt zwei Jahre in Neapel, dann in Genf, Locarno und Bologna, wo er, wie zuvor in Lyon, wieder mal einen Aufstand mitorganisiert. Er verkehrt in Kreisen revolutionärer Arbeiter*innen, ist aber auch mit Intellektuellen wie dem Schriftsteller Alexander Herzen (1812–1970) und der Schriftstellerin George Sand (1804–1876) befreundet. Dabei schreibt er, der mehrere Sprachen spricht, Artikel, Bücher und Pamphlete, agitiert und nimmt an Konferenzen sowie Revolten teil. Nach dem Streit um die Internationale, der schließlich 1872 auf Druck von Marx und Engels mit seinem Ausschluss endet, zieht er sich langsam aus der Öffentlichkeit zurück. Nachvollziehbar erschöpft stirbt Bakunin am 1. Juli 1876 in Bern, wo bis heute sein Grabstein steht. **„Theoretisch Null“. Freiheit und Gleichheit** Es ist ein Vorurteil, dass Bakunin bloß ein rastloser Rebell, leidenschaftlich in der Tat, aber „theoretisch Null“ (Marx) war, also zur Theorie der Arbeiter*innenbewegung und des Anarchismus so gut wie nichts beigetragen hätte. Widerlegt hat es zuletzt Philippe Kellermann in seiner kenntnisreichen, knapp 250seitigen (!) Einleitung zu verschiedenen Texten Bakunins. (2) Darin stellt er unterschiedliche theoretische Einsätze Bakunins heraus, die sowohl sozialtheoretische als auch strategisch-politische Aspekte aufweisen. Bakunin lehnte es nicht nur ab, die Staatsmacht zu erobern, er setzte diesem Konzept auch die Kooperation freier Assoziationen entgegen. „Kein Staat, wie demokratisch auch immer seine Formen sein mögen, und sei es die röteste politische Republik […] kann dem Volk das geben, was es braucht, nämlich die freie Organisation der eigenen Interessen von unten nach oben“ (3), schreibt er in Staatlichkeit und Anarchie. Der Staat stelle letztlich nicht anderes dar „als die Beherrschung der Massen von oben nach unten, durch eine intellektuelle und eben dadurch privilegierte Minderheit“ (4). Auch bei der Gestaltung der bewegungseigenen Organisierung plädierte er dafür, die antihierarchischen Prinzipien walten zu lassen, die dann die später befreite Gesellschaft kennzeichnen sollten. „Während aber nun Marx de facto sein Hauptaugenmerk auf die Bildung von Arbeiterparteien legte“, schreibt Kellermann, „stellte Bakunin dagegen den gewerkschaftlichen Kampf (mit) ins Zentrum seines ganzen Ansatzes“ (5). Aber nicht nur das. Bakunin sah zwar im Streik ein wichtiges Mittel des Kampfes, wollte zugleich die Streikenden aber nicht auf das lohnabhängige Industrieproletariat beschränkt sehen. Bakunin hatte also nicht nur andere Antworten als Marx und Engels auf die Fragen nach der Staatsmacht und der proletarischen Organisierung, er beantwortet auch, wie der Herausgeber seiner gesammelten Schriften, Wolfgang Eckhardt, betont, die Frage „des Subjekts der revolutionären Veränderung“ (6) anders als im Marxismus üblich. Er setzte auch auf die Bäuerinnen und Bauern und nicht zuletzt auf das von Marx und Engels immer wieder so verächtlich beschriebene, sogenannte Lumpenproletariat. Bakunin-Grafiken von Andreas Siekmann Hinsichtlich der Mittel revolutionärer Veränderung setzte Bakunin auf verschiedene Strategien, zu denen neben Basisdemokratie auch kadermäßig organisierte Geheimbünde und Gewalt gehörten. Den vielleicht am meisten zitierten Satz seiner mehrere Tausend Seiten umfassenden, aus häufig unvollendet gebliebenen Texten bestehenden Schriften, notiert Bakunin schon früh. In seinem unter Pseudonym auf Deutsch verfassten Artikel „Die Reaktion in Deutschland“ von 1842 schreibt er am Schluss: „Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust“ (7). Aber ein Gewaltverherrlicher war Bakunin nicht: Seine Zerstörungslust war kein Selbstzweck und zielte auf die bestehenden Institutionen, nicht auf Menschen. Das machte er u.a. in Auseinandersetzung mit dem russischen Revolutionär Sergei Netschajew (1847–182) deutlich, mit dem er einige Zeit kooperiert hatte. In einem langen Brief von 1870 kündigt er Netschajew, dem alle Mittel inklusive Intrigen und Mord im Dienste der Sache legitim erschienen, die Zusammenarbeit auf. Netschajews Haltungen und Taten „ersticke[n] systematisch jedes menschliche Gefühl und jeden persönlichen Sinn für Gerechtigkeit“ (8), beschwert sich Bakunin und hält ihm entgegen, man müsse die Menschen „wirklich organisieren und moralisch aufrichten“ (9). Diese positive Bezugnahme auf Moral als entscheidend für die revolutionäre Veränderungen führt schließlich noch zu einem dritten Punkt, der für die Theorie Bakunins zentral war. Die Revolution, schreibt er 1869 in einem kurzen Text „Worte an die Jugend“, müsse „mit der völligen Veränderung aller sozialen Lebensbedingungen beginnen“ (10). Dass es mit der Umwälzung der ökonomischen Verhältnisse nicht getan sein würde, sondern die ökonomische von einer sozialen Revolution begleitet sein müsse, war der vielleicht einflussreichste Gedanke Bakunins. Denn er prägte nicht nur die libertär-sozialistischen Strömungen der Arbeiter*innenbewegung, die vor allem in den romanischen Ländern weitaus einflussreicher waren als die sozialdemokratischen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, hatte der Historiker Benedict Anderson betont, war der internationale Anarchismus – und nicht der Marxismus –, Hauptakteur der „globalen Opposition gegen den industriellen Kapitalismus, Autokratie, Großgrundbesitz und Imperialismus“ (11). Auch die künstlerischen Avantgarden und Subkulturen im 20. Jahrhundert knüpften an den Gedanken der veränderten Lebensführung an und zielten häufig auf soziale, nicht nur ökonomische Revolution. Nicht zufällig findet sich Walter Benjamins viel zitiertes Lob der Radikalität von Bakunins Freiheitsbegriff in seinem Aufsatz über den „Sürrealismus“ (12). Individuelle Freiheit ist Freiheit von Unterdrückung und Freiheit zu persönlicher Entfaltung. Freiheit auf Kosten anderer wird aber von Bakunin, anders als im Liberalismus, nicht geduldet.: „Die menschliche Freiheit“, schreibt Silke Lohschelder, „ist für Bakunin nur auf der Basis von Gleichheit und Solidarität innerhalb der Gesellschaft denkbar“ (13). **„Umfassende Sozialrevolution“. Die Internationale** Die konzeptuellen Differenzen zwischen den Anhänger*innen von Marx und Engels auf der einen und von Bakunin geprägten den Föderalist*innen auf der anderen Seite kulminierten im Rahmen der 1864 gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation. Bakunin, der der Internationale 1868 beitrat, bekannte sich explizit zu ihren maßgeblich von Marx verfassten Statuten, sie enthielten alle Ansätze „einer umfassenden Sozialrevolution“ (14). Allerdings bemerkt Bakunin in demselben Text auch, dass die Internationale nicht das Ziel habe, neue Staaten oder Despotien zu schaffen, sondern alle Herrschaftsformen radikal zu beseitigen, weshalb sie „sich von der Organisation der Staaten grundlegend unterscheiden“ (15) müsse. Das sahen Marx und Engels bekanntlich anders. Ihnen gelang es, ihre Linie der parteiförmigen Organisierung mit dem Ziel der Eroberung der Staatsmacht gegen die Vielzahl an organisatorischen und strategischen Vorstellungen in der Internationale durchzusetzen. Schließlich erwirkten sie in deren Generalrat 1872 den Ausschluss Bakunins und des Schweizer Anarchisten James Guillaume. Obwohl sie formal noch vier weitere Jahre existierte, bedeutete dieser Schritt das Ende der Ersten Internationale. Die Debatte wurde erbittert geführt. Schließlich ging es um nichts weniger als die Zukunft der Arbeiter*innenbewegung und damit auch um die Zukunft der Menschheit. „Der internationale Geist“, schrieb der Anarchismusforscher Max Nettlau im Rückblick, „ist damals tief verwundet worden“ (16). In der Diskussion blieben auch persönliche Beleidigungen nicht aus. Während Bakunin anfangs noch die theoretischen Errungenschaften von Marx würdigte, stimmte er schließlich in den polemischen Stil ein, den sein Kontrahent von Beginn an angeschlagen hatte. Während Marx Bakunin nicht nur als „Intrigant“, sondern auch als „Vieh“ beschimpfte, ließ sich Bakunin zu antisemitischen Tiraden hinreißen. **„Eine ausbeuterische Sekte“. Antisemitismus** Als der Historiker Götz Aly in seinem Abrechnungsbuch „Unser Kampf“ (2008) zur Revolte von 1968 geschrieben hatte, manche der Studierenden hätten „die anarchistischen Ideen des obsessiven Antisemiten Michail Bakunin“ (17) bevorzugt, war das sicherlich unredlich. Denn es unterstellt, die Revoltierenden hätten sich wegen des Antisemitismus und nicht trotzdem an Bakunin orientiert. In der anarchistischen Fanliteratur häufig ausgeblendet, ist der Vorwurf des Antisemitismus dennoch nicht ganz von der Hand zu weisen. Vor allem in seinen späteren Polemiken gegen Marx tritt er deutlich zu Tage: In dem Text „Persönliche Beziehungen zu Marx“ von 1876 heißt es etwa: „Nun, diese ganze jüdische Welt, die eine ausbeuterische Sekte, ein Blutegelvolk, einen einzigen fressenden Parasiten bildet, eng und intim nicht nur über die Staatsgrenzen hin, sondern auch über alle Verschiedenheiten der politischen Meinungen hinweg, – diese jüdische Welt steht heute zum großen Teil einerseits Marx, andererseits Rothschild zur Verfügung“ (18). Sein Antisemitismus, erkennt auch die Bakunin-Biographin Madeleine Grawitz in Bezug auf die Auseinandersetzung mit Marx, war „recht offensiv“ (19). Und er blieb leider nicht auf persönliches Ressentiment beschränkt. In einem Brief an die Pariser Zeitung „Le Réveil“ bedient sich Bakunin unverkennbar antisemitischer Mythen: „Ich weiß wohl, dass ich mich einer ungeheuren Gefahr aussetze, wenn ich so offen meine intimen Gedanken über die Juden ausspreche. Viele Leute teilen dieselben, aber sehr wenige wagen es, sie öffentlich auszusprechen, denn die jüdische Sekte, wie furchtbarer als die der katholischen und protestantischen Jesuiten, bildet heute in Europa eine wahre Macht. Sie herrscht despotisch im Handel, in der Bank, und sie ist in drei Viertel des deutschen Journalismus und einen sehr beträchtlichen Teil des Journalismus der übrigen Länder eingedrungen“ (20). Wie sich solche Ausfälle in die Haltungen des Sozialrevolutionärs integrieren ließen, der sich selbst als „überzeugter Anhänger ökonomischer und sozialer Gleichheit“ (21) beschrieb, bleibt letztlich schleierhaft. **„Sich die größte Mühe geben“. Ein Ende** Trotz alledem blieb die Ausstrahlungskraft Bakunins groß. Seine Ideen prägten nicht nur die Arbeiter*innenbewegungen in Ländern wie Italien, Spanien und Argentinien im späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch in den künstlerischen Avantgarden wie Dada und der Surrealismus sowie in den 68er-Bewegungen wurde sein sozialrevolutionärer Impuls reaktiviert, das ganze Leben verändern zu wollen. Die an die Freiheitsidee gekoppelte Gleichheitsvorstellung bezog Bakunin auch auf die Geschlechterverhältnisse. Anders als der ebenfalls als Gründervater des modernen Anarchismus gehandelte Frauenhasser Pierre-Joseph Proudhon trat Bakunin, wie Silke Lohschelder heraushebt, explizit für „die rechtliche, soziale und wirtschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau“ (22) ein. Erschöpft und ausgebrannt, schreibt Bakunin 1875 an seinen Freund und Genossen Élisée Reclus, was sich schließlich als Einsicht in die Haltungen vieler radikaler Linker des 20. und 21. Jahrhunderts einschreibt: Dass die Stunde der Revolution vorbei sei und zwar „nicht wegen des schrecklichen Unheils, dessen Zeugen wir waren, und der furchtbaren Niederlagen, deren mehr oder weniger schuldige Opfer wir waren, sondern weil ich zu meiner großen Verzweiflung konstatiert habe und täglich von neuem konstatiere, daß der revolutionäre Gedanke, die revolutionäre Hoffnung und Leidenschaft in den Massen sich absolut nicht vorfinden, und wenn sie fehlen, kann man sich die größte Mühe geben, man wird nichts ausrichten“ (23). (1) Michail Bakunin: „Sozialismus und Freiheit“ [1871], https://www.marxists.org/deutsch/referenz/bakunin/1871/xx/freiheit.htm (2) Philippe Kellermann: „Einleitung“. In: Michael Bakunin: Staat, Erziehung, Revolution. Ausgewählte Texte (1869–1871). Lich: Edition AV 2015, S. 8-258. (3) Michail Bakunin: „Staatlichkeit und Anarchie“, hier nach https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/michail-bakunin/20-bakunin-staatlichkeit-und-anarchie-kernstellen (4) Ebd. (5) Kellermann 2015, S. 97. (6) Wolfgang Eckhardt: Von der Dresdner Mairevolution zur Ersten Internationale. Untersuchungen zu Leben und Werk Michail Bakunins. Lich: Verlag Edition AV 2005, S. 15. (7) Michail Bakunin: „Die Reaktion in Deutschland“. In: Ders.: Die Reaktion in Deutschland. Hamburg und Zürich: Edition Nautilus und Edition Moderne 1984, S. 15–51, hier S. 51 (8) Michail Bakunin: „Brief an Sergej Nečajev“ [1870]. In: Michail Bakunin und Sergej Nečajev: „Gewalt für den Körper. Verrat für die Seele“. Eine Debatte über Ethik und Moral der Revolutionäre und den „Revolutionären Katechismus“. Berlin: Karin Kramer Verlag 2014, S. 81-151, hier S. 111. (9) Ebd., S. 110. (10) Michail Bakunin: Worte an die Jugend. Prinzipien der Revolution. Leipzig: Verlag Junge Anarchisten Leipzig 1923, S. 9. (11) Benedict Anderson: Under Three Flags. Anarchism and the Anti-Colonial Imagination. London/ New York: Verso 2005, S. 54. [Übers. J.K.] (12) Walter Benjamin: „Der Sürrealismus. Die letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz“. In: Ders.: Gesammelte Schriften, Band II, S. 306., hier zit. n. https://www.textlog.de/benjamin/essays/literarische/der-surrealismus (13) Silke Lohschelder, Liane M. Dbowy und Ines Gutschmidt: Anarchafeminismus. Auf den Spuren einer Utopie. Münster: Unrast Verlag 2024, 4. überarb. Aufl, S. 28. (14) Michail Bakunin: „Die Organisation der Internationale“. In: Ders.: Die Politik der Internationale. Herausgegeben, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Philippe Kellerman. Münster: Unrast Verlag 2005, S. 69-83, hier S. 79 (15) Ebd., S. 73. (16) Max Nettlau: „M. Bakunin“. In: Michail Bakunin: Gott und der Staat. Grafenau: Trotzdem Verlag 1995, S. 6–13, hier S. 12. (17) Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück. Frankfurt am Main: S.Fischer Verlag 2008, S. 9. (18) Zit. n. Armin Pfahl-Traughber: „Antisemitismus im Anarchismus. Michail Bakunin als Beispiel“. In: HaGalil, 21. Juli 2020, https://www.hagalil.com/2020/07/bakunin/ (03.20.2026) (19) Madeleine Grawitz: Bakunin. Ein Leben für die Freiheit. Hamburg: Edition Nautilus 1999, S. 459. (20) Zit. n. Armin Pfahl-Traughber 2020. (21) Michail Bakunin: „Sozialismus und Freiheit“ [1871], https://www.marxists.org/deutsch/referenz/bakunin/1871/xx/freiheit.htm (22) Silke Lohschelder, Liane M. Dbowy und Ines Gutschmidt: Anarchafeminismus. Auf den Spuren einer Utopie. Münster: Unrast Verlag 2024, 4. überarb. Aufl, S. 30. (23) Zit. n. Herzen? Nettlau? Angabe ohne Autor: https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/michail-bakunin/46-bakunin-1814-1876-biografie **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 20/06/2026
#GWR510 90 Jahre Soziale Revolution in Spanien 1936 erhoben sich Millionen Menschen gegen den faschistischen Franco-Putsch #Anarchie #SozialeRevolution #Mujeres www.graswurzel.net/gwr/2026/06/90-j…
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90 Jahre Soziale Revolution in Spanien
„Wir sind es, die wir diese Städte und Paläste – hier in Spanien und in Amerika und überall – gebaut haben. Wir Arbeiter können andere Städte und Paläste an ihrer Stelle aufrichten. Und sogar bessere. ... Wir werden die Erben dieser Erde sein ... hier in unseren Herzen tragen wir eine neue Welt. Jetzt, in diesem Augenblick, wächst diese Welt.“ – Buenaventura Durruti, anarchosyndikalistischer Revolutionär, 1936 Am 19. Juli 2026 jährt sich zum 90. Mal der Beginn der Spanischen Revolution. Sie war und bleibt für die anarchistischen Bewegungen von großer Bedeutung. Aufgrund ihrer Radikalität und ihres hohen Grades an Freiwilligkeit gilt diese Soziale Revolution libertären Sozialist*innen in aller Welt als ein Beispiel für die Realisierbarkeit anarchistischer Ideen. Obwohl es viele Bücher zum Spanischen Bürgerkrieg und, vor allem in anarchistischen Verlagen, auch zur Spanischen Revolution gibt, ist der „Kurze Sommer der Anarchie“ bis heute ein Ereignis, das in Schul- und Geschichtsbüchern kaum auftaucht. Dabei gehört die Soziale Revolution in der ersten Phase des Spanischen Bürgerkrieges zu den umfangreichsten gesellschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Der Augenzeuge Franz Borkenau beschrieb seine Eindrücke wie folgt: „Als wir um die Ecke in die Ramblas (die Hauptverkehrsadern Barcelonas) einbogen, kam eine gewaltige Überraschung: Schlagartig breitete sich die Revolution vor unseren Augen aus. Es war überwältigend. Es war, als wären wir auf einem Kontinent gelandet, der sich von allem unterschied, was ich bisher gesehen hatte.“ George Orwell erlebte 1937, als die Revolution bereits „abgeflaut“ und zu einem großen Teil zwischen Faschisten und Stalinisten zerrieben worden war, noch einen Hauch von Anarchie: „Man hatte das Gefühl, plötzlich in einer Ära der Gleichheit und Freiheit aufgetaucht zu sein. Menschliche Wesen versuchten, sich wie menschliche Wesen zu benehmen und nicht wie ein Rädchen in der kapitalistischen Maschine.“ (1) **Der Militärputsch des General Franco** Der Spanische Bürgerkrieg begann, als am 17./18. Juli 1936 Militärs, unter der Führung von General Franco, versuchten, die junge spanische Republik zu stürzen. Ziel der Franquisten und katholischen Klerikalfaschisten war es, in Spanien eine Diktatur zu errichten. Anders als 1933 in Deutschland gab es in Spanien jedoch massiven und lange Zeit erfolgreichen Widerstand großer Teile der Bevölkerung gegen die faschistische Machtergreifung. „Der Militäraufstand (…) war für große Teile der spanischen Arbeiterschaft Katalysator und auslösende Bedingung einer Revolution, die innerhalb weniger Wochen auf lokaler und regionaler Ebene das bestehende politische, soziale und ökonomische System weitgehend abschaffte, die wirtschaftliche und politische Macht an neue soziale Gruppen überführte und das traditionelle System der Herrschaft von Grund auf veränderte“ (2), stellt der Romanist Walter L. Bernecker (siehe Nachruf in dieser GWR) fest. In den Städten übernahmen revolutionäre Arbeiter*innen die Fabriken. Auf dem Land ergriffen Bäuer*innen, Landarbei- ter*innen und Tagelöhner*in-nen die Initiative, gründeten Agrarkollektive und bemächtigten sich des Landes. Durch die Schaffung unzähliger freier Schulen und die autodidaktische Aneignung gelang den Anarchist*innen eine Alphabetisierungskampagne, die historisch beispiellos ist. „Die Spanische Revolution schien zeitweise die Politik ihrer eigenen Organisationen überholen zu wollen. Diese Organisationen waren vor allem die 1910 gegründete anarchosyndikalistische Massengewerkschaft CNT [Confederación Nacional del Trabajo, dt.: ‚Nationale Föderation der Arbeit‘] mit mehr als 1,5 Millionen Mitgliedern, die 1927 gegründete FAI [Federación Anarquista Ibérica, ‚Anarchistische Föderation Spaniens‘], die POUM [Partido Obrero de Unificación Marxista, ‚Arbeiterpartei vereinigter Marxisten‘], eine Gruppe stalinkritischer Marxist*innen, sowie ein bedeutender Teil der in der sozialistischen Massengewerkschaft UGT [Unión General de Trabajadores, ‚Allgemeine Arbeiterunion‘] organisierten Arbeiterschaft.“ (3) **Der Anarchismus in Spanien** Nachdem die sozialrevolutionären Ideen und Schriften der russischen Anarchisten Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin in Spanien auf fruchtbaren Boden gefallen waren, kam es zwischen 1880 und 1910 zu einer beträchtlichen Verbreitung anarchistischen Gedankenguts, vor allem in Andalusien. Die Basis der Sozialen Revolution war der spanische Anarchismus, der sich schon vor 1936 zu einer Massenbewegung entwickelt hatte. Die anarchosyndikalistische CNT zählte 1918 bereits rund 700.000 Mitglieder. 18 Jahre später hatte sich ihre Mitgliederzahl verdoppelt. Die CNT war die größte politische Organisation eines Landes, das zu dieser Zeit etwa 23 Millionen Einwohner*innen hatte. Zentren des Anarchismus waren das industrialisierte Katalonien, Aragonien und das agrar-feudalistische Andalusien. Seine Anhänger*innen waren in erster Linie Menschen, die in den Industriebetrieben des Nordostens, in der Landwirtschaft und in den Handwerksbetrieben des Südens arbeiteten. Die Soziale Revolution wurde von ihrer Spontaneität, ihren Hoffnungen und Träumen beflügelt. Sie funktionierte ohne zentrale Leitung und ohne die Eroberung des Staatsapparates, der im Juli 1936 vorerst in Agonie verfiel. Die Menschen setzten freiheitlich-sozialistische Ideen in die Tat um: Ordnung ohne Herrschaft, die Utopie einer klassenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft, Dezentralisierung, Selbstverwaltung und gegenseitige Hilfe statt Konkurrenz. > _**„Die Emanzipation der Menschheit wird sich so lange nicht verwirklichen lassen, solange noch ein Geschlecht das andere beherrscht.“**_ Der Sieg über die franquistischen Militärs in Barcelona, Madrid, Valencia und anderen Städten machte es möglich, in der republikanischen Zone Spaniens die Utopie einer anarchistischen Gesellschaft zu verwirklichen. Den schwierigen Bedingungen zum Trotz und unter der Last des Bürgerkrieges steigerte sich in vielen Industriezweigen die Produktion. Ein Grund dafür war der revolutionäre Elan, der große Teile der Bevölkerung ergriffen hatte. Arbeiter*innen und Land-arbeiter*innen kollektivierten Industrie und Großgrundbesitz, setzten Räte ein, parallel zur zeitweise bedeutungslosen Regierung. Der spanische Anarchosyndikalist Abel Paz bescheibt die Situation der Arbeiter*innen im Sommer 1936 so: „Der Alltag der Arbeiter hat sich eigentlich nicht geändert. Sie mussten ja weiter arbeiten. Was sich geändert hat, war, dass sie die Unterdrückung nicht mehr erleben mussten, von den Chefs, von der Polizei, von der Justiz, vom Staat, … der Staat war weg. Was sich wirklich geändert hat, war der Alltag der Bourgeoisie, weil die Bourgeoisie die Kontrolle verloren hat. Deren Leben hat sich geändert.“ (4) Die revolutionären Hoffnungen der Anarchist*innen wurden jedoch nach wenigen Monaten zunichte gemacht. Die enorme Unterstützung, die die Franco-Truppen durch Portugal, das faschistische Mussolini-Italien und Nazi-Deutschland erhielten, sorgte für einen ungleichen Kampf auf dem Schlachtfeld. Die Regierungen Deutschlands, Italiens, Großbritanniens und Frankreichs hatten im August 1936 zwar einen Nichteinmischungspakt unterschrieben, an den sich die beiden demokratischen Länder, nicht jedoch die beiden Diktaturen hielten. Trotzdem weigerten sich England und Frankreich weiterhin, die spanische Republik zu unterstützen. Nur die stalinistische Sowjetunion und Mexiko lieferten der spanischen Republik Waffen. Stalin stellte sicher, dass die mit dem spanischen Staatsgold teuer bezahlten Waffen nicht an die Anarchist*innen, sondern stattdessen an die bis dahin bedeutungslosen spanischen Stali-nist*innen der PCE (Partido Comunista Español, ‚Kommunistische Partei Spaniens‘) geliefert wurden. Der Hispanist Martin Baxmeyer analysiert: „Im republikanischen Lager kam es zu Spannungen. Die PCE (…) verzeichnete als vorrangiger Empfänger sowjetischer Waffenlieferungen einen beträchtlichen Macht- und Mitgliederzuwachs. Ihre Politik war während des Bürgerkriegs dezidiert antirevolutionär. Sie beharrte auf dem Primat der Kriegsführung, einer zentralen politischen Führung, der Notwendigkeit eines festen Heeres mit militärischer Rangordnung. Den anarchistisch-revolutionären ‚Wildwuchs‘ sah sie mit Unbehagen.“ (3) Spanische Stalinisten und sowjetische Agenten dominierten nun die Führungsspitze der PCE und drängten den anarchistischen Einfluss zurück. Sowohl die PCE als auch die parlamentarisch-demokratischen Parteien waren gegen die libertär-sozialistische Revolution. Mit dem Fortschreiten des Krieges gelang es der Regierung und der kommunistischen Partei, über ihren Zugang zu sowjetischen Waffen die Kontrolle über die kriegswichtige Produktion zurückzuerlangen. Obwohl sie immer noch der größte Machtfaktor in der republikanischen Zone war, schwenkte die CNT auf eine reformistische Politik ein und entsandte Minister*innen in die von den Kommunist*innen beherrschte Regierung des Sozialisten Largo Caballero. Im Mai 1937 kam es in Barcelona zum „Bürgerkrieg im Bürgerkrieg“: Antifaschist*innen schossen aufeinander beim Kampf um die Kontrolle strategischer Punkte in Barcelona. Bei den „Maikämpfen“ hat die stalinistische PCE Anarchist*innen und viele Mitglieder der mit der CNT verbündeten POUM getötet. Andreu Nin i Pérez, Mitgründer der POUM, wurde von Stalinisten verschleppt, gefoltert und ermordet. Die Taktiker der PCE starteten eine Hetzkampagne gegen die FAI und die POUM und diffamierten sie als „fünfte Kolonne Francos“. Die anarchistischen Minister*innen traten zurück. Im Herbst 1937 begannen stalinistische Truppen, gewaltsam die anarchistischen Kollektive auf dem Land zu zerschlagen. 1939 marschierten die siegreichen Franco-Truppen durch Madrid. Es folgte eine faschistische Diktatur, die erst mit dem Tod Francos 1975 endete. **Schattenseiten** Wo Licht ist, ist auch Schatten. Die Spanische Revolution war nicht gewaltfrei. Gewalttaten, die zum Beispiel gegen Priester und Nonnen verübt wurden, sind auch nicht mit der damals überwiegend pro-faschistischen Politik der katholischen Kirche zu rechtfertigen. Andererseits werden der anarchistischen Bewegung von der konservativen spanischen Geschichtsschreibung Verbrechen während des Bürgerkriegs angelastet, die ihre Mitglieder mit großer Wahrscheinlichkeit nie begangen haben. Machistische Vorstellungen gab es auch unter den spanischen Anarchisten (siehe Artikel in dieser GWR). Dieser Machismo lässt sich zum Beispiel erahnen, wenn der Spanienkämpfer Abel Paz im Interview mit der GWR eine antifeministische Sichtweise auf die Rolle der Frauen in der Spanischen Revolution von sich gibt: Abel Paz: „Die Frauen hatten eine sehr wichtige Rolle. Aber anders, als es der Feminismus heutzutage versteht. (…) In der Revolution an sich waren die Frauen sogar an den Waffen. Während der revolutionären Phase haben sie neben ihren Männern gekämpft. Und in der zweiten Phase, wo die Revolution zum Krieg wurde, da haben die Frauen nicht mehr an der Front gekämpft, aus dem einfachen Grund, dass die Frauen hygienischer, sauberer sind, und die Front ist sehr dreckig. Dann haben sie eher die Rollen hinter der Front übernommen (…) Es ist so, dass die Frauen, die schon im Mittelalter schlauer waren als die Männer, sich sozial sozusagen einen sechsten Sinn angeeignet haben und durch eine bestimmte Art und Weise der Unterwürfigkeit, die sie dann dem Mann gegenüber an den Tag legen mussten, trotzdem Kontrolle über den Mann in vielen Bereichen, vor allem im häuslichen Bereich usw., entwickeln und erhalten konnten. Das zeigt nur, dass die Frauen zum großen Teil eigentlich wesentlich fähiger sind als die Männer.“ (4) Es ist kurios, dass Abel Paz das Zurückdrängen von kämpfenden Frauen an die „Heimatfront“ damit begründete, dass „die Frauen hygienischer, sauberer sind“. „Positiv-sexistisch“ und befremdlich ist auch die These, dass ein Geschlecht von Grund auf „schlauer“ als das andere sei. Die Soziale Revolution war nicht deshalb so großartig, weil „Frauen sogar an den Waffen waren“, sondern weil große Teile der Bevölkerung von der Basis her die Gesellschaft und das Leben selbst in die Hand nahmen und sich kollektivistisch organisierten. Vera Bianchi (5) beschreibt in ihrem Buch „Feministinnen in der Revolution“ und in dieser GWR die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg. Demnach beteiligten sich viele der 20.000 in dieser anarchistischen Frauenorganisation zusammengeschlossenen Frauen nicht am militärischen Abwehrkampf gegen die Franquisten. Sie fanden auch gewaltlose Wege des antifaschistischen Kampfes. Es ging ihnen um die Umwälzung der Gesellschaft in wichtigen Lebensbereichen (z. B. Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft) hin zur herrschaftsfreien Gesellschaft. Der militaristische Waffenkult war und ist immer problematisch, auch im Zusammenhang mit dem Spanischen Bürgerkrieg. „Er zeigt lediglich eine Form der Nachahmung männlich-patriarchalischer Kriegsgewalt. Psychologisch mag das verständlich sein, es symbolisiert jedoch keine eigentliche Befreiung“, so eine Graswurzelrevolutionärin. Schon die Anarchistin Emma Goldman stellte fest, dass es solange keine wirkliche Emanzipation geben wird, solange ein Mensch über einen anderen herrscht oder eine Klasse über eine andere. „Die Emanzipation der Menschheit wird sich so lange nicht verwirklichen lassen, solange noch ein Geschlecht das andere beherrscht.“ **Fazit** Trotz ihrer Schattenseiten ist die Spanische Revolution ein Lichtblick für Menschen, die nach Alternativen zur Herrschaft des Kapitalismus und nach einem selbstbestimmten Leben suchen. „Das Leben lehrt die Menschen mehr, als alle Theorien und Bücher es je vermögen. Die, die meinen, das, was sie sich häppchenweise aus Büchern angeeignet haben, einfach in die Praxis übernehmen zu können, machen sich selbst etwas vor; die, die solche Bücher aber mit den Erfahrungen des Lebens bereichern, können ein Meisterwerk schaffen“, so ein spanischer Sozialrevolutionär im März 1937. (1) George Orwell: Mein Katalonien - Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg, Diogenes, Zürich 1975 (2) Walther L. Bernecker: Krieg in Spanien 1936–1939, Darmstadt, 1991 (3) Martin Baxmeyer: Bürgerkrieg und soziale Revolution in Spanien 1936–1939. Eine Einführung, in: Bernd Drücke, Luz Kerkeling, Martin Baxmeyer (Hg.): Abel Paz und die Spanische Revolution, Edition AV, Frankfurt/M. 2004 (4) „Der Anarchismus wird nie sterben“. Ein Interview von Bernd Drücke mit dem Anarchisten, „Durruti“-Biographen und Spanienkämpfer Abel Paz (83), in: Bernd Drücke / Luz Kerkeling / Martin Baxmeyer (Hg.), Abel Paz und die Spanische Revolution, Edition AV, Frankfurt/M. 2004 (5) Vera Bianchi (Hg.): Mujeres Libres. Libertäre Kämpferinnen, Edition AV, Bodenburg 2019 ; Vera Bianchi: Feministinnen in der Revolution. Die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg, Unrast, Münster 2003 ; Frauen in der Spanischen Revolution. Interview von Bernd Drücke mit Vera Bianchi, in GWR 442, Oktober 2019, https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/frauen-in-der-spanischen-revolution-2/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**
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Bild aus der Titelseite der GWR zum Schwerpunkt 90 Jahre soziale Revolution und Mujeres libres in Spanien. und Zeichnung einer mujeres mit brille und braunen Haaren und zeitschrifte neben ihr
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#GWR509 Von Frankenstein, über Flaubert bis Kafka Weltliteratur in Comics und Graphic Novels „Hast du eigentlich auch schon die #Anastasia-Bücher gelesen?“ #Barrierefreiheit für alle! Die Gesellschaft behindert uns Frech und frei sein 50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung - Rezension 50 […]
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#GWR509 Lettland und die Unabhängigkeit Was bedeutet „kriegstüchtig“ Antikorruptionsproteste in der Ukraine. Gegen die Regierung, für „besseres Regiertwerden“ Postsowjetische Autokratie? Kasachstan hat eine neue Verfassung Von Frankenstein, über Flaubert bis Kafka Weltliteratur in Comics u […]
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#GWR509 Isabella kämpft für ihr Land Freiheit für die „Schwarzen Nachtigallen“ Kinder, Anarchist:innen, politische Gefangene in Belarus Die Verfolgung von Pınar Selek in der Türkei geht weiter Erneute Vertagung des Prozesses gegen die lebenslänglich Angeklagte „Unsere gemeinsame Sprache ist […]
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Inhalt: Renaissance der #Kriegsdienstpflicht? Ein antimilitaristischer Blick über den Tellerrand big data Datenautonomie stolpert über Blackstone Großrechenzentren sind eine Gefahr für Demokratie und Klima Klimaaktivismus ist notwendig, nicht kriminell! Ein Interview mit Lea Bonasera, die als […]
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die #GWR509 ist aktuell im Kiosk. #SolidarischGegenRepression #Graswurzelrevolution www.graswurzel.net/gwr/category/aus…
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Renaissance der Kriegsdienstpflicht?
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#GWR508 Was bleibt von Rojava? Diktatfrieden versus Emanzipation und Selbstverwaltung? www.graswurzel.net/gwr/2026/03/was-…
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Was bleibt von Rojava?
Im Januar und Februar 2026 berichteten Maria Blauwig und Robert Krieg mit mehreren Artikeln in GWR 506 und GWR 507 über die dramatischen Entwicklungen in Syrien und das drohende Ende der autonomen Selbstverwaltung in Rojava (Westkurdistan/Nordsyrien). Daran knüpft der folgende Beitrag von Dr. med. Michael Wilk an. Der Notarzt und Psychotherapeut reist seit 2014 nach Rojava und ist Herausgeber von „ ‚Erfahrung Rojava‘. Berichte aus der Solidaritätsarbeit in Nord-Ostsyrien“ (Edition AV 2022). Er unterstützt den Kurdischen Roten Halbmond (Heyva sor a kurd / Hsak) und schreibt regelmäßig u. a. für die GWR. (GWR-Red.) Während ich dies schreibe, ist Kobanê immer noch belagert. Die kurdische Stadt im Norden Syriens, an der Grenze zur Türkei, wurde berühmt, weil sich ihre Menschen 2014 dem anstürmenden IS entgegenstellten und ihm 2015 – mit Hilfe amerikanischer Luftunterstützung – jene entscheidende Niederlage beibrachten, die den Anfang vom Ende des islamistischen Terrorstaats einleitete. Nun steht Kobanê – und damit mehrere Hunderttausend Menschen – seit über einem Monat erneut unter militärischem Druck. Im Süden bedrängen syrische Regierungstruppen und Milizen der neuen Zentralregierung die Stadt, im Norden blockieren türkische Grenzbefestigungen und die Armee des Erdo?an-Regimes den Zugang. Die Lage vor Ort ist prekär. Es gibt nicht genügend Lebensmittel, keinen Brennstoff, keinen Strom. Die Menschen leiden unter der Kälte, weil Heizmaterial fehlt. Bäckereien sind geschlossen, da der Treibstoff zum Backen von Brot nicht verfügbar ist. Medikamente und medizinische Hilfsgüter werden zunehmend knapp. Mindestens sechs Kinder sind in Folge der durch die Blockade verursachten Mangelsituation gestorben. Schon vor der Belagerung hatte die türkische Bombardierung von Pumpstationen die Wasserversorgung der Stadt unzureichend gemacht. In der Folge breiten sich Krankheiten aufgrund fehlenden Zugangs zu sauberem Wasser aus. Viele Menschen flohen vor den türkisch gesteuerten SNA-Milizen aus anderen Regionen und dem Umland von Kobanê in die Stadt. Schulen mussten zu Notunterkünften umfunktioniert werden. Etwa 72.000 Schüler*innen können derzeit nicht zur Schule gehen. Vereinzelte Hilfskonvois des UNHCR können das Problem nicht lösen. Die Einrichtung eines dauerhaft offenen humanitären Hilfskorridors ist unerlässlich. Durch die Belagerung von Kobanê werden Hunderttausende Menschen zu Geiseln – ein Faustpfand in den Verhandlungen über die Zukunft Rojavas zwischen der neuen islamistischen Zentralregierung in Damaskus und der SDF. Die Verhandlungen standen von Anfang an unter dem Druck einer militärischen Auseinandersetzung und es bestanden kaum Zweifel an der hegemonialen Absicht der neuen Übergangsregierung in Damaskus. Wenn etwas unklar war, dann die Frage, ob al-Sharaa – der sich weichgespült gebende Übergangspräsident mit al-Qaida-Geschichte – als starker Mann der HTS-Miliz die zentrale Befehlsgewalt über die verschiedenen anderen islamistischen Milizen wirklich würde erlangen können. Föderative Freiräume für andere nicht-arabische Ethnien mit regionalen, autonomen, zivilen oder gar militärischen Strukturen außerhalb der islamistischen Milizen standen nie zur Disposition. Entgegen den Lippenbekenntnissen al-Sharaas und der neuen „Übergangsregierung“ waren nicht Verhandlungen und gültige Absprachen das bestimmende Element der gesellschaftlichen Umgestaltung, sondern der Einsatz militärischer Gewalt. Die Erdo?an-gesteuerte SNA-Miliz griff noch während der Kämpfe gegen die Reste der Assad-Armee unter Kontrolle der Selbstverwaltung stehende Gebiete (Sheba und Minbic) an, die unter der Wucht der Angriffe aufgegeben werden mussten. Im weiteren Verlauf zeichnete sich der zu erwartende Umgang mit Minderheiten ab. Islamistische Milizen ermordeten im März 2025 geschätzt 1.300–1.700 (SOHR) alawitische Menschen in der Küstenregion, brandschatzten und plünderten. Es folgten im Juli 2025 Angriffe auf die drusische Region im Süden – auch unter Einsatz schwerer Waffen –, mit Exekutionen, Plünderungen, Brandstiftungen, Vergewaltigungen, Entführungen und Versklavungen. Die Opferzahlen bewegen sich je nach Quelle zwischen 1.000 und 3.000 getöteten Menschen. Vor dieser Drohkulisse erfolgten die Verhandlungen zwischen der Zentralregierung und der SDF/Selbstverwaltung. Mehrfach wurden die Ergebnisse von türkischer Seite wegen Unzufriedenheit über Zugeständnisse an die kurdische Seite torpediert. Gleichzeitig zeigte sich immer klarer, dass mit einer weiteren Unterstützung der SDF durch die USA nicht mehr zu rechnen ist. Nach alawitischen und drusischen Menschen rückten Anfang 2026 die Gebiete der multiethnischen Region Nordostsyriens in den militärischen Fokus der syrischen Armee. Islamistisches Hegemoniestreben zeichnet sich nicht durch Akzeptanz emanzipatorischer Gesellschaftsmodelle aus. Angegriffen wurden nunmehr nicht nur Menschen anderer Religionen, „Ungläubige“, kurdische, assyrisch-aramäische oder jesidische Menschen. Attackiert wurde eine Gesellschaft, die sich bemüht, Ziele wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau umzusetzen und die Basisdemokratie, Minderheitenschutz und Religionsfreiheit zu erstrebenswerten Prinzipien erklärt. Die Angriffe begannen am 6. Januar 2026 mit einer Offensive gegen die kurdischen Stadtteile (Şêxmeqsûd und Eşrefiyê) in Aleppo (vgl. GWR 506). Im Verlauf dehnte sich die Aggression auf weite Teile der unter Kontrolle der Selbstverwaltung stehenden Gebiete aus. Bei den Angriffen von Truppen und Milizen der syrischen Übergangsregierung und des türkischen Staates auf die Bevölkerung in Nordostsyrien sind nach Angaben des NRLS (Zentrum für strategische Studien Rojava / Navenda Rojava a Lêkolînên Stratejîk) mindestens 1.200 Zivilist*innen getötet worden. Die meisten Opfer waren Frauen und Kinder (ANF v. 24.2.2026). Der Bericht des Zentrums verweist neben den Getöteten auf ca. 2.000 Entführte sowie rund 1.000 Gefangene. In Folge der Angriffe kam es zur erneuten Vertreibung von Hunderttausenden. Allein aus Aleppo seien mehr als 160.000 Menschen vertrieben worden. Aus den Regionen Raqqa und Tabqa hätten über 100.000 Personen Zuflucht in Gebieten unter Kontrolle der Autonomieverwaltung AANES gesucht. Neben der persönlichen Katastrophe der Vertreibung – ich kenne Menschen, die schon drei-, ja viermal fliehen mussten – bedeutet die notwendige Unterbringung in den jeweiligen Städten und Gebieten eine enorme Belastung der Selbstverwaltungs- und Hilfsstrukturen. Die Errichtung von Camps, die zwangsläufige Zweckentfremdung von Schulen und die Versorgung Tausender Menschen ist ein bewusster Angriff auf die schon belastete soziale Infrastruktur. Geflohene werden zur Waffe gemacht, eingesetzt mit dem Ziel einer zivilgesellschaftlichen Destabilisierung. Eine Strategie, die vor allem von Seiten des Erdo?an-Regimes seit Jahren zum Einsatz kommt. 2016, 2018 und 2019 erfolgten weiträumige Invasionen der türkischen Armee und ihrer SNA-Hilfstruppen, bei denen jeweils Hunderttausende Menschen vertrieben wurden. Viele Menschen starben oder wurden schwer verletzt. Die aktuellen Angriffe zwangen Menschen aufs Neue in Regionen zu fliehen, deren Versorgungsmöglichkeiten schon zuvor erschöpft waren. Die militärische Auseinandersetzung zwischen der syrischen Armee und der SDF kam mit dem am 30. Januar 2026 verkündeten Abkommen vorerst zum Stillstand. Da der Belagerungszustand von Kobanê nie aufgehoben wurde, erfolgten die getroffenen Vereinbarungen quasi mit vorgehaltener Waffe. Die Vertreter*innen der AANES und der SDF agierten mit dem Rücken zur Wand und drohten die verbliebenen Gebiete Rojavas, die sich letztlich auf die kurdischen Kerngebiete beschränken, erbittert zu verteidigen. Auch wenn die offensiven Kampfhandlungen ihr vorläufiges Ende fanden, sind die Verhältnisse weiter fragil. Die Zugeständnisse, die der neuen Regierung in Damaskus unter Androhung heftigen Widerstands abgerungen werden konnten, umfassen drei weiterbestehende Brigaden der SDF in der Region Haseke und eine weitere Brigade in Kobanê. Sie sollen als geschlossene Verbände Bestand haben, unterstehen jedoch dem Oberkommando der Regierung in Damaskus. Auch die Polizeikräfte der Asayis bleiben in den verbliebenen Gebieten der AANES bestehen. Der Weiterbestand der YPJ – der Fraueneinheiten, die einen Sicherheitsfaktor zum Schutz der Frauen darstellen – wird von kurdischer Seite als unverzichtbar erklärt. Damaskus lehnt dies bisher ab. Am 2. Februar 2026 rückten einige Einheiten des syrischen Innenministeriums in Haseke und Qamishlo ein – Symbol für die künftige Präsenz der Zentralregierung in der Region. Die lokale Verwaltung, inklusive der etablierten Doppelspitze aus je einem Mann und einer Frau, soll erhalten bleiben. Die Position des Gouverneurs in der Region Haseke soll kurdisch besetzt werden, die des wichtigen Sicherheitschefs wurde jedoch von Damaskus in Person von Marwan al-Ali (ehemals Direktor der Kriminalpolizei) bestimmt. Die geplante Anerkennung von Universitäts- und Schulabschlüssen sowie Unterricht in Kurdisch und Arabisch wäre ein positiver Schritt. Die Rückkehr Vertriebener aus Afrin und Aleppo soll ermöglicht werden. Grenzübergänge, auch der provisorische in Semalka zur Grenze des Irak, sollen künftig unter gemeinsamer Kontrolle mit Damaskus betrieben werden. Letzteres mit unklaren Konsequenzen für z. B. internationale NGOs, die damit u. U. auf ein Damaskus-Visum bzw. das Wohlwollen der Zentralregierung angewiesen wären. Vieles sind Absichtserklärungen; die reale praktische Umsetzung ist an vielen Punkten unklar, internationale Garantien gibt es nicht. Unklar ist die Perspektive von christlichen Minderheiten wie aramäischen Menschen oder der jesidischen Bevölkerung. Insbesondere letztere haben unter dem IS und fanatischen Islamisten gelitten und fürchten in dieser Situation Schlimmes. Ursächlich für das erneute Sterben, das Leid und Elend der Menschen ist die neue islamistische Regierung, die ihren Herrschaftsanspruch mit Waffengewalt durchsetzt. Nicht verleugnet werden können jedoch wichtige Faktoren, die ursächlich mitverantwortlich für die Schnelligkeit und das Ausmaß des Zusammenbruchs von weiten Teilen der Autonomiezone nördlich des Euphrat sind. Foto: Michael Wilk In den mehrheitlich von arabischstämmigen Menschen bewohnten Gebieten – in Raqqa, der vormaligen Hochburg des IS, und Deir ez-Zor – wechselten Mitte Januar 2026 die meisten arabischstämmigen Kämpfer der SDF die Seiten und versagten der Selbstverwaltung die weitere Unterstützung. Die Führung des arabischen Shammar-Stammes, aber auch der Bagara und Al-Mashahda bezogen Partei für die neue Regierung. Sie sahen ihre Interessen ab sofort besser über Damaskus gesichert. Der Loyalitätsverlust gegenüber dem multiethnischen Modell in Form der AANES, das an diesem Punkt klar gescheitert ist, erfolgte nicht überraschend. Das Verhältnis zwischen kurdischstämmigen und arabischen Menschen ist vorbelastet. Unter Bashar al-Assad und seinem Vater Hafiz al-Assad wurden Kurd*innen und andere Minderheiten unterdrückt und als nicht-arabisch diskriminiert. Zeitweise nicht staatlich anerkannt, bekamen sie keine Pässe. Andererseits wurden arabische Familien in kurdische Gebiete umgesiedelt, um deren soziale Strukturen gezielt zu brechen. Ein mit solchen Erfahrungen gewachsenes und geschürtes Misstrauen löst sich nicht per Beschluss auf. Die AANES bemühte sich um einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Ethnien. Trotzdem wurde ihr von arabischer Seite vorgeworfen, dass es eine kurdische Dominanzkultur nach der Vertreibung des IS gab. Letztlich sprengte die Größe der in der Phase der Bekämpfung des IS dazu eroberten arabischen Gebiete – die aus kontroll-strategischen Gründen und auf Verlangen der Anti-IS-Koalition unter Verwaltung der AANES blieben – die integrativen Fähigkeiten des multiethnischen Anspruchs. Ein elementarer Faktor mit katastrophalen Folgen. Vor ziemlich genau einem Jahr, in der GWR 496, hatte ich genau jene Befürchtungen geschildert, die nun bittere Realität geworden sind: „Es ist davon auszugehen, dass es zu einer starken sozialen Auseinandersetzung kommt (…), die besonders in den Regionen und Städten mit arabischer Mehrheit zu einem Loyalitätsverlust gegenüber der Selbstverwaltung AANES und der SDF führen wird. Die Einbindung der arabischen Bevölkerung in den südlichen Euphrat-Regionen war, nachdem z. B. in der Stadt Raqqa viele mit dem IS sympathisiert und von ihm profitiert hatten, eine der größten Herausforderungen. Die Überwindung alter Feindschaften und dem Misstrauen zwischen Teilen der kurdischen und der arabischen Bevölkerung ist ein mühseliges Projekt, das erst am Beginn stand. Hier wäre mehr Zeit nötig gewesen. Es gilt als offenes Geheimnis, dass große Anteile der arabischstämmigen Menschen dem Selbstverwaltungsmodell Nordostsyriens nur notgedrungen folgten, weil der IS besiegt und strukturell weitgehend zerstört war. Hier die bestehenden Ressentiments anzufeuern, dürfte der HTS leichtfallen, weil viele arabische Menschen einem Modell IS-light zuneigen. Mit propagandistischen Versprechungen kann die Erosion Rojavas forciert werden.“ Vor dem Hintergrund tief verwurzelter gegenseitiger (ja z. T. rassistischer) Vorurteile und andererseits nur mangelhaft entwickelter belastbar-solidarischer Strukturen, gerieten Selbstverwaltung und SDF in den am Euphrat gelegenen mehrheitlich arabischen Gebieten zunehmend unter Druck. Dazu kamen forcierte Kampagnen und Demonstrationen gegen AANES, denen zum Teil polizeilich begegnet wurde, was das gegenseitige Misstrauen noch vertiefte. Mit dem Seitenwechsel und dem Aufstand arabischer Kämpfer sowie dem militärischen Druck der syrischen Armee kollabierte die vormals autonome Zone der AANES. Das unter Kontrolle der Selbstverwaltung stehende Gebiet musste zu großen Teilen aufgegeben werden und schrumpfte auf wenige kurdische Kerngebiete: Cisire (Qamishlo, Derik, Haseke) im Nordosten und das westlicher gelegene Kobanê. Ein weiterer wesentlicher Faktor, der zum weitgehenden Zusammenbruch der Selbstverteidigungs- und Selbstverwaltungsstrukturen führte, war die Verweigerung logistischer und militärischer Unterstützung durch die USA und die westlichen Verbündeten sowie das ambivalente Verhältnis der Selbstverwaltung zum Assad-Regime. Die kurdischen Verteidigungseinheiten YPG/YPJ (später unter Mitbeteiligung anderer Ethnien und ihrer Milizen als SDF bezeichnet) hatten seit 2014 mit hohem Einsatz und geschätzt über 20.000 Toten sowie unzähligen Schwerverletzten und Verstümmelten den IS zerschlagen und dann niedergehalten. Mit der Vertreibung des IS wuchs über die Zeit die von der Selbstverwaltung kontrollierte Zone und mit ihr die Chance, emanzipative gesellschaftliche Veränderung in immer größerem Rahmen umzusetzen. Das Verhältnis zum Assad-Regime, das sich mit Hilfe Russlands wieder etabliert hatte, gestaltete sich ambivalent. Nach langen Jahren der Unterdrückung und Diskriminierung wurde diesem einerseits distanziert und durchaus konfliktbereit begegnet, andererseits zeigte man sich – besonders unter dem zunehmenden Druck des Erdo?an-Regimes – gezwungenermaßen zur Kooperation bereit. Diejenigen, die im Zuge des Arabischen Frühlings Anfang der 2010er Jahre gegen das Assad-Regime gekämpft haben, haben der AANES gerne vorgehalten, sie hätte einen Pakt mit Assad geschlossen, statt ihn entschlossen zu bekämpfen. Tatsächlich kämpften die SDF in erster Linie gegen den IS und nutzten das Machtvakuum, das Assad in Nordostsyrien hinterlassen hatte, um ihr Gesellschaftsmodell aufzubauen. Die AANES ging dabei pragmatisch vor und brach nicht komplett mit dem Assad-Regime. Zum Beispiel konnte man in weiterbestehenden Enklaven des Assad-Staats wie z. B. in Haseke seinen syrischen Pass verlängern und Dokumente anerkennen lassen – für viele Menschen mit ins Ausland geflohenen Familienangehörigen eine existenzielle Angelegenheit. Und im Kampf gegen das attackierende Erdo?an-Regime gab es eine Zeit, in der die SDF Assad-Truppen und russischen Einheiten erlaubten, als Puffer in die Grenzregion zur Türkei einzumarschieren. Andererseits habe ich auch mehr als einmal Schießereien zwischen Assad-Truppen und SDF erlebt, bei denen Ersteren die Grenze ihres Machtbereichs aufgezeigt wurde. > _**Die gesellschaftliche Situation in Rojava war nie ein paradiesischer Zustand revolutionärer Glückseligkeit, sondern vielmehr der Versuch eines anderen Lebens, im Ringen um Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Kein Ist-Zustand, sondern ein dynamischer Prozess unter schwierigsten Bedingungen.**_ Mit der Vertreibung des Assad-Regimes im Dezember 2024 durch die islamistische HTS änderten sich das Machtgefüge und die Partnerschaftsbeziehungen Syriens fundamental – und damit auch die für die USA und ihren Bündnispartner Israel entscheidenden Rahmenbedingungen im Nahen Osten. Die wichtige politische und militärisch-logistische Achse des totalitären iranischen Mullah-Regimes – die über Gebiete im Nordirak (Sindschar), über die syrischen des Assad-Regimes bis zu den vom Iran unterstützten Hisbollah-Einheiten im Libanon reichte – war durch den Kollaps des Assad-Regimes unterbrochen. Zudem war die Position Russlands massiv geschwächt. Damit war ein entscheidendes Ziel US-amerikanischer Machtpolitik erreicht. Vor diesem Hintergrund ließen die USA und Europa ihre kurdischen Verbündeten fallen; sie hatten mit der jahrelangen Bekämpfung des IS ihren Zweck erfüllt. Ein letztes Angebot bezogen auf die Möglichkeit einer weiteren nützlichen Verwendung kurdischer Kämpfer*innen zu Diensten der USA machte der US-Sondergesandte für Syrien Tom Barrack. Als Gegenleistung für weitere Unterstützung wurde unverblümt der Kampfeinsatz gegen pro-iranische Milizen im Irak gefordert. Eine Forderung, die trotz der prekären Gesamtsituation von Mazloum Abdi eindeutig abgelehnt wurde. Es würde für die SDF keine Proxy-Verwendung außerhalb von Syrien geben. Damit hatte sich das taktische Bündnis zwischen der Imperialmacht USA und revolutionären kurdischen Menschen in Syrien erledigt. Die von den USA unterstützte Teilnahme von Mazloum Abdi und Ilham Ahmed an der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2026 erscheint in diesem Zusammenhang wie ein nachträgliches propagandistisches Trostpflaster. Die aktuelle Situation – der Angriff der USA und Israels auf den Iran – hatte seinen Schatten vorausgeworfen. In den folgenden Wochen würden US-Truppen fast vollständig Syrien verlassen und sich zunehmend auf den Angriff auf das Mullah-Regime konzentrieren. Die Stützpunkte al-Tanf und Shaddadi sind bereits geräumt, der Stützpunkt Qasrik bei Haseke wird folgen. Die syrische Regierung sei nun bereit und in der Lage, die „Bekämpfung von Terroristen im eigenen Land“ zu übernehmen, so die Darstellung der USA. Dass die Verantwortlichen nicht mal selbst ihren Worten Glauben schenken, beweist sich in der Verlegung einiger Tausend IS-Terroristen in den Irak, wo sie offensichtlich sicherer verwahrt werden können. Entgegen dem Narrativ der US-Regierung wächst die Gefahr eines erstarkenden IS rapide. Die offizielle Position al-Sharaas gegen den IS erweist sich, vor bestehendem islamistischem Hintergrund, vielerorts als Makulatur. Es häufen sich Berichte über die Freilassung von IS-Kämpfern nach der Eroberung von Gefängnissen, die zuvor über Jahre unter kurdischer Kontrolle standen. Vor allem für jene, die den Terror des Religionsfaschismus bekämpften, ist die Vorstellung einer Reorganisierung des IS ein Horror. Ich habe selbst viele Opfer des IS gesehen und den kaum zu fassenden Fanatismus von IS-Terroristen erlebt, die lieber sterben wollten, als sich von einer Sanitäterin anfassen zu lassen. Die SDF und ihr Kern – bestehend aus den kurdischen YPG/YPJ – war über zehn Jahre von Seiten der USA unterstützt worden. Auch nach der Zerschlagung des mörderischen IS erfolgte weiter Beistand und Finanzierung. Die Situation zeigte sich lange nicht stabil genug – vor allem bezogen auf den im Untergrund weiter agierenden IS –, um auf kurdische Hilfe verzichten zu können. Unter dem (begrenzten) Schutz durch die USA erfuhr die autonome multiethnische Region Nordostsyrien eine gewisse Stabilisierung. Über lange Zeit bildete der Euphrat die Demarkationslinie zwischen dem Folterregime des Diktators Assad und jener Zone im Norden Syriens, wo im Kampf gegen den IS nicht nur Gebiete vom islamistischen Terror befreit wurden, sondern emanzipative Ideen Raum griffen. Die von der Region ausgehenden Impulse – das Streben nach Selbstverwaltung, nach basisdemokratischen Strukturen und vor allem die in weiten Bereichen gelebte Gleichberechtigung der Geschlechter – waren für die USA und die westlichen Verbündeten jedoch nie unterstützungswürdig. Im Gegenteil, sie waren und sind vielmehr unbequem und störend. Für autokratische Anrainer wie den türkischen Präsidenten Erdo?an waren sie nichts weniger als ein Albtraum kurdischer Selbstbestimmung, den es auszumerzen galt. USA, NATO und EU unterstützen nun – gemäß dem Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ – mit dem Übergangspräsidenten al-Sharaa (vormals Abu Muhammad al-Dscholani) einen bis vor anderthalb Jahren international gesuchten islamistischen Terroristen mit al-Qaida-Wurzeln. Als starker Mann der HTS avancierte er in kurzer Zeit zum Hoffnungsträger westlicher Machtinteressen. Er scheint am ehesten geeignet, die mehrheitlich arabische Bevölkerung auf ein von Damaskus aus zentralistisch geführtes Staatsmodell auszurichten. Dass seine Macht nicht ausreichte, Übergriffe und Massaker auf religiöse Minderheiten zu verhindern – wie sich an den Überfällen auf alawitische und drusische Menschen blutig zeigte –, ist kein Hinderungsgrund. Hier wird auf Zeit und die zunehmende Stabilisierung seines Regimes gesetzt. Nicht zuletzt auch mangels personeller Alternativen wird über die al-Qaida-Vergangenheit hinweggesehen. Al-Sharaa wird international aufgewertet – durch Einladung auf Kongresse, Händeschütteln mit Staatschefs, auch durch Trump persönlich. Dass die Regierung al-Sharaas islamistisch orientierte, frauenfeindliche, antiemanzipative und patriarchal-machistische Züge trägt, stört hierbei nicht. Im Gegenteil, sie bietet Vorteile: Al-Sharaas Regierung ist zentralistisch, erscheint durchsetzungsstark gegenüber der Bevölkerung und zeigt Kooperationsbereitschaft. Sie zeigt sich gefügig gegenüber dem Autokraten Erdo?an, der seit Jahren Rojava mit Terror und Luftangriffen überzieht, sowie gegenüber den USA und Europa, die mit Geld winken, aber auch Profite und strategisch-militärisches Wohlverhalten erwarten. Einmal mehr steht Politik für skrupellosen machtpolitischen Zweckpragmatismus. Auf das in der Vergangenheit umgehängte „demokratische und menschenrechtliche Mäntelchen“ wird zunehmend genauso verzichtet wie auf die Einhaltung völkerrechtlicher Grundsätze. Unterstützt werden Regime und Autokratien, die machtstrategisch und pragmatisch kooperieren. Das entscheidende Kriterium ist die Funktionalisierbarkeit einer Machtstruktur. Im Falle fraglicher Kooperation geht es nicht mehr um einen kompletten Regime Change, sondern nur um die Eliminierung der störenden Köpfe. Diese werden beseitigt. Unwesentlich ob durch Entführung oder Tod. Der Rumpf der alten Struktur wird gerne übernommen, vorausgesetzt sie zeigt sich kooperativ und effizient. Autoritär-menschenfeindliche Politik wird an dieser Stelle als Ausdruck einer herrschenden Favorisierung von Autoritarismus akzeptiert, ja sogar gern gesehen. Das Fallenlassen der SDF und das Umschwenken auf al-Sharaa setzt auf die nationale Hegemonie einer islamistischen syrischen Zentralregierung. Damit verbunden ist die fast vollständige Absage gegenüber einem föderativen System, in dem unterschiedliche Ethnien und Religionen gleichberechtigt an der Neuorganisierung der Gesellschaft hätten beteiligt sein können. Wir erleben die gewaltsame und nach islamistischen Maximen ausgerichtete „Neuordnung“ Syriens. Für Rojava bedeutet dies nicht nur den Verlust des größten Teils seines vorherigen Territoriums, sondern vor allem die Bedrohung der emanzipativen Ansätze der Autonomie. Foto: Michael Wilk Der aktuelle Durchmarsch syrischer Truppen, die Belagerung Kobanês, der erzwungene territoriale Verlust verbunden mit einem Diktatfrieden, ist bittere Realität. Inwiefern die Selbstverwaltung Rest-Rojavas im vereinbarten „Prozess der Integration der Institutionen der Autonomen Verwaltung in die staatlichen Institutionen“ noch weiteren Schaden nimmt oder bestehen bleibt, ist nicht zuletzt von der Resilienz der Menschen abhängig. Auch wenn häufig ungebrochene Widerstandskraft beteuert wird – viele Menschen sind erschöpft, nach zum Teil mehrfacher Vertreibung und Flucht und dem Tod von Familienangehörigen. Sie sehnen sich nach Frieden, nach Sicherheit und einer Perspektive für ihre Kinder. In einer solch unsicheren Situation Entfremdungs-, Macht- und Herrschaftsbedingungen konstruktiv in Frage zu stellen, sie nach Möglichkeit durch Kooperation, Eigen- und Mitverantwortung zu ersetzen, bleibt für viele Menschen eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Trotzdem konnte in Rojava vieles davon umgesetzt werden: Die Befreiung der Frau ist nicht nur Anspruch, sondern in weiten Bereichen der Gesellschaft umgesetzt: eine große Menge von Frauen bestimmter Strukturen und Projekte, kooperative Arbeitsformen (ohne jedoch dazu gezwungen zu werden) und auch Versuche, mit gesellschaftlichem Reichtum und Ressourcen anders als profitorientiert umzugehen. Dies alles unter der Herausforderung, möglichst gleichberechtigt, würde- und respektvoll mit den unterschiedlichen Ethnien und Religionen der Menschen zu agieren. Dabei war das System in Rojava natürlich immer weit entfernt von dem idealisierten Bild, das sich viele mitteleuropäische Linke von Rojava machen. Die gesellschaftliche Situation in Rojava war nie ein paradiesischer Zustand revolutionärer Glückseligkeit, sondern vielmehr der Versuch eines anderen Lebens, im Ringen um Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Kein Ist-Zustand, sondern ein dynamischer Prozess unter schwierigsten Bedingungen. Der Kampf gegen den IS, die Auseinandersetzung mit dem Assad-Regime, die Angriffe der Türkei mit Mord an Menschen und Zerstörung von Infrastruktur, die reaktionäre Beharrlichkeit tief verwurzelter patriarchaler Strukturen. Dazu die Bedingungen des Krieges und des Embargos. Krieg bedeutet, dass täglich Menschen sterben, dass alle Ressourcen knapp sind, dass man zahllose Vertriebene und Versehrte versorgen muss, dass Entscheidungen ohne Zeit für lange Diskussionen oft schnell getroffen werden müssen und harte Konsequenzen haben. Dazu Alltagsbedingungen, die mit individueller Freiheit und Spontanität wenig zu tun haben. Nehmen wir den Umstand, dass man nicht einfach nach Belieben verreisen konnte. Oder dass es lange Jahre einen Pflichtdienst gab, den man beim Militär oder der Polizei abzuleisten hatte. Zudem gab es immer auch eine gewisse „revolutionäre“ Dominanzkultur, die durchaus Wucht entfalten konnte gegen Leute, die nicht auf Linie waren. Dazu tradierte Kader, ein Korrektiv mit viel Gewicht. Eine für Anarchist*innen ungewohnte Instanz, durchaus schwer verdaulich, wie auch der Führerkult um Apo Öcalan. Wichtig aber: All das konnte und kann diskutiert und auch in Frage gestellt werden. Das emanzipatorische Moment der Selbstermächtigung, der Autonomie, der Befreiung von patriarchal-machistischen Strukturen ist weiter spürbar und lebendig. Die Rolle der Frau hat in Rojava einen solch tiefgreifenden Wandel erfahren, dass auch ein islamistisches Regime aus Damaskus sich die Zähne daran ausbeißen wird. Das zählt. Die Menschen, die dies tragen, gilt es weiter zu unterstützen. Die Fotos auf dieser Seite stammen aus Rojava und wurden von Michael Wilk gemacht. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 14/05/2026
#GWR508 #Kreig #Verfolgung #Gedenken #Antifa Mitten in der Stadt Das ehemalige KZ Oranienburg (1933–1934), Erich Mühsam und die Neugestaltung des antifaschistischen Gedenkortes www.graswurzel.net/gwr/2026/03/mitt…
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Mitten in der Stadt
2024 erinnerte der Oranienburger Vorbereitungskreis „Erich Mühsam Gedenken“ mit einem umfangreichem Veranstaltungsprogramm an den 90. Todestag des anarchistischen Schriftstellers Erich Mühsam (1), der in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 von SS-Männern im Konzentrationslager Oranienburg ermordet wurde. Inzwischen steht die Neugestaltung des Gedenkortes „KZ Oranienburg“ kurz vor der Realisierung. Die Eröffnung der neugestalteten Fläche ist für den Spätsommer bzw. Herbst 2026 geplant. Grundlage dieses Artikels ist ein Gespräch des Oranienburger Vorbereitungskreises „Erich Mühsam Gedenken“ mit dem Historiker Ralph Gabriel (2), der mit der inhaltlichen Ausarbeitung beauftragt wurde, um über den aktuellen Stand zu informieren. (GWR-Red.) Die künftigen Informationsstelen werden zentrale Themen des Ortes aufgreifen: Die Entstehung eines der ersten Konzentrationslager, die Rolle der Stadt, das Schicksal der Häftlinge, die Haftbedingungen, den Übergang zum KZ Sachsenhausen, Erich Mühsam sowie die wechselvolle Erinnerungsgeschichte seit 1945. Wir laden Euch zu einem Rundgang entlang der 14 Stelen durch den Gedenkort ein. **Die Geschichte eines der ersten Konzentrationslager** Am 21. März 1933 richtete die SA in einer leerstehenden Brauerei im Zentrum Oranienburgs das erste Konzentrationslager Preußens ein. Es war eine der vielen frühen Haftstätten, die unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Deutschen Reich entstanden. Bis zur Auflösung im Juli 1934 verschleppte das Regime rund 3.000 politische Gegner*innen nach Oranienburg. Sie waren dem Terror und der Willkür ihrer Bewacher ausgesetzt, wurden misshandelt, gedemütigt und zur Zwangsarbeit genötigt. Mindestens sechs Menschen starben, darunter der Schriftsteller Erich Mühsam. Das Lager diente der propagandistischen Festigung der NS-Herrschaft und der Einschüchterung der Bevölkerung. Im Juli 1934 übernahm die Schutzstaffel (SS) das Lager und ließ die Häftlinge in das Konzentrationslager Lichtenburg überstellen. 1939 zog die Oranienburger Polizei in die Gebäude ein, die 1945 durch einen Bombenangriff völlig zerstört wurden. Nach 1945 geriet die Geschichte des KZ Oranienburg in den Hintergrund, überlagert von der Erinnerung an das spätere KZ Sachsenhausen. „Oranienburg – welch ein Wort! Einst bloß der Name einer Stadt vor den Toren Berlins, einer Stadt mit schönem Schloss und Park, mit gut gehenden Fabriken […] – heute der Name eines Ortes, der immer, immer wieder nur mit einem verzweifelten Fluch auf den Lippen genannt wird, dessen Mauern tausendfältige Qual umschließen […]. Oranienburg!“ (3) **Das Lager und die Stadt** Die Stadt Oranienburg unterstützte die Einrichtung des Konzentrationslagers und profitierte davon. Für die Finanzierung des Auf- und Ausbaus sicherte sie ein städtisches Darlehen bei der Stadtsparkasse Oranienburg ab. Um Rückzahlungen zu ermöglichen, wurde ein „Arbeitsbeschaffungsprogramm“ entwickelt, das Häftlinge zu kommunalen Arbeiten zwang. Oranienburger Geschäftsleute erhofften sich Aufträge und Lieferungen an das Lager. Doch mit der Einrichtung eigener Lagerwerkstätten und wegen unbezahlter Rechnungen verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Stadt und Lager. Das Konzentrationslager Oranienburg war von außen einsehbar. Passantinnen und Passanten konnten Appelle und Zwangssport auf dem vorderen oder hinteren Hof ohne Weiteres beobachten. Um den Gerüchten in der Stadt und im Ausland entgegenzuwirken, entstanden Mitte April 1933 Aufnahmen, die kurz darauf in über 5.000 Kinos, auch in Oranienburg, zu sehen waren. **Die Häftlinge** Die Häftlinge des Konzentrationslagers waren vor allem politische Gegner des Nationalsozialismus, insbesondere aus KPD, SPD, SAP und Gewerkschaften. Anfangs handelte es sich um regionale Funktionäre und einfache Mitglieder, ab dem Frühsommer 1933 kamen sie aus ganz Preußen und Berlin, darunter auch einige bekannte Persönlichkeiten. Trotz Spannungen zwischen den politischen Lagern prägte das gemeinsame Schicksal der politischen Verfolgung die Hafterfahrung. Anfang August 1933 setzte das NS-Regime mit der Inhaftierung hochrangiger SPD-Politiker seine angekündigte „Abrechnung“ mit dem demokratischen System fort. Parallel dazu inhaftierte die Gestapo hochrangige Mitarbeiter des Rundfunks als Teil einer Kampagne gegen den „Systemrundfunk“, den sie als korrupt diffamierte und dessen Gleichschaltung sie – wie die aller anderen Medien – forcierte. Unter den Häftlingen bildeten Juden eine kleine, aber besonders brutal misshandelte Gruppe. In der sogenannten „Judenkompanie“ – spöttisch „Desinfektionskolonne“ genannt – mussten sie die Reinigung der Latrinen oft mit bloßen Händen verrichten. Zu den Häftlingen gehörten auch regimekritische Schriftsteller und Pazifisten, Angehörige bürgerlicher Parteien sowie Vertreter von Justiz und Verwaltung. **Die Haftbedingungen** Schikanen, Strafen und Quälereien durch die SA waren Alltag im Häftlingsleben. Dazu gehörten „Strafsport“ auf einer eigens errichteten Hindernisstrecke, endloses Marschieren und sinnlose Arbeiten. Gefangene wurden in Dunkelzellen oder enge Stehbunker gesperrt, in denen sie weder sitzen noch liegen konnten. Besonders grausam waren die Misshandlungen bei Festnahmen und Verhören im berüchtigten „Zimmer 16“ unter den SA-Männern Hans Krüger und Hans Stahlkopf. Der Häftlingsalltag war streng geregelt. Er begann mit Wecken, Waschen, Frühsport und Appell. Anschließend herrschte Arbeitszwang in den Innen- oder Außenkommandos. Die Gefangenen mussten in feuchten, schlecht belüfteten Kühlkellern der ehemaligen Brauerei schlafen. Die Verpflegung war knapp, die hygienischen Bedingungen mangelhaft. Jede Form von „Freizeit“ war durch Übergriffe der SA-Wachen bedroht. > _**Oranienburg – welch ein Wort! Einst bloß der Name einer Stadt vor den Toren Berlins, einer Stadt mit schönem Schloss und Park, mit gut gehenden Fabriken – heute der Name eines Ortes, der immer, immer wieder nur mit einem verzweifelten Fluch auf den Lippen genannt wird, dessen Mauern tausendfältige Qual umschließen. Oranienburg!**_ Im Konzentrationslager Oranienburg war die physische Vernichtung der Insassen nicht prinzipiell intendiert. Wer aber den besonderen Hass der SA auf sich zog, konnte ihren Prügelexzessen zum Opfer fallen. Die Bewacher ermordeten mindestens sechs Häftlinge, die Lagerleitung versuchte jeweils, die Todesursache zu verschleiern. Zudem gibt es Hinweise auf neun weitere Todesopfer. In keinem Fall kam es zu einer Verurteilung gegen das Personal des Lagers. **Vom KZ Oranienburg zum KZ Sachsenhausen** Im Zuge der „Röhm-Krise“ übernahm eine rund 150 Mann starke SS-Einheit am 4. Juli 1934 das Lager. Nach der Ermordung des Schriftstellers Erich Mühsam ließ sie am 13. Juli die letzten Häftlinge in das KZ Lichtenburg verlegen. Verantwortlich war Theodor Eicke, der von SS-Reichsführer Heinrich Himmler zum Inspekteur der Konzentrationslager ernannt worden war. In seiner neuen Funktion löste er kleinere Lager auf und organisierte die übrigen neu. Mit dem Bau des KZ Sachsenhausen – dem ersten durchgeplanten Lagerkomplex mit Häftlingslager und SS-Ausbildungsstätte – begann die systematische Entwicklung des nationalsozialistischen Konzentrationslagersystems. **Erich Mühsam (1878–1934)** Einer der bekanntesten Häftlinge des KZ Oranienburg war Erich Mühsam. Er bekannte sich schon in jungen Jahren zum Anarchismus und trat als Antimilitarist und scharfer Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft auf. Er gründete als Redakteur die anarchistischen Zeitschriften „Kain“ und „Fanal“, war Autor u. a. der „Weltbühne“ und ein wortgewaltiger Redner. Viele seiner Gedichte wurden populär und vertont. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte Mühsam Hoffnungen in eine soziale Revolte des Subproletariats und engagierte sich in München in der „Räterepublik Baiern“. In der „Roten Hilfe Deutschland“ kämpfte er für die Freilassung aller politischen Gefangenen. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand wurde Mühsam am 28. Februar 1933 verhaftet. Nach 16 Monaten in verschiedenen Haftstätten unter unmenschlichen Bedingungen ermordeten ihn SS-Männer in der Nacht zum 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg. **Erinnern und Gedenken nach 1945** Zur Erinnerung an das KZ Oranienburg errichtete die Stadt Oranienburg im September 1948 eine Gedenktafel und einen Gedenkstein für Erich Mühsam. Nach der Schuttabräumung 1949 stand dieser Gedenkstein zwei Jahrzehnte lang im Zentrum eines großen Gedenkhains. Mit dem Bau des Volkspolizeikreisamts Anfang der 1970er-Jahre und im Schatten der Erinnerung an das KZ Sachsenhausen geriet die Geschichte des frühen Lagers zunehmend in Vergessenheit. Bis heute wird es oft mit dem 1936 errichteten KZ Sachsenhausen verwechselt. Als 2022 Planungen für ein Wohnheim der Hochschule der Polizei Brandenburg bekannt wurden, regte zeitgleich eine Bürgerinitiative, unterstützt von der Oranienburger SPD und Linken, den „Erinnerungsort Konzentrationslager Oranienburg“ an. Seit 1948 finden in Oranienburg Gedenkveranstaltungen für Erich Mühsam statt, darunter in den 1980er-Jahren auch inoffizielle Gedenkaktionen der jungen Berliner Untergrundmusik- und -literaturszene, die von der Staatssicherheit der DDR observiert wurde. Seit den 2000er-Jahren richten sich Gedenkdemonstrationen gegen den aufkeimenden Rechtsextremismus. **Ort für politische Bildung** Zukünftig wird die museums-pädagogische Abteilung der Gedenkstätte Sachsenhausen den neu angelegten Gedenkort in ihre Bildungsarbeit einbinden. Die Inhalte der Informationsstelen werden auf einer eigenen Homepage zu finden sein. Dort sollen auch die Ergebnisse von Schul-Projekten eingestellt werden. Auf der Webseite wird auch der bereits vorliegende Audiowalk „Und gegenüber spielt die Blaskapelle“ (4) implementiert, den Menschen, die sich für die Neugestaltung des Erinnerungsortes einsetzten, initiierten. Mit der Neugestaltung dieses Gedenkortes wird eine substantielle Verbesserung für das zukünftige Gedenken an Erich Mühsam und die antifaschistische Aufklärungsarbeit kommender Generationen geschaffen. (1) Siehe Andreas W. Hohmann (Hg.), „Sich fügen heißt lügen.“ Erich Mühsam in Oranienburg. Tagungsband, Edition AV, Bodenburg 2024 ; Rezension dazu von Rolf Cantzen, in: GWR 497, März 2025, https://www.graswurzel.net/gwr/2025/03/erich-muehsam-in-oranienburg/ (2) Ralph Gabriel studierte Architektur an der Technischen Universität Wien bei Erich Raith. Danach widmete er sich dem Bau- und Verlagswesen. Seit 2000 arbeitet er an Ausstellungsprojekten in der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg mit. Von 2005 bis 2006 war er Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin zu gegenwärtigen Formen des Rechtsextremismus. (3) Aus: Gerhart Seger: Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten. Karlsbad 1934, S. 13 (4) Abrufbar unter: https://www.sachsenhausen-sbg.de/geschichte/1933-1934-konzentrationslager-oranienburg/audiowalk/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
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#GWR508 #Krieg Erziehung zum Krieg Zur Geschichte der „Landser“-Kriegspropaganda-Hefte seit den 1950er Jahren www.graswurzel.net/gwr/2026/03/erzi…
graswurzel.net
Erziehung zum Krieg
Das Genre der Kriegsromanhefte, für die das Format „Der Landser“ nach 1945 exemplarisch steht, ist dem Bereich der „Groschenhefte“ zuzuordnen. Die Landser-Hefte, die von 1957 bis September 2013 im Verlag Pabel-Moewig erschienen, blicken auf eine auflagenstarke Publikations-Geschichte zurück: mit fast 5.000 unterschiedlichen Titeln wurden mindestens 50 Millionen Exemplare gedruckt. Der folgende Beitrag untersucht Aufbau, Struktur und Inhalte und gibt einen Einblick in die Welt der Kriegspropagandaliteratur, die über Generationen hinweg das Bild des deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg als heldenhaft verklärte und ein militaristisches, kriegsverherrlichendes, extrem rechtes Weltbild beförderte. (GWR-Red.) **Gesellschaftlicher und publizistischer Kontext der Kriegsromanhefte** Seit den 1950er Jahren gibt es in der Bundesrepublik Deutschland bereits (wieder) ein weit verzweigtes Netz von Buch- und Zeitschriftenverlagen mit neonazistischen, rechtsextremen, militaristischen und geschichtsrevisionistischen Inhalten, das bis heute zu einem festen Bestandteil der Buch- und Zeitschriftenkultur geworden ist (Brüdigam 1965, Jäger 1988, Lange 1993, Hunger 2016, Öden 2017). Auch wenn immer wieder einzelne Titel und Ausgaben aus den Verlagen indiziert und verboten, als verfassungsfeindlich, volksverhetzend und jugendgefährdend eingestuft wurden und einzelne Verlage dadurch auch ein Teilnahmeverbot an der Frankfurter Buchmesse erhielten, bleiben diese Druckerzeugnisse und ihre herstellenden und vertreibenden Verlage als Gesamterscheinung legal im Horizont des Grundgesetzes. In diesem Publikationskontext nehmen die Landser-Hefte eine besondere Rolle ein, da sie über eine immense Verbreitung, über sehr hohe Auflagenzahlen und einen oft wöchentlichen Erscheinungs-Rhythmus verfügen. Es kommt hinzu, dass Landser-Hefte auf den ersten Blick auch keinem rechtsradikalen Verlagshintergrund haben. Sie sind publizistisch in einen bürgerlichen „Regenbogen-Presse“-Kontext eingebettet. Der Pabel-Moewig Verlag (Rastatt), der Landser von 1957–2013 publizierte, gab neben „Perry Rhodan“ als Verlags-Flaggschiff seit 1961, auch Frauenzeitschriften, Rätsel- und Astrologie-Zeitschriften sowie Western- und Science-Fiction-Formate heraus. **Tradition und Entwicklung der Kriegsromanhefte** Kriegsromanhefte haben in Deutschland eine über 100jährige Tradition. Im Deutschen Kaiserreich erschien von 1911 bis 1916 beispielsweise die Heft-Reihe „Unter deutscher Flagge“ mit Kriegsgeschichten aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871, dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864, dem Boxeraufstand in China von 1900, aus den Kolonialkriegen in Afrika und schließlich ab Heft 226 aus dem Ersten Weltkrieg. Im Nationalsozialismus erschienen in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 die „Kriegsbücherei der deutschen Jugend“ mit 156 Ausgaben und die „Kolonial-Bücherei“ von 1940-1942 mit 88 Heften (Steiniger-Verlage Berlin). Beide Heftserien wurden von der NSDAP herausgegeben und finanziert. In dieser Tradition entstanden in den 1950er-Jahren in der BRD eine Reihe verschiedener Kriegsromanheftformate, von denen sich ab den 1960er Jahren nur noch der Landser im Markt durchsetzen konnte. Nach der Einstellung der Landser-Hefte im September 2013 durch den Pabel-Moewig-Verlag wird diese Form der trivialen Kriegsromanliteratur durch das Nachfolgeformat „Weltkrieg – Erlebnisberichte“ aus dem Schweizer Verlag Mediavari fast nahtlos seit Ende 2013 fortgeführt. Weit verbreitet ist die These, dass der Nachkriegsboom an Kriegsromanheften in den 1950er Jahren mit der Diskussion um die Wiederbewaffnung und Gründung der Bundeswehr 1955 zusammenhängt (Geiger 1974, Wiechmann 2019). **Zur Rezeption der Landser-Hefte** Landser-Hefte gehören literaturhistorisch und gattungsgeschichtlich zu den Formaten „Groschenroman“, „Groschenheft“, „Heftroman“ und hier in die Rubrik „Kriegsliteratur“. Landser-Hefte werden umgangssprachlich als „Schundliteratur“ bezeichnet. Sie stilisieren Kriegsabenteuer als „authentische Erlebnisberichte“ (so der Untertitel der Landser-Hefte) und historisch wertvolle Dokumente. Als literarische Gattung sind sie in Deutschland seit Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt (Galle 1988, 2005). Landser werden im Rahmen der literatur- und politikwissenschaftlichen Rezeption seit vielen Jahren als „Wegbereiter für den Rechtsradikalismus“ (Brühan 1979) diskutiert, „befriedigen Leserwünsche“ (Gugel 1983) und Hajo Knebel spricht provokativ von „Bomben am Kiosk!“ (Knebel 1975). Der Literaturwissenschaftler Matías Martínez definierte Landser-Romane als eine Literaturgattung, die „Krieg als heroisches Geschehen“ darstelle (Martínez 2019, S. 114). Kriegsromanhefte erreichen unterschiedliche Generationen sowie Milieus. Dies belegen die Millionen-Auflagenzahlen seit Jahrzehnten und verdeutlichen, dass Kriegsromanhefte seit den 1950er Jahren in der Mitte der Gesellschaft auf Akzeptanz stoßen. **Format und Verbreitung** Unter dem Label Der Landser aus dem Pabel-Moewig Verlag GmbH (Rastatt) finden sich im Laufe von 56 Jahren der Heft-Produktion verschiedene Reihen und Formate, die in unterschiedlichen Rhythmen (wöchentlich, vierzehntägig, monatlich), in unterschiedlichen Zeitfenstern, verschiedenen Herstellungsformen (Klammerheftung, Klebebindung mit Rücken) und auch wechselnden Untertiteln erschienen. Das Flaggschiff von Anfang an war das Format „Der Landser“ mit einem Umfang von jeweils 64 bis 66 Seiten. Von 1957 bis 2013 erschienen 2.897 Ausgaben, die auch als „Kleinband“ bezeichnet wurden. Sie erschienen die meiste Zeit über im wöchentlichen Rhythmus. Hinzu kommen die Formate „Großband“, „Ritterkreuzträger“, „Sammelband“, „Fliegergeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg“, „SOS-Schiffsschicksale auf den Meeren der Welt“ und „Landser Spezial“ (Pocketbücher). Von 1957 bis 2013 sind insgesamt 4.620 Titel (www.romanhefte-info.de/a_verlage_pabel.htm) von allen Landser-Formaten publiziert worden. Da Angaben aus dem Verlag über Auflagenhöhen seit Jahrzehnten nicht vorliegen und seit den 1960er Jahren ein allmählicher Rückgang der Auflagenzahlen angenommen werden muss, sind valide Einschätzungen zu einer Gesamtauflagenhöhe derzeit nur wage möglich. > _**Landser-Hefte verbinden Militarismus mit Bürgerlichkeit, indem sie als Bestandteil von Groschenheft-Serien vertrieben und neben Arzt- und Bergromanen, Perry-Rhodan und Western-Hefte in Kiosken präsentiert werden.**_ Klaus F. Geiger spricht in seiner Dissertation für den Zeitraum der 1950er Jahre bis 1974 von „etwa 100 Millionen in der BRD erschienenen Kriegsheften“ (Geiger 1974, S. 9) und Hajo Knebel schätzt eine Auflagenhöhe bis 1971 in Höhe von 50 Millionen Exemplaren mit 250 Millionen Landser-Heft-Lesern (Knebel 1975, S. 1). Jüngst bezieht sich Matías Martínez auch noch auf die Zahlen von Geiger (1974) und nennt eine monatliche Druckauflage von 500.000 Hefte Ende der 1950er Jahren und für Anfang der 1970er Jahre 60.000 Exemplare pro Heft (Martínez 2019, S. 102). Dabei bleibt allerdings unklar, ob sich diese Zahl ausschließlich auf den Kleinband Der Landser bezieht oder auch alle anderen Reihen-Formate einschließt. Der Sprach- und Literaturwissenschaftler Peter Conrady stellt 2004 eine monatliche Auflage aller vier Landser-Reihen von zusammen 320.000 Exemplaren fest (Conrady 2004, S. 132). Eine Quelle und Berechnungsgrundlage nennt Conrady nicht. Der Vertrieb der Landser-Hefte, wie auch der meisten anderen Heftromane, erfolgt seit den 1950er Jahren nahezu ausschließlich über den Zeitschriftenhandel, über Kioske, Schreibwarenläden und Bahnhofsbuchhandlungen, ganz selten über den Sortimentsbuchhandel. Zehntausende dieser Exemplare aus den Verlagen Moewig und Pabel sind heute antiquarisch über verschiedene Online-Kanäle erhältlich. **Inhalte der Landser-Hefte** Erstaunlich ist, dass sich die Inhalte, die Struktur und die Narrative der Landser-Hefte seit den 1950er Jahren bis heute nicht verändert haben. An folgenden Parametern soll dies verdeutlicht werden: Die Erzählperspektive ist in vielen Fällen, vor allem in den 1950er- bis 1970er Jahren, die persönlichen Kriegs-Erfahrungen der Autoren. Es gibt dabei die „Ich“-Perspektive, dominant ist jedoch die Sicht eines Erzählers, der das Geschehen „von außen“ beobachtet und gleichsam „objektiv“ mit der Kamera das Geschehen einfängt. Die Erzählperspektive soll den Eindruck einer Reportage von der Front vermitteln. Der Krieg wird durchgängig aus der Sicht „tapferer“, mit Durchhaltewillen und dem Vaterland dienender deutscher Soldaten erzählt. Raum und Zeit der Kriegsgeschichten werden exakt beschrieben und sollen ein authentisches historisches und geografisches Profil ergeben. Die Schauplätze der Landser-Geschichten entsprechen geografisch und zeitlich den realen Kriegskontexten 1939 – 1945. Handlungsstrang und Dramaturgie sind oftmals eindimensional, d. h. eine überschaubare Anzahl von Soldaten agiert in einem überschaubaren Handlungs-Setting. Der Angriff auf ein russisches Dorf zu Beginn des Überfalls auf die Sowjet-union 1941 im Mittelabschnitt in der Ukraine wird aus der Sicht einer Kompanie erzählt, wobei die Personen und Perspektiven wechseln: Der Blick des Stoßtrupps, der als erster in das Dorf eindringen muss, wird flankiert von den Beobachtungen eines Maschinengewehr-Trupps, der mit seinem Maschinengewehr die Sicherung in einer gedeckten Stellung am Dorfrand übernimmt. Dabei fließen auch immer technische Merkmale und Details der verwendeten Waffensysteme ein: Das Maschinengewehr MG 42 mit seiner schnellen Schussgeschwindigkeit deckt den Stoßtrupp, der mit der Maschinenpistole MPi 40 und Stilhandgranaten ausgerüstet ist. Dies ist bezeichnend für die Landser-Hefte, die sowohl in der Erzählung als auch in ergänzenden und separaten Technik-Information in Wort und Bild die zum Einsatz kommenden Waffen beschreiben. Der Leser soll damit die Geschichte noch weniger als Fiktion erleben. Landser-Hefte haben in diesem Sinne auch immer wieder die Funktion einer militärtechnischen Dokumentation und spiegeln das Interesse vieler Leser an der Wirkungsweise von Waffensystemen wider. Wenn wir die Akteure und Hauptpersonen in den Landser-Heften betrachten, dann sind dies ausschließlich Männer in Uniform. Es sind vorwiegend die Mannschafts- und Unteroffiziersdienstgrade, die im Mittelpunkt der Kampferzählungen stehen. Offiziere sind seltener Hauptpersonen. Herausragende und mit Kriegsorden ausgezeichnete einzelne Offiziere werden jedoch nahezu in jedem Landser-Heft auf der zweiten Umschlagseite mit einer Kurzvita und einem Foto dargestellt und als „deutsche Kriegshelden“ verklärt. Zivilist*innen sind Randfiguren in der Dramaturgie. In Heften über den Russland-Krieg kommen sie vornehmlich als eine in ärmlichen Verhältnissen lebende bäuerliche Bevölkerung vor, von der oftmals Gefahr für deutsche Soldaten ausgeht, da sie mit Partisan*innen oder Sympathisant*innen gleichgesetzt werden. Andererseits begegnen die deutschen Soldaten russischen Zivi-list*innen diszipliniert und anständig. Die massenhaft von den Soldaten begangenen Gräueltaten, Massenerschießungen und „Säuberungen“ kommen in den Landser-Heften nicht vor. Eher selten stehen Soldaten anderer kriegführender Nationen im Mittelpunkt der Landser-Hefte. Hin und wieder werden jedoch auch die Kriegsschauplätze im Pazifik und im Fernen Osten mit den kriegführenden Parteien Japan auf der einen Seite und den US-Amerikanern, Briten, Australiern und Neuseeländern auf der Gegenseite beschrieben. Eine relevante Frage bei Kriegsromanen und Kriegsromanheften ist die nach dem Freund-Feind-Schema. Der Gegner der deutschen Soldaten bleibt in der Regel anonym und unpersönlich. Die Alltagssorgen im Krieg, die Ängste, Hoffnungen und Verhaltensweisen, die einen Menschen ausmachen, werden nur beim deutschen Landser sichtbar. Der Feind, der meist in der Überzahl ist, bleibt nahezu immer unbekannt, fremd und anonym. Das „Heldentum“ der deutschen Soldaten wird weniger mit einem kriegslüsternen und schießwütigen Verhalten beschrieben als vielmehr in einem von Kameradschaft, Treue und Opferwillen gekennzeichneten Alltag gegen eine feindliche Übermacht. Gegenüber Vorgesetzten gibt es einerseits die „gemischten Gefühle“ gegenüber jenen, die nicht im Kampf stehen und andererseits das „blinde Vertrauen“ gegenüber erfahrenen Offizieren und Unterführern, die „vorne“ bei der Truppe sind. Gehorsam wird zur Pflichterfüllung und zur obersten Tugend des deutschen Landsers, auch wenn es gegen seine eigene Überzeugung geht. Dies ist eine Kernbotschaft zum Habitus des deutschen Soldaten. Das „Heldenhafte“ zeigt sich auch im Ertragen von Entbehrungen und Gewalt sowie im Durchhalten in aussichtslosen Lagen gegen einen materiell und personell überlegenen Gegner. Es gibt auch Tabu-Themen. Die Gräueltaten, Massaker und sogenannte „Säuberungsaktionen“ an der Zivilbevölkerung von Wehrmachts-, SS- und Polizeieinheiten, die in allen überfallenen und eroberten Gebieten Europas von Deutschen verübt und bei denen ganze Ortschaften oder Stadtteile ausgelöscht wurden, finden keine Erwähnung. Oradur in Frankreich im Juni 1944, Sant’ Anna di Stazzema in der Toskana im August 1944, Lidice in Tschechien im Juni 1942, Distomo in Griechenland im Juni 1944 oder die Vernichtung des jüdischen Ghettos in Warschau im Mai 1943 sind nur wenige markante Beispiele einer systematischen militärischen Vernichtungspolitik, die in Landser-Heften nicht auftaucht. Diese Gräueltaten, oft verübt von deutschen bewaffneten Einheiten im Zusammenwirken von Wehrmacht, SS und Polizei, an der europäischen Zivilbevölkerung, waren ein Teil des kriegerischen Alltags im Zweiten Weltkrieg, keine Einzelfälle und folgten einer übergeordneten militärisch-politischen Strategie des Nationalsozialismus. Ein weiteres Tabu-Thema ist der Nationalsozialismus, die NSDAP und politische Kontexte. Die ideologischen Ursachen des Krieges, der Antisemitismus, der Rassismus, die verbrecherische Kriegführung sowie die Vernichtungs-, Eroberungs- und Ausbeutungspolitik der nationalsozialistischen Diktatur und der von Deutschen zielgerichtet betriebene Völkermord werden nicht thematisiert. Es wird der Eindruck erweckt, als ob der Krieg in einer unpolitischen Parallelwelt stattfindet, die mit Politik nichts zu tun hat. Diese Trennung von Krieg und Politik, von Verbrechen und Ideologie und Krieg ist signifikant für die Landser-Geschichten. **Äußeres Erscheinungsbild und Rubriken der Landser-Hefte** Die Ausgaben erscheinen mit einem einheitlichen Reihen-Cover und einem Umfang, je nach Format (Kleinband, Großband, Ritterkreuzträger), von ca. 60 bis 100 Seiten in einem wöchentlichen (Kleinband), vierzehntägigen (Großband) oder monatlichen (Ritterkreuzträger) Rhythmus. Anders als bei vielen anderen Heftroman-Reihen stehen in den Landser-Heften jedoch keine namentlichen Serienhelden – wie etwa Perry Rhodan, Jerry Cotton oder der „Bergdoktor“ – im Mittelpunkt. Es sind „einfache Soldaten“, also „Landser“, die in jedem Heft andere (erfundene) Namen haben. Ab Heft 554 vom November 1968 („Todeskessel Budapest“) erfolgt eine Umstellung im Layout. Von da an wurden die Landser-Formate bis zur Einstellung 2013 mit einem einheitlichen Cover-Layout ausgestattet: Etwa 1/3 des Covers machte ein großer einfarbiger Titelbalken mit Landser-Logo, Titel und Preisen aus und ca. 2/3 werden mit einer gezeichnete Kampfszene, koloriert oder schwarz-weiß ausgefüllt. Eine Zeitlang wurden stattdessen auch schwarz-weiße Dokumentarfotos verwendet. Die Farben waren bis 2013 für den Kleinband orange, für die Ritterkreuzträger-Bände blau, für die Großbände ebenfalls blau und für die Sammelbände blau, grün und selten rot. Eine weitere Neuerung war die Verarbeitung ab Heft 554, die nicht mehr mit einer Rückstichheftung mit zwei Klammern erfolgte, sondern als Klebebindung (Lumbeck) mit einem geraden Rücken, der eine optische Aufwertung ähnlich einer Buchverarbeitung zum Ziel hatte. Schließlich wurde auch der Untertitel verändert: Statt bislang „Erlebnisberichte zur Geschichte des 2. Weltkrieges“ lautete er ab Heft 554: „Die authentischen Erlebnisberichte zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges“. Später wurde das „authentisch“ wieder weggelassen und der Untertitel heißt bis zur Einstellung der Landser 2013 nur noch „Erlebnisberichte zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges“. Der Landser-Großband erschien 14-tägig und unterschied sich zum Kleinband durch einen bebilderten Magazin-Anhang zu kriegshistorischen und waffentechnischen Themen sowie mit einem Bilderdruck-Fototeil von ca. sechs Seiten, schwarz-weißen Dokumentarfotos zum Thema des Heftes. Auf der vierten Umschlagseite (U 4) der Landser-Hefte befindet sich ab den 1970er Jahren die Abbildung oder das Foto eines Waffensystems, schwerpunktmäßig eines deutschen und alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg und auf U 3 dazu eine Beschreibung mit Risszeichnung. In der Regel waren schwerpunktmäßig Panzer, Schiffe, Flugzeuge oder Infanteriewaffen abgebildet. **Selbstlegitimation – Pazifismus im Militarismus?** Trotz oder gerade wegen der wissenschaftlichen und öffentlichen kritischen Rezeption der Landser-Hefte, die in der Tradition militaristischer und kriegsverherrlichender Trivialliteratur in Deutschland seit Anfang des 20. Jahrhunderts gesehen wird (z. B. Brühan 1979, Knebel 1975, Kühn 1978, Gugel 1983, Martínez 2019), war der Verlag von Anfang an daran interessiert, mit redaktionellen oder Leserbrief-Statements diesem Bild gegenzusteuern und es zu relativieren. 1977 heißt es beispielsweise in einem Landser-Heft: „Kriegsgeschichtliche Werke schildern den Verlauf großer Schlachten in summarischer Form, der LANDSER jedoch die Details und die endlose Skala der Schrecken, die jeder Krieg mit sich bringt. Dadurch formt sich seine stumme Anklage gegen kriegerische Gewalt in jeder Form“ (Bergmann 1977, S. 63). **Zur Ideologie der Landser-Hefte** Seit über 60 Jahren wird mit diesen Kriegsroman-Heften eine Ideologie transportiert, die vor allem jugendliche und erwachsene Männer als Zielgruppe erreicht und soldatische Tugenden wie Tapferkeit, Treue und Entschlossenheit zelebriert. Der Soldat als Mensch wird auf seine Rolle als „Krieger“ bzw. „Landser“ reduziert. Der Mensch als politisch denkendes und handelndes Wesen wird ausgeklammert. Gehorsam, Drill, (Todes-)Mut, Treue einem Führer und einer Nation gegenüber und Kameradschaft unter Gleichgesinnten werden als Tugenden dargestellt und ständig wiederholt. Kulturelle, politische, zeit- und militärhistorische Kontexte werden ausgeklammert. Der (einfache) Soldat wird zu einem geschichtslosen Helden mit einem individuellen Kriegs-Schicksal in einem großen Drama, das weder verstanden noch erklärt wird. Er kämpft für das „Gute“ – in Treu und Glauben an Führer und Nation – und ist ansonsten seinem soldatischen Eid verpflichtet. Es gibt, so wird suggeriert, im Kriege keine Alternative zum „Kampf“. **Fazit: Erziehung zum Krieg?** Erstaunlich ist die Kontinuität der Kriegserzählungen über die Jahrzehnte hinweg. Die hier untersuchten Kategorien weisen über alle Jahrzehnte eine hohe Konstanz auf. Die Kriegserzählungen aus den 1950er Jahren sind in Stil und Inhalt identisch mit denen aus den 2000er Jahren. Landser-Hefte haben, was ihre Wirkung betrifft, eine intermediäre Funktion: Sie verbinden Generationen und bringen jugendliche Leser und Erwachsene bzw. ehemalige Soldaten der Wehrmacht miteinander ins Gespräch. Landser-Hefte verbinden Militarismus mit Bürgerlichkeit, indem sie als Bestandteil von Groschenheft-Serien vertrieben und neben Arzt- und Bergromanen, Perry-Rhodan und Western-Hefte in Kiosken präsentiert werden. Eine zentrale Stereotype sind die Erzählungen vom heldenhaften Kampf deutscher Soldaten an allen Fronten, ihrer Aufrichtigkeit, Ritterlichkeit, Tapferkeit und Opferbereitschaft – insbesondere in Russland – gegen einen zahlenmäßig überlegenen Gegner. Landser-Hefte und ebenso das Nachfolgeformat der „Weltkriegs“-Hefte ab 2013 sind literaturhistorisch ein Relikt aus der Zeit des „Kalten Krieges“ in der Tradition des deutschen Militarismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Diese Kontinuität über Jahrzehnte und über alle gesellschaftlichen Entwicklungen hinweg ist ein Markenzeichen dieser Kriegsromanhefte und transportiert ein stereotypes Soldatenbild aus vergangenen Zeiten. Dies ist gleichsam der „Heimliche Lehrplan“, den die Landser-Hefte seit fast 60 Jahren ungehindert transportieren. Der Landser ist damit zu einer informellen und beiläufigen Sozialisationsinstanz für Militarismus und Heldenverehrung geworden, die für viele Männer-Generationen die Haltung zu Krieg und Frieden mitgeprägt hat. Auch wenn der erzieherische und propagandistische Effekt dieser Kriegsgeschichten nicht mehr so wirkmächtig sein dürfte wie zu den Zeiten des Kalten Krieges, wird aber immer noch ein Bild des deutschen Soldaten gezeigt, das durch die Verkürzung auf Kampferzählungen eine Heroisierung erzeugt und damit Kriegsgeschichte trivialisiert. Prof. Dr. Ulrich Klemm, Honorarprofessor für Erwachsenenbildung, ist seit 40 Jahren in Forschung, Lehre und Praxis der Erwachsenenbildung unterwegs. Herausgeber u. a. von Étienne de La Boéties „ Von der freiwilligen Knechtschaft “ und Autor von „Libertäre Pädagogik – Eine Einführung“. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
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#GWR508 KI Claude im militärischen Einsatz Über die kriegerischen Einsatzmöglichkeiten künstlicher Intelligenz #Krieg #KI #Milirarismus www.graswurzel.net/gwr/2026/03/ki-c…
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KI Claude im militärischen Einsatz
Am 14. Februar 2026 ging weltweit durch die Medien, dass die Entführung Nicolás Maduros aus Venezuela mit Hilfe des KI-Chatbots Claude der US-Firma Anthropic gelang. Nun ist diese generative KI Claude in der Lage, Texte zu verstehen und zu generieren. Sie kann Dokumente analysieren und wie andere Chatbots auf Fragen antworten und auch selbst programmieren. Technisch gefüttert wurde sie mit einer unglaublich großen Anzahl an Texten, um zu trainieren, Muster zu erkennen und Fragen zu beantworten. Die Firma Anthropic hat sich selbst ethische Richtlinien gegeben, die schädliche oder gefährliche Anwendungen verhindern sollen. Die Nutzungsrichtlinien verbieten den Einsatz der KI für Gewalt, Waffentechnik oder Überwachung. Der Zweck ihrer KI soll offiziell zum Problemlösen und „Denken“ beitragen. Wie erklärt sich dann die Anwendung durch die US-Militärführung bei der Maduro-Entführung aus Venezuela? Die US-Militärführung konnte sich der KI Claude bedienen, weil es von An thropic eine technische Partnerschaft mit Peter Thiels Firma Palantir Technologies gibt. Da das US-Militär Palantir nutzt, wurde die KI Claude „mitgenutzt“. Im Nachhinein scheint es nun Streit zwischen Anthropic und dem Pentagon zu geben, genauere Informationen wurden aber von beiden Seiten anfangs unter Verschluss gehalten. Später stellte der US-Kriegsminister Peter Hegseth der Firma Anthropic eine Frist, die Nutzungseinschränkungen für militärische Einsätze abzuschaffen. Er werde, so Hegseth im O-Ton: „keinem Unternehmen erlauben, die Bedingungen für operative Entscheidungen des Pentagons zu diktieren oder gegen einzelne Anwendungsfälle Einspruch zu erheben“. Als Anthropic nicht darauf einging, wurde der Firma „Verrat“ vorgeworfen und sie wurde als „supply chain risk“ (Risiko für die militärische Lieferkette) auf den Index gesetzt. > _**Der Zweck ihrer KI soll offiziell zum Problemlösen und „Denken“ beitragen. Wie erklärt sich dann die Anwendung durch die US-Militärführung bei der Maduro-Entführung aus Venezuela?**_ Unklar blieb, wie ausgiebig die KI Claude für die Entführung Maduros benutzt wurde. Erklären lässt es sich jedoch mit der Frage: Was kann die KI Claude leisten, was Palantir Technologies nicht kann? Wenn die Anthropic Claude KI Sprache verstehen und generieren kann, Palantir Technologies Datenanalyse betreibt und eine Plattform schafft für komplexe Datenerfassung, verspricht eine Kombination beider Systeme eine deutlich genauere Nutzbarkeit, das betrifft alle Datenbereiche und, wenn sie zur Verfügung stehen, natürlich auch die militärischen. Palantir kann diese Unmenge an militärischen Daten analysieren, Tabellen erstellen, Logs auswerten, also z. B. Ursachen für Abstürze oder Fehlermeldungen ermitteln, Login-Zugriffe oder Zugriffsversuche erfassen, Nutzungsmuster erstellen, die Systemlast auswerten, Benutzeraktionen in diversen Softwares analysieren, IP-Adressen feststellen etc. Die KI Claude kann unstrukturierte Texte wie E-Mails oder Berichte analysieren, Inhalte zusammenfassen, Bedeutungen herausarbeiten und auch Absichten interpretieren. Sie kann Zahlen mit Texten verknüpfen, eine Geschichte der Daten aufnehmen und Absichten mit den Daten oder Unklarheiten und Widersprüche herausfiltern. Wenn also Palantir eine Unmenge an Daten protokolliert in die KI Claude einspeist, kann die KI Claude die Inhalte zusammenfassen und Muster herausarbeiten. Palantir kann Dashboards liefern, also komplexe Daten visuell dargestellt in Graphiken, Tabellen oder Diagrammen, die KI Claude kann die Szenarien vergleichen, Ergebnisse in verständlicher Sprache ausdrücken und Entscheidungsoptionen formulieren, bis hin zu Optionen, also „was wäre wenn“-Antworten. Das Pentagon konnte sich deshalb direkt mit den Szenarien beschäftigen, die es zu entscheiden galt. Palantir kann Datenbeziehungen vorlegen. Die KI Claude kann Texte, Dokumente und Zahlen gemeinsam auswerten, die Widersprüche in verschiedenen Aussagen erkennen und Hypothesen oder Handlungsoptionen formulieren. Das beinhaltet auch die Bereitstellung von alternativen Strategien. Dazu kann sie das Für und Wider der Argumente strukturieren. Sie kann Annahmen prüfen und bei Widersprüchen von Palantir weitere Datensätze zur Klärung anfordern. Palantir kann die Optionen der KI wiederum für das Pentagon berechnen. Palantir hat die Einsatzgenehmigung in Behörden und militärischen Systemen, die Sicherheitskontrolle, den Zugriff auf operative Datenbanken und die Echtzeit-Datenintegration. Ein Zusammenschalten dieser beiden Systeme brachte dem Pentagon deshalb nicht nur eine Vielzahl von Datensätzen zur Analyse (Palantir), sondern eine konkrete Vorlage von den wahrscheinlichsten Szenarien mit jeweils einer angehängten Risikoanalyse (Palantir und KI Claude). Aus den Stärken von Palantir in der Datenstrukturierung, den Sicherheitsaspekten und einer Echtzeitverarbeitung, d.h. einer Analyse von Daten sofort nach deren Erfassung, den Stärken der KI Claude in der Bedeutung von Sprache und in der umfänglichen Argumentation entsteht Data Intelligence und Cognitive Layer. Also das Verstehen der Bedeutung der Daten, einschließlich der Interpretation von Zusammenhängen und der Möglichkeit, daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Damit erhielt das Pentagon nicht nur Daten zur Auswertung, sondern eine Analyse der Bedeutung der Daten. Dazu wurden in verständlicher Sprache Aussagen beigesteuert, die für eine Entscheidung über den Einsatz der Militärs relevant waren. Der Begriff des Agentic Layers taucht in diesem Zusammenhang auf, damit ist gemeint, dass noch ein dritter KI-Part eine Rolle spielt. Wenn Palantir für die Datenplattform, KI Claude für die Sprachanalyse zuständig ist, dann gibt es noch (z. B. im Pentagon) eine Software, die plant und vorhandene Tools nutzt. Die Entscheidung bleibt deshalb zunächst noch bei der Behörde oder einer Organisation, sprich ganz oder teilweise bei menschlichen Akteuren. In der Entwicklung des Decision Layers, also weitergehender KI, die eine verbindliche Auswahl für die Handlungen aus der Analyse von Cognitive und Agentic Layern trifft, liegt die zukünftige Möglichkeit und Gefahr, dass eine Entscheidung auch ohne menschliche Mitverantwortung getroffen werden kann. Welche Firmen arbeiten an der Entwicklung der Decision Layer? Sehr viele, je nach ihren „Arbeitsfeldern“. Die großen Konzerne wie Microsoft, OpenAI, Google DeepMind, Meta und auch Anthropic arbeiten für ihre Firmenziele daran. Im Sicherheits- und militärischen Bereich arbeiten das US-Kriegsministerium, DARPA, die Forschungsbehörde des US-Kriegsministeriums für neuartige Hochtechnologien, Palantir Technologies und das Rüstungsunternehmen Anduril Industries, das spezielle unbemannte autonome Waffensysteme und Überwachungslösungen entwickelt, wie z. B. Sensor- und KI gesteuerte Überwachungstürme zur Grenzüberwachung. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 14/05/2026
mal wieder mit etwas Verzug... #GWR508 ist spannend! #Graswurzelrevolution #KI #KeinKrieg #Pazifismus #Kriegsdienst #Wherpflicht www.graswurzel.net/gwr/category/aus…
graswurzel.net
KI Claude im militärischen Einsatz
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 19/03/2026
Der Verlag Graswurzelrevolution und die zeitung Graswurzelrevolution sind auf der Leipziger Buchmesse in Halle 5, Stand K 406 zu finden. Mit dabei die zwei Neuerscheinungen „Kriegsuntüchtigkeit als Chance“ und „Anarchistisches Recht“ #GWR #graswurzelrevolution #lbm2026 #leipzigerbuchmesse2026
Texttafel mit der Info: Graswurzelrevolution und Standnummer, dazu das Logo der Leipziger Buchmesse und zwei Buchcover Buchcover von „Anarchistisches Recht“, erschienen im verlag graswurzelrevolution. Roter Hintergrund mit einem Anarchiezeichen und einer Waage in orange
Buchcover von  „Kriegsuntüchtigkeit als Chance“. Senfgelber Hintergrund mit einem Foto eines Kindes in Uniform, das direkt in die Kamera schaut.
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 19/03/2026
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Vorprogrammierter Alptraum
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#GWR506 Widerstand heißt Leben! – Berxwedan Jiyan e! Die Angriffe in Aleppo und Nord-/Ost-Syrien aus Sicht von Kurd*innen, die nun erneut vertrieben werden #Syrien www.graswurzel.net/gwr/2026/01/wide…
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Widerstand heißt Leben! – Berxwedan Jiyan e!
Während die Aufmerksamkeit der Welt woanders liegt, spielt sich im Norden und Osten Syriens erneut eine humanitäre Katastrophe ab. Die Frauenrevolution und die basisdemokratische Selbstverwaltung in Rojava sind der islamistischen Al-Jolani-Regierung ein Dorn im Auge. Islamistische Milizen der syrischen Übergangsregierung (HTS) und des türkischen Autokraten Erdoğan greifen momentan die Autonomieregion Nord- und Ostsyrien an. Der von der Regierung am 18. Januar 2026 angekündigte Waffenstillstand wurde von ihr nicht eingehalten. Die Islamisten haben am 20. Januar bereits 60 Prozent der kurdischen Selbstverwaltungsgebiete erobert und befinden sich weiter auf dem Vormarsch auf die kurdischen Städte Kobanê und Hêseke. Sie haben zehntausende inhaftierte IS-Kämpfer befreit und üben massive Gewalt an der kurdischen Bevölkerung und vor allem den Frauen aus. (GWR-Red.) Am 11. Januar 2026 versammeln sich die Menschen in den Städten von Nord- und Ostsyrien. Mit Fahnen und Bannern stellen sie sich am Rand der Ortsdurchfahrten auf und erwarten den Widerstandskonvoi, der mit den Verwundeten aus Aleppo zurückkehren soll. Wenige Tage zuvor waren hunderte Zivilist:innen in Richtung Aleppo aufgebrochen. Sie hatten sich auf den Weg gemacht, um den Widerstand der selbstverwalteten, kurdischen Viertel Scheich Maksud und Aschrafia gegen die Angriffe der Syrischen Armee zu unterstützen. „Wartet auf eure Leute, wir kommen, um euch zu unterstützen!“, hatte eine der Frauen, die sich aus Kobanê auf den Weg machte, gesagt. Der Konvoi hatte Aleppo nicht erreicht. Doch durch den entschlossenen Widerstand der Gesellschaft, konnte ein Waffenstillstand ausgehandelt werden, um die Verletzten, sowie die Körper der vom islamistischen, syrischen Regime Getöteten aus den kurdischen Vierteln zu evakuieren. Über Hundertausend Menschen haben innerhalb weniger Tage ihr Zuhause, ihre Gemeinschaft, Freundinnen und Verwandte verloren. Die meisten von ihnen erleben all das nicht zum ersten Mal. Viele sind ursprünglich aus der kurdischen Region Afrin, die bis zum Einmarsch der türkischen Armee und islamistischer Kombattanten 2018 zur selbstverwalteten, autonomen Region Rojava gehörte. Nun werden sie zum dritten oder vierten mal in ihrem Leben vertrieben. Dieser Artikel soll nicht von Krieg handeln, sondern von Frieden. Was bedeutet wahrhaftiger Frieden in diesen kriegerischen Zeiten und was hat das mit Heimat zu tun? In Palästina, Kurdistan, Venezuela, Sudan, Ukraine und Somalia wird Krieg geführt und Menschen werden vertrieben. Auch die europäischen Staaten befinden sich in einer Offensive der Aufrüstung, die von einer konstanten Faschisierung der Diskurse begleitet wird. Diese Kräfte haben ein großes Thema: Heimat. Ob in Syrien oder in Europa wird diskutiert, wem es erlaubt ist, beheimatet zu sein. Gleichzeitig werden Kriege unterstützt und Menschen zur Flucht gezwungen. **Diese Geschichte beginnt in Afrin** Afrin ist ein schmerzendes Wort für diejenigen, die dort zu Hause sind, denn sie waren schon lange nicht mehr dort. Seit der Besatzung durch die türkische Armee, 2018, lebten viele als Geflüchtete in einem Camp, das in Shehba, nicht weit von Afrin entfernt, aufgebaut worden war. Auch von dort wurden sie im letzten Winter durch den Krieg der islamistischen Söldner, die jetzt in die Syrische Armee eingegliedert wurden, vertrieben. Heute sind viele von ihnen in einem neuen Camp, in Tabqa. Wir besuchen sie dort, werden in ihre Zelte eingeladen, hören von den Schwierigkeiten, der Kälte im Winter, der Hitze im Sommer, aber auch ihrer Entschlossenheit zusammen zu bleiben und eines Tages nach Afrin zurück zu kehren. Im weitesten Nord-Westen von Syrien wurde die Region Afrin 2012 im Zuge der Rojava-Revolution vom Baath-Regime befreit. So wie im ganzen befreiten Gebiet, wurden von den Menschen selbstbestimmt Institutionen der Selbstverwaltung aufgebaut. Seitdem organisiert sich die Gesellschaft in Kommunen und Räten, in Kooperativen wurde eine gemeinschaftliche Wirtschaft etabliert und durch Bildung ein kommunales Bewusstsein entwickelt. „Das heißt, wenn eine Entscheidung gefällt wurde, war die Kommune involviert, und auch, wenn Probleme gelöst wurden. Die Kommune schafft die Organisation der Gesellschaft, wir geben ihr die größte Bedeutung, von allen Institutionen und Räten. Alle Menschen finden einen Platz in der Kommune“, erzählen Frauen aus Afrin, die nun in einem Camp für Binnengeflüchtete der Autonomen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens leben. **Basisdemokratie** Das basisdemokratische System, in dem jedes Individuum Teil der Entscheidungsprozesse ist, sodass diese im Sinne des Gemeinwohls getroffen werden, ist die Perspektive eines freien, gesellschaftlichen Lebens der Menschen in Nord- und Ost-Syrien. Die Basis bilden demokratische und ökologische Werte, wobei die Notwendigkeit von Frauenbefreiung und die Gleichwertigkeit der Geschlechter im Vordergrund stehen. Vom Leben in Afrin erzählen die Frauen weiter: „Zu Beginn der Rojava-Revolution 2012/2013 lebte Afrin in einer selbstversorgenden Kreislaufwirtschaft. Die Menschen ernährten sich von dem Land, das sie umgab. […] In jedem Haus standen Bäume im Hof und Gärten wurden angelegt. […] Beim Anbau von Pflanzen für den Verkauf werden oft chemische Dünger genutzt, um den Gewinn zu steigern, doch in Afrin gab es so etwas nicht. Wenn die Frauen zu Hause anbauten, deckten sie die Bedürfnisse ihres Haushalts und vielleicht auch die ihrer Nachbar*innen und Freund*innen. Afrin war isoliert (belagert), und wir hätten weitere zehn Jahre so überleben können. Warum? Weil jedes Haus einen eigenen Garten hatte, der die Menschen selbst versorgen konnte. Maßgeblich dafür waren die Frauen, die das Land bestellten und bewässerten. Sie pflanzten hier Blumen und dort Tomaten. Hier eine zarte Rose und daneben Bohnen. Die Menschen in Afrin bauten alles selbst an. Außerdem hatte jedes Haus Schafe, für Joghurt, Milch und Käse. Und auch um diese kümmerten sich meist die Mütter. Es gab auch Hühner, sodass die Menschen keine Eier auf dem Markt kaufen mussten.“ > _**Tausende Binnenvertriebene aus Afrin entwickelten in den Geflüchtetencamps eine Perspektive eines freien, gemeinschaftlichen Lebens.**_ Die Frauen sprechen voller Stolz von der natürlichen Kreislaufwirtschaft und der Bedeutung der Selbstversorgung in Zeiten von Krieg und Belagerung. Die Rolle der Frauen und Mütter darin, als Trägerinnen dieses ge- meinschaftlichen Lebens, steht für sie im Vordergrund. Sie sprechen davon, wie grün Afrin ist, im Gegensatz zu der dürren Landschaft, in der sie nun von neuem versuchen ein Leben aufzubauen. Sie meinen das Grau-Grün von Olivenbäumen. Afrin ist berühmt für seine Olivenbäume und die Ölproduktion. Die Türkische Armee, die im Januar 2018 das kommunale Leben in Afrin gewaltvoll unterbrach, nannte ihre Militäroffensive „Operation Olivenzweig“. Mit der neu kreierten Söldnergruppe „Syrian National Army“ (SNA), die die türkischen Interessen in Syrien umsetzen soll, begann am 20. Januar 2018 ein Angriffskrieg gegen Afrin. „Im Afrin-Krieg waren auf einmal Kriegsflugzeuge über uns am Himmel. Das hatten wir in unserem Leben noch nicht gesehen. Wir hatten keine Erfahrungen mit Krieg“, erzählen die Frauen über diesen Tag. Die türkischen Interessen waren, einen Begriff von Heimat zu verteidigen, der nur einer ethnischen Gruppe, eine Sprache, einer Kultur und einer Religion erlaubt zu Hause zu sein. Um dieses Verständnis zu etablieren, wurde der türkische Staat auf der Grundlage der Negierung der kurdischen Gesellschaft, der bis 1991 in der Türkei offiziell verbotenen Sprache, Ethnie und Kultur aufgebaut. Das bunte gemeinschaftliche Leben, welches sich durch die Rojava-Revolution auf der anderen Seite der türkischen Staatsgrenze entwickelte, bedrohte diesen Begriff zu widerlegen, vor allem weil diese vor allem eine kurdische Initiative war. Die Frauen aus Afrin erzählen, wie durch den Widerstand der Frauen, ethnische Spaltungen überwunden wurden und darin eine Leitungsrolle für die gesamte Gesellschaft einnahmen. „Die Wahrheit ist, dass Frauen das Leben über tausende Jahre angeführt haben. Aber wir, in der Mitte all dessen, hatten viele Schwierigkeiten. Ob wir es mögen oder nicht, in Kultur, Religion, überall gibt es Sitten und Traditionen. Die Frauenbewegung wurde ein Vorbild und eine Kraft für uns. Innerhalb der Gesellschaft, als Frauen, Autonomie unter Frauen aufzubauen, sich dadurch selbst kennenzulernen und zu befreien… und damit Vorreiterinnen zu werden für Frauen weltweit… In Afrin lebten vor allem kurdische und arabische Frauen, ein paar wenige turkmenische Familien gab es auch. Wenn wir miteinander über den Aufbau von Frauenkommunen sprachen, hat es sich angefühlt, als würde sich die ganze Gesellschaft auf eine Korrekturlinie zu bewegen. Die Gesellschaft konnte einen tiefen Atemzug nehmen und leichter atmen. Wir machten Bildungen zur Verteidigung von Frauenrechten. Frauenbefreiung bedeutet, Frauen müssen sich selbst kennen lernen. Wir brauchten Frauenkommunen, denn darin konnten Frauen ihren Schmerz und ihr Leiden durch unterdrückerische Traditionen, Väter, Brüder oder Ehemänner miteinander teilen.“ Zwei Monate nach dem Beginn des Angriffskrieges, am 18. März 2018, beginnt die Besatzung Afrins durch die türkisch unterstütze SNA. Diese plündern die Dörfer, vergewaltigen, morden, entführen, foltern und verüben zahlreiche menschenrechtswidrige Massaker an der Zivilbevölkerung. Das Sprechen der kurdischen Sprache wird verboten und die geschichtstragenden Olivenhaine werden abgebrannt. Tausende sind gezwungen ihre Heimat zu verlassen. Da Afrin ein Zufluchtsort für viele Menschen geworden war, die vor Kriegen fliehen mussten, wie zum Beispiel durch die Angriffe des IS auf die Jesid*innen in Shengal, war diese Vertreibung für Viele bereits die zweite in ihrem Leben. Die Menschen aus Afrin gaben das Ziel nicht auf, zurückzukehren. Viele entfernten sich daher nur so weit wie nötig, gingen nach Aleppo oder nach Shehba. Auch in Shehba waren die Angriffe der SNA präsent und viele Menschen hatten die Region verlassen. Shehba war von der türkischen Besatzung und dem totalitären syrischen Assad-Regime umzingelt, einem wirtschaftlichen Embargo und ständigen Angriffen ausgeliefert. Tausende Binnenvertriebene aus Afrin entwickelten in den Geflüchtetencamps eine Perspektive eines freien, gemeinschaftlichen Lebens. „Nach unserer Ankunft [in Shehba] haben wir zunächst drei Monate lang die Familien in den Zelten besucht. Wir sind von Haus zu Haus gegangen und haben miteinander darüber gesprochen, wie Frauen ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten, Probleme frühzeitig erkennen und ihre Kinder und die Umgebung sauber halten können. Denn wenn Frauen gut vorbereitet und gestärkt sind, können sie die ganze Familie versorgen. Anschließend haben wir uns im Gemeinderat getroffen. Wir besprachen unsere Situation, die Kriegslage, wie es zu unserer Vertreibung gekommen war und wie wir uns künftig organisieren wollten.“ In den Geflüchtetencamps wurde auch die Selbstverteidigung selbst organisiert. „Wer auch immer ins Camp kam, in die Kommune, wenn ein Fremder kam, hat jemand aus dem Selbstverteidigungskomitee direkt nachgesehen, wer es ist. Es ging ihnen darum, das alltägliche Leben gut zu organisieren und eine Zukunft zu gestalten, die die Kriegssituation überwinden kann. „Wir hatten in Shehba eine Kita eingerichtet. Für den ersten Tag der Kinder war alles vorbereitet. Aber wir mussten den Kindergarten aufgeben und Shehba verlassen.“ Sieben Jahre lang hatten die Menschen aus Afrin in Shehba gelebt und sich dort in den Camps weiterhin selbstverwaltet gegen die Angriffe der Türkischen Armee verteidigt. „Wenn deine Hände in der Erde etwas anpflanzen, baust du Wissen und Energie auf. Du kannst Frauen aus Afrin nicht von der Natur trennen. Man denkt, in den Camps würde gar nichts wachsen. Doch wir haben alles angepflanzt. Davon getrennt zu sein, ist wie von der eigenen Schönheit, der Liebe des Lebens, des Geistes getrennt zu sein.“ Als im Herbst 2024 das Assad-Regime gestürzt wurde, nutzte die Türkei diesen Moment und griff die Region mit Luft- und Bodenangriffen durch SNA und das türkische Militär an. Am 2. Dezember 2024 wurden die Geflüchtetencamps evakuiert und die Menschen mussten erneut fliehen. Das „hat einen Einfluss auf die Menschen. Frauen sind am meisten beeinflusst. Weil sie oft ans Haus gebunden sind. Sie versorgen den Haushalt, ziehen die Kinder groß. Ob alles lebensnotwendige verfügbar ist oder nicht, ob es Arbeit gibt oder nicht, ob alles läuft oder nicht, es beeinflusst sie. Einige Probleme werden erlebt und Schwierigkeiten, durch dieses Fliehen“, erzählt eine der Frauen. Eine andere Frau fügt hinzu: „Als wir von Shehba fliehen mussten und hierher kamen, war Winter. Wir waren in der Kälte in Zelten. Aber die Frauen haben Widerstand geleistet und sich selbst in den Camps verteidigt, denn eine Frau, die nicht organisiert ist und sich nicht verteidigen kann, kann unter solchen Bedingungen nicht leben. […] Die Frauen ermutigen sich gegenseitig, um den Bedingungen zu trotzen.“ Manche Familien sind in die Städte gegangen, haben Arbeit aufgenommen, andere sind in andere Geflüchtetencamps gezogen, wie die Frauen dieses Interviews und wieder andere sind nach Aleppo gezogen. In Aleppo wurden sie in den selbstverwalteten Stadtteilen Shehmesud und Ashafriye in die dortige Nachbarschaftskommunen integriert und engagierten sich in den Komitees. Die restlichen Teile der Stadt Aleppo unterstehen der neuen Syrischen Übergangsregierung, die sich nach der Machtübernahme der islamistischen Miliz Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) im Herbst 2024 bildete. Damit haben die zwei selbstverwalteten Stadtteile durch ihre Lage eine bedeutende Rolle und waren immer wieder Ort von Auseinandersetzungen. Die Übergangsregierung schürte Spaltungen und Hetze, vor allem gegen religiöse und ethnische Minderheiten in den selbstverwalteten Vierteln. In einem Verhandlungsprozess zur Integration der Selbstverteidigungseinheiten der Autonomen Selbstverwaltung, der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), in die Übergangsregierung wurde sich am 10. März 2024 auf ein Abkommen geeinigt. Das Ziel einer Demokratisierung sollte ein Syrien schaffen, in der alle dort ansässigen Menschen gemeinsam Heimat finden können. So lautet Punkt 7 des Abkommens: „Ablehnung von Aufrufen zur Spaltung, Hassreden und Versuchen, Zwietracht zwischen den Bevölkerungsgruppen Syriens zu säen.“ Und Punkt 5: „Gewährleistung der Rückkehr aller vertriebenen Syrerinnen und Syrer in ihre Städte und Dörfer und Gewährleistung ihres Schutzes durch den syrischen Staat.“In der Umsetzung des Abkommens und einer Dezentralisierung Syriens hatte Aleppo eine besondere Rolle. Die Demokratischen Kräfte Syriens übergaben die Wahrung der Sicherheit der selbstverwalteten Stadtviertel an interne Sicherheitskräfte, welche in den Selbstverteidigungskomitees der Kommunen wurzeln. Im April 2024 unterzeichnete der zivile Rat der Stadtviertel ein Abkommen mit der Syrischen Übergangsregierung. Darin wird bestätigt, dass die beiden Stadtteile selbstverwaltet bleiben und dennoch als Teil von Aleppo anerkannt werden, wobei die soziale und kulturelle Identität des Gebiets respektiert wird. Die Straßen in den restlichen Teil Aleppos sollten geöffnet werden und die Verantwortung über die Sicherheit der Viertel gemeinsam getragen werden. Gegen Ende des Jahres wurde immer klarer, dass die Prozesse der Demokratisierung und Dezentralisierung Syriens blockiert werden. Die daraus folgenden Spannungen zeigten sich vor allem in den Vierteln in Aleppo. Im Dezember wurden die Zufahrtsstraßen in die Viertel von den Regierungstruppen blockiert, sodass die Versorgung erschwert wurde. Es folgten militärische Auseinandersetzungen zwischen Regierung und internen Sicherheitskräften auf Angriffe auf Demonstrationen der Bevölkerung. Am 6. Januar 2026 griffen die Söldnermilizen der Syrischen Übergangsregierung und der Türkei mit schweren Waffen gezielt Zivilist*innen und Infrastruktur an. Sie mordeten und zerstörten. Das Şehid-Xalid-Fecir-Kranken-haus wurde von der Regierung zu einem militärischen Ziel erklärt und zerstört, wodurch die medizinische Versorgung von hunderten Verletzen verhindert wurde. Viele verließen die Viertel und begaben sich ins Ungewisse. Andere folgten dem Aufruf der Kommunen und Räte und beschlossen, in ihren Vierteln zu bleiben und Widerstand zu leisten. Die internen Sicherheitskräfte der Selbstverwaltung verteidigten die Viertel und leisteten Widerstand, während die islamistischen Söldnergruppen mit menschenverachtenden Methoden angriffen. Dabei filmten sie ihre Taten und stellten sie ins Internet, so dass die ganze Welt sehen konnte, wie sie gefangene Zivilist*innen demütigten und die Leichen der Ermordeten verstümmelten und schändeten. Den Körper einer ermordeten kurdischen Kämpferin warfen sie unter dem Gejohle von Islamisten aus dem dritten Stock auf die Straße. Gerade die Frauen erfahren besondere Gewalt durch die faschistisch-islamistischen Angreifer. Der Widerstandswille der Gesellschaft in Nord-und Ostsyrien ist groß. Die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert ist, auch. Mit ihrem Widerstand zeigt sie der Welt, dass Revolution, Selbstbestimmung und Frauenbefreiung möglich sind. Der 11. Januar 2026 war ein Tag von Verlust. Eine weitere Heimat wurde genommen. Der Widerstandskonvoi aus Aleppo wurde mit einer Stimmung voller Schmerz und Wut empfangen. Die Menschen riefen „Bijî Berxwedana Şêxmeqsûd, Bijî Berxwedana Eşrefiye!“ (Hoch lebe der Widerstand in Scheich Maksud und Aschrafia). Sie sangen: „Berxwedan Jiyan e!“ (Widerstand ist Leben). Sie schwenkten Fahnen und, trotz der Tränen in den Augen, des Schmerzes, den jeder Krieg bringt, steht eines für sie fest: nur ein widerständiges Leben kann Frieden bringen. Auch nach acht Jahren Besatzung Afrins sind die Menschen fest entschlossen zurückzukehren. „Alle sagen, die Milizen haben Afrin eingenommen, die Bäume gefällt, sie töten, besetzen und zerstören alles. Aber wir wollen auf unser Land zurückkehren. Wir werden Afrin wieder grün machen, so wie es vorher war. Wir Frauen haben diesen Glauben.“ So beendet eine der Frauen das Gespräch. Eine andere fügt hinzu: „Ich sage, wenn ich nach Afrin zurückkehre, werde ich auf die Spitze eines Berges gehen, ein Lehmhaus bauen und dort leben. Wir werden uns selbst versorgen. Wir werden zu unserer Kultur und Lebensweise zurückkehren, so dass wir die Jahre, die wir Afrin verlassen mussten, hinter uns lassen können.“ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Maria Blauwig, Nord-/Ost-Syrien, 15. Januar 2026 Leitartikel
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 19/03/2026
#GWR506 „Die Lösung ist die Dezentralisierung der Macht“ Robert Krieg im Gespräch mit der kurdischen Filmemacherin Sevînaz Evdikê über die Situation von Frauen in Rojava und das islamistische Regime in Damaskus www.graswurzel.net/gwr/2026/01/die-…
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„Die Lösung ist die Dezentralisierung der Macht“
Sevînaz Evdikê (*1992 in Serêkaniyê, Rojava) hat in Nordkurdistan Film studiert. Sie war Mitbegründerin der Komîna Fîlma a Rojava, einem Filmkollektiv aus dem Westen Kurdistans. Die Filmemacherin war an vielen der Kollektivprojekte beteiligt und engagiert sich für die Darstellung der kurdischen Kultur und weiblichen Perspektiven im Film. Bekannt wurde sie durch die Filme „Home“ (2018) und „The Return: Life After ISIS“ (2021), die einen Fokus auf das Leben und die Erfahrungen von Frauen in den selbstverwalteten kurdischen Gebieten Syriens legen. Ihr Film „The Wedding Parade“ (2023) drückt Hoffnung inmitten von Krieg und Vertreibung aus. Aktuell arbeitet sie als Dozentin für Film an der Kunstakademie für Frauen in Hesekê. Im Rahmen des Kurdischen Filmfestival in Rojava im November 2025 bot sich GWR-Autor Robert Krieg die Gelegenheit zum Interview. (GWR-Red.) **Robert Krieg: Du hast mir gesagt, dass das Projekt Rojava nicht nur von außen, sondern auch von innen bedroht ist. Wirtschaftliche Interessen dominieren zunehmend das gesellschaftliche Leben und den gesellschaftlichen Diskurs. Kannst du diesen Prozess etwas näher beschreiben?** **Sevînaz Evdikê:** Das soziale Leben in Rojava basiert auf dem geselligen Beisammensein der Menschen und ihrer gegenseitigen Hilfe. Ich kenne viele Familien wie meine eigene, die in Armut lebte, aber wir hatten nie Probleme, uns zu ernähren. Wir hatten Nachbarn, die uns alle unterstützten. Aber jetzt hat sich die Situation aufgrund vieler Umstände stark verändert. Durch den Krieg ist die soziale Struktur zunehmend zerbrochen, und wir leben nicht mehr in unseren Herkunftsstädten. Ein großer Teil der Bevölkerung Rojavas ist vertrieben worden. Sie lebt nicht mehr in ihrer eigenen Community, und die soziale Unterstützung von früher existiert nicht mehr. Es gibt sie zwar noch, aber man muss seine Gemeinschaft neu aufbauen. Das ist etwas, was sich geändert hat, und wirtschaftlich haben die Menschen als Vertriebene zu kämpfen. Nach all den Bombardierungen 2023 spricht man nicht mehr über die Zerstörung der Infrastruktur, der Gas- und Ölversorgung, der Elektrizitätswerke. Aber sie hatte enorme Auswirkungen auf die Menschen in Rojava. Jetzt gibt es überhaupt keinen Strom mehr, es fehlt an Diesel, um im Winter für Wärme zu sorgen. Viele Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren, weil viele Einrichtungen zerstört wurden. Hinzu kommen die Handelsbeschränkungen, die die USA gegen Syrien verhängt hatten. Ende 2023 wurde alles sehr teuer. Das Embargo hat dazu wesentlich beigetragen. Das Gehalt eines Arbeitnehmers reicht nicht aus. Die Menschen müssen zwei oder drei Jobs ausüben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Existenz vieler Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Rojava unser Sozialleben zerstört. Sie zahlen ihren Mitarbeiter und Mitarbeiter:innen mehr als 1000 Dollar, während die Mitarbeiter:innen der Selbstverwaltung weniger als 110 Dollar im Monat verdienen. Es gibt Geschäfte, in denen man 30, 40 Dollar für ein T-Shirt bezahlt, weil die Mitarbeiter der NGOs dort einkaufen. All dies bringt die Menschen in große Schwierigkeiten. Früher waren die Menschen bereit, Rojava zu verteidigen, aber jetzt kämpfen sie um ihr persönliches Überleben, es geht nicht mehr nur um die Bombardierungen. Wir verteidigen Rojava, aber es gibt so viele Probleme im Inneren, für die man eine Lösung finden muss. **Robert: Kann man sagen, dass das einen Einfluss darauf hat, dass die Menschen nicht mehr so sehr für die Revolution kämpfen wie früher? Dass sie viel mehr daran interessiert sind, private Dinge zu tun, um ihr wirtschaftliches Auskommen zu sichern?** **Sevînaz** : Ja, genau so ist es. Jetzt kämpfen die Menschen um ihr tägliches Überleben. Eine Familie mit Kindern kann nicht jeden Tag etwas für die größere Sache, für unsere Revolution, tun. Die Menschen müssen für ihre eigene Familie sorgen, was zu einem enormen Kampf wird. Im Jahr 2024 griff die türkische Armee den Tişrîn-Damm an. (1) Jeden Tag, wenn ich nach Heseke fuhr, sah ich an der Kreuzung am Rande der Stadt Hunderte von Menschen, die auf dem Weg dorthin waren, obwohl es sehr gefährlich war, weil die türkische Armee weiter bombardierte und keinen Unterschied zwischen Zivilist:innen und Kämpfer:innen machte. Sie töteten einfach Menschen. Aber die Menschen gingen dorthin. Viele unserer Freundinnen und Freunde gingen dorthin, und wir verloren viele von ihnen, sogar Künstler:innen. Ich würde also nicht sagen, dass die Menschen nicht bereit sind, Rojava zu verteidigen. Aber in Zeiten ohne Angriffe kämpfen die Menschen in ihrem Privatleben um ihre wirtschaftliche Existenz. > _**Das soziale Leben in Rojava basiert auf dem geselligen Beisammensein der Menschen und ihrer gegenseitigen Hilfe**_ **Robert: Die wirtschaftlichen Bedingungen, insbesondere im Alltag von Künstler:innen, wie wirkt sich das auf die Kreativität, auf die Ästhetik, den filmischen Erzählstil der kurdischen Filmemacher:innen aus?** **Sevînaz** : Ich habe keine allgemeingültige Antwort auf diese Frage. Ich kann nur von meinen persönlichen Erfahrungen berichten. **Robert: Ja, bitte.** **Sevînaz** : In meinem Leben gibt es zwei Dinge, die mir am wichtigsten sind. Ich könnte sehr erfolgreich sein, wenn ich sie miteinander verbinden könnte. Das eine ist das Kino, das andere die Revolution, um Rojava aufzubauen. Ich sage immer, wenn ich diese beiden Dinge in meinem Leben vereinen könnte, würde ich sagen, dass ich ein erfülltes Leben als Künstlerin und als Mensch aus Rojava geführt habe. Ich habe das in den letzten zehn Jahren seit 2015 versucht. Jetzt unterrichte ich an der Akademie 25 Studentinnen. Ich denke, ich kann immer noch etwas (zum Kino) beitragen, aber meine persönliche Erfahrung als Filmemacherin zeigt, dass es sehr anstrengend ist, da ich drei verschiedene Aufgaben gleichzeitig bewältigen muss. Zwei davon betreffen die Revolution im künstlerischen Bereich, die Förderung und Ausbildung von Künstlerinnen, aber die dritte ist rein wirtschaftlicher Natur. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Und im Moment kann ich nichts Kreatives erschaffen. Ich leiste zwar meinen Beitrag zum kreativen Leben in Rojava, aber persönlich schaffe ich nichts. Das macht mich traurig, aber ich denke, das ist eine Phase, die immer wieder vorkommt. Man muss eben das tun, was gerade nötig ist. **Robert: Die kurdischen Filme auf dem Festival werden, soweit ich das beurteilen kann, von Geschichten über militärische Kämpfe dominiert. Ich denke, das beeinflusst und beschränkt die Sicht auf die gesellschaftliche Entwicklung. Gesellschaftliche Entwicklung ist viel vielfältiger, sie besteht nicht nur aus Kampfhandlungen.** **Sevînaz** : Genau. **Robert: Ich spüre darin die Gefahr einer Militarisierung der Gesellschaft. Ich denke, das steht im Widerspruch zum Aufbau einer grundlegenden demokratischen Gesellschaft mit friedlichen Mitteln. Vielleicht kannst du dazu etwas sagen.** **Sevînaz** : Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Genau deshalb ist es wichtig, junge Menschen darin zu schulen, sich so auszudrücken, wie sie es möchten. All diese Filme, die sich mit dem Militär und dem bewaffneten Kampf befassen, gehen darauf zurück, dass man die Verantwortung hat, über die Ereignisse hier zu berichten. Und leider drehte sich unser Leben zumindest in den letzten zehn Jahren ausschließlich um die militärische Verteidigung von Rojava. Ich denke, was fehlt, sind Filme über die soziale Struktur, den Wiederaufbau des sozialen Lebens und die Fokussierung darauf. Es geht jetzt darum, dafür mehr Möglichkeiten zu schaffen. Denn es gibt Menschen, die gern mehr über soziale Strukturen und ihren Aufbau informieren würden. Die derzeitigen Möglichkeiten beschränken sich darauf, über Rojavas Selbstverteidigung zu berichten. Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft genügend Möglichkeiten für Menschen haben werden, sich auszudrücken – in Experimentalfilmen, in Filmen, die die sozialen Strukturen thematisieren, in Filmen, die auch kritisch mit unseren eigenen Problemen umgehen. Doch momentan sind unsere Möglichkeiten sehr begrenzt, und das liegt an dem Verantwortungsgefühl, über die aktuellen Geschehnisse in Rojava sprechen zu müssen. **Robert: Auf dem Festival laufen viele Filme über Frauen, aber nur wenige haben Regie geführt. Woran liegt das? Rojava kämpft für die Gleichberechtigung der Frauen. Könnte eine Quote helfen?** **Sevînaz** : Ich glaube nicht, dass das das Problem ist. Vielleicht ändert sich das in Zukunft, ähnlich wie das gesellschaftliche Leben. Im wörtlichen Sinn ist man künstlerisch gleichberechtigt. Aber die gesellschaftliche Situation von Frauen hier ist wirklich schwierig. Es ist ein Kampf, der leider schon seit über zehn Jahren andauert. Es ist nicht so, dass wir einfach entscheiden und das Kunstleben hier gemeinsam gestalten. Wir haben unsere eigenen Institutionen als Frauen. Ich gehöre einer reinen Fraueninstitution an. Und wir versuchen, etwas zu schaffen. Aber es gab viele Männer, die sofort nach Beginn der Revolution loslegen konnten, während die Frauen erst einmal kämpfen mussten, um überhaupt rauszugehen, um zu lernen und dann erst einmal kreativ werden zu können. Deshalb sind wir etwas unterrepräsentiert, aber hoffentlich ändert sich das in Zukunft. Wir haben dazu eine Statistik erstellt. In Frauenkollektiven haben wir die Anzahl der Frauen erfasst, die in Rojava an Filmen mitwirken. Und es gibt mehr Frauen als Männer, die im Filmbereich tätig sind. In allen Bereichen. Als Schauspielerinnen, hinter der Kamera und als Produktionsassistentinnen, insbesondere in Produktionsteams. Aber als Regisseurinnen sind wir unterrepräsentiert. Das liegt daran, dass die Männer, die in der Filmbranche begonnen haben, bereits ausgebildet waren und die Kamera bedienen konnten. Sie konnten früher Filme machen, auch wenn es noch wenig war. Wir hingegen mussten uns abmühen, überhaupt das Haus zu verlassen, Ausreden finden und dafür kämpfen, zwei Monate am Set zu sein. Es ist also nur eine Frage der Zeit, aber meiner Meinung nach keine Frage der Qualität. Denn die Qualität von Männern und Frauen ist gleich, insbesondere im Filmbereich. Das ist meine eigene Erfahrung. **Robert: Du arbeitest als Dozentin an der kürzlich gegründeten Kunstakademie für Frauen in Hesekê. Es gibt aber auch eine kürzlich gegründete Kunstakademie in Derik. Was ist der Unterschied? Warum ist es Dir wichtig, an dieser Kunstakademie für Frauen zu arbeiten und generell eine solche Kunstakademie speziell für Frauen zu gründen?** **Sevînaz** : Aus meiner eigenen Erfahrung und der vieler Frauen hier, die im Kunstbereich arbeiten, weiß ich, dass wir zwar in jeder Institution ein System der Koexistenz und unsere eigenen Entscheidungsprozesse haben. Wir haben aber mit Männern zusammengearbeitet, die – ich würde sagen – seit Jahrhunderten dachten, sie seien die Anführer. Es war sehr schwierig, ein Gleichgewicht zu finden zwischen einem Mann, der sich als Anführer sieht, kreativ ist und versucht, sich im Zuge der Revolution zu verändern, aber es eigentlich nicht wirklich versucht, weil er bereits die bessere Position hat. Es ging darum, ein Gleichgewicht zwischen solch einem Mann und den unerfahrenen Frauen zu finden, deren allergrößter Traum es sein würde, ein Universitätsstudium abzuschließen und einen Angestellten-Job zu finden, ohne an irgendeinem kreativen Leben teilzuhaben. Obwohl das System also nach dem Prinzip der Gleichberechtigung geschaffen wurde, war die Situation von Männern und Frauen alles andere als gleichberechtigt. Deshalb dachten wir, wir schaffen einen Raum nur für Frauen, in dem sie sich frei, authentisch und wohlfühlen können. Die Frauen hier fühlen sich unter Männern nicht wirklich wohl. An unserer Akademie können sie beginnen, sich frei ausdrücken. Und genau aus diesem Grund wurde diese Institution gegründet. Von der Frauenbewegung, die sich seit jeher dafür einsetzt, dass Frauen ihren eigenen Weg gehen und ihren eigenen Raum haben. Auch wenn sie mit Männern gleichberechtigt zusammen arbeiten. Das System ist so eingerichtet, dass es ihre Rechte respektiert. Trotzdem brauchen sie ihren eigenen Raum, und ich sehe bereits die Ergebnisse. Die Frauen an unserer Akademie sind jetzt sehr unabhängig und stark; sie sagen, was sie denken. Das habe ich in all den Jahren, in denen ich in den Institutionen von Rojava gearbeitet habe, trotz der Revolution nicht erlebt. **Robert: Meine nächste Frage ist viel allgemeiner. Es gibt eine neue Regierung in Damaskus, und ich denke, sie bedroht alle Errungenschaften der Frauenrevolution hier in Rojava. Wie kann man sie verteidigen? Was ist der richtige Weg? Meine Idee war immer die Einführung eines föderalen Systems. Ich weiß nicht, wie Du darüber denkst, was ein guter Weg sein könnte, um die Frauenrevolution in Rojava so fortzusetzen, wie Ihr es bisher getan habt.** **Sevînaz** : Die neue Regierung in Damaskus ist furchterregend, ein Grauen. Wir haben Videos, die zeigen, wie diese neuen Machthaber in Damaskus Zivilist:innen in Kobanê und Rakka töten und Frauen abschlachten. Es ist schwer, sich ein Zusammenleben mit ihnen vorzustellen, obwohl unser System der autonomen Verwaltung ja gerade auf Koexistenz besteht. Dafür haben wir all die Jahre gekämpft. Ich persönlich kann mir ein Zusammenleben mit der neuen Macht in Damaskus nicht vorstellen. Für uns steht immer die Dezentralisierung der Regierung im Vordergrund. Denn es geht nicht nur um die Selbstverwaltung. Es gibt außerdem die Alawiten im Land, die verängstigt sind, die alawitischen Frauen, die immer für ihre Offenheit und ihren freien Willen bekannt waren. Ich habe Kontakt mit ihnen und weiß, wie verängstigt sie sind. Sie weigern sich, ihre Häuser zu verlassen. Und dann sind da noch die Drusen im Süden. Es geht nicht nur um die Selbstverwaltung, die in den letzten zehn Jahren daran gearbeitet hat, eine Form der Koexistenz zu entwickeln. Sowohl zwischen allen ethnischen Gruppen, als auch zwischen Männern und Frauen. Die Lösung ist die Dezentralisierung der Macht. Es gibt keinen anderen Weg. Vor allem jetzt werden neue Regeln eingeführt, und für mich sind sie zuallererst gegen Frauen gerichtet. Ich kann mir nicht vorstellen, in solch einem Land zu leben. Deshalb hoffe ich, dass wir eine dezentralisierte Regierung bekommen werden. Ich weiß nicht, wie genau, aber ich wünsche mir einfach, dass wir das Recht haben, selbst über uns zu entscheiden. **Robert: Vielleicht kannst du noch etwas Positives, Hoffnungsvolles für die Zukunft hinzufügen?** **Sevînaz** : Weißt du, ich komme aus Rojava, ich bin hier aufgewachsen, es ist mein Land, und ich kann mir nicht vorstellen, woanders auf der Welt zu leben. Ich fühle mich mit meiner Familie und meiner Gemeinschaft sehr verbunden. Gemeinschaft im Sinne von den Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, aber auch Gemeinschaft im Sinne der Menschen, mit denen ich das kreative Leben in Rojava geteilt habe. Es wäre nicht möglich gewesen, all das zu tun, was ich jetzt tue, wenn ich nicht aus einer so aufgeschlossenen Familie käme. Es gibt so viele kleine Dinge, für die ich jeden Tag dankbar bin. Und das sehe ich jeden Tag in den Augen vieler Frauen und Menschen, wenn ich durch die Straßen gehe. Ich wünsche mir sehr, dass das so weitergeht, dass wir Erfolg haben, besser werden, wachsen und sogar die bestehenden Programme verbessern. (1) Türkische Drohnen bombardierten ab dem 10. Dezember 2024 den Tişrîn-Damm am Euphrat, der unbeschädigt und wenn es die Wasserblockade der Türkei nicht gäbe, große Teile der Region Nord- und Ostsyrien mit Strom versorgen kann. Hunderte Menschen aus Nord- und Ostsyrien fuhren zum Staudamm, um gegen die Bombardierung zu protestieren und ihn gemeinsam unter Einsatz ihres Lebens zu schützen. Unter den Schwerverletzten gab es die Menschenrechts- und Klimaaktivistin Lea Bunse aus Baden-Württemberg und den Physiotherapeuten und humanitären Helfer Jakob Rihn aus Brandenburg. Dr. phil. Robert Krieg ist Filmemacher und Soziologe. Im November 2025 erschien in der GWR 503 sein Interview mit der italienischen Sozialistin Luciana Castellina: „Wer Krieg führt, wird immer von imperialen Interessen genährt“. Für seinen aktuellen Dokumentarfilm „Tevî her tiştî – Trotz alledem“ (2025) ist er in den Norden Syriens gereist und hat Frauen in ihrem Alltag begleitet. Inmitten des bewaffneten Konflikts gestalten die Frauen dort ihre eigene Zukunft: selbstverwaltet, solidarisch, gleichberechtigt – jenseits von Fremd- bestimmung und Unterdrückung. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 19/03/2026
#GWR506 Debanking Deutsche Banken und die Anti-Antifa-Politik des Trump-Regimes www.graswurzel.net/gwr/2026/01/deba…
graswurzel.net
Debanking
Das Trump-Regime hat die „Antifa-Ost“ und den Antifaschismus allgemein als terroristisch eingestuft. Agieren die Postbank, die Sparkassen, aber auch die sozial-ökologische Gemeinschaftsbank GLS nun als verlängerte Arme des Trump-Regimes? Offensichtlich. Der antifaschistischen Hilfsorganisation Rote Hilfe, der DKP und dem Anarchist Black Cross wurden die Konten gekündigt. Auch die GWR ist vom Debanking betroffen. So wurden zwei Konten von Buchverlag und Zeitschrift Graswurzelrevolu- tion schon im Juli 2025 von der Postbank ohne Angabe von Gründen gekündigt. (GWR-Red.) In der Weimarer Republik wurden von der Gefangenenhilfsorganisation „Rote Hilfe“ bei Hausbesuchen „Mitgliedsmarken verkauft und die Spenden vor allem im Arbeitermilieu noch von aktiven Mitgliedern gesammelt“. (1) Als die Rote Hilfe ihre Finanzangelegenheiten von Banken erledigen ließ, warnten sogar ältere Mitglieder mit Erinnerung an ihre physisch durchgeführten Sammelaktionen davor, doch sie konnten nicht aufhalten, was dann als „Fortschritt“ gewertet wurde. Damals stand die Rote Hilfe der KPD nahe, heute ist sie eine parteiunabhängige, strömungsübergreifende linke Schutz- und Solidaritätsorganisation. **Zeitsprung** Ende 2025 ging durch die Presse von zivilgesellschaftlichen Organisationen und linker Parteien, dass die Sparkasse Göttingen und die GLS-Bank der DKP zum Jahresende 2025 die Konten gekündigt hat. Diese Tendenz des so genannten „Debanking“ hatte ihre zeitgenössischen, aktuellen Anfänge im Jahr 2020, noch unter der Biden-Regierung in den USA. Besonders für die Schweiz, das europäische Bankenzentrum, wurde damals gemeldet: „Immer mehr Banken führen keine Inlandszahlungen mehr durch, die einen Bezug zu Kuba haben. Konkret: Mitgliederbeiträge und Spenden an Solidaritätsorganisationen werden verweigert. Es ist die Umsetzung der Verschärfungen der US-Blockade gegen Kuba hier bei uns.“ (2) Unter der faschistischen Trump-Regierung hat sich dieses Debanking qualitativ verschärft, auch nachdem die US-Regierung Antifaschismus generell als Terrorismus eingestuft hat und im Hinblick darauf, dass der nächste „Hinterhof-Krieg“ des FIFA-Friedenspreisträgers Trump – neben Dänemark/Grönland – auch gegen Kuba gerichtet sein könnte. Dass die staatssozialistischen, militaristischen Regierungen von Ländern wie Kuba und Venezuela längst den einst von Hugo Chávez verkündeten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ verraten und ihre Bevölkerung in die flächendeckende Armut gestürzt haben, mit rund acht Millionen Geflüchteten z. B. aus Venezuela, entschuldigt keineswegs imperialistische Angriffskriege, bei denen es ausschließlich um die kapitalistische Ausbeutung und Aneignung von Öl und anderen Bodenschätzen geht. **Wie der Verlag Graswurzelrevolution vom Debanking durch die Postbank betroffen war** Seit 2020 gibt es eine Reihe von neuen Fällen des so genannten Debanking, durchgeführt von vielen Banken: Gemeint ist darunter „die politisch gelenkte Aufkündigung geschäftlicher und privater Bankkonten“. (3) Denn im Kapitalismus sind die sich als „neutral“ darstellenden Banken alles andere als politisch neutral. Sie entwickeln sogar faktisch eine Haltung des vorauseilenden Gehorsams, die nach Étienne de la Boëties Schrift von 1550 als klassischer Fall von „freiwilliger Knechtschaft“ gelten kann. (4) Ende Dezember 2025 meldete der Bundesvorstand der Roten Hilfe, dass innerhalb weniger Tage zunächst die Sparkasse Göttingen, dann die GLS-Gemeinschaftsbank der als Verein eingetragenen Organisation ihre Geschäftskonten gekündigt haben. Die Kündigungen werden zum 9. Februar 2026 wirksam; die Rote Hilfe klagt dagegen und führt eine Kampagne der kritischen Öffentlichkeitsarbeit durch. Dabei sind die hier kündigenden Banken geradezu exemplarisch unterschiedlich strukturiert: „Die Sparkassen sind per Gesetz einem öffentlichen Versorgungsauftrag verpflichtet. Die GLS-Bank ist nicht nur ein sozial-ökologisch ausgerichtetes Bankinstitut, sie steht als Genossenschaftsbank in direkter Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern. Umso gravierender ist es in diesem Fall, eine über viele Jahre bestehende Kundenbeziehung mit einem Genossenschaftsmitglied abrupt zu beenden.“ (5) In diesem Zusammenhang waren auch wir vom Verlag Graswurzelrevolution (Zeitung & Buchverlag) vom Debanking betroffen: Zwei unserer drei Konten bei der Postbank wurden von Letzterer Anfang Juli 2025 ohne Angabe von Gründen gekündigt. Die Rote Hilfe, die mit 19.000 Mitgliedern ein Vermögen von rund zwei Millionen Euro verwaltet, hatte sogar Konten bei mehreren Banken angelegt, vergeblich: Schon vor einem Jahr erhielt sie, wie später auch die Zeitschrift Graswurzelrevolution und der Buchverlag Graswurzelrevolution, die Kündigung ihrer Geschäftskonten bei der Postbank. Wie üblich wurden die Kündigungen durch die Postbank mit Verweis auf die Geschäftsordnung nicht begründet und müssen angeblich auch nicht begründet werden. Uns vom Verlag Graswurzelrevolution gelang es mit Mühe, viel bürokratischer Hartnäckigkeit und auch mit anwaltlicher Hilfe, die Gelder von den gekündigten Konten loszueisen und nach einem längeren Suchprozess neue Konten einzurichten. Gerade weil die Postbank keinerlei Gründe angab, überschlugen sich bei uns meist unbelegte Gerüchte und Vermutungen über die Gründe der Kündigung, bis hin zur These, dass dahinter die jahrelange Benennung der Graswurzelrevolution im Verfassungsschutzbericht als offiziell „verfassungsfeindliche“ Organisation stehe. Das ist nicht ausgeschlossen. Hartmut Brückner vom Vorstand der Roten Hilfe meinte jedoch auf unsere Nachfrage, wie er unsere Kündigungen bei der Postbank bewerte, dass das hauptsächlich geschäftspolitische Ursachen habe, die mit der ökonomischen Restrukturierung der Postbank und ihrer monetären Abhängigkeit von der Deutschen Bank und deren ökonomischen Rationalisierungsvorgaben zusammenhänge. (6) Als die Graswurzelrevolution bereits 1981 ihre Geschäftskonten bei der Postbank eröffnet hat, war diese noch eine Anstalt öffentlichen Rechts. Und viele Jahre spielte dabei keine Rolle, dass die Graswurzelrevolution zum Teil prominent im Verfassungsschutzbericht als „verfassungsfeindlich“ eingestuft wurde. 2008/2009 wurde die Postbank von der Deutschen Bank übernommen und gehorcht nun mindestens deren ökonomischen Vorgaben. Bei der Suche nach alternativen Banken spielten Tipps und Erfahrungen, zum Teil mit Privatkonten, aus unseren eigenen Reihen eine Rolle. Durch das gleichzeitig betriebene Debanking der Postbank gegen die Rote Hilfe erfuhren wir, dass die Rote Hilfe seit vielen Jahren bereits Konten bei der GLS-Bank hatte. Weil es im August 2025 nur Empfehlungen aus unseren Reihen und keine Verdachtsmomente gab, haben wir also unsere Geschäftskonten für Zeitung und Buchverlag neu bei der GLS-Bank eingerichtet, die uns auch angenommen hat. Dass sich nun gerade die GLS-Bank an aktuellen Debanking-Praktiken beteiligt, ist für uns neu und erschütternd. Woran liegt das? **Der SWIFT-Druck wegen Antifa-Ost und weitere Varianten des Debanking** Nach Einschätzung der Roten Hilfe stehen die Kündigungen so unterschiedlich strukturierter Banken wie der Sparkasse Göttingen und der GLS-Genossenschaftsbank in direktem Zusammenhang mit der Listung durch die US-Trump-Regierung der so genannten „Antifa Ost“ als ausländische Terrororganisation. Auf die Frage der nd-Redakteurin Jule Meier, ob die Rote Hilfe die „Antifa Ost“ finanziert, antwortete Alex Schneider von der Roten-Hilfe-Ortsgruppe Berlin im nd vom 23.12.2025: „Das ist Quatsch! Schon deshalb, weil die ‚Antifa Ost‘ nur ein von der deutschen Justiz mithilfe eines fragwürdigen Kronzeugen ersponnenes Konstrukt ist. Es gibt keine Organisation ‚Antifa Ost‘.“ Obwohl die Bundesregierung meint, dass von dem Konstrukt „Antifa Ost“ keine Gefährdung ausgehe, entfaltet die US-Einstufung globale Wirkung, vor allem über eine monetäre Druckausübung auf das internationale Zahlungssystem SWIFT, in das heute jede Bank eingebunden ist, um national und international Überweisungen durchführen zu können. Die Rote Hilfe schreibt in ihrer Presseerklärung zum Debanking durch Sparkasse und GLS-Bank im Zusammenhang mit dem über SWIFT ausgeübten Druck: „Diese Infrastruktur (SWIFT; d. A.) gilt als technisch neutral und unterliegt EU-Recht, folgt aber aufgrund der Dominanz des US-Dollars in der Praxis außenpolitischen Vorgaben der USA. Dieser Druck trifft auch die deutsche Gesellschaft. Jetzt ist es eine deutsche linke Solidaritätsorganisation – und zwei Banken beugen sich ohne erkennbare rechtliche Notwendigkeit.“ (7) > _**Unter der faschistischen Trump-Regierung hat sich dieses Debanking qualitativ verschärft, auch nachdem die US-Regierung Antifaschismus generell als Terrorismus eingestuft hat und im Hinblick darauf, dass der nächste „Hinterhof-Krieg“ des FIFA-Friedenspreisträgers Trump – neben Dänemark/Grönland – auch gegen Kuba gerichtet sein könnte.**_ Wie schon bei der politischen Kategorie der „Technologieoffenheit“, die in Wirklichkeit für die Propaganda der Atomenergie eingesetzt wurde und jetzt für die Revidierung des Verbrenner-Aus, sowie für alle Arten der KI, erweist sich auch die angebliche politische „Neutralität der Banken“ als Mythos. Sie verdeckt die faschistisch-imperialistische Dominanz der Trump-Politik sowie die knechtische Haltung der Banken, die dem Geschleime der Tech-Milliardäre Zuckerberg, Bill Gates und Konsorten gleicht. Die Rote Hilfe meint, dass „autoritäre Politik zunehmend über technische und wirtschaftliche Infrastrukturen durchgesetzt wird“. Sie beklagt insbesondere, dass sich „eine genossenschaftlich organisierte Bank wie die GLS (…) diesem Mechanismus anschließt, linken Organisationen kündigt, und die Opposition schwächt“. (8) Neben den Konten von Rote Hilfe und DKP wurden auch Konten von Gruppen der Klimagerechtigkeitsbewegung und der Dresdener Gruppe „Anarchist Black Cross“ gekündigt. In Nordrhein-Westfalen hat die Postbank im Oktober 2025 rund 300 regionalen Ortsgruppen der Gewerkschaft ver.di die Konten gekündigt, in der Folge ihrer Proteste gegen die geplanten Schließungen von 250 Postbank-Landesfilialen; ganz nach rationalisierungspolitischer Maßgabe der Deutschen Bank. (10) **Der Protest organisiert sich: Nicht klein beigeben!** Aufgrund der SWIFT-Abhängigkeiten laufen Überweisungen mit explizit angegebenem Verwendungszweck für die „Antifa Ost“ nun generell Gefahr, vom Debanking betroffen zu werden. Auch in Dresden vor Gericht gestellte Mitglieder der so genannten „Hammerbande“ stehen auf den SWIFT-Listen der von Trump diffamierten „terroristischen“ Antifa-Gruppen. Selbst wenn diese Gruppen keine bestehende formal-organisatorische Struktur aufweisen, könnten fortan Banken, die „Konten linker Organisationen und Vereine führen“, kalte Füße bekommen (11) und in vorauseilendem Gehorsam handeln. Hartmut Brückner vom Vorstand der Roten Hilfe hat uns dahingehend ein wenig beruhigt, dass er meinte, die Nennung im Verfassungsschutzbericht sei keine hinreichende Bedingung für eine Kontokündigung, da müssten schon explizit im Überweisungsträger Kuba oder die Antifa-Ost benannt werden, um in Gefahr zu geraten. (12) Keine Panik also und bitte auch nicht ohne Protest klein beigeben! Auch der Protest gegen die GLS-Bank beginnt, sich zu organisieren. Mittlerweile gibt es Protest-Webseiten gegen das Debanking. (13) Auf dem letzten bundesweiten Kongress des „Chaos Computer Club“ am 27.12.2025 in Hamburg fand eine Veranstaltung „Debanking und die Folgen für die Rote Hilfe“ statt (14). Zudem gibt es Planungen, auf der nächsten Jahreshauptversammlung der GLS-Bank im Juni 2026 öffentlich zu protestieren. (15) Und es gibt inzwischen einen von vielen Organisationen unterzeichneten Offenen Brief als Protest gegen die Debanking-Praktiken der GLS-Bank. (16) **Gericht verpflichtet Sparkasse Göttingen zur Fortführung des Kontos der Roten Hilfe** Am 16. Januar 2026 hat das Landgericht Göttingen die Sparkasse verpflichtet, das Konto der Roten Hilfe weiterzuführen. (17) Die Kündigung sei rechtswidrig gewesen, weder erhöhter Prüfaufwand noch Reputationsbedenken rechtfertigten diesen Schritt. Das Urteil macht Mut und setzt ein klares Zeichen gegen politisch motivierte Kontokündigungen. (1) Peter Nowak: Debanking als politische Waffe, in: overton-magazin, 30.12.2025, siehe: https://overton-magazin.de/top-story/debanking-als-politische-waffe/ (2) Nowak, ebenda. (3) LCM-Redaktion: Von der unkonventionellen Kriegsführung gegen die Linke, 29. Dezember 2025, siehe: https://lowerclassmag.com/2025/12/29/von-der-unkonventionellen-kriegsfuehrung-gegen-die-linke/ (4) Siehe: https://www.projekt-gutenberg.org/boetie/knechtsc/knechtsc.html (5) Vgl. Pressemitteilung der Roten Hilfe, 23.12.2025, siehe: https://rote-hilfe.de/meldungen/kontokuendigung-wegen-antifa-banken-vollstrecken-us-politik-deutschland (6) Telefonat des Autors mit Hartmut Brückner, Vorstand der Roten Hilfe, vom 26.12.2025. (7) Pressemitteilung der Roten Hilfe, 23.12.2025, siehe Anm. 5. (8) Zit. nach: Ebenda. (10) Pressemitteilung von ver.di, 20.11.2023. Filialschließungen bei der Postbank: ver.di ruft auch in NRW zu weiteren Protestaktionen auf; ver.di Landesbezirk Nordrhein-Westfalen, siehe: https://nrw.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++6fb5639a- 87b0-11ee-85af-b715ea6eb7d7 ; der Autor dieses Artikels erhielt interne Informationen dazu von ver.di-Mitgliedern aus NRW. (11) LCM-Redaktion, 29. Dezember 2025, a.a.O., siehe Anm 3. (12) Telefonat des Autors mit Hartmut Brückner, siehe Anm. 6. (13) Etwa im Aufbau: vernetzung.gls/debankingstoppen.de; siehe auch Telegram: https://t.me/debankingstoppen ; Mastodon: https: climatejustice.social/@debankingstoppen ; sowie Petition gegen GLS-Bank: https://www.change.org/p/fordern-sie-die-r%C3%BCcknahme-der-kontok%C3%BCndigungen-der-gls-bank (14) Vgl.: https://rote-hilfe.de/meldungen/debanking-und-die-folgen-fuer-die-rote-hilfe-ev; siehe auch: Peter Nowak: Debanking als politische Waffe, siehe Anm. 1. (15) LCM-Redaktion, 29. Dezember 2025, a.a.O., siehe Anm. 3. (16) Siehe: https://debankingstoppen.de/offener-brief (17) Pressemitteilung der Roten Hilfe vom 16. Januar 2026: https://rote-hilfe.de/meldungen/gericht-verpflichtet-sparkasse-goettingen-zur-fortfuehrung-des-kontos-der-roten-hilfe In einer früheren Version des Artikels wird über die Berliner FAU berichtet und davon, dass auch diese betroffen (gewesen) sei. Diese Darstellung ist falsch, wir haben die betreffenden Passagen aus dem Text entfernt und bitten um Entschuldigung für den Fehler. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 19/03/2026
#GWR506 Geborgenheit und Frauenpower Ein Interview mit Helga, Katja und Clara Tempel über generationsübergreifende Solidarität, Utopien und Gewaltfreien Widerstand www.graswurzel.net/gwr/2026/01/gebo…
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Geborgenheit und Frauenpower
„Geborgenheit spielt eine wichtige Rolle in emanzipatorischen sozialen Bewegungen und trägt dazu bei, dass Menschen langfristig aktiv und widerständig sein können“, schreibt Clara Tempel in ihrem im Oktober 2025 im Verlag Graswurzelrevolution erschienenen Buch „Politische Geborgenheit. vor*ankommen in sozialen Bewegungen“ (1). Die Autorin wurde 1995 in eine anarchistisch-widerständige Familie im Wendland geboren und ist mit der Anti-Atomkraft-Sonne aufgewachsen. Die Hebamme und Sozialpädagogin Katja Tempel (* 1963) ist Claras Mutter und seit den 1980er Jahren aktiv in der Graswurzelbewegung. Neben X-tausendmal quer hat sie büchel65 und gorleben365 mitinitiiert. Momentan koordiniert sie das Seenotrettungsprojekt CompassCollective (2) im Mittelmeer. Die Pädagogin und Pazifistin Helga Tempel (* 1932) ist Katjas Mutter und Claras Oma. Sie ist als gewaltfreie Aktivistin eine prägende Person der Ostermarsch- und Friedensbewegung und seit 1962 mit Konrad Tempel verheiratet. (GWR-Red.) **Graswurzelrevolution (GWR): Liebe Helga, liebe Katja, liebe Clara. Ihr alle seid ein Leben lang aktiv in den Sozialen Bewegungen. Was waren prägende Erlebnisse, die Euch inspiriert haben?** Katja Tempel: Es gab für mich gar kein prägendes Ereignis. Es war die Stimmung in der ich aufgewachsen bin. Es gehörte so alltäglich mit zu meinem Lebensalltag als Jugendliche in unserem Elternhaus. Nachdem ich mich schon längst für Gewaltfreien Widerstand entschieden hatte und an Blockaden beteiligt war, war ein einschneidendes Erlebnis der Beschuss aus Wasserwerfern. Bei einer Blockade eines Atomwaffenlagers wurden diese mit Hochdruck gegen uns eingesetzt. Ich bekam den vollen Strahl gegen meinen oberen Rücken, so dass ich nicht mehr atmen konnte. In diesem Moment hätte ich mich für Wut und Aggression gegen die Aggressoren entscheiden können, aber beides kam nicht. Stattdessen eine tiefe innere Ruhe, dass das genau so sein soll. Das die Polizei sich total deligitimiert, wenn sie gegen Menschen, die einfach nur auf der Straße hocken, so gewaltsam vorgeht. Eine Idee von: Das ist richtig, was du machst. Du bist am richtigen Ort. Das, was ich später als Ahimsa kennengelernt habe, als ich die Bewegung in Indien vor Ort studierte, war deutlich spürbar. Eine transformierende Kraft, die den Gegner mit hineinnimmt in die Idee einer Gesellschaft, die sich auch transformieren kann – zusammen mit allen, die jetzt noch Gewalt anwenden, aber später auf unserer Seite sitzen werden. Clara Tempel: Für mich war das Aufwachsen im Wendland prägend. Ich bin in den Widerstand gegen die Atommülltransporte hineingewachsen und habe von Anfang an gelernt, wie wichtig es ist, sich einzumischen. Aber auch, dass es manchmal einen langen Atem braucht, bis der Erfolg einer Sozialen Bewegung sichtbar wird. Der Atomausstieg 2023 war ein sehr besonderer Moment, in dem deutlich geworden ist, welche Kraft unsere politische Arbeit entfalten kann. Helga Tempel: Ich habe den Zweiten Weltkrieg in meiner Kindheit hautnah erlebt, die Nächte im Luftschutzkeller, die Angst um meine Eltern in Hamburg, während ich in der Kinderlandverschickung war, einige Bombennächte beim „Heimaturlaub“ in Hamburg und kurz vor Kriegsende dann direkten Tieffliegerbeschuss bei Aufenthalten im Freien. Ich war entschlossen, alles zu versuchen, dass andere Menschen so etwas nie erleben müssen. Schon bei sehr frühen Protestaktionen spürte ich, dass es mir gut tat, zusammen mit anderen aktiv zu sein und mich für den Frieden auf verschiedenen Ebenen einzusetzen. **GWR: Helga, 1960 hast Du zusammen mit Konrad und anderen antimilitaristischen Aktivist*innen die Ostermarschbewegung mit ins Leben gerufen. Wie kam es dazu? Was hat Dich motiviert? Wie blickst Du heute auf die Friedens- und Ostermarschbewegungen?** Helga: Ich war als Heranwachsende sehr beeinträchtigt vom Kriegsgeschehen meiner Kindheit und von dem, was ich unter dem Faschismus selbst erlebt hatte und vor allem aber später erfuhr. In mir wuchs die Gewissheit: So etwas darf sich nie wiederholen. Seit 1954 engagierte ich mich gemeinsam mit Konrad, meinen Partner und späteren Ehemann, für Kriegsdienstverweigerung und Alternativen zur Gewalt, auch in internationalem Rahmen. Wir haben die ersten deutschen Kriegsdienstverweigerer bei ihren sog. „Gewissensprüfungen“ vertreten. Die Nachricht von Atomwaffen, die bei Bergen in der Nordheide, also ganz nahe am ehemaligen KZ Bergen-Belsen, gelagert seien, um ihren Einsatz zu üben, machte uns wütend und brachte uns auf die Idee eines norddeutschen Sternmarsches zu dieser „Stätte der Vernichtung“. So organisierten wir 1960 den ersten viertägigen „Ostermarsch gegen Atomwaffen in Ost und West“ mit vier Marschsäulen aus Hamburg, Bremen, Hannover und Braunschweig. Dass sich zur Abschlusskundgebung in Bergen-Hohne dann mehr als 1000 Menschen versammelten – eine für die damalige Zeit sehr hohe Zahl – hatten wir nicht erwartet. Anfangs waren wir bei allen folgenden Ostermärschen dabei und arbeiteten aktiv im bundesweiten Zentralen Ausschuss mit. Später dann konzentrierten wir uns stärker auf die Arbeit für zivilen Widerstand und Gewaltfreiheit. Wir empfanden die späteren Folgeveranstaltungen insgesamt durch die zeitlich begrenzte Form eher als einen „Osterspaziergang“; die breite Palette der Forderungen – auch wenn wir diese eigentlich unterstützten – schwächte unseres Erachtens die ehemalige Stoßkraft mit der Fokussierung auf atomare Waffen beider Seiten. Die heutige Friedensbewegung, wenn es sie denn in dieser klaren Form wie etwa in den achtziger Jahren überhaupt noch gibt, enttäuscht mich eher. So sehr ich die vielfachen Ansätze von „Sicherheit neu denken“ bis zur Versöhnungsarbeit im Blick habe und zu schätzen weiß: Ich wünschte mir mehr kraftvolle Proteste mit deutlicherem Engagement und langem Atem – und auch in überzeugender Größe. **GWR: Helga, Du wurdest als gewaltfreie Aktivistin Mitte der 1950er Jahre Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) und warst engagiert in der Beratung für Kriegsdienstverweigerer. Wie blickst Du auf die momentanen Bestrebungen von Regierung und Rüstungslobby, massiv aufzurüsten und die seit 2011 ausgesetzte „Wehrpflicht“ wieder einzuführen?** Helga Tempel: Ich bin entsetzt über die gegenwärtige Entwicklung und hätte das so nicht erwartet. Wir waren doch eigentlich auf einem Weg in ein friedlicheres Zusammenleben, besonders auch in Europa, und dies trotz aller Probleme. Die eingeengte Blickrichtung auf Militär und Aufrüstung erbost mich. Sie ist so engstirnig und geschichtslos und gefährdet den Frieden massiv. Dazu gehört auch die Wehrpflicht, die ich als Ausbildung zum Töten verstehe. Es ist gut, dass sich gerade auch an dieser Stelle deutlich Widerstand regt, während insgesamt die Militarisierung dank der konzertierten Aktionen von Politik und Medien weitgehend akzeptiert wird. Ich vermisse hier deutlich eine breite Diskussion von gewaltfreien Gegenbildern. **GWR: Katja, Du bist seit Jahrzehnten im Gorleben-Widerstand aktiv und hast viele Gewaltfreie Aktionen zum Beispiel vor dem Atomwaffenstützpunkt Büchel mit-organisiert. Wo liegen deine momentanen Arbeits- und Aktionsschwerpunkte?** Katja Tempel: Leider bin ich seit drei Jahren sehr eingebunden in unser 2022 gegründetes aktivistisches Seenotrettungsprojekt. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich die Augen vor allen anderen Brennpunkten verschließen, in denen ich mich liebend gerne einmischen würde. Im Moment ist das insbesondere die zunehmende Militarisierung der staatlichen und zivilen Strukturen und Organisationszusammenhänge. Die neue Wehrpflicht, das Werben für den Krieg, der Rüstungsetat, Rüstungsproduktion und insbesondere die Vereinnahmung des Gesundheitswesens für militärische Planungen fordern von mir störende Aktionen Zivilen Ungehorsams. Rheinmetall produziert fast direkt vor meiner Haustür in Unterlüß Panzer am Fließband und ich sitze in Sizilien und bereite eine neue Crew auf ihren Einsatz im Mittelmeer vor. Das zerreißt mich. Gleichzeitig weiß ich, dass wir in der Bewegung arbeitsteilig arbeiten müssen. Aber wo bleibt der Aufschrei? Wo bleibt das sich Verweigern? Das etwas Riskieren gegen Aufrüstung, Krieg und Unterdrückung von Menschen. Mein Platz wäre auch auf der Straße gewesen mit Palli-Tuch, um für jede in Deutschland zusammengeprügelte Aktivist:in zu zeigen: Alle Menschen haben die selben Rechte. Sie sind frei geboren. Egal ob sie einen israelischen Pass oder keinen haben. Aber ich versuche meinen Frieden damit zu machen, dass meine Kräfte begrenzt sind und es auch eine Zeit nach der Seenotrettung geben wird. **GWR: Könnt Ihr etwas über das CompassCollective erzählen? Wie können die GWR-Leser*innen die Arbeit des CompassCollectives unterstützen?** Katja: Das CompassCollective (3) ist mit einem 13 Meter langen Segelboot seit August 2023 in bisher 21 drei- bis vierwöchigen Einsätzen auf dem Mittelmeer unterwegs, um Menschen auf der Flucht nach Europa zu unterstützen und sie vor dem Ertrinken zu bewahren. Unsere Arbeit besteht darin, nach dem Auffinden eines seeuntüchtigen Fluchtboots die staatlichen Rettungsstrukturen aus Lampedusa (Italien) dazu zu bringen, die Menschen zu retten. So lange wir alleine vor Ort sind, verteilen wir Rettungswesten, Trinkwasser, manchmal Rettungsdecken gegen die gleißende Sonne und versorgen kleinere Verletzungen. Jede Stunde erhöhen wir den Druck auf die italienische Küstenwache, rauszufahren. Das kann manchmal mehr als zwölf Stunden dauern. Wenn aber die Verhältnisse auf dem Wasser kritischer werden, entscheiden wir uns, die Menschen direkt an Bord der TROTAMAR III aufzunehmen. Eigentlich sind wir kein Rettungsboot im Sinne der Anforderungen an professionelle Seenotrettung, aber wir sind ein Boot, das rettet. Unsere Crew versorgt dann die Menschen mit Tee, einer einfachen Mahlzeit und bietet medizinische Hilfe an, bis wir Lampedusa als Sicheren Hafen zugewiesen bekommen und die Menschen dann an staatliche Strukturen übergeben. Leider ist es so, dass das Spendenaufkommen sich stark auf die großen zivilen Seenotrettungsorganisationen konzen-triert und wir kleineren Projekte immer wieder Schwierigkeiten haben, genügend finanzielle Mittel aufzutreiben. Insofern suchen wir einerseits nach Menschen, die uns punktuell mit einer größeren Geldsumme Rückenwind geben, aber auch nach Förder:innen, die monatlich einen Betrag verbindlich zur Verfügung stellen. Clara: Für mich ist das Besondere am CompassCollective, dass die Crews sich überwiegend aus Menschen zusammensetzen, die keine oder noch nicht viel Seenotrettungserfahrung haben. Da sind dann Professorinnen, ehemalige Soldaten, Studierende, chronisch kranke Frührentner*innen oder Kunstschaffende dabei. Sie bringen alle ihre ganz eigene Motivation aus ihrem Alltag für die Arbeit auf dem Mittelmeer mit und tragen ihre Erfahrungen dann auch wieder zurück. Dadurch sind wir auf dem Wasser keine hochprofessionalisierten, supercoolen Seenotretter*innen. Wir sind Menschen, die sich für den Einsatz drei Wochen Urlaub nehmen, weil sie nicht mit ansehen können, was an den Rändern Europas passiert. Genauso sind wir aber auch angewiesen, auf Menschen, die sich nicht vorstellen können, mit in den Einsatz zu fahren, sondern unsere Arbeit finanziell zu unterstützen. > _**Meine Utopie lebe ich jetzt schon: Ich handele im Hier und Jetzt und verlasse immer wieder meine Komfortzone. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Menschen aktiv werden, dass der Satz: „Die da oben machen doch, was sie wollen“ nicht mehr so häufig zu hören ist.**_ **GWR: Was bedeuten für Euch Selbstorganisation, Solidarität und ziviler Ungehorsam?** Clara Tempel: Ziviler Ungehorsam ist für mich das bewusste Übertreten von Gesetzen, um auf ein größeres Unrecht aufmerksam zu machen oder es zu verhindern. Seit meiner Kindheit ist das eines der wichtigsten Konzepte, um das sich mein Leben dreht. Es kommt mir selber ein wenig seltsam vor, das so zu schreiben, aber die Beschäftigung mit Zivilem Ungehorsam war prägend für meinen ganzen dreißigjährigen Lebensweg. Zuerst aus aktivistischer Perspektive, dann aus wissenschaftlicher. Ich habe die Schwerpunkte Protest- und Bewegungsforschung studiert und eine Menge dazu gelesen, warum Ziviler Ungehorsam ein wichtiges Element demokratischer Gesellschaften ist. In den letzten Jahren habe ich allerdings auch gelernt, dass Ziviler Ungehorsam nicht das perfekte Mittel für jeden gesellschaftlichen Kontext ist. Ich glaube, dass es wichtig ist, immer wieder zu prüfen, welche Aktionsform für welche politische Situation angemessen und erfolgversprechend ist. Helga: Für mich sind das recht unterschiedliche Aspekte. Selbstorganisation heißt für mich, verantwortliches Handeln nach eigener Gewissensentscheidung. Die Ausführung muss dann gemeinsam mit anderen organisiert werden, ohne darauf zu warten, dass andere die Initiative ergreifen. Solidarität ist für mich ein wichtiges Wort, das leider heute etwas in den Hintergrund getreten ist. Sie ist für mich wichtiges Motiv zum Handeln aus dem Gefühl der Nähe zu den Benachteiligten, zu den Opfern. Ziviler Ungehorsam ist der Kern des gewaltfreien Widerstands. Henry David Thoreau hat es vor fast 200 Jahren so formuliert: Wenn der Staat den Boden des Rechts verlassen hat, wird Ziviler Ungehorsam zur Pflicht. Niemals leichtfertig, aber doch auch ohne größere Skrupel habe ich an verschiedenen Stellen, auch im beruflichen Bereich zivilen Ungehorsam gewagt. Dabei war ich als Lehrerin immer in Gefahr, wegen einer Verurteilung meinen Beruf, der mir so am Herzen lag, nicht weiter ausüben zu dürfen. So musste ich manche Aktion unmittelbar vor einer drohenden Festnahme abbrechen. Der Grundgedanke „Wehrt Euch, wo Unrecht geschieht“ ist mir aber bis heute unverzichtbar – und ich wünschte, mehr Menschen würden sich für einen solchen Weg des Widerstands entscheiden. Ich bin froh und dankbar, dass meine Tochter und meine Enkelin mir, wie auch Konrad, in diesem Punkt so nahe sind. Katja: Auch ich halte Zivilen Ungehorsam, wie Clara beschrieben hat, nicht für das Allheilmittel, aber für ein sehr wichtiges Instrument, um den Finger in die Wunde zu legen, das Unrecht zu einem begrenzten Zeitraum zum Stillstand zu bringen und später auch vor Gericht die Rechtsauslegung zu beeinflussen. Dieser Aspekt des ZU beißt sich immer ein wenig mit meinem Verständnis von Anarchismus. Aber Ambivalenzen in politischen Haltungen sind für mich gut auszuhalten, als lebendige gelebte Aktionspraxis. Selbstorganisation ist das, was ich mein Leben lang mit anderen praktiziere. Es bedeutet für mich, aktiv werden, mutig sein, etwas wagen. Auch wenn es eigentlich verrückt erscheint. Dass wir nach einem Treffen am Küchentisch im Dezember 2023 bei mir zuhause in Meußließen jetzt seit mehr als 2,5 Jahren mit dem Segelboot Menschen auf ihrem Weg unterstützen (2793 Menschen) und manchmal sogar retten (544 Menschen) ist eigentlich unvorstellbar. Aber es ist möglich. Mit viel Netzwerken, viel Zeit, viel Knowhow, viel Lernbereitschaft geht so vieles, das sollten wir uns immer wieder bewusstmachen. **GWR: Wie sieht Eure Utopie aus?** Helga: Meine Utopie wäre eine Gesellschaft, in der Selbstbestimmung und verantwortliche Teilhabe in einem ausgewogenen Verhältnis steht, eine Gesellschaft, in der Solidarität und Teilen der Ressourcen Vorrang hat vor Wettbewerb und egozentrischer Gier. Zwang und notfalls nicht-verletzende Gewalt sollte es nur unter breiter Kontrolle und nur zum Schutz von Schwachen und Randständigen geben. Meine utopische Gesellschaft versteht sich als Teil einer globalen werteorientierten Gemeinschaft, die bewusst auf Waffen und Militär verzichtet, um andere lebenswichtige Aufgaben angehen zu können. Sie bietet von der Allgemeinheit geschützten Raum für die verschiedenen Gruppen und achtet, ja, unterstützt die Unterschiedlichkeit auf verschiedenen Ebenen. Wir haben unsere drei Kinder erzogen mit dem Motto: Findet heraus, was für Euch wichtig und richtig ist. Daraus entstand bei zwei von ihnen der Wunsch, stärker auf der persönlichen Ebene tätig zu werden und anderen auf diesem Weg behilflich zu sein, auch unter Einbeziehung spiritueller Elemente, mit denen sie wiederum uns als Quäker*innen nahe sind. In ihrer grundlegenden Haltung entsprechen alle drei Kinder der von uns Eltern, aber eben bei zweien mit anderen Schwerpunkten und eher unpolitisch. Katja und Clara, die ja auch ihrem Vater folgte, haben sich für den politischen Weg entschieden, auch wenn sie an manchen Stellen andere Akzente setzen als ich. Katja: Meine Utopie lebe ich jetzt schon: Ich handele im Hier und Jetzt und verlasse immer wieder meine Komfortzone. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Menschen aktiv werden, dass der Satz: „Die da oben machen doch, was sie wollen“ nicht mehr so häufig zu hören ist. Dass allen klar wird, wenn die Lebensbedingungen nicht für alle Menschen ausreichend sind, dann kann auch der Rest der Menschen kein erfülltes Leben leben. Satt reicht nicht, sondern es braucht „Brot und Rosen“, Raum zur individuellen und kollektiven Verwirklichung, zum Organisieren, zum Anpacken. Auf der Basis, dass alle Menschen einen sicheren Ort zum Leben haben, Zugang zu Wasser, Energie und Bildung und sich verbunden mit einer Gemeinschaft fühlen. Clara: Ich habe diese Frage schon so oft gestellt bekommen und ich habe immer noch keine gute Antwort darauf gefunden. Ich suche weiter… **GWR: Oft ist es ja so, dass Kinder von sozialen Bewe-gungsaktivist*innen eher unpolitisch sind oder politisch einen anderen Weg einschlagen als ihre Eltern. Bei Euch ist das anders. Wie erklärt Ihr euch das?** Clara: Für mich war der Aktivismus in meiner Kindheit ein leuchtender Raum der Geborgenheit. Ich wurde mit zwei Jahren bei Demos auf Schultern getragen, habe mit vier Jahren bei nächtlichen Krisentreffen auf Bannerstoff geschlafen, und habe mit fünfzehn meine Mathehausaufgaben in Blockaden gemacht. Ich habe das natürlich auch irgendwann hinterfragt und mir Gedanken darüber gemacht, ob das überhaupt mein eigener Weg ist. Dann habe ich mich aber sehr bewusst dafür entschieden und meinen eigenen Platz in den Bewegungen gesucht. Für mich persönlich war dabei entscheidend, dass ich das Gefühl habe, dass von meinen Eltern wenig Druck kam. Mein Vater hat immer gesagt: „Meine Töchter dürfen alles sein, was sie wollen. Auch Atomkraftwerk-betreiber*innen.“ Vielleicht war das wichtig. Aber bei uns in der Familie wird eigentlich ganz gut sichtbar, dass es unterschiedliche Wege geben kann. Auch, wenn bei uns viele Menschen politisch aktiv sind, sind wir (in jeder Generation) keine reine Aktivist*innenfa-milie. Das ist auch Teil unserer Geschichte: Dass es eben kein Automatismus ist, sich auf diese Art und Weise zu engagieren, nur weil man in so eine Familie hineinwächst. Katja: Genau, es gibt verschiedene Wege politisch aktiv zu sein. Clara hat einen ähnlichen Weg wie Helga, Konrad und ich gewählt. Aber es gibt ja noch tausend andere Möglichkeiten, die nicht weniger wertvoll sind, als das direkte Engagement auf der Straße, auf dem Wasser oder auf den (Gen-)Feldern. Und es gab und gibt auch immer wieder Aushandlungsprozesse, wie viel Raum politische Arbeit im Familienalltag einnehmen soll. Wie gehen wir damit um, wenn das Zuhause der Kinder auf einmal zum Ort einer Hausdurchsuchung wird? Wenn sich bei Strategietreffen die sachliche und die familiäre Ebene mischen, obwohl wir uns bemühen, das zu trennen? Wenn an Weihnachten die ganze Zeit das Handy klingelt, weil es Neuigkeiten vom Seenotrettungs-Segelboot auf dem Mittelmeer gibt? Das ist schön und schwer gleichzeitig. **GWR: Clara, in Deinem Buch „Politische Geborgenheit“ findet sich auf Seite 307 ein schönes Foto, das Dich 1996 mit Deinem Vater Jochen Stay(4) an der Schreibmaschine zeigt. Jochen war von 1990 bis 1995 Koordinationsredakteur der Graswurzelrevolution, ab 1996 langjähriger Sprecher der Initiative X-tausendmal quer und von 2008 bis zu seinem Tod 2022 Sprecher der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt. Er wäre sicher glücklich, zu sehen wie Du dich engagierst. Ich habe ihn nur als langjährigen GWR-Autor und Aktivisten erlebt. Wie war Jochen als Vater?** Clara: Er war in vielen Punkten der beste Vater, den ich mir vorstellen kann. Er hat mich getragen und getröstet. Ich durfte auf der Arbeitsplatte in der Küche sitzen, während er Pfannkuchen gemacht hat. Er war schon sehr früh interessiert an meiner Meinung und hat mich bei wichtigen politischen Entscheidungen um meinen Rat gefragt. Ich habe so unendlich viel von ihm gelernt. Wie man ein politisches Gelegenheitsfenster nutzt und wie man eine Mehlschwitze macht. Gleichzeitig war er – wie so viele andere Väter auch – oft ein abwesender Vater. Die politische Arbeit war immer so dringend, so laut, dass sie manchmal wichtiger erschien, als alles andere. Ich weiß, dass er immer wieder mit sich gerungen hat. So hat er sich zum Beispiel entschieden, im historischen Moment nach dem Super-GAU von Fukushima nicht zur (gefühlt) alles entscheidenden Menschenkette zu fahren, die er mit .ausgestrahlt organisiert hat und sich stattdessen um mich zu kümmern – denn ich lag krank im Bett. Für mich bleibt das eine offene Frage: Wie können wir politische Arbeit und Aktivismus in unserem Leben verankern und trotzdem präsent sein für die Menschen, mit denen wir dieses Leben teilen? **GWR: Clara, in Deinem Buch schreibst Du, dass Geborgenheit kritisch hinterfragt werden muss, „weil sie in Machtverhältnisse eingebettet ist und nicht selten auf Grenzziehungen und Ausschlüssen beruht“. Wie können wir das transformative Potenzial von Geborgenheit im Aktivismus stärken, ohne bestehende Machtverhältnisse zu reproduzieren?** Clara: Ich finde es wichtig, dass wir Geborgenheit nicht als etwas rein Privates verstehen, das vorm Kamin und unter Kuscheldecken stattfindet. Geborgenheit ist politisch! Wir können sie mitnehmen, zwischen die Polizeiketten, in die Kohlegruben und aufs Mittelmeer. Wir können unsere politischen Gruppen zu einem Zuhause machen. Dabei müssen wir aber aufpassen, dass wir uns nicht einen schönen, warmen, geborgenen Raum basteln, der dann jedoch für weniger privilegierte Menschen nicht zugänglich ist. Wir sollten uns immer wieder die Fragen stellen: Wer darf hinein, wer muss draußen bleiben? Wer hat welchen Zugang zu geborgenen Räumen? Wer übernimmt Verantwortung für die Herstellung von Geborgenheit? Außerdem kann Geborgenheit auch lähmen. Wenn wir viel Zeit damit verbringen, unsere politischen Gruppen zu Räumen der Geborgenheit zu machen, kann das auch dazu führen, dass wir die großen Probleme da draußen in der Welt unangetastet lassen. Deshalb denke ich, dass unser Ziel immer auch sein sollte, Geborgenheit auszuweiten und sie für viele Menschen erlebbar zu machen. Dafür sorgen, dass Menschen überall ein würdevolles Leben haben und gehen und bleiben dürfen, wenn sie wollen. Das sind die minimalen Voraussetzungen für Geborgenheit, und wir sollten dafür kämpfen, dass sie überall gegeben sind. Wir brauchen also Geborgenheiten, die politisches Handeln nicht verhindern, sondern ermöglichen. **GWR: Angesichts von Militarisierung, Rechtsruck, Klimawandel und Artensterben, welche Perspektiven für eine solidarische Gesellschaft jenseits von Patriarchat, Herrschaft und Gewalt seht Ihr? Was tun?** Helga: Diese Frage führt mich an meine Grenzen. Ich teile nicht die Hoffnung, dass die Abschaffung von nationalen Grenzen und bestehenden Regierungsformen wirklich möglich sind und zu einem positiven Wandel beitragen würden. Ich bekenne mich nicht zur Anarchie. Ich hoffe darauf, dass sich die demokratische Regierungsform von unten her aktiv gewaltfrei gestalten lässt durch mehr basisorientierte Strukturen (Räte??) und mitverantwortliche Teilhabe diverser gesellschaftlicher Gruppen. Ich vertraue also letztlich darauf, dass sich unser jetziges System mit all seinen Unvollkommenheiten und Gefährdungen transformieren ließe, wenn wir uns nur anderen Formen öffnen und entschieden massenhaft dafür eintreten würden. Ich sehe hier eine wichtige Aufgabe für Frauen in unserer Gesellschaft. Es gibt Ansätze für solche Art Transformation – aber sie sind zu wenig bekannt. Clara: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Abschaffung von Grenzen ein wichtiger Baustein für ein gutes Leben für alle ist. Genauso wie die Überwindung des Patriarchats, der Aufbau von gewaltfreien Strukturen und das Ende des fossilen Kapitalismus. Aber mir ist schon bewusst, dass das alles riesengroße, sperrige Konzepte sind, die im Alltag abstrakt erscheinen. Als Transformationsforscherin sehe ich unterschiedliche Strategien, um mit kleinen und großen Schritten auf einen Wandel hinzuarbeiten. Aus meiner Perspektive braucht es einerseits Brüche mit dem bisherigen System, die zum Beispiel durch Aktionen Zivilen Ungehorsams herbeigeführt werden können. Andererseits braucht es aber auch gelebte Alternativen, die in gesellschaftlichen Zwischenräumen vorbereitet und ausprobiert werden. Wenn soziale Bewegungen in der Lage sind, Brüche im ungerechten System zu produzieren, und die entstandenen Löcher mit den eingeübten alternativen Handlungsweisen aus den Nischen zu füllen, dann gibt es das Potenzial, dass der Wandel erfolgreich ist. Bin ich eine Träumerin, wenn ich daran glaube, dass das möglich ist? Ist mir egal, irgendwie müssen wir ja anfangen, weitermachen, in Bewegung bleiben. **GWR: Was fehlt Euch? Was möchtet Ihr den GWR-Leser*innen mit auf den Weg geben?** Helga: Ich denke, dass wir, die wir in Organisationen mitarbeiten, oft einen Tunnelblick entwickeln, der unsere eigenen Ansätze im Denken und Handeln absolut setzt und uns hindert, „über den Tellerrand“ zu blicken. Was wollen andere, die eigentlich mit uns in der Analyse der Situation übereinstimmen und „am selben Strang“ ziehen? Was meint „Sicherheit neu denken“, was will Soziale Verteidigung, wie steht Ihr zum Zivilen Friedensdienst (ZFD)? Wer nur die „reine Lehre“ will und Maximalforderungen absolut setzt, verpasst entscheidende Chancen. Warum nicht ganz neu über Sicherheit nachdenken, ohne gleich alles über Bord zu werfen, was oft zu Recht Anstoß erregt? Warum nicht das Bestehende gewaltfrei verteidigen, auch wenn das Gegenwärtige keineswegs allen unseren Idealen entspricht? Warum blicken manche kritisch auf zivile Konfliktbearbeitung mit solidarischer Begleitung von Fachkräften, nur weil der ZFD auch von staatlichen Stellen finanziert wird? Lasst uns in vielfältiger, achtungsvoller Zusammenarbeit, wenn auch auf verschiedenen Wegen, das gemeinsame Ziel ansteuern: eine möglichst herrschaftsfreie gewaltarme Politik in transparenten Strukturen und unter wirksamer Kontrolle von unten. (1) https://www.graswurzel.net/gwr/ produkt/politische-geborgenheit/ (2) Vgl.: BoatSpotting im Mittelmeer. Es ist keine Rettungsschlacht – Segeln gegen die Festung Europa, Artikel von Katja (CompassCollective), in: GWR 482, Oktober 2023, https://www.graswurzel.net/gwr/2023/10/boatspotting-im-mittelmeer/ (3) Kontakt/Infos: https://compass-collective.org/ (4) Siehe: Mensch, Vater, Anti-Atom-Aktivist, Autor, Anarchist. Ein Nachruf von Bernd Drücke auf den ehemaligen GWR-Redakteur Jochen Stay (22.8.1965 – 15.1.2022), in: GWR 467, März 2022, https://www.graswurzel.net/gwr/2022/02/mensch-vater-anti-atom-aktivist-autor-anarchist/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**
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Der Rabe Ralf @raberalf.mastodon.social.ap.brid.gy · 16/03/2026
Sich weigern, Feinde zu sein: Stimmen für Aussöhnung und eine Gesellschaft ohne Nationalismus und Gewalt in Israel und Palästina www.raberalf.de/rezensionen/sich-we… #Gaza #Krieg #Frieden @Graswurzelrevolution
Ein Buchcover, wo ein Foto drauf ist, wo Blumen und Kerzen zum Gedenken auf einen Platz sind.
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Der Rabe Ralf @raberalf.bsky.social · 16/03/2026
Sich weigern, Feinde zu sein: Stimmen für Aussöhnung und eine Gesellschaft ohne Nationalismus und Gewalt in Israel und Palästina #Gaza #Krieg #Frieden @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy
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Sich weigern, Feinde zu sein – Der Rabe Ralf
Stimmen für Aussöhnung und eine Gesellschaft ohne Nationalismus und Gewalt in Israel und Palästina
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#GWR506 „Von Pyramiden, Geschichten, Lieben und, na klar, Abneigungen“ Zapatistas weiter auf anti-kapitalistischem Kurs Widerstand heißt Leben! – Berxwedan Jiyan e! Die Angriffe in Aleppo und Nord-/Ost-Syrien aus Sicht von Kurd*innen, die nun erneut vertrieben werden
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#GWR506 „Die Lösung ist die Dezentralisierung der Macht“ Robert Krieg im Gespräch mit der kurdischen Filmemacherin Sevînaz Evdikê über die Situation von Frauen in Rojava und das islamistische Regime in Damaskus Revolte gegen die Mullah-Diktatur Das islamische Regime geht mit Staatsterror gegen […]
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Inhaltsverzeichnis #GWR506 Geborgenheit und Frauenpower Ein Interview mit Helga, Katja und Clara Tempel über generationsübergreifende Solidarität, Utopien und Gewaltfreien Widerstand Debanking Deutsche Banken und die Anti-Antifa-Politik des Trump-Regimes
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 08/02/2026
#GWR506 ist im Kiosk #Inan #Syrien #Rojava #Krieg #Kurdistan #Debanking #Klima #Waldbesetzung #MECFS #Ableismus #Anarchie #Autokraie #ICE etc...
Zeichnung an einer Wand mit Jin Jîyan Azadi Parole und Zeichnung einer kurdischen Frau
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 08/02/2026
Wir können Eure Unterstützung gebrauchen, um die LiBu zu verteilen. Wendet Euch bitte an Abo & Vertrieb (ABO@GRASWURZEL.NET), um die LiBu zu bestellen (Mindestabnahmezahl: 20 Stück). Bitte vergesst nicht, die Lieferadresse zu nennen. Bestellfrist: 18.02.2026 Über eine Spende, um die Portokosten […]
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 08/02/2026
Die Libertären Buchseiten (LiBU) erscheinen demnächst wie gewohnt mit einem Umfang von zwölf Seiten als Supplement der Graswurzelrevolution Nr. 507 (März). Die Auflage beträgt 5.000 Stück. #LIBU507 #GWR507 #anarchie #buchrezension #bücherstattbomben
Sharepic mit Zietschridt libertäre Buchseiten und sowohl im Hintergrund vom Sharepic als auch im abgebildeten Zeitschrift steht "Books not Bombs"
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Don Trueten :antifa: @thomas.mastodon.trueten.de.ap.brid.gy · 02/02/2026
# Debanking: Deutsche Banken und die Anti-Antifa-Politik des Trump-Regimes Das #Trump-Regime hat die „Antifa-Ost“ und den #Antifaschismus allgemein als terroristisch eingestuft. Agieren die #Postbank, die #Sparkassen, aber auch die sozial-ökologische #Gemeinschaftsbank #GLS nun als verlängerte […]
mastodon.trueten.de
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Schauinsland @soweitsogut.troet.cafe.ap.brid.gy · 28/01/2026
#AKW auf #Uran-Importe angewiesen: #Greenpeace legt #Frankreich Atomgeschäfte mit Russland offen - ntv.de www.n-tv.de/politik/Greenpeace-legt…
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Sofa Münster @sofa-ms.nrw.social.ap.brid.gy · 24/01/2026
ca 130 Menschen haben heute in #Bottrop an der A2 Baustelle gezeigt, dass #Atomüll nicht einfach über die #Autobahn von #Jülich nach #Ahaus gebracht werden darf: Sicherheitskonzept unzureichend, Anwohner_Innen und Kommunen nicht informiert, Klagerecht in 1 […] [Original post on nrw.social]
Demo auf der A2 Autobahnbrücke in Bottrop-Fuhlenbrock, die Fahrbahn im Hintergrund. Vorne ein Transparent "Atommüll-Transporte stoppen! Keine Castoren nach Ahaus!"Baustelle auf der A2 rechts im Bild die verengte Fahrbahn, durch dieses Nadelöhr müssen die 130t Castor-LKW. Links im Hintergrund die Raststätte Bottrop-Süd, links vorne eine Atomkraft-neim-danke-Fahne
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 29/01/2026
#GWR505 Die „Wehrpflicht“ sabotieren – überall Die Bundeswehr mag Fragen haben, wir haben eine Antwort: Nein! von: Provisorischer anarchistischer Antikriegsrat Berlin www.graswurzel.net/gwr/2026/01/die-… #NoWar #Antimilitarismus #Wehrpflicht #Widerstand
graswurzel.net
Die „Wehrpflicht“ sabotieren – überall
Bist Du bereit? Bereit zu morden oder ermordet zu werden? Oder willst Du die Wehrerfassung total verweigern und alle patriarchalen Kommandos entwaffnen?Bist Du bereit, die Kriegsdienstpflicht zu sabotieren? Wir sagen wie es geht. Schauen wir kurz zurück, bevor wir ans Eingemachte gehen: Die so genannte Wehrpflicht in Deutschland wurde 2011 ausgesetzt. Das war auch ein Erfolg der lange Zeit starken antimilitaristischen Bewegung in Deutschland. Die Pflicht, in der „Schule der Nation“ zu dienen, war dem männlich gelesenen Teil der Bevölkerung vorbehalten, der auf den Ersatzdienst ausweichen konnte. Auch der Ersatzdienst, der sogenannte Zivildienst, war eine Zwangsmaßnahme. Diese war eingebettet in die militärischen Konzeptionen, die im Spannungs- oder Verteidigungsfall zum Tragen gekommen wären. Dieser patriarchalische Zwangsdienst, der über das „Recht auf Verweigerung“ geregelt war, lief über eine sogenannte Gewissensprüfung. Dein Gewissen wurde, ob du wirklich pazifistische oder religiöse Gründe anführen konntest, von ekelhaften Typen und Militärs geprüft. Politische Gründe waren nicht vorgesehen und wurden in der Regel nicht anerkannt. Waren in den frühen Jahren der „Wehr“- bzw. Kriegsdienstpflicht diese „Gewissensprüfungen“ nicht nur demütigend, sondern auch mit hohen Hürden versehen, lockerte sich der Umgang mit den Kriegsdienstverweigerern gegen Ende der „Wehrpflicht“ immer mehr. Zum einen brauchte das Militär nicht mehr so viele Soldaten, zum anderen waren die „Verweigerer“ willkommene Billigarbeitskräfte im Katastrophenschutz, im Krankenhaus, in der Pflege und sonstigen sozialen Bereichen. Die Ausbeutung der „Zivildienstleistenden“ war ein wirtschaftlicher Faktor, der bis auf Ausnahmen und kleine Nischen mit einem Friedensdienst nichts zu tun hatte. **„Auch Zivildienst ist Zuvieldienst“, war lange Zeit ein antimilitaristischer Konsens** Trotzdem wird Zivildienst heute eher verklärt als ein „Friedensdienst“. Nicht umsonst hatte die in den 90er Jahren starke Berliner „Kampagne gegen Wehrpflicht und Militär“ alle Zwangsdienste kritisiert. Alle Männer in der BRD mussten sich mustern lassen. Die Musterung war ein demütigender Akt, bei dem einem jungen Mann fremde Männer gegenüber standen, die den Körper auf militärische Brauchbarkeit überprüften. Zum Arzt geht mensch eigentlich, wenn man ein gesundheitliches Anliegen hat, hier aber wurde die Tauglichkeit der Kriegsfähigkeit geprüft, ohne dass man diese ärztliche Untersuchung selbst gewollt hätte. Sie war befohlen und wer sie wiederholt nicht antrat, wurde von der Militärpolizei, den „Feldjägern“, gesucht und zwangsvorgeführt. In der Musterungsbehörde, den damaligen Kreiswehrersatzämtern, wurden die Männer nach dem Gesichtspunkt eines Schlachtviehs beurteilt. Verschiedene Tauglichkeitsstufen nach militärischen Gesichtspunkten entschieden über den Verwendungszweck. War mann untauglich gemustert, dann hatte man das große Los gezogen. Kiffen, saufen, durchnächtigt oder verdrogt bei der Musterung antanzen, das konnte zu dem erwünschten Los bringen oder aber zur nächsten Nachmusterung. Der „Zivildienst“ war immer länger als der Kriegsdienst an der Waffe. So sollte der Eintritt in die Armee schmackhafter gemacht werden. Wer diese lästige Pflicht hinter sich bringen wollte, entschied sich daher oft dafür, die Zeit beim Bund abzuleisten, um anschließend schnell in den Beruf zurückzukehren und Geld zu verdienen. Mindestens ein Drittel der Wehrpflichtigen bereute angesichts der Zustände in den Kasernen die Entscheidung. Aber die Kriegsdienstverweigerung oder die oft mit Haftstrafe geahndete Totale Kriegsdienstverweigerung waren auch nicht jedermanns Weg. Und so füllten sich die Kasernen mit Männern auf. Jahrgang für Jahrgang wurde gesagt, die Waffe sei wie eine Frau und immer am Mann zu tragen. Patriarchalische Prägungen und Zurichtungen versauten die Köpfe von vielen Männern. Sie wurden trainiert, um unsinnige Befehle zu befolgen, stramm zu stehen, den Arsch zusammenzukneifen, die Klappe zu halten, Waffen zu putzen, bis es ihnen aus den Ohren rauskam. Viele machten das „Spiel“ mit, weil es als Weg des geringsten Widerstandes erschien. Statt die Waffen zu zerstören, schossen sie auf „Pappkameraden“ und lernten auf Befehl, auf andere Menschen zu schießen. Statt die zu bekämpfen, die sie erniedrigten, gaben sie den Druck an den nächsten Jahrgang weiter. Statt übelste sexistische Witze der Vorgesetzten oder der „Kameraden“ zurückzuweisen, lachten sie mit. So funktioniert Militär. Die Kasernen waren (und sind) eben auch Anstalten zur Aufzucht toxischer Männlichkeit und patriotischen Gedankenguts von Menschen, die marschieren, gehorchen, dienen und befehlen lernten und je nach Einheit mehr oder weniger brutal gedrillt wurden. Anschreien gehörte zum guten Ton. Saufen, um den Frust zu ertränken. Und der sexistische Witz einte die Truppe. Nicht umsonst hieß dieser perverse „Wehrdienst“ nicht nur „Dienst am Vaterland“ sondern „Schule der Nation“. Hier durften Männer mal so richtig Männer sein, oder das, was man dafür hielt. Ab 2011 kamen langsam ein paar Frauen ins Militär. Heute haben wir in der Bundeswehr einen Anteil weiblich gelesener Menschen von knapp über 20 %. Durch Frauen aber verändert sich kein Militär. Nirgends auf der Welt. Weil das Militär eine zutiefst patriarchale Institution ist und Menschen zurichtet, kann in die vorgestanzte Form des Soldaten ein Mensch jeden Geschlechts gestopft werden. Die Funktion Soldat wird weder von männlich noch von weiblich gelesenen Menschen in Frage gestellt, wenn diese nicht Befehl und Gehorsam als patriarchales Prinzip in Frage stellen. In der Schweizer Armee dienen gerade mal knapp über 2 % Frauen. Eine Transsexuelle befehligt dort eine Panzereinheit mit 30 Panzern und 300 Soldaten. Das kann das Militär heutzutage integrieren. Doch selbst in Militärs, die eine Kriegsdienstpflicht für Männer wie Frauen vorsehen, wie in Israel, und wo die Reservesoldaten das Rückgrat in Kriegssituationen bilden, sieht es folgendermaßen aus: Die Reserveeinheiten bestehen größtenteils aus männlich gelesenen Soldaten, die dann auch in die Kampfhandlungen gehen, während die weiblich gelesenen Menschen größtenteils im Sanitätsdienst anzutreffen sind. Mit wenigen Ausnahmen ist die „Wehrpflicht“ aber in den meisten Ländern nur dem männlich gelesenen Geschlecht vorbehalten. Männer im Militär, in Milizen, in Söldnerheeren, die andere Männer ermorden oder selbst ermordet werden, die plündern, rauben und vergewaltigen, sind das Ergebnis toxischer Männlichkeit, die mit Parolen, Befehlen und patriotischen, religiösen und nationalistischen Klimbim gegen andere gehetzt werden, im Namen der Freiheit, der richtigen Sache, der Gerechtigkeit, irgendeines Gottes. Das patriarchale System wird nicht durch Beteiligung sabotiert, sondern durch deren Zersetzung und den Widerstand gegen „soldatische Tugenden“. Emanzipation heißt nicht, Frauen und Transgender im Militär zu integrieren, sondern alle Menschen aus der Militärmaschine rauszuholen. In jedem Land. Der Schlüssel dafür liegt in einem radikalen Antimilitarismus, der das Patriarchat entwaffnen will. Und nun geht es wieder los. Diesmal sieht es danach aus, als bereite man sich auf einen nahenden Krieg gegen Russland vor. Diese Vorbereitung auf Krieg findet nicht unbedingt statt, weil Deutschland oder Europa den Krieg suchen, sondern weil alle Seiten im Moment eine Militarisierung betreiben, die den Krieg bringen kann. Viele Seiten bringen sich in Stellung gegen den jeweiligen anderen Gegner. Wir konzentrieren uns hier in dem Artikel zwar auf die deutsche „Wehrpflicht“, aber wir sind gegen jeden Zwangsdienst. Ohne Ausnahme und Hintertürchen. Wenn Euch Leute erzählen, dass die „Wehrpflicht“ nur hier oder in Europa abgeschafft gehört und nicht weltweit, dann wisst ihr, dass ihr keine Kriegsgegner*innen vor Euch habt, sondern Leute, die aus ideologischen Gründen auf der Seite der ein oder anderen Kriegspartei stehen. Die Kriegsdienstpflicht international zu sabotieren hat auch damit zu tun, die patriarchale Männlichkeitsmaschine zu zerstören, und die ist nun mal international anzutreffen und nicht nur in Deutschland. Ab Januar 2026 bekommen männlich wie weiblich gelesene Menschen Post von der Bundeswehr. Die Beantwortung des Fragebogens ist für „Männer“ verpflichtend. Eine Nichtantwort, eine falsche Beantwortung kann zu einer Geldbuße führen. Mit dieser Beantwortung bist du Teil der Wehrerfassung. Das heißt, du bist im militärischen Ablauf eingeplant. Um deinen Verwendungszweck prüfen zu lassen, kommt es nach dem Fragebogen zu besagter Musterung. Dein Körper wird auf Tauglichkeit für militärische Abläufe untersucht. Diese Musterungen sollen ab 2027 stattfinden, auf Basis der Daten werden dann die Einberufungen zum Militärdienst vollstreckt. Voraussichtlich werden die „Karrierezentren“ der Bundeswehr dafür genutzt, um auch gleich „berufliche“ Angebote zu unterbreiten, den kostenlosen Führerschein oder ein Studium auf Kosten der Bundeswehr oder Karriere als Zeitsoldat*in. Du hast das zweifelhafte „Recht“, den Kriegsdienst zu verweigern und wieder, wie bis 2011 schon viele „wehrpflichtige“ Männer, zu einer Billigarbeitskraft zu werden, die im Kriegsfall den Dienst ohne Waffe zur Unterstützung des Militärs leisten soll. Es gibt in Konfliktsituation genug zu tun, um dem Militär den Rücken frei zu halten, ohne auch nur selber einen Schuss abgeben zu müssen. Aktuell hat die Bundeswehr noch viele logistische Schwierigkeiten. Wo soll wirklich gemustert werden, welche Orte können als Ausbildungsorte reaktiviert werden? Wer macht die Ausbildung der Soldaten und welche Ziele sollen diese haben? Das ist gerade aktuell alles mitten im Prozess. Um so stärker wirkt der Widerstand gegen diese Entwicklung. Denn eins scheint sicher, es wird keine Freiwilligenarmee bleiben, die Weichen sind gestellt auf eine „Wehrpflicht“, die erst mal nur alle männlich gelesenen Menschen betrifft. Wir schlagen die frühzeitige Sabotage der Wehrerfassung vor und halten eine totale Verweigerung jedweder Mitarbeit und Kooperation gegenüber dem Militär für den richtigen Schritt. Das heißt: Keine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. Die Bundeswehr mag Fragen haben, wir haben eine Antwort: Nein! Die Bundeswehr will wissen, ob wir dem Militärdienst aufgeschlossen gegenüber stehen oder verweigern wollen – wir sagen, das geht sie einen Dreck an. Wir sind niemandem verpflichtet, Auskunft zu geben. Und wenn wir dafür ein Bußgeld kassieren, dann müssen wir überlegen, wie wir auch damit umgehen wollen. Wir können Solikonzerte machen, um betroffene Menschen mit den Folgen nicht alleine zu lassen. Das sollten wir tun. Das Augenmerk sollte darauf liegen, uns zu stärken und niemand alleine zu lassen. Dass in jeder Stadt anarchistische und antimilitaristische Strukturen aus dem Boden ploppen, die beraten, die Erfahrungen sammeln, auswerten und eine Unterstützung für Betroffene organisieren, die die Ordnungswidrigkeiten auch bis zum Schluss durchziehen wollen. Es ist in Ordnung, gegen Militär und Zwangsdienste zu sein. Schaffen wir also Voraussetzungen, damit möglichst viele Menschen weder die Fragebögen noch die Ordnungswidrigkeit anerkennen. Stören wir die Wehrerfassung schon im Ansatz. Je größer die Ausfälle, je unübersichtlicher die Datenlage, umso mehr Probleme hat das Militär. **Gegen jedes Militär! Gegen jede Wehrpflicht!** **No nation unites us – no border divides us! Keine Nation vereint uns – keine Grenze trennt uns!** Weitere Infos: AG „Rührt Euch!“ gegen jedes Militär und Zwangsdienste überall. Kontakt: Provisorischer anarchistischer Antikriegsrat Berlin, Link: antikrieg.noblogs.org Wir empfehlen die Beratung zur Kriegsdienstverweigerung durch die Internationale der Kriegsdienstgegner*innen (IDK): Berlin: IDK e.V., Anti-Kriegs-Museum, Brüsseler Str. 21, 13353 Berlin - Mitte - jeden 1.Samstag im Monat 19 Uhr. oder Bibliothek der Freien im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin - Prenzlauer Berg oder Association 14a, (Antiquariat Müßiggang), Oranienstr. 14a (Rio-Reiser-Platz) 10999 Berlin - Kreuzberg oder Freie Arbeiter*innen Union (FAU Berlin), Allgemeine Syndikat, Lokal, Grüntaler Str. 24, 13357 Berlin Lüneburg: IDK-Beratung, Andreas Reichl, Tandem-Bürogemeinschaft, Bei der Pferdehütte 12, 21339 Lüneburg, Email: andreas.reichl@menteo.de Lübeck: IDK-Beratung, c/o FAU Lübeck im Solizentrum, Willi-Brandt-Allee 11, 23554 Lübeck Kontakt c/o IDK-Kontaktformular/Email schreiben Schwerin: IDK-Beratung, TtE-Bücherei, Dr.-Külz-Str. 3, 19053 Schwering. Kontakt c/o IDK-Kontaktformular/Email schreiben Weitere Infos und Orte: https://www.idk-info.net/themen/kriegsdienstverweigerung/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 29/01/2026
#GWR505 wir sind nicht alle „Wo ist Hannas Arbeit?“ Warm anziehen gegen Kriminalisierung. Antifaschist*innen vor Gericht www.graswurzel.net/gwr/2026/01/wo-i… #Antifa #Repression #Knast
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„Wo ist Hannas Arbeit?“
„Wo ist Hannas Arbeit?“ Bei Hanna handelt es sich um Hanna Schiller. Die Künstlerin und Antifaschistin ist seit Mai 2024 inhaftiert, nachdem sie in ihrem Wohnort Nürnberg festgenommen wurde. Hanna wird vorgeworfen, als Teil einer kriminellen Vereinigung in Budapest 2023 Nazis tätlich angegriffen und verletzt zu haben (siehe GWR Nr. 504) und wurde inzwischen zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die eingangs zitierte Frage stellten sieben Preisträger*innen des renommierten Bundeskunstpreises und ein solidarisches Publikum am 6. November 2025 in der Bonner Bundeskunsthalle während der Preisverleihung. Der Preis prämiert junge Künstler*innen und Hoch- schulabsolvent*innen, ausgewählt von 25 Kunsthochschulen bundesweit. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hatte Hannas Preis aufgrund der Beschuldigungen gegen sie „ruhend“ gestellt, nachdem extrem rechte Blogs wie Compact die Nominierung Hannas skandalisiert hatten. Als dann die AfD Mittelfranken eine Hetzkampagne gegen die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg und einzelne Jury-Mitglieder startete, wurde Hanna von der Preisverleihung und der Ausstellung in der Bundeskunsthalle ausgeschlossen, anstatt den rechten Diffamierungsfeldzug als einen solchen zu entlarven und sich entschieden dagegen zu positionieren. Der Ausschluss Hannas ist damit nicht nur die faktische Aberkennung des Preises, sondern auch die Akzeptanz und Verbreiterung rechter Definitionsmacht. Während Hannas Werke in der Bundeskunsthalle nicht zu sehen sind, wurde eine ihrer Arbeiten zwei Wochen in der Bonner Galerie „Flow“ ausgestellt. Hanna ist im Knast weiterhin künstlerisch tätig: Das ausgestellte Werk besteht aus mehreren wärmenden Socken. Diese Socken stellt Hanna aktuell für ihre Mitgefangenen her. Einige persönliche Briefe in der Galerie erklären, dass Hanna die Socken für die Liebsten strickt, die die mitgefangenen Frauen jeweils am meisten vermissen. Eine vielschichtige künstlerische Arbeit, die das Leben hinter Gittern und die Bedeutung von Solidarität und persönlichen Beziehungen spürbar werden lässt. Bei näherem Hinsehen stellt man erstaunt fest, dass diese Socken gar nicht aus Wolle, sondern filigran aus Zeitungspapier gefertigt sind. Wolle ist im Knast „aus Sicherheitsgründen“ nicht erhältlich. Und Papier ist eines der bevorzugten Materialien, die Hanna verarbeitet, etwa zu einer aus Verfassungstexten gefalteten Kette, deren Glied je für eine an der europäischen Außengrenze ertränkte Person steht oder zu einem aus der Akte ihrer erkennungsdienstlichen Behandlung gehäkelten Hemdchen. **Prozesse in Düsseldorf und Dresden** Das Oberlandesgericht München verurteilte Hanna im September 2025 wegen gefährlicher Körperverletzung und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu fünf Jahren Haft. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, denn beide Seiten haben Revision eingelegt. Deren Ergebnis wird Hanna aber in Haft abwarten müssen, denn der Haftbefehl wird nicht aufgehoben. Das Münchener Urteil gegen Hanna wird maßgeblich sein für den am 13. Januar 2026 beginnenden Prozess in Düsseldorf. Dort sind sechs weitere Personen für den Budapest-Komplex angeklagt, es sind 72 Termine angesetzt, je zwei Tage die Woche, bis Januar 2027. Paula, Emilie, Nele und Moritz sowie Clara und Luca sind in Untersuchungshaft auf verschiedene Knäste verteilt, und dies trotz offensichtlich fehlender Fluchtgefahr. Sie hatten sich Anfang 2025 den Behörden gestellt, nachdem sie zunächst mehrere Monate untergetaucht waren. Ein von den Behörden mit diesem teils verbundener Prozess (Antifa-Ost II) begann im November 2025 am OLG Dresden gegen sieben Personen und ist bis Ende Juli 2027 terminiert. > _**Das Hinweisen auf die fortschreitende Klimakatastrophe, das Beharren auf die Einhaltung des Völkerrechts oder die Infragestellung der kapitalistischen Ordnung für das menschliche Wohlergehen und Überleben wird zunehmend als Extremismus hochstilisiert und als „Antifaschismus“ verfolgt.**_ Ähnlich wie bei Hanna, gegen die am Hochsicherheitssaal der JVA Stadelheim verhandelt wurde, wird der Düsseldorfer Prozess in einem Staatsschutzgebäude stattfinden. Der Hochsicherheitsbau mit Hubschrauberlandeplatz in Düsseldorf-Hamm wurde nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zunächst für islamistische Terror-Verfahren gebaut. Die Wahl des Gebäudes gibt bereits einen Hinweis auf die politische Wertung der vorgeworfenen Taten. Ohne den Vorwurf der kriminellen Vereinigung würden die Körperverletzungsdelikte an einem Amts- oder Landgericht verhandelt werden. Im Zuge des Dresdener Prozessbeginns im Antifa-Ost-Verfahren wurde medial häufig erwähnt, dass die faschistische Regierung von US-Präsident Donald Trump die „Antifa-Ost“ auf ihre Terrorliste gesetzt habe. Nicht erwähnt wurde der Kontext: Trump nutzte die Ermordung des christlich-ultrareaktionären Nationalisten Charles Kirk und machte die „antifaschistische Bewegung“ und die Linke insgesamt verantwortlich, um sie und ihre Unterstützer*innen zu verfolgen. Am 22. September unterzeichnete Trump eine Executive Order, mit der „die Antifa“ dort zur einheimischen Terrororganisation erklärt wird. Zur Antifa zählen in den USA unter anderem Personen, die sich gegen die willkürlichen Entführungen durch die paramilitärische Anti-Immigrationsbehörde ICE wenden. Die Kriminalisierung richtet sich gegen Anarchist*innen und antikapitalistische Strukturen (1), konkret sind einige Aktivist*innen nach Werfen von Böllern auf ein ICE-Gebäude inhaftiert. Ungarns extrem rechter Regierungspräsident Victor Orbán erklärte per Dekret die Angeklagten im Budapest-Komplex zur terroristischen Vereinigung, und in den Niederlanden beschloss das Parlament der inzwischen zerbrochenen rechten Regierung unter Geert Wilders mit knapper Mehrheit, das Verbot der „Antifa-Bewegung“ zu prüfen. Anlässlich der Proteste gegen die Jugendorganisation der AfD Ende November 2025 in Gießen forderte die Mutterpartei wie üblich ein „Antifa-Verbot“. Die rechte Berliner CDU plädiert gar für die Bekämpfung von Antifaschismus und Antikapitalist*innen generell. ((2) Die Kriminalisierung antikapitalistischer Positionen ist indes längst Realität. So wird der Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung (§129 StGB) unter anderem gegen die Klimagerechtigkeitsbewegung angewendet und Aktivist*innen der „Letzten Generation“ wurden als „kriminelle Vereinigung“ gem. § 129 StGB angeklagt. Das Hinweisen auf die fortschreitende Klimakatastrophe, das Beharren auf die Einhaltung des Völkerrechts oder die Infragestellung der kapitalistischen Ordnung für das menschliche Wohlergehen und Überleben wird zunehmend als Extremismus hochstilisiert und als „Antifaschismus“ verfolgt. Mit der Zunahme staatlicher Gewalt – sprachlich wahrnehmbar an der sich stets weiter radikalisierenden Hetze etwa gegen Geflüchtete oder von Armut Betroffene, und in der Praxis unter anderem deutlich in der maßlosen Brutalisierung des Abschieberegimes, in rassistischer Polizeigewalt zur Durchsetzung der Staatsräson oder der beispiellosen Militarisierung innen und außen, – wächst die staatliche Verfolgung und Sanktionierung zivilgesellschaftlicher Kritik exponentiell. **Stilisierung zur Gefahr** Im Zuge der voranschreitenden autoritären Formierung erleben wir das zunehmende staatliche Bemühen, Antifaschismus als extremistisch und bedrohlich zu labeln, trotz einer insgesamt zu verzeichnenden sinkenden Militanz linker Bewegungen. Die Prozesse in Hochsicherheitssälen in München-Stadelheim und Düsseldorf-Hamm vermitteln der Öffentlichkeit die hohe Gefährlichkeit der Beschuldigten und von deren Unterstützer*innen. Der Sitzungssaal in der JVA Stadelheim für den Prozess gegen Hanna war laut Gericht deshalb ausgewählt worden, weil man den „Unterstützerkreis“ nicht einschätzen könne. Die überstürzte illegale Auslieferung von Maja T. nach Ungarn im Juni 2024 in einer Nacht- und Nebelaktion wurde mit der vermeintlichen Angst der Behörden vor einem möglichen Befreiungsversuch Majas durch die linke Szene begründet. Dazu passt das Interesse des Inlandsgeheimdienstes an den Fotokopien der Ausweisdokumente aller solidarischen Prozessbesucher*innen im OLG München. Während die Staatsanwaltschaften in Italien und Frankreich gegen die dort lebenden Beschuldigten im Budapest-Komplex Ilaria, Gabriele, Gino – und inzwischen auch Zaid – nicht einmal Strafverfolgung wegen der Geschehnisse in Budapest eingeleitet haben, lautet die Anklage gegen die sechs Antifaschist*innen in Düsseldorf unter anderem auf versuchten Mord. (3) Der Vorwurf findet selbst in Ungarn im Prozess gegen Maja T. keine Anwendung und wurde auch vom Bundesgerichtshof und zuletzt vom OLG München verworfen, nachdem ein sachverständiger Rechtsmediziner am 28. Prozesstag (4) die in Budapest eingesetzten Schlagwerkzeuge für nicht tödlich erklärt hatte. Die Urteilsbegründungen bei Lina E. im ersten Antifa-Ost-Verfahren 2023 und bei Hanna richteten sich explizit gegen Selbstjustiz und die Infragestellung des staatlichen Gewaltmonopols. Selbstjustiz ist abzulehnen, aber der deutsche Staat macht es sich mit dieser Argumentation hinsichtlich des Vorgehens gegen rechte und rassistische Gewalt sehr einfach. Wirksamen Strategien gegen rechts wird die Finanzierung entzogen, staatlich geförderte Projekte werden vom Verfassungsschutz auf Extremismus durchleuchtet, rassistische und rechte Gewalt wird staatlicherseits verharmlost und bleibt unaufgeklärt. Über die martialischen Vorwürfe lässt sich vor allem eines sagen: Sie bewirken eine massive Entsolidarisierung mit den Angeklagten. Man muss sich aber weder mit den vorgeworfenen Taten im Budapest-Komplex und Antifa-Ost identifizieren, noch Sympathie für sämtliche Angeklagten hegen, um die politische Bedeutung der Verfahren anzuerkennen, und deren Instrumentalisierung und die Konsequenzen für die Beschuldigten und die linke Bewegung als Ganze zu kritisieren. Die Solidarisierung der prämierten Künstler*innen und dem Publikum mit Hanna bei der Bonner Preisverleihung ist also besonders hervorzuheben. Sie alle haben sich nicht von den Vorwürfen gegen Hanna abschrecken lassen und zeigen damit auch eine klare politische Positionierung in Zeiten zunehmender Kriminalisierung von Antifaschismus. (1) https://resistingproject2025.substack.com/p/manufacturing-terrorism-trumps-war (2) Plenarprotokoll 19/75 20. November 2025 S. 7455. (3) https://www.generalbundesanwalt.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2024/Pressemitteilung-vom-08-10-2024.html (4) https://alleantifa.noblogs.org/post/2025/08/21/06-08-2025-bericht-vom-28-prozesstag/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
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#GWR505 Januar2025 Eine neue Phase des Widerstands Vom Schockzustand zum Beginn massenhafter Aktionen: Die jüngsten Entwicklungen der antiautoritären Kämpfe in den USA Daniel Hunter #USA #ICE #Trump #Widerstand #Faschismus www.graswurzel.net/gwr/2026/01/eine…
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Eine neue Phase des Widerstands
Die Nachrichten überschlagen sich so schnell, dass es schwer ist, mit all den Wendungen Schritt zu halten. Innerhalb von 24 Stunden kehrte die Grenzpolizei der Stadt Charlotte den Rücken, die Republikanerin Marjorie Taylor Greene kündigte ihren Rücktritt an, und der neue Bürgermeister von New York City (NYC), Mamdani, nannte Trump einen Faschisten und brachte ihn zugleich dazu, zu sagen, dass er gerne unter einem Bürgermeister Mamdani in New York City leben würde. Wir befinden uns in einer neuen Phase des Kampfes gegen den Autoritarismus in den USA – und es ist hilfreich, einen Moment innezuhalten, um zu sehen, wo wir stehen und uns entsprechend neu zu orientieren. Wir haben die ersten Monate des Schocks und die vernichtenden Niederlagen hinter uns gelassen. Jetzt zeigen wir, dass wir uns manchmal verteidigen und sogar in die Offensive gehen können. In geringem Maße wird diese Veränderung auch in den traditionellen Medien verfolgt. Sie stellen fest, dass wir endlich einige Obergrenzen für die blinde Gefolgschaft der Republikanischen Partei gegenüber Donald Trump gesetzt haben. Die Republikaner in Indiana widersetzen sich seiner Forderung nach einer Neugliederung der Wahlbezirke. Die Epstein-Akten sind endlich zugänglich, was Trump zu einem öffentlichen Rückzug zwang und „erlaubte”, für die Freigabe der Akten zu stimmen – etwas, gegen das er sich vehement gewehrt hatte. Wie üblich verfolgen die Medien die Ursachen für all dies nur sehr spärlich. Sie sprechen über die Wahlergebnisse und darüber, wie der Erdrutschsieg der Demokratischen Partei eine dramatische Veränderung offenbart hat, die als Volksabstimmung über Trump interpretiert werden kann. Dabei übersehen sie jedoch weitgehend, wie sehr die Wahlen von der wohl größten Einzelprotestaktion in der Geschichte der USA profitiert haben, dem „No Kings”-Protest – und sie negieren auch die Tatsache, dass sich der Widerstand tief in das sogenannte Trump-Land ausbreitet. Diese neue Phase ist eine positive Nachricht. Sie bringt aber auch neue Kämpfe mit sich und wird wahrscheinlich zu einer Zunahme der Gewalt führen, da die Opposition befürchtet, dass ihre Seite schwächer wird. Unter Nutzung der Organisationsstruktur von Freedom Trainers, einem Netzwerk, das Menschen in ganz Amerika über gemeinsame Nichtbefolgung von (staatlichen) Anordnungen und massenhafte Nichtzusammenarbeit aufklärt, hier eine aktuelle Einschätzung, wo wir uns in den „Phasen des antiautoritären Kampfes” befinden. **Phase 0: Schock und Chaos** Wir erinnern uns an diese schmerzhafte Phase. Organisationen zogen sich zurück oder gerieten völlig durcheinander. Menschen schalteten die Nachrichten aus oder fühlten sich gelähmt, wenn sie doch zuhörten. Es herrschte Chaos, da Angriffe von allen Seiten kamen. In dieser Phase übte der Ober-Diktator seine Macht scheinbar unangefochten aus. Bundesbehörden wie das Justizministerium, das Ministerium für Gesundheit und Soziales und die Grenzpolizei wurden mit bürokratischem Gejammer übernommen, ohne dass es zu einem koordinierten, nachhaltigen Widerstand kam. Wir sahen frühe Kapitulationen: Mehrere Anwaltskanzleien gaben auf, anstatt den Kampf gegen die Regierung zu riskieren, Universitäten gaben angesichts des Drucks stillschweigend nach. Diese Phase brachte verheerende Verluste mit sich: den Tod der US-Agentur für internationale Entwicklung; die massive Aufstockung der Mittel für die ICE (2), die als neue paramilitärische Truppe fungiert; Kürzungen bei den Programmen für Schulspeisung; Rückschritte beim Klimaschutz; Entlassungen von Wissenschaftler*innen und Forscher*innen, die sich u. a. mit Infektionskrankheiten, Wetterverhältnissen und dem Arbeitsmarkt befassen; und offene Gewalt gegen Transgender-Personen. Choose Democracy veröffentlichte eine konservative Schätzung, nach der es zu mehr als 600.000 Todesfällen weltweit kam, die auf die in diesen ersten Monaten eingeleiteten Maßnahmen zurückzuführen sind. Aber der Schock war nicht die ganze Geschichte. Ja, es gab keine riesigen Straßenmärsche. Aber die Menschen schüttelten den Schock mit einer Vielzahl von Widerstandsstrategien ab – von Bundesbeamten, die Musks fünfzeilige E-Mail ablehnten, über den wirtschaftlichen Blackout am 28. Februar bis hin zur Vereitelung von ICE-Razzien und Politiker*innen, die Trumps Umbenennung des Denali Berges (höchstes Gebirge Nordamerikas) ablehnten. Das Chaos machte es schwierig, diese Trends zu beobachten, zu erkennen und zu verfolgen. Die Menschen begannen gerade erst, das Ausmaß der autoritären Übergriffe zu begreifen – von Zollverordnungen über Beschlagnahmungen durch Behörden bis hin zu dreisten Machtübernahmen. Aber innerhalb der Bewegung begannen wir, nicht nur zu handeln, sondern auch, unsere kollektive Macht aufzubauen. Tausende demonstrierten am 8. März, International Women’s Day, in Montpelier, Vermont. Foto: 50501VT/Timothy Santimore. Bildquelle: https://wagingnonviolence.org/wp-content/uploads/2025/03/50-days-of-protest.jpg **Phase 1: Kräfte sammeln** Im März 2025 begannen einige von uns, sich aus dem Chaos zu befreien und sich zusammenzuschließen. Die „Tesla-Proteste“, die im Februar in Ausstellungsräumen – mal hier, mal da – und mit einzelnen Aktionen, Tesla-Autos abzustoßen, begonnen hatten, wurden unter dem Namen „Tesla Takedown” (Tesla-Absturz) zu einer internationalen Kampagne, die bereits im März eine Website hatte und Aktionen in 250 Städten weltweit koordinierte. In dieser Phase vernetzt sich die Bewegung stärker und organisiert und probiert verschiedene Ansätze und Taktiken aus. Im März trat Rachel Cohen öffentlich aus ihrer Anwaltskanzlei aus, die sich Trumps Forderungen gebeugt hatte. Das wäre nur eine weitere kleine Aktion unter vielen chaotischen Widerstandsaktionen gewesen, hätte sie nicht anschließend dafür gesorgt, dass eine Reihe von Anwälten Trump öffentlich widersprachen. Kanzleien, die nachgaben, verloren wichtige Mandanten, Talente und Glaubwürdigkeit. In den folgenden Monaten stellten die Anwaltskanzleien ihre schamlosen Kapitulationen ein. Eine ähnliche Dynamik entwickelte sich an den Universitäten, die wie viele andere Institutionen von unten organisiert wurde. Todd Wolfson, Präsident der Amerikanischen Assoziation der Universitäts-Professor*innen, erklärte, dass sie zusammen mit Student*innen und Alumni einen „aligned table” (Zusammenkünfte zur gemeinsamen Abstimmung über Strategien) organisiert hätten, um Kolleg*innen für die Meinungsfreiheit und die institutionelle Integrität zu mobilisieren. Auch die Studierenden wehrten sich mit Streiks, die von der Sunrise Movement (3) organisiert wurden. Wir können die Stärke spüren, die sie aufgebaut haben, denn wie die Anwaltskanzleien kapitulieren auch die Universitätsverwaltungen und -gremien in unterschiedlichem Maße nicht mehr reflexartig. Zur Erinnerung: Harvard rannte zunächst direkt an den Verhandlungstisch, um eine der ersten Kanzleien, die nachgegeben hatte, mit der Harvard-Vertretung vor Gericht zu beauftragen. Harvard leistete nur Widerstand, weil die Forderungen der Trump-Regierung zu extrem wurden und als Reaktion auf den organisierten Druck von innen. Ihr Widerstand gegen Trumps Druckkampagne ist geblieben. All diese Arbeit bedeutet nicht, dass nicht weiterhin enorme Verluste auftreten, aber das Organisieren führt zu Stärke, während es vorher nichts als Verluste gab. Über das meiste aus dieser Phase wurde von den traditionellen Medien nicht berichtet. Sie ignorierten all die nächtlichen Topf- und Pfannenproteste, die von Free DC (4) organisiert wurden. In den von der Bundesregierung besetzten Städten, wie LA und Memphis, suchten sie nach jedem Anzeichen von Gewalt durch Demonstrant*innen, um eine Geschichte zu kon-struieren, ignorierten jedoch das Ausmaß des Widerstands der Gemeinschaft gegen die staatliche Gewalt, die Familien auseinanderreißt. Sie übersahen Geschworene, die Anti-ICE-Demonstrant*innen stillschweigend „nicht schuldig” sprachen. Sie übersahen Krankenschwestern, die an vorderster Front mit Transsexuellen standen und sich weigerten, Gesetze zu normalisieren, die Transphobie institutionalisieren. In den meisten Fällen ist die Sammelphase die Phase des „stillen Aufbaus”. Eines ihrer Kennzeichen ist die Offenheit für den Aufbau neuer Koalitionen. Bewegungsgruppen und Insider fanden auf neue Weise eine gemeinsame Sache. Sowohl die Bewahrer*innen der Institutionen wie die Revolutionär*innen verstanden, dass sie Teil einer größeren Bewegung sind. **Phase 2: Umgang mit Angriffszyklen** Wo Trump auf Druck stieß, machte er einen Schwenk in andere Bereiche. Er militarisierte Städte. Er unterzeichnete unerbittlich rassistische, sexistische, transphobe, klassenfeindliche, hasserfüllte und beschämende Durchführungsverordnungen. Sein Regime übernahm die Kontrolle über Washington D.C., nahm die Nationalen Gesundheitsinstitute sowie die Agentur für Umweltschutz auseinander und verschaffte sich die Kontrolle über das Justizministerium. Wir haben nicht einfach aufgehört, vorauseilenden Gehorsam und Kapitulation zu praktizieren – wir sind in die Phase 2 der Handhabung von Angriffszyklen eingetreten. Handhabung bedeutet hier nicht ganz, dass wir uns nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ wehrten – denn unsere Gemeinschaften haben stark gelitten. Manchmal haben wir schlimme Dinge verhindert. Disneys Rückzieher bei der Suspendierung von Jimmy Kimmel folgte auf einen raschen Boykott von 1,7 Millionen Menschen. Der „Tesla Takedown“ (Absturz von Tesla) hat Elon Musk aus der Regierung verdrängt. Mit Unterstützung von Anwälten aus der Bewegung zeigten die Gerichte, dass sie viele der schlimmsten Exzesse verlangsamen oder stoppen konnten. Gelegentlich änderten wir das Narrativ: Nach der intensiven Militarisierung zahlreicher Städte untergrub die Stadt Portland Trumps Darstellung von „gefährlichen Antifa-Anhängern und vergewaltigenden Illegalen“ durch Demonstrierende in Froschkostümen. Bei anderen Gelegenheiten konnten wir den Schaden nicht verhindern, aber wir waren zu einer sinnvollen Verteidigung fähig. Gemeinschafts- und Einwanderergruppen verstärkten ihren Widerstand gegen ICE-Razzien (Zoll- und Einwanderungsbehörde der USA). Politiker*innen wurden gemeinsam mit Demonstrant*innen ver- haftet, was den Bemühungen der Bewegung Glaubwürdigkeit verlieh. In diesem Sinne bewiesen wir unseren Leuten und unserer Gemeinschaft, dass wir die Angriffe „handhaben“ konnten. Aber das ist etwas anderes, als die Angriffe zu stoppen. Es ist immer noch defensiv. Ein wichtiger Teil des Umgangs mit einem Angriff ist es, zu lernen, wie man ihn ins Gegenteil umkehrt. Trumps rücksichtslose Bemühungen mögen ihm zwar die Stilllegung fast aller Bundesbehörden eingebracht haben, aber sie haben ihn auch beträchtliche Unterstützung gekostet. Er hat gezeigt, dass er lieber Menschen hungern lässt und die Verkehrsinfrastruktur lahmlegt, als einer Senkung der Krankenkassenbeiträge für die meisten US-Amerikaner*innen zuzustimmen. Eine weitere Möglichkeit, die Veränderungen zu verfolgen, besteht darin, zu beobachten, wie aktiv die Bewegung geworden ist. Nach dem ersten No-Kings-Marsch im Juni 2025 fragten viele Menschen: „Was machen wir als Nächstes?“ Nach dem zweiten No Kings-Marsch im Oktober 2025 haben viele Menschen Listen erstellt, Aktionen vorgeschlagen und auf unterschiedliche Taktiken gedrängt. Wir haben den Schock überwunden. Wir schmieden Pläne und schlagen zurück. Die chaotischen Tage des wie von Dampfwalzen Überrolltwerdens sind vorbei. Jede Organisation und Institution im ganzen Land hat einen Plan A und einen Plan B für den Fall, dass die Schlägertrupps vor der Tür stehen. Natürlich werden nicht alle Taktiken und Bemühungen funktionieren. Einige sind von Natur aus fehlerhaft, zu vorsichtig oder basieren auf einem veralteten Spielplan. Bei der Planung stehen die Gruppen vor der Herausforderung, die anfängliche Offenheit der früheren Phasen beizubehalten – die „Anfängermentalität“ von „wir wissen nicht, wie wir das lösen sollen“. Das ermöglichte es den Tesla-Absturz-Initiativen, unterschiedliche Menschen zu verbinden: reiche Tesla-Besitzer*innen mit Antikapitalist*innen, wütende Arbeiter*innen, die wussten, dass sie ausgebeutet wurden, mit höflichen Plakatträger*innen aus der Mittelschicht. > _**Die Proteste in 2025 haben bereits dazu beigetragen, die Menschen zu motivieren, gegen Trumps Autoritarismus zu stimmen. Die deutlichen Verluste bei den jüngsten Wahlen verstärken die Risse in der MAGA-Koalition.**_ Es ist erwähnenswert, dass es für einige Gruppen scheinbar keine Erleichterung gab. Es gibt so viele Fronten, dass es schwer ist, sie alle im Herzen zu tragen und überall Solidarität zu zeigen. In Memphis sind 1.500 Soldaten der Nationalgarde in die gewalttätigen Polizeikräfte der Stadt integriert. Migrant*innen sind mit unerbittlichen Razzien, Verhaftungen und Abschiebungen durch die Einwanderungsbehörde ICE konfrontiert. Transgender-Personen sind unverhältnismäßig stark betroffen: von der Androhung des Entzugs ihres Reisepasses, der institutionellen Verlassenheit durch Verbündete und einer extrem feindseligen Bundesregierung. Landwirtschaftliche Gemeinden wurden durch Preisverfall und Exportverschiebungen zerstört. Dieses Modell geht also nicht davon aus, dass wir uns alle zur gleichen Zeit in genau derselben Phase befinden. Einige von uns werden Erleichterung erfahren, während andere größere Schwierigkeiten erleben. Es bleibt eine Herausforderung, mit der Solidarität im Rhythmus zu bleiben. Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern, dass immer dann, wenn wir Erleichterung verspüren, dies wahrscheinlich der Moment ist, in dem eine andere Gruppe unter einer schweren Belastung leidet – und umgekehrt. Tatsächlich bereitet das Modell der Freedom Trainers die Menschen darauf vor, indem es ihnen zeigt, dass es keinen einheitlichen Verlauf des Vorankommens gibt. Stattdessen gibt es viele Wechsel zwischen Phase 1 und Phase 2, da unsere Gegner sehen, wie wir Macht aufbauen und wachsen, sich davon bedroht fühlen und Vergeltungsmaßnahmen ergreifen. In Phase 2 geht es darum, mit diesen Angriffs“zyklen“ umzugehen, die unterschiedliche Ziele haben und eskalierende Gewalt einsetzen. Aber wir bewegen uns in besseren Formationen und gehen mehr in die Offensive – und dann beginnen wir, auf Zehenspitzen, mit Massenaktionen. **Phase 3: Massenaktionen** Während wir weiterhin Kräfte sammeln und Angriffe abwehren, bereiten wir uns nun auch auf die nächste Phase vor. Es wird nicht den einen einzigen Moment des totalen Widerstands gegen die Zurückweisungen an den Grenzen oder gegen andere Angriffe bzw. nicht die eine entscheidende Massenaktion geben. Wie bei den anderen Phasen wird es auch hierbei um eine schrittweise Entwicklung gehen, um Fehler, Auswertungen, Erfolge und ums Weitermachen. Nadine Bloch (5) hat verschiedene Taktiken der massenhaften-Nichtzusammenarbeit vorgestellt, die wir anwenden könnten: Wirtschaftsboykotte, Arbeiter-/Massenstreiks, Steuerverweigerung, soziale Nichtkooperation, Verbrüderung mit der Opposition, Aufbau alternativer Strukturen/Institutionen/Unterstützungen, juristische Annullierungen (schuldige Angeklagte für nicht schuldig befinden) sowie interne Nichtzusammenarbeit durch Beamte des Regimes. Wir sind jetzt gelegentlich in diese Phase der Massenaktion eingetreten. Sieben Millionen aktivierte Demonstrant*innen sind nicht zu verachten. Und es ist von Forscher*innen gut dokumentiert, dass Proteste zu höheren Spendeneinnahmen, einer höheren Wahlbeteiligung und einer stärkeren Mobilisierung der Öffentlichkeit führen. Die Proteste in 2025 haben bereits dazu beigetragen, die Menschen zu motivieren, gegen Trumps Autoritarismus zu stimmen. Die deutlichen Verluste bei den jüngsten Wahlen verstärken die Risse in der MAGA-Koalition. Wie der Sieg Mamdanis (Bürgermeister von NYC) gezeigt hat, ermöglichten es die Wahlen den Bewegungskräften auch, einen offensiven Rahmen für die Bezahlbarkeit voranzutreiben. Um die von Nadine Bloch beschriebenen massiven Taktiken umsetzen zu können, müssen wir unsere offensive Grundposition finden. „No Kings” ist die „Nein”-Botschaft. Wir müssen die „positive” Formulierung für unsere Forderungen finden. Ich vermute, dass wir bei einer Botschaft landen werden, die in etwa „Freiheit für alle” lautet. Wir müssen uns gegenseitig versichern, dass wir niemanden zurücklassen – dass es um uns alle geht oder um keine/n. Wir werden wahrscheinlich Massenaktionen zu Themen finden, die alle betreffen: Gesundheitsversorgung für alle, Wohnraum für alle, Sicherheit für alle, Bezahlbarkeit für alle. Die organische Suche nach einheitlichen Forderungen wird uns helfen, uns auf massenhafte kollektive Aktionen hin zu bewegen. Auch die Entwicklung neuer Fähigkeiten wird entscheidend sein. Wir brauchen Streikschulen, Trainings für die Annullierung von Gerichtsurteilen, Wahlschutzmaßnahmen und gegenseitige Hilfe. Auch das Organisieren ist entscheidend. Eine Massenaktion beginnt nicht allein in den sozialen Medien. Sie entsteht, wenn Beziehungen gestärkt und sogar zu Menschen aufgebaut werden, mit denen wir bisher noch nichts organisiert haben. Vertrauen muss wachsen, und die Menschen müssen bereit sein, zu improvisieren. Große Streiks finden nicht statt, weil sie per se geplant sind – sie reagieren auf unvorhergesehene Momente. **Zu guter Letzt:** Wir müssen wachsam bleiben und dürfen nicht davon ausgehen, dass wir in Sicherheit sind, nur weil diesmal die Demokraten die Wahlen gewonnen haben. Trump hat seinen Plan klar zum Ausdruck gebracht, dass er die Wahlen so lange beeinflussen wird, bis die Kontrolle durch die Republikaner unausweichlich ist. Wir müssen am Ball bleiben. Lasst uns also aufeinander achten. Lasst uns füreinander sorgen. Lasst uns mit allem kämpfen, das wir haben. Wir können das durchstehen – und wir können etwas Besseres aufbauen. (1) Quelle: https://wagingnonviolence.org/2025/11/we-are-entering-new-phase-resistance-trump-authoritarianism/ (2) ICE – U.S. Immigration and Customs Enforcement (US Zoll und Einwanderungsbehörde) (3) Sunrise Movement – Klimaschutzbewegung Jugendlicher und Studenten, seit 2017, die sich als Graswurzelbewegung versteht. (4) Free DC – Kampagne zum Schutz der kommunalen Selbstverwaltung und zur Sicherung dauerhafter Würde der örtlichen Gemeinden. (5) Nadine Bloch ist Aktivistin, Künstlerin, Organisatorin für politische Gemeinschaften und strategische gewaltfreie Aktionen. Sie arbeitet als Trainingsdirektorin für Beautiful Trouble und plädiert für „mehr Spaß haben als die andere Seite“. Bücher: Education & Training in Nonviolent Resistance (2016, USIP) und Ko-Autorin von SNAP: An Action Guide to Synergizing Nonviolent Action and Peacebuilding (2019, USIP.) (6) Mehr von Daniel Hunter: Was kommt nach dem historischen „No Kings”-Protest? – Wie der Disney-Boykott die Zensurbemühungen der FCC besiegte. – Sich machtlos zu fühlen bedeutet nicht, dass man machtlos ist. (alles auf Englisch) (7) Eine Bewegung aufbauen, um den neuen Jim Crow zu beenden. Heute dient Jim Crow als Bezeichnung für das umfassende System zur Aufrechterhaltung einer Rassenhierarchie in allen Bereichen der amerikanischen Gesellschaft. Daniel Hunter ((6)) coacht und trainiert Bewegungen auf der ganzen Welt und ist Gründer von Choose Democracy. Er hat umfangreiche Trainings mit ethnischen Minderheiten in Burma, Pastoren in Sierra Leone und Unabhängigkeitsaktivist*innen im Nordosten Indiens durchgeführt. Er hat mehrere Bücher geschrieben, darunter „What Will You Do If Trump Wins” (Was wirst du tun, wenn Trump gewinnt), „Climate Resistance Handbook” (Handbuch zum Klimawiderstand) und „Building a Movement to End the New Jim Crow” ((7)). Übersetzung für die GWR aus dem amerikanischen Englisch: Helga Weber-Zucht **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 29/01/2026
#GWR505 Bewegung im Wandel der „Zeitenwende“ 30 Jahre Informationsstelle Militarisierung, 30 Jahre antimilitaristische Aufklärungsarbeit Christoph Marischka #Antimilitarismus www.graswurzel.net/gwr/2026/01/bewe…
graswurzel.net
Bewegung im Wandel der „Zeitenwende“
Die Informationsstelle Militarisierung e. V. (IMI) wurde 1996 von Aktivist*innen aus dem linksalternativen und antimilitaristischen Spektrum der Neuen sozialen Bewegungen ins Leben gerufen. Der gemeinnützige Verein wurde 2011 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet und hat heute etwa 300 Mitglieder. IMI-Gründungsmitglied Tobias Pflüger war lange Zeit auch Autor und Mitherausgeber der Graswurzelrevolution, bevor er 2004 als Parteiloser für die PDS ins Europaparlament einzog. Auch andere IMI-Mitglieder waren und sind häufig Autor*innen der GWR. Die Graswurzelrevolution-Redaktion sagt danke, gratuliert herzlich zum 30. IMI-Geburtstag und freut sich auf weitere 30 Jahre gute Zusammenarbeit! IMI-Referent Christoph Marischka reflektiert im folgendem Artikel die Geschichte der Remilitarisierung und zieht eine Zwischenbilanz zur Arbeit des „antimilitaristischen Thinktanks“ IMI. Der Autor gibt hier seine eigenen Positionen wieder, die zwar zu großen Teilen, aber nicht überall (BSW, „Palästina-Solidarität“) einen Konsens in der Gruppe abbilden. (GWR-Red.) Die Informationsstelle Militarisierung (IMI) wurde vor 30 Jahren in Tübingen gegründet. Anlass waren damals erste, kleine Auslandseinsätze der Bundeswehr und die Aufstellung des Kommandos Spezialkräfte (KSK) im nahe gelegenen Calw, vor dem Hintergrund einer grundsätzlich eher pazifistischen Haltung von großen Teilen der deutschen Bevölkerung und Medien. Einige Friedensbewegte aus der Region erkannten damals eine Tendenz zur Militarisierung der deutschen Außenpolitik. Die gängige Parole der Friedensbewegung lautete in jener Zeit noch „Deutsche Waffen, deutsches Geld – morden mit in aller Welt“. Tatsächlich hatten (fast) alle Regierungen der BRD auch zuvor auf eine Stärkung der eigenen Souveränität und Rolle in den internationalen Beziehungen hingewirkt, zuvor aber unter dem skeptischen, wachsamen Auge der sogenannten Siegermächte, nicht nur aus dem Osten, und einem gesellschaftlichen Pseudo-Konsens des „Nie Wieder“, der auch antifaschistisch getragen war. Der Umbau zur Interventionsarmee ging nach dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag von 1990 relativ diskret vonstatten. Militärische Angelegenheiten wurden damals am ehesten noch auf den Lokalseiten der regionalen Tageszeitungen mit militärischen Liegenschaften behandelt – und uns meist noch per Post zugesendet. Auch die Veröffentlichungen neuer strategischer Dokumente der Bundeswehr, der NATO und zunehmend der EU waren damals kein großes Thema in der Presse, wurden von uns aber mit den lokalen Informationen zusammengeführt, um eben jene Tendenzen zur Militarisierung der deutschen Außenpolitik herauszuarbeiten und damit einer organisatorisch breit aufgestellten, von der Reichweite (und gefühlten Relevanz) her aber abnehmenden Bewegung zur Verfügung zu stellen. **Die Ära der Auslandseinsätze** Die Entwicklungen um die deutsche Beteiligung am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien und die NATO-Operationen infolge der Anschläge vom 11. September 2001 waren komplex und herausfordernd. Zusammenfassend und zugespitzt bestanden sie für uns darin, dass weite Teile der antifaschistischen und „grünen“ Linken einer globalen Rolle Deutschlands und der Bundeswehr zunehmend offen und propagandistisch zur Seite standen. Deutsche Soldat(*inn)en sollten plötzlich helfen, westliche Werte zu exportieren oder einen „neuen Holocaust“ verhindern. Es folgten gut fünfzehn Jahre, in denen wir uns mit den Absichten, der Relevanz und den Folgen deutscher Auslandseinsätze beschäftigt haben und mit den EU- und NATO-Strukturen, in die sie eingebettet waren. Den Ländern und Gesellschaften, in denen sie stattgefunden haben, konnten wir dabei in einer oft reflexhaften Analyse und Bewertung allenfalls ansatzweise gerecht werden. Das allerdings hatten wir mit den jeweiligen Planungsstäben in NATO, EU und Bundeswehr gemeinsam – und mit deren Propagandist*innen in Wissenschaft und Politik. Oft saßen wir in diesen Jahren mit Protagonist*innen der deutschen Aufrüstung auf Podien, die von „Verantwortung“ geredet haben, um die Präsenz (und den Tod) deutscher Soldat*innen im Kongo, in Mali, in Afghanistan usw. zu begründen. Rückblickend lässt sich feststellen: Mit „Verantwortung“ hatte das alles so gar nichts zu tun – Afghanistan hat jedoch echte Kriegserfahrung, echtes Heldengedenken, echten Militarismus zurück in die deutsche Gesellschaft gebracht. Was seit der von Bundeskanzler Scholz 2022 verkündeten „Zeitenwende“ passiert und diskutiert wurde, wäre ohne die scheibchenweise Re-Etablierung des deutschen Militarismus in der Ära der Auslandseinsätze schwer bzw. noch schwerer denkbar gewesen. Wir haben in diesen Jahren auch die EU-Militarisierung und NATO-Osterweiterung kri- tisiert und die Entstehung jener Netzwerke und Strukturen, die nun offenbar vollends das Ruder übernommen haben. Beispielhaft sei hier etwa das Projekt „Neue Macht – Neue Verantwortung“ genannt, das, von der Stiftung Wissenschaft Politik (SWP) und dem German Marshall Fund (GMF) initiiert, zahlreiche Thinktanks, Leitmedien, (Spitzen-)Politiker*innen und Industrieverbände darauf einschwor, dass Deutschland außenpolitische „Führung“ übernehmen und hierfür auch mehr militärischen Einsatz in die Waagschale werfen solle. Auch der Umbau der NATO-Strukturen, deren verstärkte Aufrüstung und zunehmende Schwerpunktverlagerung Richtung Osten war bei uns ein beständiges Thema. Wir warnten vor den geopolitischen Folgen der beständigen Versuche von Regime Change gerade auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR sowie einer angestrebten NATO-Mitgliedschaft der Ukraine und Georgiens. **„Kulturelle Zeitenwende“** Das waren zu jener Zeit Positionen, die auf Podien und in den Leitmedien unbeliebt, aber geduldet, im Sinne einer angestrebten Pluralität gelegentlich sogar erwünscht waren. Rüstungsexporte, die Auseinandersetzungen um die Anschaffung bewaffneter Drohnen oder die Rolle der Bundeswehr in Klassenzimmern und Unis sind Beispiele für Debatten, bei denen Leitmedien und auch regierungsnahe Institutionen teilweise offen für kontroverse Diskussionen und widerständige Positionen waren. Die IMI war über diesen Zeitraum für große Teile des linken Spektrums, die Friedensbewegung und teilweise auch darüber hinaus eine der ersten Adressen, um antimilitaristische Kampagnen mit Recherchen zu unterfüttern und entsprechende Positionen öffentlich zu vertreten. Mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine und der anschließenden Ausrufung der „Zeitenwende“ hat sich vieles verändert. Aufrüstung und Militarisierung haben sich seitdem in einem Umfang beschleunigt, den wir kaum für möglich gehalten hätten, ebenso wie die Verrohung der Debatten. Wir können das nicht belegen oder quantifizieren, aber aus unser täglichen Arbeit als „Informationsstelle“ und unseren vielfältigen Kontakten innerhalb der Friedensbewegung ergibt sich recht eindeutig das Bild, dass das vielen Menschen durchaus auch körperlich und psychisch auf die Gesundheit geschlagen hat. Einige verdienstvolle Mit-streiter*innen sind gerade in den ersten 15 Monaten nach dem 24. Februar 2022 aus dem Leben geschieden. Wir können die Kritik nachvollziehen, dass „Zeitenwende“ nur in Anführungsstrichen benutzt werden sollte, weil der Begriff inhaltlich nicht treffend ist – der deutsche Imperialismus ist schon früh nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg wiederauferstanden und hat sich spätestens nach der sogenannten „Wiedervereinigung“ zunehmend Bahn gebrochen. Aus unserer Sicht kann man aber zumindest von einer „kulturellen Zeitenwende“ sprechen, seit nicht nur pazifistische und antimilitaristische Positionen in den Leitmedien bis tief ins Feuilleton, lokale Kulturinstitutionen oder das vermeintliche politische Kabarett aggressiv und offen diffamiert werden, sondern auch dezent abwägende Positionen (keine Panzer oder keine Taurus in die Ukraine zu liefern) kampagnenartig lächerlich gemacht werden. Tatsächlich artikulieren konnten sich diese Positionen kaum noch. Auf der anderen Seite scheint plötzlich alles erlaubt: die Zusammenarbeit mit oder Verharmlosung von ukrainischen Faschisten, die positive Bezugnahme auf das deutsche „Rüstungswunder“, das Vokabular von „Kriegstüchtigkeit“ und „Abnutzungsraten“ von „Menschenmaterial“, Formulierungen wie „Der Truppe gehen die Indianer aus“, Werbung für Waffensysteme im Kinderfernsehen… Zugleich nahm die veröffentlichte Meinung letztlich postfaktische Züge an, etwa wenn es um die Erfolgsaussichten von Sanktionen, den bevorstehenden russischen Zusammenbruch, die Erfolgschancen der „Frühjahrsoffensive“ oder einer Rückeroberung der Krim ging – Zweifel hieran wurde reflexartig als Kreml-Propaganda zurückgewiesen und sanktioniert. **Polarisierung …** Kritik hieran wiederum schaffte es so gut wie nicht mehr in den leitmedialen Diskurs und fand entsprechend überwiegend in alternativen Medien und Filterblasen der „sozialen Medien“ Resonanz – in denen oft zugleich rechtsoffene oder verschwörungstheoretische Positionen geduldet wurden oder gar dominierten. Dasselbe galt für durchaus valide Argumente wie den Verweis auf die Vorgeschichte der NATO-Osterweiterung oder die simple Tatsache, dass mehr Waffen auch mehr Tote bedeuten. Diese massive Polarisierung erfasste auch vor allem institutionalisiertere linke Organisationen und wurde durch diese repetiert: Gewerkschaftsspitzen, Linkspartei und auch Attac übernahmen die Rede davon, dass es keinen „Siegfrieden“ geben dürfe, Putin bzw. Russland allein verantwortlich sei, die Ablehnung (selbst spezifischer) Waffenlieferungen „das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine“ leugne usw. Dies machte es umso leichter, entsprechende Positionen zu diffamieren und in die rechte Ecke zu stellen. Es war eine Zeit äußerst schwieriger Diskussionen um Bündnisse und Aufruftexte. Teile der klassischen Friedensbewegung strebten aus – einer durchaus berechtigten – Sorge vor einem nuklearen Armageddon möglichst breite, teilweise auch rechtsoffene Bündnisse an und versuchten offenbar, an die Empörung über den Umgang mit der Pandemie anzuknüpfen. Andere klassische Bündnispartner passten sich weitgehend dem leitmedialen Diskurs an. Antifaschistisch geprägte Strukturen mobilisierten oder hetzten im Einklang mit diesen gegen Friedensdemos, vermeintlich anarchistisch geprägte mobilisierten (im militärischen Sinne) für den Kampf in der Ukraine, während sich die AfD als Friedenspartei inszenierte. Die IMI galt – in unterschiedlichem Maße – für alle diese Spektren (außer natürlich die AfD) als eine Art Instanz, wurde gewissermaßen zum umkämpften Terrain. Wir versuchten, grob zusammengefasst, zu vermitteln, ohne Positionen (gegen Waffenlieferungen, Aufrüstung und NATO-Apologie) aufzugeben, breite Bündnisse zu ermöglichen, ohne rechte Positionen zu dulden – wo Rechtsoffenheit anfängt, war aber in der hektischen und hysterischen Debatte auch bei uns manchmal umstritten. **… und Neuorientierungen** Auch wenn sich die Aufrüstungsspirale weiter beschleunigt, hat sich zumindest die Verwirrung innerhalb der Bewegung(en) etwas beruhigt. Mit dem BSW hat sich eine neue Struktur gebildet, die der Weltkriegsgefahr auf parlamentarischer Ebene entgegenwirken will, ansonsten aber in ihren Positionen uneindeutig bis hoch problematisch rechtsoffen bleibt. Sie kommuniziert auf eignen Kanälen, und hat z. B. am 3. Oktober 2025 auf Demos mobilisiert, die zuvor schon links ausgerichtet waren – und trotzdem blieben. Das hat auch damit zu tun, dass in den vergangenen Jahren viele klassenkämpferische Organisationen gewachsen sind oder gegründet wurden, die Themen wie Aufrüstung und Wehrpflicht in jeder Hinsicht selbstverständlich und erfolgreich in den Mittelpunkt ihrer Mobilisierung stellen. Ihre klar antifaschistische Ausrichtung ist eine Entlastung gegen zwischenzeitlich durchaus existierende Querfront-Bemühungen, ihre – für die Mobilisierung gerade der jüngeren Generationen offenbar hilfreiche – recht bedingungslos wirkende „Palästina-Solidarität“ allerdings bisweilen befremdlich. Im leitmedialen Diskurs ist die Forderung nach „Verhandlungslösung“ vom Schmähbegriff zum Feld geopolitischer Auseinandersetzung (zurück-) verschoben. Die Reste der leider schrumpfenden Klimagerechtigkeitsbewegungung haben das Thema Rüstung durchaus auf dem Schirm. Auch in Linkspartei, Attac und von der Basis in die Gewerkschaftsspitzen setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass eine Vervielfachung der Rüstungsausgaben nicht zum Nulltarif zu haben ist und Sozialabbau impliziert. Die Wehrpflicht ist ein wirklich spürbarer Epochenbruch, der eine Generation betrifft, die nach Pandemie und Klimaprotesten eine geradezu notwendige politische Desillusionierung mitbringt, die durchaus Potential birgt. Auch die Kulturszene und Teile der Wissenschaft sind aus ihrer Schockstarre erwacht, gründen oder reorganisieren Strukturen, die sich von ihrem mittlerweile olivgrünen Milieu und dessen Bellizismus entschieden abgrenzen. Aus Sicht der IMI ergibt sich demnach – nach sehr schweren Jahren – zumindest ein gemischtes Bild. Die Rüstungsspirale beschleunigt sich derzeit ungebremst weiter. Zugleich wachsen und konsolidieren sich widerständige Bewegungen. Das ist eine wichtige Nachricht an diejenigen, die am leitmedialen Diskurs verzweifeln: Meist unterhalb der öffentlich-rechtlichen Wahrnehmungsschwelle wächst eine neu ausdifferenzierte Friedensbewegung. Fast täglich finden an Universitäten, vor Betrieben, Rekrutierungsbüros, „Bildungsmessen“, auf Straßen und Plätzen größere und kleine Proteste statt; fast jede Rodung und jeder Autobahnausbau oder der Bau neuer Rechenzentren wird mittlerweile im Kontext der Aufrüstung eingeordnet und kritisiert; in den Gewerkschaften rumort es. Allen, die gerade am leitmedialen Diskurs verzweifeln, würde ich wünschen, mal einen Tag unseren Posteingang zu sichten. Da passiert viel! **Selbstfindung in einer wachsenden Bewegung** Früher war Militär ein Thema auf den Lokalseiten der lokalen Tageszeitungen. Damals waren wir fast die einzigen, die über eine neue Sicherheitsstrategie oder den Ausbau einer Kaserne berichtet haben. Idealtypisch zugespitzt haben wir per Post eine Zeitungsseite bekommen, die dann im Internet zitiert und kritisch eingeordnet. Im Vergleich zu heute war das fast „gemütlich“, im Rahmen einer ehrenamtlichen Tätigkeit oder nebenberuflichen Tätigkeit zu machen. Heute findet Militärpolitik alltäglich auf den Titelseiten statt, sorgfältig orchestriert und von einem Heer an „Expert*innen“ kommentiert. Früher konnten wir quasi auf jeden kleinen, neuen Schritt der Militarisierung reagieren, ihn einordnen und kritisch kommentieren. Heute erfolgen fünf Schritte gleichzeitig: neues EU-Papier, neue Sicherheitsstrategie, neues Rüstungsprojekt, autonome Kamikazedrohnen. Wir können nicht bei jedem dieser Themen ihrer „Expertise“ unsere „Expertise“ entgegensetzen. Anderes Beispiel: Seit Jahren schon finden quasi täglich Truppenbesuche bei Bildungsmessen oder Vorträge von Jugendoffizieren an Schulen und Unis statt. Gelegentlich wurden wir eingeladen, um da ein Gegengewicht zu bilden (im Falle von Schulen oft ohne ein Budget auch nur für die Anfahrt). Das passiert nun quasi wöchentlich – eben weil es mehr Widerstände und Organisierung gibt. Hinzu kommen nun die Themen Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung. Als „Informationsstelle Militarisierung“ sind wir ein früher Treffer in der Suchmaschine – haben da allerdings nur begrenzte Kompetenzen. Im Kontext von Zeitenwende und massiv wachsender Bewegung stellt sich für uns aktuell mit Dringlichkeit die Frage: Was sind unsere Kompetenzen, was sind unsere Schwerpunkte, was können wir bedienen und auch nicht? Als spendenbasierter und ehrenamtlich getragener Verein werden wir absehbar keine gutbezahlten Stellen bieten können, die auch Sicherheit bieten. Wir müssen uns in einer durchdrehenden Kriegswirtschaft und einer wachsenden Bewegung neu finden und auf gewisse Kompetenzen fokussieren und diese Diskussion führen müssen. Wenn die Leser*innen der GWR und unsere Mitglieder dazu Anregungen haben, dann gerne unter dem Betreff „Wandel“ an imi@imi-online.de. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** IMI-Homepage: https://www.imi-online.de/
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#Gwr504 #FreeMaja Schon zwei Jahre im Knast, kein Ende in Sicht Antifaschist*in Maja drohen in Budapest 24 Jahre Haft Silke www.graswurzel.net/gwr/2025/12/scho…
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Schon zwei Jahre im Knast, kein Ende in Sicht
Der Fall ist Teil des Budapest-Komplexes, einer internationalen Verfolgungswelle gegen Antifaschist*innen: Seit rund eineinhalb Jahren sitzt die non-binäre Person Maja in Budapest unter menschenunwürdigen Bedingungen in Untersuchungshaft. Seit dem Frühjahr läuft der offen politisch motivierte Prozess, in dem es um körperliche Auseinandersetzungen mit Nazis Anfang 2023 in der ungarischen Hauptstadt geht. Für Januar 2026 wird ein Urteil erwartet, das bis zu 24 Jahre Haft betragen kann. Anlass für die grenzüberschreitende staatliche Hetzjagd auf Antifaschist*innen waren antifaschistische Aktionen in der ungarischen Hauptstadt Anfang Februar 2023. Jedes Jahr findet dort – wohlwollend geduldet von den Behörden – das NS-glorifizierende Großevent „Tag der Ehre“ statt, der größte europäische Naziaufmarsch. Zu den Gegenprotesten reisen jedes Jahr Antifaschist*innen aus verschiedenen Ländern an. Im Februar 2023 kam es am Rand der faschistischen Großveranstaltung zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Nazis und mehreren Antifaschist*innen. Die ungarischen Behörden verhafteten drei linke Aktivist*innen noch in Budapest und verfolgten weitere Beschuldigte mit Europäischem Haftbefehl und Öffentlichkeitsfahndungen. Aus Angst, an das ungarische Rechtsaußen-Regime ausgeliefert zu werden, tauchten die meisten Betroffenen unter. Die meisten im Budapest-Komplex Beschuldigten stammen aus Deutschland, und die hiesigen Behörden nutzten das als willkommene Gelegenheit für ihre eigene Repressionsagenda gegen antifaschistische Strukturen. Zahllose Überwachungsmaßnahmen und Hausdurchsuchungen sollten das soziale und politische Umfeld der Untergetauchten durchleuchten und einschüchtern. Die Familien wurden immer wieder drangsaliert und mit brutalen Polizeieinsätzen terrorisiert. Offensichtlich sollten die Gesuchten auf diese Art gezwungen werden, sich zu stellen. Dass die deutschen Behörden aber eine Zusicherung verweigerten, sie nicht an Ungarn auszuliefern, hielt die Untergetauchten lange davon ab. Während andere EU-Staaten eine Auslieferung beschuldigter Antifaschist*innen an Ungarn ablehnen und darauf verweisen, dass dort keine rechtsstaatlichen Minimalstandards herrschen, hatten die hiesigen Behörden keinerlei Skrupel. **Rechtsbrüche und unmenschliche Haftbedingungen** Dass es nicht bei einer bloßen Drohung bleibt, zeigt der Fall Maja. Die non-binäre Person aus Jena war ebenfalls im Budapest-Komplex beschuldigt und untergetaucht. Vor rund zwei Jahren – am 11. Dezember 2023 – wurde Maja in Berlin verhaftet und kämpfte von da an ununterbrochen dagegen, an das offen queerfeindliche und rechtsautoritäre Regime unter Viktor Orbán ausgeliefert zu werden. Am Abend des 27. Juni 2024 ermöglichte das Berliner Kammergericht die Überstellung, doch für den nächsten Morgen wurde ein Beschluss des Bundesverfassungsgerichts erwartet. Die Berliner Behörden nutzten die verbleibenden Stunden für eine rechtswidrige Nacht-und-Nebel-Aktion und verschleppten Maja nach Ungarn. Als das höchste Gericht am Vormittag des 28. Juni 2024 die Auslieferung untersagte, saß die non-binäre Person bereits im Budapester Untersuchungsgefängnis. Trotzdem lässt sich Maja nicht entmutigen und meldet sich regelmäßig mit Grußworten und Briefen zu Wort. Die Zustände im Untersuchungsgefängnis sind wie erwartet katastrophal: „Ich musste über sieben Monate außerhalb meiner Zelle immer Handschellen tragen, teilweise auch in meiner Zelle, egal ob beim Einkaufen, bei Skype-Telefonaten oder bei Besuchen. Die Beamten führen stündlich eine Sichtkontrolle in meiner Zelle durch, auch nachts, und dabei schalten sie immer das Licht an“, berichtete Maja im Sommer 2025. „Ich muss Intimkontrollen über mich ergehen lassen, bei denen ich mich komplett zu entkleiden habe. Besuche fanden in getrennten Räumen statt, wo ich von meinen Familienangehörigen, Anwälten und offiziellen Vertreter:innen durch eine Trennscheibe getrennt wurde.“ Das Essen ist ungesund, die Duschgelegenheit mangelhaft. In die Zelle, in der es von Bettwanzen und Kakerlaken wimmelt, dringt kaum Tageslicht. Vor allem aber wird die non-binäre Person in harter Langzeit-Einzelhaft gehalten, der Kontakt zu anderen Gefangenen ist stark eingeschränkt und beträgt maximal eine Stunde am Tag. Gegen diese unhaltbaren Zustände trat Maja im Juni 2025 in einen rund sechswöchigen Hungerstreik. Zentrale Forderungen waren, zurück nach Deutschland oder zumindest aus dem Untersuchungsgefängnis in Hausarrest verlegt zu werden. Außerdem verlangte Maja bessere Haftbedingungen, insbesondere ein Ende der Isolation. Nach mehreren Wochen nahmen die körperlichen Folgen lebensbedrohliche Ausmaße an, und Maja beendete den Hungerstreik selbstbestimmt. Diese Aktion schuf nochmals starke internationale Öffentlichkeit. In vielen Städten und Ländern fanden Solidaritätsaktionen statt, breite gesellschaftliche Kreise protestierten gegen Majas Behandlung, und einige deutsche Politiker*innen reisten zu einem Besuch nach Ungarn. Konkrete Verbesserungen im Haftalltag wurden aber nicht erreicht: Als Maja im Spätsommer aus dem Haftkrankenhaus zurück nach Budapest verlegt wurde, herrschten die gleichen Zustände wie zuvor, und nach wenigen Tagen wurde eine äußerst gewalttätige mehrstündige Nacktkontrolle durchgeführt. Die Anträge der Anwälte, Maja in Hausarrest zu überführen, lehnt das Gericht auch weiterhin regelmäßig ab – zuletzt Anfang Oktober 2025. Der Richter begründete die Entscheidung damit, dass die zahlreichen Solidaritätsaktionen die Zugehörigkeit zur „antifaschistischen Organisation“ belegten, die in Ungarn ja inzwischen als „Terrororganisation“ eingestuft wird. Außerdem, so das Gericht, sei der Hungerstreik ein Zeichen dafür, dass Maja die ungarische Justiz nicht anerkenne! **Politischer Prozess in Budapest** Parallel läuft seit dem Frühjahr 2025 der Prozess vor dem Budapester Landgericht, zu dem Maja jedes Mal in Ketten und an einer Hundeleine gebracht wird. Schon im Vorfeld ließen Gefängnisverwaltung und Justiz kaum eine Möglichkeit aus, um eine gute Vorbereitung zu verhindern: Gespräche mit der Verteidigung fanden durch eine Trennscheibe und unter weiteren Einschränkungen statt, Maja konnte nur einen Bruchteil der umfangreichen Akte einsehen – von der nicht einmal ein Zehntel auf deutsch übersetzt wurde. Beim Vorverhandlungstermin am 21. Februar 2025 zeigten die Repressionsbehörden unverblümt, dass die Entrechtung und Demütigung die Beschuldigten brechen sollen. Die Staatsanwaltschaft bot einen absurden „Deal“ an: Bei Ablegung eines Geständnisses sowie Verzicht auf Beweiserhebung und Prozess würde sich das Strafmaß auf „nur“ 14 Jahre unter verschärften Bedingungen beschränken – statt der angedrohten Maximalstrafe von bis zu 24 Jahre Gefängnis. Maja wies diesen „Deal“ entschieden zurück. > _**Die meisten im Budapest-Komplex Beschuldigten stammen aus Deutschland, und die hiesigen Behörden nutzten das als willkommene Gelegenheit für ihre eigene Repressionsagenda gegen antifaschistische Strukturen.**_ Seit 6. März finden die regulären Verhandlungstermine statt, bei denen sich regelmäßig solidarische Unterstützer*innen vor dem Gericht versammeln und auch am Prozess teilnehmen. Dabei erfahren sie immer wieder Repressalien: Die Zugangskontrollen sind extrem, und die Solidaritätskundgebungen werden mit Auflagen und Verboten schikaniert. Hinzu kommen Angriffe durch Nazis, die von der ungarischen Polizei wohlwollend geduldet werden. Lange Zeit galt als sicher, dass das Urteil gegen Maja im Oktober 2025 verkündet wird. Nachdem aber Ende September der erste Prozess im Budapest-Komplex vor einem deutschen Gericht endete, wollte die ungarische Justiz diese Akte noch mit einfließen lassen und setzte eine Verhandlungspause bis Anfang 2026 an. Aktuell wird für den 22. Januar mit dem Urteil gegen Maja gerechnet. Allerdings ist auch denkbar, dass es sich noch einmal verzögert: Als antifaschistische und non-binäre Person ist Maja das perfekte Feindbild für Viktor Orbán, der in seinem bevorstehenden Wahlkampf sicher gerne darauf zurückgreift. Von daher kann es durchaus sein, dass er das Gericht anweist, den Prozess zu verlängern – nicht einmal die EU hält Ungarns Justiz für auch nur halbwegs unabhängig. **Prozesse in Deutschland** Parallel geht die Repression auch in Deutschland weiter: Nachdem das Bundesverfassungsgericht die Auslieferung von Maja nachträglich für unrechtmäßig erklärt hatte, begann die Bundesanwaltschaft, Prozesse vor deutschen Gerichten zu planen. Nach und nach waren mehrere Antifaschist*innen verhaftet worden, acht weitere stellten sich im Frühjahr 2025 und wurden direkt in Untersuchungshaft genommen. Dadurch ist die Zahl der Antifaschist*innen in hiesigen Gefängnissen so hoch wie seit Jahrzehnten nicht. Den Auftakt machte das Verfahren gegen Hanna aus Nürnberg, die im Mai 2024 in ihrer Nürnberger Wohnung verhaftet und ebenfalls im Budapest-Komplex beschuldigt wurde. Über sechs Monate wurde vor dem Oberlandesgericht München verhandelt und trotz aller Bemühungen kein Beweis produziert. Selbst groteske Methoden wie unwissenschaftliche Körpervermessungen halfen nicht weiter, aber das zügelte den Verurteilungswillen nicht im Geringsten: Der Generalbundesanwalt warf der Antifaschistin sogar versuchten Mord vor und forderte acht Jahre Haft. Zwar wies das Gericht den Mordvorwurf zurück, aber verhängte dennoch fünf Jahre – auf Grundlage einiger dürrer und widersprüchlicher Indizien. In den kommenden Monaten finden noch weitere Budapest-Prozesse gegen Antifaschist*innen statt: In Dresden werden sieben, in Düsseldorf sechs Aktivist*innen wegen des Vorfalls im Februar 2023 vor Gericht gestellt, und weitere Prozesse sind absehbar. Bei einigen Angeklagten kommen noch Vorwürfe aus dem Antifa-Ost-Verfahren hinzu. Sowohl in Deutschland als auch in Ungarn wird der Budapest-Komplex ganz offensichtlich genutzt, um abschreckende Exempel zu statuieren und Antifaschist*innen einzuschüchtern. Das Signal ist klar: Wer engagiert gegen Nazis auftritt, hat mit schwersten Strafen zu rechnen. Umso wichtiger ist, sich solidarisch zu zeigen und die Betroffenen zu unterstützen – durch Beteiligung an Kundgebungen, Spenden für Prozesskosten und Postkarten an die Gefangenen! Gute Hinweise gibt die Kampagne „Wir sind alle Antifa“, die die Rote Hilfe e. V. angesichts dieser Repressionswelle gestartet hat. **Solidarität gegen Mutlosigkeit** Trotz dieser Verfolgungen versuchen die Antifaschist*innen, sich nicht entmutigen zu lassen. Ein beeindruckendes Statement verfasste Maja im Februar angesichts der Anklageschrift und der drohenden Höchststrafe, die das eigene Alter übersteigt: „Auch wenn Ungarn mich weiterhin gefangen hält, im bloßen Willen, mich vorzuverurteilen, zu bestrafen und abzuschrecken, während die Bundesregierung schüchtern nickend Orbán die Hände hält, auch wenn die Isolation meinen Kopf zermürbt, die fehlende Sonne mich erblassen lässt und die Sehnsucht nach einem vertrauten Gespräch und einer einzigen Umarmung mich nachts aus dem Schlaf reißt – ich bleibe da, ich bleibe an eurer Seite. Lasst es uns immer wieder wagen, nicht zu verstummen, auch wenn die Monate und Jahre manchmal drohen, alle Hoffnung und das Vertrauen auf die eigenen Kräfte zu zersetzen. Verzagen können wir nicht, es wäre fatal. Zu viel steht auf dem Spiel, so viel ist bereits wieder ins Rutschen geraten, was einst erkämpft und erlernt wurde.“ Weitere Informationen unter: basc.news alle-antifa.org **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 29/01/2026
#GWR504 Stadt ohne Obdach Dortmunds Polizeichef will Obdachlosen das Leben in der Innenstadt „so unbequem wie möglich machen“ ZoaZoa www.graswurzel.net/gwr/2025/12/stad…
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Stadt ohne Obdach
Der öffentliche Raum ist längst kein Ort für alle. Er wird kuratiert, kontrolliert, verwertet – so wie alles im Kapitalismus. Zwischen schicken Glasfassaden, Konsum und Sicherheitsdiensten zeigt sich, wer dazugehören darf und wer stört. In einer Pressemitteilung vom 26. Oktober 2025 (1) ließ der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange alle Masken fallen und erklärte, dass er die Vertreibung von Obdachlosen und hilfsbedürftigen Menschen aus der Innenstadt als polizeiliche Aufgabe ansieht. „In Hilfsangebote hineindrängen und aus der Innenstadt fernhalten“, so der Masterplan. Man wolle es ihnen „so unbequem wie möglich“ machen. Die Dortmunder Polizei rennt damit in Politik und Verwaltung offene Türen ein. Denn das Dortmunder Sozialamt erklärte bereits letztes Jahr, „Obdachlosigkeit im Winter sei eine freiwillige Entscheidung“, und Bürgermeister Alexander Kalouti (CDU) hetzte bereits in seinem Wahlkampf gegen obdachlose Menschen. Eine als Ordnungspolitik getarnte ästhetische Säuberung des öffentlichen Raums. Nicht die Existenz von Leid ist das Problem, sondern die durch das Leid verursachte Störung der kapitalistischen Inszenierung von Sauberkeit, Konsum und Wohlstand. Willkommen ist nur, wer funktioniert und konsumiert. Doch wer vom System vernachlässigt wurde und dadurch dessen Scheitern verkörpert, wird aus dem Sichtfeld der Bürgerschaft entfernt. Diese Politik ist die konsequente Ausdrucksform eines autoritären Neoliberalismus, der das Elend, das er selbst produziert, vertreibt und bestraft. Der Staat und seine Callboys in Uniform agieren nicht als Schützer sozialer Sicherheit, sondern als Gewaltapparat zur Aufrechterhaltung kapitalistischer Verwertungslogik. Sie schützen keine Menschen, sondern Eigentumsverhältnisse. Zur Not auch mit tödlicher Gewalt, wie 2024, als die Dortmunder Polizei einen Menschen ohne Obdach und in psychischer Krise erschossen hat. Bettelverbote und Repressionen gegen von Armut betroffene Menschen sind keine Schutzmaßnahmen, sie sind soziale Kontrolle. Die unterlassene Hilfeleistung des Staates wird vertuscht, indem man die Opfer schuldig spricht. Sie gelten nicht als Zeichen eines Systemversagens, sondern als Störfaktor, als Sicherheitsrisiko, als Abweichung von der bürgerlich-kapitalistischen Norm. Denn im Kapitalismus gilt: Wer fällt, fällt tief und das bitte lautlos. Wer sich widersetzt und trotz Verbots weiterhin „aggressiv“ bettelt, aka nach Geld fragt, dem droht die Stadt mit 250 Euro Strafe. 250 Euro für den Versuch, an ein bisschen Kleingeld zum Überleben zu kommen. Wer das nicht zahlen kann, dem droht die Ersatzzwangshaft. Erst brechen, dann kriminalisieren und am Schluss wegsperren. > _**Die unterlassene Hilfeleistung des Staates wird vertuscht, indem man die Opfer schuldig spricht.** _ Hobbes‘ Leviathan lebt und frisst sich satt an denen, die wenig haben. Die Stadt Dortmund ist hier aber kein Einzelfall. Erst vor kurzem verhängte auch Darmstadt ein Bettelverbot mit der Begründung, man wünsche sich eine „respektvolle Atmosphäre“. Das Leid und die Armut anderer als respektlos zu framen, könnte aus dem Mund des Bösewichts eines dystopischen Romans kommen, kommt aber von Paul Georg Wandrey (CDU). Feindlichkeit gegenüber Menschen ohne Obdach ist längst in Beton und Stahl gegossene Politik „Hostile Architecture“, der Lieblingsstil vieler Städte: Stacheln auf freien Flächen, geteilte Bänke, geneigte Sitzflächen – alles, um Menschen daran zu hindern, sich den öffentlichen Raum anzueignen. Denn auch Arme, darunter häufig migrantisierte Menschen, nutzen den öffentlichen Raum als Aufenthaltsort. Wer keinen Garten hat, geht in den Park oder die Innenstadt. Doch viel zu viele Bereiche des öffentlichen Lebens unterliegen der Marktlogik des Kapitalismus. Aufenthalt ja, aber nur wer Geld hat. Design wird zur Waffe des Bürgertums im Klassenkampf, der städtische Raum zur Bühne einer autoritären Ästhetik der Ausgrenzung. Wehe dem, der diese Inszenierung stört. Zwischen Kaufrausch, Luxusindustrie, eskapistischem Billigkonsum und Coffee-to-go aus der neoliberalen Lieferkette inszeniert sich das deutsche Kleinbürgertum für einen kurzen Moment als Teil der Oberschicht. Menschen ohne Obdach, Arme und Hilfsbedürftige stören diese sorgsam kuratierte Atmosphäre. Sie erinnern daran, dass der Wohlstand nicht allen gehört. Wer stört, zeigt, dass es anders sein könnte. Und wehe dem, der von einer sozialeren Gesellschaft träumt. Die Ironie: Jetzt im Winter besingt die bürgerlich-christliche Gesellschaft wieder den Heiligen Martin, zieht mit Laternen durch die Straßen und feiert die Nächstenliebe. Was die wenigsten wissen: Der Mann im Martinslied war ein aggressiver Bettler, der den gütigen Martin mit den Worten „Ach helft mir doch in meiner Not, sonst ist der bittere Frost mein Tod“ förmlich bedrängte. Heute wäre er wohl polizeilich bekannt, aus der Innenstadt verwiesen oder in einer Ausnüchterungszelle gelandet. Nichts mit geteiltem Mantel, das wäre ja praktisch schon Sozialismus – und wo würden wir denn da bloß hinkommen. Oder, Herr Kalouti? (1) Siehe: https://www1.wdr.de/nachrichten/ruhrgebiet/polizei-obdachlose-innenstadt-dortmund-100.html Zoa Zoa ist feministische Aktivist*in und Künstler*in. Kontakt: zoffundzoa@gmail.com **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**
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#GWR504 gegen das vergessen Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus Ein Gespräch mit dem deutsch-namibischen Politikwissenschaftler Henning Melber Interview: Bernd Drücke und Markus Beinhauer www.graswurzel.net/gwr/2025/12/der-…
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Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus
Den meisten Menschen dürfte kaum bekannt sein, dass das Deutsche Kaiserreich von 1884 bis 1914 das viertgrößte überseeische Kolonialreich der Welt war. Henning Melbers Buch „Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus“ kann dazu beitragen, die Wissenslücken zu schließen. Es ist im Oktober 2025 in deutscher Übersetzung im Unrast Verlag erschienen. Der Politikwissenschaftler und Soziologe Dr. Henning Melber wurde 1950 in Stuttgart geboren. Als jugendlicher Auswanderer kam er mit Mutter und Bruder nach Südwestafrika/Namibia, wo er 1974 der Befreiungsbewegung SWAPO (South-West Africa People’s Organisation) beitrat. Nach der Unabhängigkeit leitete er ein politikberatendes Forschungsinstitut. Aus Enttäuschung über die Grenzen der Befreiung wechselte er 2000 nach Uppsala, wo er Forschungsdirektor des Nordic Africa Institute und Direktor der Dag Hammarskjöld Foundation war. Er ist außerordentlicher Professor an der Universität Pretoria und der Uni des Freistaats in Bloemfontein. Im Gespräch mit Bernd Drücke und Markus Beinhauer geht es um den deutschen Kolonialismus, Solidarität und Utopien jenseits von Herrschaft, Militarismus und Gewalt. Die 65minütige Radio-Graswurzelrevolution-Sendung, inklusive der ungewöhnlichen, von Henning Melber ausgesuchten und kommentierten Musik, wurde am 30. Oktober 2025 auf Antenne Münster gekürzt erstausgestrahlt und kann ungekürzt in der NRWision-Mediathek (1) gehört werden. Wir veröffentlichen Auszüge aus dem Gespräch in nahezu unverändertem Originaltext. (GWR-Red.) **Bernd Drücke: Gestern hast du dein neues Buch „Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus“ in Essen vorgestellt. Heute Abend stellst du es in der Volkshochschule Münster vor. Was kannst du uns zum Inhalt erzählen? Wie war deine gestrige Lesung und was erwartet uns heute Abend?** **Henning Melber:** Es ist formal betrachtet ein fachwissenschaftliches Buch, also 60 Seiten Anmerkungen und viele Literaturhinweise. Es ist, hinter dieser Fassade, ein sehr persönliches Buch, was ich auch vorab erkläre. Es ist meine Beschäftigung mit dem, was meine eigene Identität mitgeformt hat und von dem ich unterstelle, dass es subkutan in den Identitäten aller Deutschen vorhanden ist, auch wenn es nicht auf der Ebene des Bewusstseins stattfindet. Es ist kein geschichtliches Thema. Es ist ein Thema der Gegenwart und entsprechend sind die Inhalte. Sie fangen an mit einer Selbstreflexion, mit einem Bilanzieren der aktuellen Situation, gehen dann über auf die Gewaltgeschichte seit der Aufklärung, die in Völkermord gipfelte. Dabei betone ich auch, dass es kein eurozentrisches Gewaltmonopol geblieben ist, sondern Völkermord auch in anderen Teilen der Erde inzwischen stattfindet, wie also aus Unterdrückten Unterdrücker werden. Das geht dann in eine ausführlichere Beschreibung der deutschen Kolonien über, um dann zu schildern, wie der Kolonialismus im Deutschen Kaiserreich sich ausprägte, schon mit ausdrücklichem Verweis auf Afrikanerinnen und Afrikaner in Deutschland, die für mich immer zum Teil des Narrativs gehören. Dann leite ich über zur NS-Zeit und dem Kolonialismus. Danach geht es um die Bearbeitung beziehungsweise Verdrängung des deutschen Kolonialismus in den beiden deutschen Staaten DDR und Bundesrepublik. Danach dann, ab der 1990er Jahre, geht es um die zunehmende Sensibilisierung von Teilen der Gesellschaft dank postkolonialer Initiativen, dank neuerer kolonialhistorischer Forschungen, nicht zuletzt dank afro-deutscher Initiativen, um die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus in seiner Bedeutung auch für die Gegenwart in das öffentliche Bewusstsein zu bringen. Das wird dann anhand des Beispiels Deutschland und Namibia vertieft, wo im Moment ja die Verhandlungen über die Anerkennung des Völkermords seit 2015 immer noch laufen. Sie enden dann in einer aktuellen Bilanzierung, die ein Sowohl-als-auch abwägt, wir haben es nämlich vermocht, uns in den öffentlichen Diskurs einzubringen und werden konfrontiert mit einem Backlash, nämlich dieser rassistischen White Supremacy, die um sich haut im Moment. Ich versuche dann etwas zweckoptimistisch zu argumentieren. Wir haben etwas erreicht, denn wir haben diesen weißen Rassisten Angst gemacht, deswegen schlagen sie so um sich. Ich gebe zu, dass es etwas hilft, sich zu behaupten. Ob es dann wirklich stimmt, das müsste man noch abwarten, aber das ist so ungefähr die Quintessenz des Buches. Zu der deutschen Übersetzung, die nicht in meiner Sprache ist, eine interessante Erfahrung: Ich lese einen Text von mir in der Sprache eines Übersetzers, dessen intellektuelles Eigentum diese Übersetzung ist. Das ist nicht meine Sprache und ich habe darauf verzichtet, das abzugleichen. Ob ich das so oder anders formuliert hätte? In vielen Nuancen hätte ich es vermutlich anders formuliert. Ich habe zu diesem Buch noch ein aktuelles Kapitel auf dem Stand von August 2025 ergänzt, um auch jetzt die Entwicklungen in dieser neuen Koalitionsregierung nochmal aufzugreifen. Die Vorstellung gestern in Essen war ausverkauft. Die Buchhandlung Proust hatte Tickets angeboten. Die Buchhandlung war mit 50 bestuhlten Plätzen überfüllt, 20 Leute waren zugeschaltet. Es war, was die Engländer „preaching to the converted“ nennen. Zumindest hat sich niemand zu erkennen gegeben, der oder die völlig anderer Meinung wäre. Ein Schwerpunkt, was mir besonders gut gefallen hat, lag durch ein Co-Referat einer Wissenschaftlerin aus Hagen auf postkolonialen Initiativen im Ruhrgebiet, so dass auch Teile der Diskussion sich eigentlich damit beschäftigten: Wie geht man diesem Thema in der Region zu Leibe? Heute Abend mache ich es mit René Aguigah zusammen. Das ist schön. Mit ihm zusammen hatte ich schon in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin vor fast genau einem Jahr das 2024 erschienene englische Buch „The Long Shadow of German Colonialism. Amnesia, Denialism and Revisionism“ vorgestellt. Damals waren es über 100 Leute, die kamen. Ich bin gespannt, wie viele es heute Abend sein werden. [Anm. der GWR-Red.: Es kamen über 160 Teilnehmer*innen]. **Bernd: Ich freue mich auch auf die Musik, die du heute für uns ausgesucht hast. Was hören wir jetzt?** **Henning** : Als erstes eine kleine Provokation, zumindest war sie so gedacht, die aber einen sehr persönlichen Grund hat. Ich habe als Eröffnungslied, Zuhörerinnen und Hörer mögen staunen, Udo Jürgens gewählt, mit einem Lied von 1968, mit dem Titel „Ich glaube“. Das hat den folgenden Grund, dass Udo Jürgens 1969 in der Aula der Deutschen Höheren Privatschule in Windhoek zwei ausverkaufte Konzerte gegeben hat. Ich war damals in der Abiturklasse und konnte als Platzanweiser umsonst beide Konzerte hören. Udo Jürgens hat bei beiden Auftritten dieses Lied „Ich glaube“ gesungen, in dem eine Zeile vorkommt, die heißt: „Ich glaube, dass die Haut und ihre Farben den Wert nicht eines Menschen je bestimmt.“ In der Art, wie er es vortrug, wurde deutlich, dass er sich absolut bewusst war, dass er in einem Land der Apartheid diese Zeile vorträgt. An beiden Abenden gab es eine Person in der abgedunkelten Aula, die da spontan geklatscht hat. Das war für mich in beiderlei Hinsicht ein Beispiel von Zivilcourage, das mich seither sehr beeindruckt hat. Ich dachte, das sollte man auch denen zumuten, die vielleicht die Nase rümpfen bei dem Namen und sagen „bürgerlich liberal“. – Vielleicht, aber so what? Udo Jürgens hat bis zu seinem letzten Konzert „Ich glaube“ vorgetragen und ich zolle ihm dafür Respekt. **Bernd: Ja, dann hören wir mal rein.** „Ich glaube“ (Auszüge): „Ich glaube, dass der Acker, den wir pflügen // Nur eine kleine Weile uns gehört // Ich glaube nicht mehr an die alten Lügen // Er wär auch nur ein Menschenleben wert // Ich glaube, dass den Hungernden zu speisen // Ihm besser dient als noch so kluger Rat // Ich glaube, Mensch sein und es auch beweisen // Das ist viel nützlicher als jede Heldentat // Ich glaube, diese Welt müsste groß genug Weit genug, reich genug für uns alle sein // Ich glaube, dieses Leben ist schön genug Bunt genug, Grund genug sich daran zu erfreuen // Ich glaube, dass man die erst fragen müsste // Mit deren Blut und Geld man Kriege führt // Ich glaube, dass man nichts vom Krieg mehr wüsste // Wenn wer ihn will, ihn auch am meisten spürt // Ich glaube, dass die Haut und ihre Farben // Den Wert nicht eines Menschen je bestimmt // Ich glaube niemand brauchte mehr zu darben // Wenn auch der geben wird, der heut nur nimmt …“ **Bernd: Ja, das war jetzt tatsächlich Udo Jürgens, das erste Mal bei Radio Graswurzelrevolution!** **Henning** : Überraschung! **Bernd: Also, das hätte ich nicht gedacht, das war ja wirklich auch antimilitaristisch, das war antirassistisch. Ich bin positiv überrascht.** **Henning** : Das war der gewünschte Effekt. **Bernd: 1974 bist Du in Namibia Mitglied der SWAPO geworden. Du warst über 50 Jahre aktiv in dieser Befreiungsorganisation und bist im Sommer 2025 ausgetreten. Kannst Du ein bisschen zur Geschichte der SWAPO erzählen? Warum bist du Mitglied geworden? Und warum bist du ausgetreten?** **Henning** : Die SWAPO war die antikoloniale Befreiungsbewegung für Namibia. Die gründete sich 1960. In dem Jahr, als wir nach Namibia auswanderten, hatte die SWAPO den bewaffneten Befreiungskampf aufgenommen. Als ich mit der Schule zu Ende war in Windhoek, war für mich Namibia die Heimat geworden. Um in einer Heimat ein Bleiberecht zu haben, muss man etwas dafür tun. Das war, auf eine Kurzformel gebracht, das entscheidende Motiv dafür, dass ich 1974 der SWAPO beigetreten bin, um mir sozusagen ein Recht zu erwerben, in diesem Land eine Zukunft zu haben. „Der Krieg formt seine Leute.“ Das war auch schon ein Thema ab und zu in der Graswurzelrevolution, auch von mir, und es ist nicht nur positiv zu verstehen. Ein bewaffneter Befreiungskampf hat das Potenzial, aus Opfern Täter zu machen, oder macht sie eigentlich auch zu Tätern, wenn der Befreiungskampf erfolgreich sein will. In der SWAPO gipfelte das in Menschenrechtsverletzungen in den eigenen Reihen, die in den 1980er Jahren eskalierten, indem Tausende von SWAPO-Angehörigen im Exil inhaftiert wurden unter dem Verdacht und Vorwurf, für Südafrika zu spionieren. Unter Folter wurden Geständnisse abgepresst und andere belangt. Es gab nie eine auch nur halbwegs faire Güterabwägung, ob diese Vorwürfe zutreffend sind. Die meisten dieser Betroffenen waren einfache Flüchtlinge, wo man sagen würde: Was für ein Interesse hätte Südafrika an denen gehabt? Vermutlich waren die wirklichen Spione diejenigen, die Bestandteil waren dieser internen Repression. Das wurde mit der Unabhängigkeit bekannt und war für mich seither sehr belastend in meinem Bewusstsein, weil ich in der Situation darum wissend das zwar kritisiert habe, aber mich nicht in der Lage sah, deswegen aus der SWAPO auszutreten. Nach 14 Jahren Einreiseverbot hatte ich das Bedürfnis, nach Namibia zurückzukehren und, wie ich dachte, dazu beizutragen, dass wir wirklich die bessere Gesellschaft machen. Das erwies sich als Trugschluss und führte zehn Jahre danach dazu, dass ich vor Ort das Handtuch warf, aber in der SWAPO blieb, schon damals als einer der lautstarken Kritiker, aber immer unter Verweis, dass sich das als SWAPO-Mitglied tue, um zu unterstreichen, dass auch das eine SWAPO-Position ist. > _**Ein bewaffneter Befreiungskampf hat das Potenzial, aus Opfern Täter zu machen, oder macht sie eigentlich auch zu Tätern, wenn der Befreiungskampf erfolgreich sein will.**_ Ich kritisiere die ehemalige Befreiungsbewegung aufgrund der Werte, aufgrund derer ich Mitglied dieser Bewegung geworden bin. Nun starb im August 2025 Solomon Hawala, der sich den Namen „Schlächter von Lubango“ erworben hatte. Das soll heißen, dass er der Oberkommandierende war, der verantwortlich war für die Folterungen, für die Hinrichtungen, für die elendige Behandlung der Gefangenen, der selbst hundertfach gemordet hat, der nach der Unabhängigkeit zum führenden Mann des Sicherheitsregimes wurde, der 2014 dann pensioniert wurde, sich zurückzog. Mit seinem Tod wurde all dieses wieder in der Öffentlichkeit wach, auch unter den hunderten Überlebenden, die sich an dieses Trauma immer noch erinnern und die nie rehabilitiert wurden. Ich schrieb daraufhin einen Meinungsartikel direkt am Tag danach und schlug vor, dass dies der Anlass sein sollte, endlich sich diesem Thema zu stellen, in einer adäquaten Form, in der Hawala eben auch als Schlächter von Lubango beigesetzt wird. Einen Tag später erklärte die Staatspräsidentin, die auch Präsidentin der SWAPO ist, dass Solomon Hawala aufgrund seiner Verdienste zum nationalen Helden posthum ernannt wird und ein Staatsbegräbnis erhält. Da gab es für mich keine Wahl mehr. Ich hab dann am nächsten Tag mein Rücktrittsschreiben an die SWAPO-Präsidentin, die zugleich Staatspräsidentin ist, und die Generalsekretärin der SWAPO gerichtet und hab damit geschlossen, dass ich sagte, ich bleibe unserem Slogan seit der Gründung der SWAPO treu, nämlich „Solidarity, Freedom, Justice“. **Bernd: Zu deiner Geschichte passt auch das Lied, was du jetzt für uns ausgesucht hast.** **Henning:** Ja, es ist sozusagen die englische, internationale Variante von „Ich glaube“, denn drei Jahre später hat John Lennon unter dem Titel „Imagine“ ausgedrückt, was Udo Jürgens vorher schon alles selbst vorgetragen hatte. „Imagine“(Auszüge): Imagine there’s no heaven // It’s easy if you try // No hell below us // Above us only sky // Imagine all the people // Living for today // Imagine there’s no countries // It isn’t hard to do // Nothing to kill or die for // And no religion, too Imagine all the people // Living life in peace // You may say I’m a dreamer // But I’m not the only one // I hope someday you’ll join us // And the world will be as one // Imagine no possessions // I wonder if you can // No need for greed or hunger // A brotherhood of men // Imagine all the people // Sharing all the world // You may say I’m a dreamer // But I’m not the only one // I hope someday you’ll join us // And the world will live as one“ **Bernd: Henning, du forschst seit Jahrzehnten zur Kolonialgeschichte Afrikas und insbesondere zum Genozid an den Herero und Nama, der während der deutschen Kolonialzeit in Namibia begangen wurde. Du hast viel dazu veröffentlicht, unter anderem auch in der Graswurzelrevolution. Viele Menschen haben wahrscheinlich von diesem Völkermord noch nichts gehört, weil das Thema nicht in den Medien oder im Schulunterricht präsent ist. Kannst du dazu etwas erzählen?** **Henning** : Der Völkermord, der zwischen 1904 und 1908 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika stattfand, war der erste des 20. Jahrhunderts und in den Kämpfen starben nach Schätzungen zwei Drittel der Ovaherero, Ovaherero ist die Pluralform von Herero, und ein Drittel der Nama, die damals als „Hottentotten“ verunglimpft wurden. Als „Kollateralschaden“, wie das zynisch heißt, muss man die Damara dazu zählen und die San, die Buschleute, die sich allerdings weniger deutlich artikulieren, weil sie ihrer Agency noch drastischer beraubt wurden als Folge dieses Genozids, als die Nama und die Herero. Es ist wichtig, dass er selbst von der Bundesregierung seit 2015 als Völkermord mit dem rechtlich relevanten Zusatz „aus heutiger Perspektive“ eingestanden wird. **Markus Beinhauer: Es gibt zwischen Namibia und Deutschland seit vielen Jahren Verhandlungen bezüglich des Genozids. Und immer wieder gibt es die Kritik, dass die Opfergruppen der Herero und Nama dabei kaum eine Rolle spielen. Da würde mich Deine Einschätzung interessieren: Warum ist das so?** **Henning** : Es ist ein interessantes Beispiel dafür, dass bilaterale, staatliche Verhandlungen zwischen zwei Regierungen koloniale Asymmetrien reproduzieren können, auch auf der Seite der vermeintlichen Opfer, denn die namibische Regierung verhandelt mit dem Anspruch, demokratisch gewählt zu sein und alle Bevölkerungsgruppen zu vertreten. Dass aber der Völkermord ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen betroffen hat und die Mehrheit der Bevölkerung nicht, weil die nicht in direkter Weise vom Kolonialismus betroffen war, die aber die Hauptbasis der SWAPO als Regierungspartei stellt, täuscht darüber hinweg, dass sozusagen die Belange der Nachfahren der damals hauptsächlich betroffenen indigenen Gemeinschaften ignoriert werden. Und sowohl Deutschland wie Namibia hat vor mittlerweile fast 20 Jahren in der UNO eine Resolution mit unterschrieben. Die nicht rechtswirksam ist, aber die trotzdem natürlich ein Bekenntnis ist zu den Rechten indigener Bevölkerungen, in der ausdrücklich festgehalten wird, dass alle Angelegenheiten, die indigene Bevölkerungen betreffen, nur verhandelt werden können unter direkter Teilnahme von Vertretungen, die von diesen indigenen Bevölkerungen ernannt worden sind. Und die Ovaherero, die Nama und Damara werfen der namibischen Regierung vor, dass sie diesen Beschluss nicht respektiert, dass sie im Namen von Bevölkerungsgruppen verhandelt, die nicht ein eigenes Wort am Verhandlungstisch haben und die, was eigentlich nie offen ausgesprochen wird, aufgrund der Folgen des Völkermords Minderheitsgruppen im Lande sind, denn sie wurden ja nahezu vernichtet. Das heißt, die Demographie heute, die dazu beiträgt, dass die Mehrheit der Bevölkerung im Norden Namibias, die nicht vom Völkermord betroffen ist, die SWAPO wählt, die damit Regierung wird, würde anders ausfallen, wenn es diesen Völkermord damals nicht gegeben hätte. **Markus: Welches Musikstück hast Du als nächstes für uns ausgesucht?** **Henning** : Das nächste Musikstück ist das einzige, das auch mit Krieg zu tun hat: „The Partisan“. Es zeigt ein wenig die Ambivalenz, die mich auch immer begleitet hat bei der Entscheidung, in die SWAPO einzutreten. Das ist ja kein pazifistischer Entschluss. Es ist sozusagen die Entscheidung, auch billigend in Kauf zu nehmen, dass mit Formen von Gewalt Ziele erreicht werden. Und „The Partisan“ von Leonard Cohen ist auf einer sehr frühen LP von ihm, die mich noch im Abiturjahr, so wie Udo Jürgens, begleitet hat. Ein Lied, in dem zum Ausdruck kommt, welche Opfer Widerständler, und in dem Fall sogar ausdrücklich eine ältere Frau, zu bringen bereit sind, zur Erkämpfung der Rechte, die ihnen verwehrt bleiben. Und bis heute ist es eine Ambivalenz, mit der ich selbst weiterhin lebe, nämlich einerseits sehr kritisch zu sein gegenüber Gewalt, ich hab vorhin schon auf diesen Spruch von Christa Wolf in „Kassandra“ verwiesen: „Der Krieg formt seine Leute“, und andererseits bereit war, in eine Befreiungsbewegung einzutreten, die mit Mitteln der Gewalt dann selbst solch unsägliches Leid in den eigenen Reihen verursacht hat. In Leonard Cohens Lied gibt es die Zeile „Freedom soon will come, then we’ll come from the shadows“. Ich projiziere in dieses „then we‘ll come from the shadows“ auch ein Stück weit Optimismus, den die SWAPO nicht eingelöst hat, nämlich sich dann aus diesem Schatten zu befreien und eine neue Gesellschaft aufzubauen, die dann hoffentlich auch ohne Gewalt auskommt. [Musik: Leonard Cohen – The Partisan …] **Markus: In der Wissenschaft gibt es die These und auch die Gegenthese, dass es eine Kontinuität gibt zum einen zwischen der Kolonialzeit der Deutschen, dem deutschen Kolonialismus und dem Nationalsozialismus und eben auch dann zwischen dem Genozid an den Herero und Nama und der Shoa. Wie stehst du dazu?** **Henning** : Die Kritikerinnen und Kritiker der Kontinuitätsthese unterstellen zu Unrecht, dass damit gemeint ist, es gebe einen direkten Weg von Windhoek nach Auschwitz. Es gibt keinen einzigen Kolonialhistoriker, von dem ich wüsste, dass er das so sagt. Aber ich teile die Meinung derjenigen, die sagen: Um die Eskalation im Holocaust zu verstehen, muss man im deutschen Kolonialismus beginnen. Mentalitätsgeschichtlich in der Herausformung von Unterwerfungsstrategien. Der Oberkommandierende des Völkermords, Lothar von Trotha, sprach von einem Rassenkrieg und sagte: „Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld.“ Personell waren einige der Kolonialoffiziere auch direkt maßgeblich beteiligt am Naziregime. Die Rassenforschung begann ja auch mit der Untersuchung von Schädeln und Skeletten von Afrikanern aus den deutschen Kolonien. Also, es gibt eine Geschichte, die auch von Raphael Lemkin, der den Begriff des Völkermords geprägt hat, der den deutschen Kolonialismus benennt als anfangs konstituierendes Element von Völkermord, schon erwähnt wurde in seinen Schriften. Hannah Arendt sagte in den „Ursprüngen totaler Herrschaft“: Um den Holocaust zu verstehen, müssen wir die Ursprünge totaler Herrschaft in den deutschen Kolonien untersuchen. – Die dann übertragen wurden in Herrschaftsformen und Praktiken im eigenen Reich. Also von daher sollten die Kritikerinnen und Kritiker vorsichtig sein bei der Überlegung: Wen kritisieren sie eigentlich? Sie kritisieren damit auch die Wegbereiter und Pioniere der Völkermordthese und jemanden wie Hannah Arendt, die ja teilweise auch heute bei dieser aufgeladenen Debatte tendenziell zur Antisemitin erklärt wird, aufgrund ihrer Kritik. Das ist das Fatale bei der Diskussion heute, dass der Hinweis darauf, um das, was im Naziregime perfektioniert wurde in industrieller Massenvernichtung, richtig zu begreifen, man mentalitätsgeschichtlich in die Gedanken eines Völkermords zur Zeit des deutschen Kolonialismus zurückgehen will. Und der neue Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sagt, dies untergrabe die Singularität des Holocaust und ist für ihn tendenziell antisemitisch. Das heißt aber eine Pervertierung des „Nie wieder!“, das die Überlebenden von Buchenwald sagten, denn „Nie wieder!“ heißt nie wieder Formen von Massenvernichtung, wie sie im ersten Völkermord schon in der deutschen Kolonialzeit angelegt waren. **Markus: Vielen Dank. Dein nächstes Musikstück?** **Henning** : Jetzt kommt der Wandel zur afrikanischen Perspektive. Man hört vielleicht schon raus, dass ich einen leichten Hang zur Sentimentalität habe mit der Auswahl der Lieder. Abdullah Ibrahim, der produzierte 1974 noch unter seinem alten Namen als Jazzer, nämlich „Dollar Brand“, ein Stück, in dem er ein Township in Kapstadt intonierte, nämlich Manenberg. Das wurde 1974 auf einer Platte veröffentlicht, die seither Kultstatus hat auch im Anti-Apartheid-Widerstand in Südafrika, weil es nämlich Identität pflegt und dadurch auch Selbstbehauptung fördert, ohne dass es Worte braucht. Es ist ein reines Melodiestück. Das war das Jahr, in dem ich in die SWAPO eingetreten bin, und auf dem Rückweg von Namibia zur Fortsetzung meines Studiums in Westberlin habe ich die Langspielplatte gekauft und mitgenommen. [Musik] **Bernd: Im Sommer 2025 ist in der Graswurzelrevolution Nummer 500 ein bewegender Essay von Dir erschienen, unter dem Titel „Solidarität, das Pflänzchen immergrün“. Was bedeutet für dich Solidarität? Wie sieht deine Utopie aus?** **Henning** : Solidarität ist für mich Empathie, Mitgefühl, Verständnis für die Sichtweisen anderer, die betroffen sind, ohne zu hierarchisieren, was sehr schwierig ist, denn wir urteilen und empfinden ja nach unserer eigenen Lebenswelt und nach unseren eigenen Erfahrungen. Und sich in andere hineinzuversetzen, ist nicht immer einfach und manchmal unmöglich. Deren Trauma lässt sich nicht nachempfinden, aber es lässt sich durch Mitgefühl, nicht Mitleid, Mitgefühl ist etwas anderes, und Empathie zumindest insofern auffangen, als dass es eine Respektbekundung ist gegenüber den Empfindungen dieser Menschen. Die oft von Trauma geplagt sind, die manchmal auch sehr aggressiv reagieren, mit Widerstand reagieren. Und zu versuchen, sich damit zu identifizieren, im Sinne einer konstruktiven Teilhabe, die gleichzeitig nicht bedeutet, alles entschuldigend in Kauf zu nehmen, sondern durchaus auch das Recht für sich selbst zu reklamieren, in bestimmten Punkten anders zu denken, anders zu empfinden, anders zu handeln. Aber immer auf dieser Grundlage, das als eine Anerkennung und Respektbezeugung gegenüber dem anderen zu verstehen, gegenüber dem dann auch Differenzen vermittelt werden. Auch das ist eine Form von Anerkennung. Und dann zu versuchen, auf einer gemeinsamen Grundlage zu handeln, durchaus teilweise unterschiedlich zu handeln. Für mich war immer prägend, was Albert Camus mal gesagt hat, nämlich: „Alles, was ich über Solidarität weiß, habe ich beim Fußball gelernt.“ Wenn man heute den Profifußball anguckt, dann kommen einem vielleicht noch andere Gedanken, aber zu der Zeit wurde Fußball eben als Mannschaftssport im Teamgeist gespielt. Und wenn dann ein Stürmer nach hinten zurückgeht, um die Verteidigung zu unterstützen, dann ist es auch eine Form von Solidarität. Meine Utopie ist, dass der Fußball wieder solidarisch wird und dass diese Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen, gestärkt wird. Und dass Kämpfe anderswo auch als Kämpfe bei sich selbst verstanden werden. Amílcar Cabral wurde mal Anfang der Sechzigerjahre gefragt, was denn die beste Form von Solidarität ist. Und er sagte: „Ihr könnt uns gerne Medikamente schicken zur Unterstützung unseres Befreiungskampfes, humanitäre Hilfsleistungen. Aber die beste Form der Solidarität ist, dass ihr den Kampf im eigenen Land führt.“ (1) https://www.nrwision.de/mediathek/radio-graswurzelrevolution-der-lange-schatten-des-deutschen-kolonialismus-251028/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**
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Reposted by Graswurzelrevolution
Lueni bleibt @lueni-bleibt.climatejustice.global.ap.brid.gy · 16/01/2026
#LueniBleibt Räumung am 12.1.26 🎶 Musik von Tilli - Wir sind nicht allein @tuempeltown Wir Kämpfen weiter #Waldbesetzung #waldstattasphalt #A39Stoppen
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 08/01/2026
Wir sind gut ins neue Jahr gerutscht Die aktuelle Ausgabe #GWR505 ist im kiok. Inhaltverzeichnis: www.graswurzel.net/gwr/category/aus… #Krieg #nowar #Pazifismus #Widerstand #Nationalismus #Faschismus #Wehrpflicht #Militarisierung
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„Wir sterben nicht für eure Kriege!“
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Graswurzelrevolution @graswurzelrevolution.dju.social.ap.brid.gy · 08/01/2026
#GWR504 #Israel #Pazifismus Die waffen nieder Ziviler Mut unter Beschuss Israels Regierung greift Friedensaktivist:innen und Menschenrechtsgruppen an Christiane Berg www.graswurzel.net/gwr/2025/12/zivi…
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Ziviler Mut unter Beschuss
Der brutale Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023, der Krieg in Gaza, das unfassbare menschliche Leid auf beiden Seiten und die seit Jahrzehnten andauernde Besatzung machen eines deutlich: Es braucht einen glaubwürdigen Friedensprozess – und dafür braucht es besonders jene zivilgesellschaftlichen Stimmen, die Brücken bauen, die trotz aller Widrigkeiten unermüdlich für Dialog, Gerechtigkeit und Versöhnung arbeiten. Genau diese Stimmen sind nun massiv bedroht. Ein neues NGO-Gesetz in Israel droht, viele dieser Organisationen handlungsunfähig zu machen. (1) Gemäß dem Gesetzentwurf müssten zivilgesellschaftliche Gruppen, die ausländische Mittel über einem bestimmten Schwellenwert erhalten, eine dreijährige Verpflichtung unterzeichnen, sich nicht an Demonstrationen, Kampagnen oder öffentlicher Kritik zu beteiligen. Eine Weigerung würde eine Steuer von 23 Prozent für ihre ausländischen Geldgeber nach sich ziehen – darunter EU-Regierungen und Institutionen wie das Auswärtige Amt oder deutsche politische Stiftungen. Bei Verstößen könnte diese „Strafsteuer“ auf 46 Prozent steigen. Zudem müssten jene Nichtregierungsorganisationen, die ausländische Gelder erhalten, bei einer Berufung vor dem Obersten Gerichtshof erhöhte Antragsgebühren zahlen. Eine solche Bestimmung würde insbesondere kleinere Organisationen von einer gerichtlichen Überprüfung abhalten und damit den Grundsatz des gleichberechtigten Zugangs zur Justiz untergraben. Die betroffenen NGOs, darunter Combatants for Peace (2), Standing Together, Rabbis for Human Rights, Parents circle – Families Forum, B´tselem, Women Wage Peace, stünden damit vor einer unmöglichen Wahl: sich mundtot machen zu lassen oder finanziell auszubluten. Warum werden diese Organisationen als so gefährlich wahrgenommen, dass ein solches Gesetz verabschiedet werden soll? Um das zu verstehen, muss man sich den Alltag der Menschen in der Region vor Augen führen: An den Zufahrtsstraßen zu den palästinensisch verwalteten „A-Gebieten“ im Westjordanland stehen überdimensionale, leuchtend rote Warnschilder, die von der israelischen Regierung aufgestellt wurden. Sie richten sich an israelische Staats-bürger:innen und warnen eindringlich davor, diese Gebiete zu betreten – unter Hinweis darauf, dass es gegen israelisches Recht verstoße und der Aufenthalt dort lebensgefährlich sei. Die physische Trennmauer zwischen Israel und den besetzten Gebieten ist sichtbar und gegenwärtig. Doch die Mauern, die mit solchen Warnschildern in den Köpfen und Herzen der Menschen entstehen, sind noch bedrohlicher. Hier wird Angst erzeugt vor dem, was sich hinter der Sperranlage befindet. Angst vor den palästinensischen Menschen dort, die kollektiv als Bedrohung dargestellt werden. Eine Begegnung kann kaum stattfinden. Umgekehrt ist es ähnlich: Palästinenser:innen begegnen in der Regel jüdischen Israel:innen, die als Soldaten:in-nen auftreten oder gewaltbereiten Siedler:innen. Auch wenn diese eine Minderheit darstellen, sind doch sie es, die in Erscheinung treten, bewaffnet und brutal die Palästinenser:innen von ihrem Land vertreibend. Die Mauer hat den symbolischen und den realen Zweck, die Palästinenser:innen aus dem Leben der Israelis auszuschließen. Eine solche Mauer teilt die Menschen auf in „Wir“ und „Die“, teilt auf in Eingeschlossene und Ausgeschlossene. Die physische Mauer, wie auch die Mauer, die durch Angst in den Herzen der Menschen entsteht, trennt von dem, was berühren könnte, trennt vom Leid der anderen. Gegen diese Entmenschlichung leisten zivilgesellschaftliche Organisationen aktiv Widerstand. In Masafer Yatta bringen Freiwillige der israelischen Organisation Ta`ajush („Zusammenleben“) Familien Zelte, nachdem ihre Häuser zerstört wurden. Freiwillige des Center for Jewish Nonviolence leben zeitweise in abgelegenen Dörfern der südlichen Hebronberge, wenn Familien sich von gewaltbereiten Siedler:innen aus nahegelegenen Outposts bedroht fühlen. Die Rabbis for Human Rights begleiten palästinensische Farmer bei der Olivenernte–. Dabei werden sie von rechtsradikalen Siedlern brutal angegriffen. (3) Was für ein wichtiges Zeichen, wenn Israelis auf diese Weise Solidarität zeigen – wenn sie deutlich machen, dass sie nicht einverstanden sind mit der Politik der eigenen Regierung. So auch Shaul, 19 Jahre alt, der den Armeedienst verweigert. Er musste bereits mehrfach für 40 Tage ins Gefängnis. In der Zeit zwischen den Haftaufenthalten unterstützt er Ta`ajush bei Einsätzen gegen Siedlerübergriffe in Masafer Yatta. Auf meine Frage, ob es hart sei, seine Zeit entweder im Gefängnis oder im Westjordanland zu verbringen – wo es nicht selten zu gewalttätigen Provokationen durch Siedler:innen oder zu Willkürakten seitens der Armee kommt –, antwortet er: „Das ist nicht hart. Ich weiß genau, was ich zu tun habe und dass das, was ich tue, richtig ist: Es entspricht meinen Werten. So, wie ich mein Leben gestalte, ist es genau richtig.“ Sei es vor Ort bei der Olivenernte im Westjordanland oder bei den Treffen in Dialoggruppen, in der Zusammenarbeit erleben sich Palästinenser:innen und Israelis als Menschen. Echte Begegnungen finden statt. Sollte es eines Tages zu einem Frieden kommen, dann müssen die Menschen auf ein friedliches Zusammenleben vorbereitet sein – und genau solche Erfahrungen gemacht haben. Ohne diese zivilgesellschaftlichen Organisationen gäbe es kein verlässliches Bild davon, was im Westjordanland, in Gaza oder Ostjerusalem tatsächlich geschieht. Ihre Mitglieder sind Augenzeug:innen, durch die Menschenrechtsverletzungen überhaupt bekannt werden. Die israelische Regierung hat erkannt, welches Potenzial diese auf Dialog und Gerechtigkeit ausgerichteten NGOs in sich tragen. Während die derzeitige Politik auf Vertiefung der Spaltung zwischen Israelis und Palästinenser:innen zielt, nehmen die Mitglieder der betroffenen NGOs einander als Menschen wahr, die zusammenarbeiten können. Oder wie es Jamil von den Combatants for Peace auf den Punkt bringt: „Es geht nicht wirklich um die Teilung zwischen Israelis und Palästinenser:innen, sondern um die Spaltung zwischen Menschen, die diese Kriegsenergie verbreiten und um Menschen, die eine friedliche, gerechte Energie in die Welt bringen.“ (4) Dieses Gesetz bedroht das, was in diesem Konflikt am meisten Hoffnung gibt: die Menschen, die sich nicht entmenschlichen lassen, die weiter miteinander reden, die den Weg des Dialogs wählen, inmitten von Trauer, Angst und Zerstörung. Ohne sie wären die Stimmen der Opfer unsichtbar. Ohne sie gäbe es keinen Dialog, keinen Austausch, keine gemeinsame Hoffnung. Wir können unseren Blick auf jene zivilgesellschaftlichen Organisationen richten, die uns die konkrete Utopie eines friedlichen Zusammenlebens bereits vorleben: Es gibt eine palästinensische und eine israelische Zivilgesellschaft, die sich für einen gerechten Frieden einsetzen. Beide erleben Trauer. Beide verlieren Familienangehörige und Freund:innen. Diese Stimmen sagen: Wir sehen einander im Leid. (5) Denn nur wenn wir das Leid der Anderen begreifen, können wir eine gemeinsame Zukunft bauen. Das ist keine naive Hoffnung. Das ist ziviler Mut. Das ist konkrete Arbeit unter lebensgefährlichen Bedingungen. Und genau deshalb braucht es unsere aktive Hoffnung. (1) https://www.maecenata.eu/wp-content/uploads/2025/10/OB-84_Sojref_Zivilgesellschaft-in-Israel_final.pdf (2) Zu Combatants for Peace siehe: Jenseits von Gaza: Der stille Krieg im Westjordanland, Artikel von Rana Salman, in: GWR 501, September 2025 ; Bernd Drücke (Hg.), Die Kriegslogik durchbrechen, Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg, Verlag Graswurzelrevolution, September 2025 (3) https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-update-335-west-bank&ved=2ahUKEwiLhfbly92QAxXh3gIHHQ6IIBoQFnoECBkQAQ&usg=AOvVaw0nibXDCFdprl7rL0e4X79T (4) https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://thereisanotherwayfilm.com/&ved=2ahUKEwj4s5jMzN2QAxU-ywIHHeA7O64QFnoECCIQAQ&usg=AOvVaw3ZAJEEJvbfaA10vaFm4FyJ (5) Vgl. hierzu: Unsere Vision – Elternkreis-Familienforum https://share.google/VBhmjSsK657DBVpIA (Letzter Zugriff 11/2025) **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
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